{"id":13728,"date":"2019-02-10T15:47:08","date_gmt":"2019-02-10T14:47:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=13728"},"modified":"2019-02-10T15:47:08","modified_gmt":"2019-02-10T14:47:08","slug":"goldrauschstimmung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2019\/02\/10\/goldrauschstimmung\/","title":{"rendered":"Goldrauschstimmung"},"content":{"rendered":"<p>Fritz Haber ist eine ambivalente Pers&ouml;nlichkeit. Zum einen entwickelte er 1904 zusammen mit <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Carl_Bosch\">Carl Bosch<\/a>, das nach den beiden Erfindern Haber-Boschverfahren zur Erzeugung von Ammoniak. Das war sicher einer der gr&ouml;&szlig;ten Errungenschaften der Chemie dieser Zeit.<\/p>\n<p>Im Haber Bosch Verfahren wird aus Stickstoff in der Luft mit Wasserstoff Ammoniak erzeugt. Das war von enormer wirtschaftlicher Bedeutung. Aus Stickstoff bestehen zwar 80 Prozent der Atmosph&auml;re und er ist so praktisch in unbegrenzter Menge leicht verf&uuml;gbar. Doch molekularer Stickstoff ist durch die Dreifachbindung chemisch sehr stabil. Daher besteht die Atmosph&auml;re auch aus Stickstoff als Hauptbestandteil. Er nimmt kaum an Reaktionen teil.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/86267a081c6c44c4beca3ef73370acb2\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n<h4><!--more--><br \/>\nDas Haber-Boschverfahren<\/h4>\n<p>Mit dem Haber-Boschverfahren war es m&ouml;glich, aus dem Luftstickstoff <a href=\"http:\/\/www.chemie.de\/lexikon\/Ammoniak.html\">Ammoniak<\/a> zu erzeugen. Den Ammoniak wiederum konnte man in andere Stickstoffverbindungen umwandeln. Damals gab es noch nicht die Kunststoffchemie, die heute Ammoniak abnimmt, um Amine als Ausgangstoff f&uuml;r Polyamine und Polyacryle herzustellen, aber wichtig war die Oxidation zu <a href=\"http:\/\/www.chemie.de\/lexikon\/Stickoxide.html\">Stickoxiden<\/a>. Aus ihnen wurde Salpeters&auml;ure hergestellt und Salpeters&auml;ure war notwendig f&uuml;r die Herstellung von organischen Nitroverbindungen und anorganischen Salzen, den Nitraten. <a href=\"http:\/\/www.chemie.de\/lexikon\/Organische_Nitroverbindung.html\">Organische Nitroverbindungen<\/a> waren damals vor allem Sprengstoffe wie Nitroglyzerin (Dynamit) oder Trinitrotoluol (TNT). Nitrate waren der Hauptbestandteil von D&uuml;ngern, denn Stickstoff ist durch die leicht l&ouml;slichen anorganischen Verbindungen ein Mangelelement im Boden.<\/p>\n<h4>Der Pionier des Giftgases<\/h4>\n<p>H&auml;tte die Story hier geendet. Haber w&auml;re als eine gro&szlig;e Pers&ouml;nlichkeit seiner Zeit in die Geschichte eingegangen. Schlussendlich wurde er f&uuml;r seine <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Haber-Bosch-Verfahren\">Entwicklung<\/a> 1919 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet.<\/p>\n<p>Doch dann kam der Erste Weltkrieg und Haber meinte in einem falsch verstandenen Patriotismus seinem Land helfen zu m&uuml;ssen, indem er den Gaskrieg einf&uuml;gte und die ersten Eins&auml;tze sogar pers&ouml;nlich &uuml;berwachte. Das f&uuml;hrte schlie&szlig;lich auch zu Protesten, als er nach dem Ersten Weltkrieg den Nobelpreis bekam.<\/p>\n<h4>Habers Suche nach dem Gold im Wasser<\/h4>\n<p>Doch Deutschland verlor den Krieg und Haber als Patriot sann nach Wegen, seinem Land zu helfen. 1920 forderten die Alliierten 269 Milliarden Goldmark als <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Deutsche_Reparationen_nach_dem_Ersten_Weltkrieg\">Reparationen<\/a>. Damals gab es nat&uuml;rlich auch schon Papiergeld, aber anders als heute herrschte die Ansicht vor, das diesem Papiergeld auch eine entsprechende Menge an Gold in den Staatsbanken lagern musste und es gab tats&auml;chlich M&uuml;nzen, die aus Gold waren, wenn auch mit einem kleinen Anteil, denn sonst h&auml;tten sie fast nichts gewogen. Bei der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Mark_(1871)#\">Goldmark<\/a> waren dies 0,35842 g pro Mark. 269 Milliarden Goldmark entsprechen also &uuml;ber 96.000 t reines Gold, heute ein Wert von fast 3.600 Milliarden Euro. Das Gold hatte Deutschland nicht, was letztendlich auch zum Anwerfen der Druckerpresse und der Hyperinflation 1923 f&uuml;hrte.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/kultur\/chemie-nobelpreistraeger-fritz-haber-triumph-und-tragoedie\/23733956.html\">Fritz Haber<\/a> meinte als Patriot Deutschland helfen zu m&uuml;ssen. Er t&uuml;ftelte in seinem Institut ein Verfahren aus Gold aus Meerwasser zu <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/2011\/35\/Haber-Gold\">gewinnen<\/a>, erprobte es an selbst hergestellten Goldl&ouml;sungen und machte sogar eine Fahrt. Das Ergebnis war ern&uuml;chternd : Meist war die Konzentration des Goldes viel geringer als angenommen und das Verfahren lohnte sich nicht. Die Goldkonzentration war um den Faktor 100 bis 1000 kleiner als die Annahme von Haber. Er stellte den Versuch daher ein.<\/p>\n<h4>Hundert Jahre sp&auml;ter: eine Revision<\/h4>\n<p>Das blieb lange Zeit eine Episode der Geschichte. Allerdings ist der Goldkurs in den letzten Jahren rapide angestiegen. Gleichzeitig hat sich die Technologie weiter entwickelt. Ein Forscherteam der <a href=\"https:\/\/www.universityofcalifornia.edu\/\">University of California<\/a> hat in einem Labor die Versuche von Haber nachgestellt und mit modernen Trennverfahren experimentiert und schlie&szlig;lich auch Meerwasser anstatt k&uuml;nstlich pr&auml;parierten Goldl&ouml;sungen als Substrat genutzt.<\/p>\n<p>Das Ergebnis: Gold kann aus Meerwasser gewonnen werden. Es muss aber vorher konzentriert werden. Um wie stark, das h&auml;ngt vom lokalen Goldgehalt ab. Er schwankt je nach Gew&auml;sser, da das Gold letztendlich vom Land kommt und so an den K&uuml;sten am h&ouml;chsten konzentriert ist. An der K&uuml;ste der USA w&auml;re das Meerwasser um den Faktor 3 bis 10 anzureichern. Das ist heute kein Problem. Man betriebt das schon gro&szlig;technisch und das Verfahren hei&szlig;t Umkehrosmose. Dabei wird ein Stoff gegen das Konzentrationsgef&auml;lle durch eine semipermeable Membran angereichert. In diesem Fall die Salze des Meerwassers vom Wasser getrennt und aufkonzentriert. Heute nutzt man das zur Gewinnung von Trinkwasser aus Meerwasser. Entweder als kleine L&ouml;sung f&uuml;r eine &Uuml;berlebensausr&uuml;stung oder Insell&ouml;sung oder im gro&szlig;en Ma&szlig;stab wie es die arabischen Staaten es tun, um Trinkwasser aus dem Meer zu gewinnen. Die hochkonzentrierte Salzlake, die dabei entsteht, wird als Abfallprodukt wieder ins Meer geleitet. Sie k&ouml;nnte man f&uuml;r die Goldgewinnung nutzen. Der zweite Schritt ist eine klassische Elektrolyse. Haber nahm Silberplatten. Silber ist ein edles Element, aber unedler als Gold. Leitet man Strom durch Silber, das in einer goldhaltigen L&ouml;sung steht, so scheidet sich das Gold auf dem Silber ab und etwas Silber geht in L&ouml;sung. Das ist die Grundlage der Vergoldung von Silberschmuck. Die Forscher passten nur das Tr&auml;germaterial der heutigen Technik an: anstatt massiver Platten wie Haber verwandten sie feine Netze mit einer viel gr&ouml;&szlig;eren Oberfl&auml;che. Die Netze werden dann in Salpeters&auml;ure gel&ouml;st, das Gold bleibt zur&uuml;ck und das Silber wieder aus der S&auml;urel&ouml;sung zur&uuml;ckgewonnen. Man erh&auml;lt Gold mit kleinen Anteilen an Silber und anderen edlen Metallen, vor allem <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Palladium\">Palladium<\/a>.<\/p>\n<h4>Wirtschaftlich sinnvoll?<\/h4>\n<p>Inzwischen haben die Forscher die Ergebnisse ver&ouml;ffentlicht. Der entscheidende Faktor f&uuml;r die Rentabilit&auml;t des Verfahrens sind die Energiekosten. Sowohl die Umkehrosmose ist energieintensiv wie auch die Elektrolyse. Bei einem angenommenen dauerhaften Preis von 1000 Dollar pro Unze muss (abh&auml;ngig von der Goldkonzentration) der Strom weniger als 5,8 bis 11,2 US-Cent\/kWh kosten, wenn man beide Schritte durchf&uuml;hren muss und 12,8 bis 23,6 US-Cent, wenn nur die Elektrolyse stattfinden muss, also man schon konzentrierte Salzlake als Ausgangsbasis einer Umkehrosmose zur Verf&uuml;gung hat. Dazu k&auml;men noch die Gestehungskosten f&uuml;r die Anlage.<\/p>\n<p>Damit w&auml;re das Verfahren in jedem Falle f&uuml;r L&auml;nder, die sowieso Trinkwasser durch Umkehrosmose erzeugen wirtschaftlich sinnvoll. Das betrifft Saudi-Arabien, die arabischen Emirate und andere &Ouml;lstaaten die Energie durch Erd&ouml;l im &Uuml;berfluss haben aber in einer K&uuml;stenregion leben und schon heute so Trinkwasser gewinnen.<\/p>\n<p>Doch Kernenergiestrom kostet heute in der Produktion auch weniger als einen Cent pro kWh und Kohlestrom liegt bei 3 bis 6 Cent. Damit w&auml;re das Verfahren auch sinnvoll f&uuml;r Kernkraftwerke am Meer oder Kohlekraftwerke am Meer, die jedoch eher selten sind. F&uuml;r die USA gibt es aber nur wenige Pl&auml;tze, wo beide Voraussetzungen &#8211; hohe Goldkonzentrationen und ein lokales Kernkraftwerk, gegeben sind. Die h&ouml;chsten Konzentrationen fand man in Neufundland. F&uuml;r Kohle- und Kernkraftwerke k&ouml;nnte das Verfahren aber trotzdem interessant sein, denn beide Kraftwerktypen sind nicht schnell an wechselnde Lasten anpassbar. So k&ouml;nnten die Kraftwerke immer mit voller Leistung arbeiten und den gerade nicht ben&ouml;tigten Strom zur Goldgewinnung nutzen.<\/p>\n<p>Noch stehen Analysen von Wasser aus anderen Orten aus, aber die Autoren sehen eine Chance f&uuml;r Kraftwerke, welche die Umwelt nutzen mit stark wechselnden Leistungen, das sind insbesondere Gezeiten- und Windkraftwerke, die meist auch im oder am Meer stehen. Auch hier gibt es Spitzen mit hoher Stromerzeugung aber kaum Bedarf, z. B. in der Nacht. Anstatt das Kraftwerk abzustellen, k&ouml;nnte man Gold gewinnen, wodurch die Rentabilit&auml;t dieser Kraftwerke deutlich ansteigen w&uuml;rde.<\/p>\n<h4>M&ouml;gliche Szenarien der Goldgewinnung aus der See<\/h4>\n<p>Die gr&ouml;&szlig;ten Chancen, aber auch Risiken gibt es jedoch f&uuml;r L&auml;nder Nordafrikas, am Rande der Sahara und Mittelmeerk&uuml;ste. Das Szenario: Photovoltaikanlagen im Hinterland liefern den Strom f&uuml;r die Goldgewinnung. Das Meerwasser wird von Pumpen in die Anlagen gepumpt. Die K&uuml;ste selbst k&ouml;nnte touristisch entwickelt werden. Das ist bisher durch den enormen Trinkwasserverbrauch von Hotels mit ihren Pools beschr&auml;nkt, w&auml;re nun aber kein Problem. Das Abwasser der Hotels k&ouml;nnte nach westlichem Standard gekl&auml;rt werden und dann noch landwirtschaftlich genutzt werden \u2013 wahrscheinlich wegen der Keime nicht f&uuml;r den Gem&uuml;seanbau aber f&uuml;r Getreide und Obstplantagenbew&auml;sserung.<\/p>\n<p>Photovoltaikanlagen liefern selbst in Afrika relativ teuren Strom. W&uuml;rde man damit nur Gold gewinnen, es w&uuml;rde bei gro&szlig;en Anlagen gehen, aber erst nach 15 Jahren deren Investitionskosten wieder hereingeholt \u2013 und das bei dem Risiko, das der Goldpreis wieder sinken kann. Hat man dagegen einen Abnehmer f&uuml;r das Trinkwasser, der bereit ist, einen Teil der Kosten zu &uuml;bernehmen (die regionale Landwirtschaft kann dies sicher nicht, aber eben die Tourismusindustrie), so w&auml;re eine Anlage nach 5 bis 8 Jahren je nach Standard amortisiert. Eine Resonanz gibt es schon \u2013 doch nicht von der deutschen Industrie, die seit Jahrzehnten eine Solarfarm in der Sahara propagiert aber sie bisher nie realisiert hat, weil sie darauf wartet. dass der Staat sie finanziert. Nein sie kam von einem chinesischen Staatskonzern. Der will in Mauretanien und der West-Sahara Touristikzentren f&uuml;r (reiche) chinesische Weltenbummler erstellen. Mit dem produzierten Gold sollen die Devisenreserven Chinas aufgestockt werden. Ebenfalls reagiert hat S&uuml;dafrika. Man will nun entlang der K&uuml;ste, aber auch in zahlreichen wasserf&uuml;hrenden Fl&uuml;ssen Analysen &uuml;ber den Goldgehalt durchf&uuml;hren. Dort geht man \u2013 nicht ohne Grund \u2013 davon aus, dass durch das goldhaltige Gestein die Konzentration in und um S&uuml;dafrika besonders hoch ist.<\/p>\n<p>Es k&ouml;nnte aber auch genau anders kommen: Der Goldpreis ist wie jeder Preis eine Folge von <a href=\"https:\/\/bwl-wissen.net\/definition\/angebot-und-nachfrage\">Angebot und Nachfrage<\/a>. Er stieg, weil Anleger sich in Zeiten ohne Zinsen f&uuml;r das Geld und Kurseinbr&uuml;chen an den B&ouml;rsen sich dem vermeintlich sicheren Gold zuwandten und die Nachfrage das Angebot durch Gewinnung aus dem Boden &uuml;berstieg. Er k&ouml;nnte nicht nur durch eine &Auml;nderung der Finanzpolitik sinken, sondern auch wenn das Angebot eben durch diese Goldgewinnung aus dem Meer drastisch zunimmt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fritz Haber ist eine ambivalente Pers&ouml;nlichkeit. 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