{"id":13760,"date":"2019-02-21T09:53:31","date_gmt":"2019-02-21T08:53:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=13760"},"modified":"2019-02-21T09:53:31","modified_gmt":"2019-02-21T08:53:31","slug":"der-brief-der-woche-an-rogozin-und-putin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2019\/02\/21\/der-brief-der-woche-an-rogozin-und-putin\/","title":{"rendered":"Der Brief der Woche an Rogozin und Putin"},"content":{"rendered":"<p>Lieber Wladimir Putin, ich schreibe Dir einen Brief, damit Du dich freust und ich Dir bei einem kleineren Problem helfen kann.<\/p>\n<p>Wer die letzten Jahre die russische Raumfahrt verfolgt, hat bemerkt ein zunehmendes Paradoxon. W&auml;hrend die Arbeiten am neuen Kosmodrom Wostotschny und der neuen Tr&auml;gerrakete nur langsam vor sich gehen \u2013 von wissenschaftlichen Missionen mal ganz zu schweigen, wird alle paar Jahre eine neue Raketen-Sau durch den Kreml getrieben. Neben der Konkurrenzentwicklung zur Angara, die Sojus 5, wird alle paar Jahre mal von einer neuen Mondrakete gesprochen. Nun hei&szlig;t sie gerade <a href=\"https:\/\/spacenews.com\/rogozin-teases-new-russian-super-heavy-rocket-yenisei\/\">Jenisei<\/a>. Zeit mich mal wieder bei den Bloglesern unbeliebt zu machen, die mir meine Verbesserungsvorschl&auml;ge f&uuml;r NASA und ESA &uuml;bel nehmen. Doch ich habe mich nicht umsonst Jahre mit der Raumfahrt besch&auml;ftigt und Monate in meine Computerprogramme gesteckt, um auch alles nachberechnen zu k&ouml;nnen.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg06.met.vgwort.de\/na\/9ce0554fadbe49d2a759c14287d11413\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><!--more--><\/p>\n<p>Heute \u2013 ganz kostenlos f&uuml;r Putin \u2013 ein Konzept f&uuml;r eine Mondrakete. (Er kann ja hervorragend Deutsch, falls er das liest, kann er sich ja mit ein paar Gazprom Aktien revanchieren). Fangen wir mit den M&ouml;glichkeiten an, die Russland hat.<\/p>\n<p>Die Proton ist zu klein, zudem verwendet sie Treibstoffe, die umweltbelastend sind. Die Angara ist leider auch zu klein, weil sie auch den Bereich der mittelgro&szlig;en Nutzlasten abdecken muss. Die Dnepr und <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/semjorka.shtml\">Sojus<\/a> sind noch kleiner, die <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/dnepr.shtml\">Dnepr<\/a> zudem ein Auslaufmodell. Bleibt nur noch ein Tr&auml;ger &uuml;brig, wenn man nichts neu entwickeln will: die Zenit. Ignorieren wir mal f&uuml;rs Erste, dass die Zenit dahingehend problematisch ist, dass sie in der Ukraine gefertigt wird.<\/p>\n<p>Ich habe zuerst mal die Zenit nur geclustert, also eine Zenit als Zentralstufe mit sechs weiteren umgeben, die als erste Stufen fungieren. Um das Z&uuml;nden in Schwerelosigkeit zu verhindern, wird wie bei anderen russischen Typen &uuml;blich, die zentrale Stufe eine Sekunde vor Brennschluss der &auml;u&szlig;eren zu z&uuml;nden. Ich errechne 21 t f&uuml;r eine 180 x 450.000 km Bahn, eine typische R&uuml;ckkehrbahn, wenn man nicht in eine Mondumlaufbahn einschwenkt, wieder zur Erde zur&uuml;ckf&uuml;hrt. Das ist angesichts einer Startmasse von 2511 t wenig. Nimmt man noch Block DM hinzu, dann steigt sie leicht auf 24 t an. Das ist wenig. Es g&auml;be f&uuml;r eine Mondmission mehrere L&ouml;sungen. In jedem Falle ben&ouml;tigt man mehrere Starts f&uuml;r eine Mondlandung.<\/p>\n<ul>\n<li>Erdrobit Rendzevous: Eine Super-Zenit bringt die Nutzlast und Block DM in den Orbit, eine zweite startet ohne Nutzlast, sodass noch viel Treibstoff vorhanden ist, wenn sie den Orbit erreicht. Dort wird angekoppelt und das Gespann fliegt zum Mond. Die Nutzlast liegt dann bei 45 t, also in etwa der Gr&ouml;&szlig;enordnung der ersten Apollofl&uuml;ge. Das Problematische: Aufgrund des fl&uuml;ssigen Sauerstoffs ist das Man&ouml;ver zeitkritisch.<\/li>\n<li>Mondorbit-Rendezvous: Eine Super-Zenit startet den Mondlander mit lagerf&auml;higen Treibstoffen, der in einen Mondorbit einschwenkt. Eine zweite das CSM, dass im Mondorbit dann an dem LM ankoppelt. Dies ist weniger zeitkritisch und es gibt auch stabile Mondumlaufbahnen f&uuml;r den LM. Die Nutzlast betr&auml;gt dann 48 t, in etwa so viel wie die letzten Mondmissionen<\/li>\n<li>Mondorbit-Rendezvous und Landung: Wenn ich davon ausgehe, dass eine Wiederholung der US-Mondlandungen jetzt nicht so der Br&uuml;ller ist, w&uuml;rde man um etwas draufzusetzen noch mit einem dritten Start einen Mondlander ohne Aufstiegsstufe direkt landen. Auf ihm k&ouml;nnte man ein etwa 8 t schweres Mondmodul unterbringen das als Wohnung und Labor f&uuml;r einen 14 Tage Aufenthalt ausreichen w&uuml;rde.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Trotzdem ist die L&ouml;sung mit der hei&szlig;en Nadel gestrickt. Im Allgemeinen sind solche Aufspaltungen einer Mission in mehrere Missionen ung&uuml;nstig. Eine CSM-Kombination hat eben eine bestimmte Startmasse und wenn ich diese Mindestmasse nicht mit einem Start erreiche, brauche ich zwei. Daneben habe ich immer Verluste durch Treibstoff der verdampft, die Kopplungsadapter addieren Gewicht und die Man&ouml;ver zum Ankoppeln auch. Zudem kann ich nicht immer die g&uuml;nstigsten Bahnen w&auml;hlen.<\/p>\n<p>Eine st&auml;rkere Rakete w&auml;re also notwendig. Der Schl&uuml;ssel ist dazu, dass Russland ja die Zenit sowieso neu konstruieren muss. Die Rakete hat zwei Nachteile. Der Offensichtlichste: Die Triebwerke stammen von Energomasch, also Russland. Nun hat eine russische Firma die Hardware von Sealaunch <a href=\"https:\/\/spacenews.com\/s7-closes-sea-launch-purchase-future-rocket-tbd\/\">aufgekauft<\/a>, k&ouml;nnte also wieder aus geografisch g&uuml;nstiger Lage starten. Die Renovierung w&uuml;rde sich also aus diesem Grunde lohnen. Der zweite Nachteil f&uuml;r unser Projekt sind die russisch typischen hohen Start-\/Trockenmassefaktoren. Erste und zweite Stufe haben einen Strukturfaktor (Startmasse \/ Leermasse) von 10,3 bzw. 10,7. Block DM sogar einen von nur 5,2. Das ist ebenfalls paradox. Russland baut die besten LOX\/Kerosintriebwerke weltweit und verschenkt dann Leistung, dann wieder durch Totmasse, die man mit den Orbit mittransportiert. Ich will gar nicht mal von so niedrigen Strukturfaktoren wie sie SpaceX reklamiert (30 f&uuml;r erste Stufe, 25 f&uuml;r Oberstufe) reden, aber die erste Stufe sollte den Strukturfaktor der alten Atlas, Titan oder Saturn V Erststufen erreichen, etwa 17 bis 18. Die Oberstufe bei in etwa gleicher Masse wie eine Thor deren Strukturfaktor von 15. Block DM von der Masse einer Titan Zweitstufe dann 11. Das w&auml;re technisch keine Hexerei, das sind Werte von Raketen die 50, 60 Jahre alt sind. Wenn dich Rogozin mal fragt, \u201e\u201cWie?\u201c, lieber Putin dann werfe mal die Schlagworte \u201eIntegraltank\u201c, \u201eAlumniumlegierung 2195\u201c und \u201evariable Wandst&auml;rkendicke\u201c in den Raum. Ich glaube das k&ouml;nnt ihr auch: f&uuml;r die <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/angara.shtml\">Angara-Erststufe<\/a> kommt man je nach Quelle auf Strukturfaktoren von 14,4 bis 16,6 und die <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/taurus-ii.shtml\">Antares<\/a> Erststufe, die auch von dem Hersteller der Zenit stammt, kommt auch schon auf 14.<\/p>\n<p>Mit solchen Vorgaben f&uuml;r die Strukturfaktoren kommt man dann schon auf 35 t zum Mond, was ein komfortables Polster f&uuml;r eine Doppelmission ist, die aber immer noch notwendig ist.<\/p>\n<p>Der n&auml;chste Schritt w&auml;re, wenn man sowieso dabei ist, die Zenit umzukonstruieren, eine Verl&auml;ngerung der Erststufe. Diese Erststufe war ja mal als Booster f&uuml;r die Energija gedacht und das diktierte ihren hohen Schub&uuml;berschuss. F&uuml;r eine Tr&auml;gerrakete reicht aber eine Startbeschleunigung von 12,5 m\/s\u00b2 und verl&auml;ngert man so die Erststufe, so kann man die Startmasse von 346 auf 462 t erh&ouml;hen. Das erh&ouml;ht dann die Nutzlast f&uuml;r den Mond auf 39 t. Wenn man die Mission stark herunterstrippt, wie es im originalen Mondlandeprogramm mit der N-1 der Fall war also nur zwei Kosmonauten und nur einer landet auf dem Mond, dann k&auml;mmt ihr bei 39 t Nutzlast mit einer Mondrakete aus, doch beeindrucken werden ihr damit niemanden k&ouml;nnen.<\/p>\n<p>Auf die bei Apollo ben&ouml;tigten 45 bis 50 t k&auml;me man nur durch eine Neukonstruktion. Man k&ouml;nnte z.B. die zentrale Stufe mit zwei RD-171 ausstatten und den Durchmesser erh&ouml;hen. Wird er doppelt so gro&szlig;, so kann man bei gleicher L&auml;nge viermal mehr Treibstoff zuladen und die Zentralstufe auch am Boden z&uuml;nden \u2013 das gibt mehr Sicherheit. Dann h&auml;tten aber auch anstatt sechs neun Zeniterststufen (unver&auml;ndert) Platz um die 1840 t schwere Zentralstufe, die dann doppelt so lange brennt (doppelte Triebwerkszahl aber vierfach Treibstoffzuladung). Das ergibt meiner Rechnung nach rund 52 t zum Mond, also 3,4 t mehr als die schwersten Apollomissionen wogen, was f&uuml;r eine Mondlandung mit nur einer Rakete ausreichen w&uuml;rde. Es ist so wenig, weil nun die zweite Stufe zu klein ist. Doch w&uuml;rde man die auch umbauen (z.B. das RD-191 Triebwerk, wie in der Angara verwenden) dann geht das noch mehr in Richtung neue Rakete und das wollte ich ja vermeiden.<\/p>\n<p>Den Hauptvorteil sehe ich aber beim Einsatz auf der Sealaunch Plattform. Denn die auf 462 t Startmasse bei der Erststufe verl&auml;ngerte Zenit k&ouml;nnte 11,8 t in einen GTO transportieren \u2013 das erlaubt Doppelstarts. Ohne verl&auml;ngerte Erststufe w&auml;ren es zumindest noch 9,6 t, was zumindest bei zwei kleineren Satelliten Doppelstarts erlaubt. Alternativ lasst ihr die dritte Stufe <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/block-d.shtml\">Block-DM<\/a> weg, das reduziert die Nutzlast auf den Wert der alten Zenit, rund 6,7 t ist dann aber, weil eine Stufe weniger ben&ouml;tigt wird, billiger.<\/p>\n<p>Bei Sealaunch gibt es ja noch die Problematik zu ber&uuml;cksichtigen, dass man die Zenit deswegen aussuchte, weil sie ihren Startschub so schnell erreicht und dann auch schnell abheben kann. Das ist prim&auml;r nicht an die Startmasse gekoppelt, doch ausschlie&szlig;en will ich das nicht. Das solltet ihr pr&uuml;fen, bevor ihr &uuml;ber eine Verl&auml;ngerung nachdenkt.<\/p>\n<p>Viele Gr&uuml;&szlig;e,<\/p>\n<p>Bernd Leitenberger<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lieber Wladimir Putin, ich schreibe Dir einen Brief, damit Du dich freust und ich Dir bei einem kleineren Problem helfen kann. Wer die letzten Jahre die russische Raumfahrt verfolgt, hat bemerkt ein zunehmendes Paradoxon. 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