{"id":13610,"date":"2018-11-23T10:55:59","date_gmt":"2018-11-23T09:55:59","guid":{"rendered":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=13610"},"modified":"2018-11-23T10:56:27","modified_gmt":"2018-11-23T09:56:27","slug":"esas-beitrag-zur-iss-ab-2020","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2018\/11\/23\/esas-beitrag-zur-iss-ab-2020\/","title":{"rendered":"ESAs Beitrag zur ISS ab 2020"},"content":{"rendered":"<p>Ich bekam gestern ein vorl&auml;ufiges MoU (Memorandum of Understanding) zwischen der NASA und ESA von einem DLR-Mitarbeiter zugeschickt mit der Frage, ob mich das interessieren w&uuml;rde und ich vielleicht mein <a href=\"https:\/\/amzn.to\/2S6vHXP\">Buch zum ATV<\/a> neu auflegen w&ouml;llte. Das noch nicht &ouml;ffentliche Dokument skizziert eine &Uuml;bereinkunft zwischen der NASA und ESA, wie man die Finanzierung der ISS durch die ESA seit 2020 umsetzen k&ouml;nnte.<\/p>\n<p>Bei der ISS funktioniert alles auf der Basis von Gegenleistung und Kompensationen. Das hei&szlig;t die ESA bezahlt nicht f&uuml;r die Betriebskosten, sondern bringt Sachleistungen ein. Das waren f&uuml;r die zehn Jahre von 2006 bis 2016 die ATV Fl&uuml;ge. Von 2017 bis 2020 baut man die Servicemodule der Orion. Nun steht eben aus, wie es danach weitergeht. Beschlossen ist der <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/2018\/07\/iss-internationale-raumstation-forschung-ende-donald-trump\">Betrieb bis 2028<\/a>. Daf&uuml;r gab es lange Zeit keine L&ouml;sung. Die ESA h&auml;tte gerne weitere Servicemodule f&uuml;r die Orion gestellt, doch angesichts des unterfinanzierten Explorationprogramms, bei dem schon das erste Servicemodul erst 2024 starten soll, war die NASA da nicht so begeistert von dem Vorschlag. Der Ausfall der Sojus hat nun die Entwicklung beschleunigt.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/3f04a43e458d4bcb9e2f2e7d4eddb38a\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><!--more--><\/p>\n<p>So richtig zufrieden war man bei der NASA nicht, das man auf die Russen f&uuml;r die Transporte angewiesen war. Die Zusammenarbeit mit Russland war nie unproblematisch. Als die Vertr&auml;ge 1993 abgeschlossen wurden, plante Russland neben Sarja und Swesda zwei weitere Labormodule und ein kombiniertes Modul mit Solarzellen. Damit war auf dem Papier der russische Teil in etwa genauso leistungsf&auml;hig wie der westliche Teil. Entsprechend wurde die Station in einen russischen und westlichen Teil aufgeteilt mit Gleichberechtigung sowohl was die Versorgung wie auch Kontrollzentren und Mannschaft betrifft. Nur blieb vom russischen Teil nur die ersten beiden Module, die von MIR-2 stammten die als Nachfolger von Mir geplant wurde aber nie fertiggestellt wurde.<\/p>\n<p>Russland hat schon die NASA ver&auml;rgert als sie, bis die Station 2009 voll ausgebaut war, Touristen mitf&uuml;hrte. Das hat Russland auch f&uuml;r die Zukunft angek&uuml;ndigt, wenn die Sitze f&uuml;r die NASA-Astronauten wegfallen. Nur waren alle anderen Nationen auf Russland angewiesen. Wegen des Mannschaftstransports, aber seit dem letzten ATV auch wegen der <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/progress.shtml\">Progress<\/a> die seitdem als einziger Transporter die Station anheben k&ouml;nnen.<\/p>\n<p>In den letzten Jahren gab es immer mehr Probleme. Zweimal ging eine Progress bei Fehlstarts verloren, die neuen Sojusraumschiffe haben Probleme wie zu sp&auml;t ausgel&ouml;ste Bremsraketen, Alterung der Oberfl&auml;che. In diesem Jahr ist es jedoch schlimmer geworden. Erst das <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wissenschaft\/weltall\/iss-leck-ex-astronaut-vermutet-fehler-bei-sojus-herstellung-a-1225871.html\">Leck in der Sojus<\/a> die Gerst zur Station brachte und das bei der Montage entstand und nur geflickt wurde, nun der Fehlstart durch einen falsch eingebauten Sensor. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion k&auml;mpft Russland mit Fertigungsproblemen sowohl bei Raketen wie auch Raumschiffen (<a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/phobos-grunt-fehlschlag.shtml\">Phobos-Grunt<\/a>). Davon war bisher das bemannte Programm verschont. Das scheint nun aber auch betroffen zu sein.<\/p>\n<p>Die NASA hat der ESA einen Vorschlag gemacht, wie diese die Jahre 2021 bis 2024 kompensieren kann und auch einen Vorschlag f&uuml;r eine zweite Verl&auml;ngerung bis 2028, die bis vor einigen Monaten ja auch von US-Seite aus feststand. Inzwischen hat Trump das Datum wieder infrage gestellt. Die ESA soll f&uuml;r die Periode 2021 bis 2024 zwei ATV bauen. Anders als die bisherigen sollen diese aber keinerlei Fracht unter Druck transportieren, daf&uuml;r haben die USA ja selbst drei Systeme. Stattdessen soll der Vorrat an Reboost-Treibstoff erh&ouml;ht werden und ebenso die Mitnahme von Ref&uuml;lltreibstoff und Gasen. Beides w&auml;re nach einem vorl&auml;ufigen Gutachten m&ouml;glich. Man w&uuml;rde in das Servicemodul einen weiteren Ring mit Treibstoff\/Gastanks einziehen und ebenso im Druckbeh&auml;lter einen zweiten Ring mit Luft, Wasser und Treibstofftanks. Daf&uuml;r wird der Druckbeh&auml;lter gek&uuml;rzt und endet nach dieser Sektion gleich im Koppeladapter, w&auml;hrend das Servicemodul verl&auml;ngert wird. Gefordert wird auch eine Betriebszeit der ATV von zwei Jahren an der ISS. F&uuml;r die Periode von 2025 bis 2028 werden dagegen zwei Servicemodule als Kompensation gefordert. Eines ist f&uuml;r eine Explorationsmission geplant, das zweite soll an die ISS ankoppeln und sie mit dem Antrieb deorbitieren. Demnach w&auml;re der erste ATV-Start f&uuml;r 2022 geplant. Er w&uuml;rde bis 2024 an der ISS bleiben. Ein weiteres Jahr lang w&uuml;rde die Station mit dem Ref&uuml;lltreibstoff auskommen. 2025 folgt das zweite ATV, das bis 2027 an der Station bleibt. 2028\/29 dann das Servicemodul der Orion, das ja auch auf dem des ATV basiert und das die Station dann deorbitiert.<\/p>\n<p>Der Vorschlag wird nun von der ESA gepr&uuml;ft, man stehe ihm von der DLR als gr&ouml;&szlig;tem Nettozahler f&uuml;r die ISS positiv gegen&uuml;ber. F&uuml;r Europa w&auml;re es eine gute M&ouml;glichkeit der Kompensation und die NASA w&auml;re damit unabh&auml;ngig von Russlands Transportdiensten, wenngleich mann immer noch die Module braucht, da das ATV nur in der L&auml;ngsachse der Station ankoppeln kann.<\/p>\n<p>Doch auch letzteres, also die russischen Module, scheinen zur Diskussion zu stehen, denn die Beziehung der NASA zu Roskosmos sind bestenfalls ambivalent. Das fing schon vor dem ersten Modul an, das ja gerade seinen zwanzigsten Geburtstag feierte. Als der Vertrag zwischen Roskosmos und NASA unterzeichnet wurde, war eine Station geplant, die aus einem westlichen und russischen Teil bestand \u2013 mit gleichberechtigten Partnern. (Siehe oben) Der russische Teil w&auml;re genauso gro&szlig; wie der westliche Teil gewesen, h&auml;tte sogar seine eigene Stromversorgung gehabt. Schon vor dem Start von Sarja reduzierte Russland das auf ein Modul Nauka. Ein weiteres Modul wurde durch Rasswet ersetzt, das nichts anderes als eine Verl&auml;ngerung des Ankopplungspunktes ist, damit bei weiteren umgebenden Modulen noch eine problemlose Ankopplung an Swesda m&ouml;glich ist, ohne das diese den Zugang behindern. <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/iss-russische-module.shtml\">Rasswet<\/a> musste schon mit einem Space Shuttle ins All gebracht werden, da Russland nicht mal das Geld f&uuml;r die Tr&auml;gerrakete hatte. Bei Swesda, als russisches Kernmodul finanzierte die NASA sogar den Bau mit. Nauka als letztes Modul ist immer noch nicht im Orbit \u2013 als ich die erste Auflage meines ISS Buchs schrieb war von 2011 die Rede, bei der zweiten Auflage schon von 2017 und inzwischen redet man von 2020. Geplant war &uuml;brigens mal ein Start f&uuml;r 2006 \u2026<\/p>\n<p>Dann folgten die Bef&ouml;rderungen von Weltraumtouristen zur ISS w&auml;hrend der Ausbauphase. In der Zeit reichten die Ressourcen nur f&uuml;r einen Daueraufenthalt von zwei Personen. Eine <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/sojus-raumschiff.shtml\">Sojus<\/a> konnte aber drei Personen. So wurde zum Teil ein Astronaut mitgef&uuml;hrt, der dann nach etwa einer Woche mit der alten Besatzung zur&uuml;ckkehrte. Russland startete aber auch Weltraumtouristen. Mit dem Vollausbau, wo die Ressourcen dann f&uuml;r sechs Personen reichen, musste Roskosmos dies einstellen. Trotzdem ist eines geblieben: Die Vertr&auml;ge gelten nach wie vor. Obwohl Russland also nur ein Modul selbst finanziert hat, hat es Anrecht auf 50 % aller Astronauten. Die restlichen 50 Prozent muss sich die NASA dann noch mit der ESA und JAXA teilen, zusammen mit einem kleinen Anteil der CSA machen die 25 % des westlichen Teils aus. Entsprechend haben ESA und JAXA im Mittel jeweils einen Astronauten alle zwei Jahre f&uuml;r 6 Monate auf der Station.<\/p>\n<p>Nun gab es in den letzten Jahren auch zus&auml;tzliche Probleme bei den russischen Services. Zuerst bei Progress-Raumkapseln, von denen zwei verloren gingen, nun auch bei der Sojus TMA. Bisher blieb das bemannte russische Raumfahrtprogramm von den Problemen, die Russlands Raumfahrt hat, verschont, wahrscheinlich, weil man hier immer noch mehr kontrollierte und vielleicht auch besser bezahlte. Nun scheint die Dauerkrise, die Russland eigentlich seit zwei Jahrzehnten hat auch die bemannte Raumfahrt erreicht zu haben.<\/p>\n<p>Dazu kommen noch die allgemeinen politischen Probleme, die es zwischen den USA und Russland gibt \u2013 Stichwort Ukraine-Annektion und Einmischung in den US-Wahlkampf \u2013 und Ank&uuml;ndigungen Roskosmos die bestenfalls irritierend sind, wie das man die ISS-Module abkoppeln w&uuml;rde, um eine eigene Station aufzubauen. Daran glaubt niemand, wahrscheinlich nicht mal in Russland, angesichts dessen das man schon Probleme hat, Nauka in den Orbit zu bekommen. Ernster zu nehmen ist die Ank&uuml;ndigung erneut Weltraumtouristen zur ISS mitzunehmen, wenn die USA mit ihren CRS-Raumschiffen starten, denn dann werden \u201eeineinhalb\u201c Sitzpl&auml;tze (drei pro zwei Starts) frei. Das w&uuml;rde es erlauben, bei jedem Start einen Touristen mitzuf&uuml;hren. Die NASA kann dies nicht verhindern, ist Roskosmos doch frei in der Wahl, wen sie ins All schicken. Die NASA muss ja schon f&uuml;r ihre Fl&uuml;ge bezahlen, weil die Kompensation Russland in den Progress.-Frachttransporten besteht.<\/p>\n<p>Nun taucht in dem Papier eine Passage auf, in der die Forderung steht, dass die neuen ATV f&auml;hig sein sollen, einen IDA-Adapter als Kopolungsm&ouml;glichkeit zu integrieren um an einem \u201eUS-Replacement for Zwesda\u201c anzukoppeln. Was da also implizit steht, ist, das man erw&auml;gt, die beiden russischen Module durch US-Module zu ersetzen. Eine Ankopplung an die schon vorhandenen US-Kopplungen w&auml;re mit dem IDA-Adapter zwar auch m&ouml;glich, doch der Hauptzweck der neuen <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/atv-aktuell.shtml\">ATV-Transporter<\/a> ist ja die Station anzuheben oder einem St&uuml;ck Weltraumm&uuml;ll auszuweichen, wof&uuml;r die ISS auch ihre Bahn &auml;ndern muss. Das geht nur in der Achse in der Sarja und Swesda liegen, da diese durch den Schwerpunkt der Station geht. Daf&uuml;r m&uuml;sste die NASA also die beiden Module ersetzen, oder zumindest eines der beiden. Dann w&auml;re nat&uuml;rlich auch Roskosmos aus der Station raus, was aber unproblematisch ist, da 2016 die Zehnjahresfrist des Pflichtbetriebs nach Vollausbau ablief.<\/p>\n<p>Vielleicht hofft die NASA ja auf eine Finanzspritze, wenn sie damit werben kann, dass es dann eine Station unter ihrer alleinigen Kontrolle ist \u2013 die Juniorpartner haben zwar Anspr&uuml;che, aber k&ouml;nnen anders als Russland nicht mitbestimmen. Mit Starliner und Dragon 2 sollen jeweils bis zu sieben Astronauten bef&ouml;rdert werden \u2013 das reicht nicht nur f&uuml;r die jetzige Stammbesatzung von sechs, sondern sogar f&uuml;r einen Astronauten mehr. Sie haben auch Module die zumindest im Rohzustand sind. Das von der JAXA gefertigte Zentrifugenmodul, das derzeit ein Ausstellungsst&uuml;ck, das eigene zweite Labor, das f&uuml;r Drucktests genutzt wird und noch zwei MPLM, die man zu Labormodulen umbauen kann \u2013 ein Drittes wurde ja schon umgebaut und als Permanent Module an der ISS angebracht. Daneben gibt es nat&uuml;rlich noch US-Firmen, die schon lange auf Auftr&auml;ge f&uuml;r Stationshardware warten, an der Spitze Bigelow.<\/p>\n<p>Da die neuen ATV bzw. das Deorbitmodul durch die Umbauarbeiten weitere Kosten aufwerfen, bietet die NASA der ESA schon eine Kompensation an: einen permanenten Platz an Bord der ISS, bisher war ein ESA-Astronaut nur w&auml;hrend eines Viertels der Zeit aktiv. Bei sieben Pl&auml;tzen an Bord eines US-Raumschiffs ist das problemlos m&ouml;glich und ich denke &auml;hnliche Zusagen wird es auch an die JAXA geben f&uuml;r mehr Fracht \u2013 das HTV liefert mehr als die doppelte Fracht einer Dragon und wenn Russlands Progress wegfallen, gibt es nat&uuml;rlich eine L&uuml;cke. Trotzdem h&auml;tten die USA mit vier bis f&uuml;nf Astronauten immer noch doppelt so viele Besatzungsmitglieder wie vorher.<\/p>\n<p>Mal sehen, ob was draus wird. Angesichts der &Auml;u&szlig;erungen von Trump, der Puttin ja verteidigt, rechne ich aber nicht, damit das dieser Plan umgesetzt wird, bevor ein neuer Pr&auml;sident ins wei&szlig;e Haus einzieht. Obwohl bei Trump wei&szlig; man nicht, wie schnell er seine Meinung &auml;ndert&#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich bekam gestern ein vorl&auml;ufiges MoU (Memorandum of Understanding) zwischen der NASA und ESA von einem DLR-Mitarbeiter zugeschickt mit der Frage, ob mich das interessieren w&uuml;rde und ich vielleicht mein Buch zum ATV neu auflegen w&ouml;llte. 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