{"id":14091,"date":"2019-07-15T19:07:22","date_gmt":"2019-07-15T17:07:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=14091"},"modified":"2020-01-21T11:02:37","modified_gmt":"2020-01-21T10:02:37","slug":"die-verwirrendste-kennzeichnung-im-lebensmittelrecht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2019\/07\/15\/die-verwirrendste-kennzeichnung-im-lebensmittelrecht\/","title":{"rendered":"Die verwirrendste Kennzeichnung im Lebensmittelrecht"},"content":{"rendered":"<p>\u2026 ist meiner Ansicht nach \u201eFett in der Trockenmasse\u201c. Ich denke jedem ist der Begriff mal untergekommen, auch wenn die meisten nicht sofort sagen k&ouml;nnen, zu welchen Produkten er geh&ouml;rt. Wie die b&uuml;rokratische Bezeichnung \u201ein der Trockenmasse\u201c schon suggeriert, ist es ein Begriff aus dem letzten Jahrhundert, ja sogar dem letzten Jahrtausend. Fangen wir mal an, wie man auf diese Angabe gekommen ist.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/ff93b0d95cae461f851b39f43beb7c56\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><!--more--><\/p>\n<p>Mit der Einf&uuml;hrung des Lebensmittelgesetzes 1974 hat man sich auch Gedanken gemacht &uuml;ber die Beurteilungsgrundlagen. Es gibt seitdem den Tatbestand der Verf&auml;lschung und von \u201eminderwertigen\u201c Lebensmitteln. Das man trickste, indem man teure Zutaten durch einfache ersetzte, ist ja nicht neu. Da leben wir heute sogar in \u201eguten\u201c Zeiten denn bei uns kommt kein S&auml;gemehl ins Brot, wie man das Jahrhundert hindurch machte und so setzte man Mindeststandards, die verkn&uuml;pft waren mit Warengruppenbezeichnungen.<\/p>\n<p>In der damals noch handwerklich gepr&auml;gten Herstellung von Lebensmitteln wollte man verhindern das jemand dem Verbraucher eine Mogelpackung verkauft, auch wenn diese nicht gesundheitsgef&auml;hrlich ist, aber das Lebensmittel eben \u201eminderwertig\u201c im Sinne von \u201equalitativ schlechter\u201c. So entstanden die Leits&auml;tze, die vor allem f&uuml;r tierische Lebensmittel Mindeststandards f&uuml;r bestimmte Bezeichnungen einf&uuml;hrten. Bei Wurstprodukten z.B. die Fleischsorten, die man verwenden darf und der Anteil an Muskelfleisch bzw. der Maximalanteil an Fett und minderwertigem Fleisch wie Schwarten.<\/p>\n<p>Bei Milchprodukten kam man auf diese Angabe, weil es schon damals unz&auml;hlige K&auml;sesorten gab. Man fing an, diese vielen Sorten zum einen in Klassen einzuteilen, die von Magerk&auml;se (Harzer, M&uuml;nster) bis Doppelrahmfettstufe gingen. Zum anderen legte man f&uuml;r alle K&auml;sesorten eben diese Angabe \u201eFett in der Trockenmasse\u201c fest. Warum? Nun das hat zwei Gr&uuml;nde. Der eine ist analytisch. Der Fettgehalt von Milchprodukten ist einfach zu bestimmen. Man muss nur die Matrix zerst&ouml;ren und kann das Fett leicht durch Zentrifugieren abtrennen. Ebenso ist der Trockengehalt einfach bestimmbar, indem man das Produkt einfach bei 105 \u00b0C trocknet. Dabei verdampft das ganze freie Wasser, das hei&szlig;t das Wasser, das nicht chemisch an Proteine und Zucker gebunden ist. Der Eiwei&szlig;gehalt als ebenfalls wichtiges Qualit&auml;tskriterium w&auml;re viel schwerer zu bestimmen, von Vitaminen oder gar Aromen mal ganz zu schweigen. Das Zweite ist, das Fett bei K&auml;se wirklich eiin Qualit&auml;tsmerkmal ist. Fett im Allgemeinen ist Geschmackstr&auml;ger, auch wenn die meisten reinen fette keinen Eigengeschmack haben. Fett Intensiviert bestimmte Aromen, erzeugt aber auch erst ein weiches Mundgef&uuml;hl. Man kann das leicht ausprobieren, wenn man verschiedene Lebensmittel, die es in unterschiedlichen Fettstufen gibt, probiert wie Quark, Joghurt, saure Sahne, Butter oder Margarine \u2013 das gilt nicht nur in der Reinform, sondern auch in Produkten. Einfach mal eine So&szlig;e mit saurer Sahne mit 10 und 30 Prozent Fett verfeinern und den Geschmack vergleichen. Bei K&auml;se kommt noch dazu, dass die meisten K&auml;se bakteriell gereift werden. Dabei entstehen Abbauprodukte des Fetts, wie die stechend riechenden Butter- und Propions&auml;ure und von Eiwei&szlig; wie die sehr unangenehm riechenden Amine (die nicht umsonst Namen wie \u201eCadaverin\u201c haben). Mikrobiell gereifte fettarme K&auml;se muss man daher m&ouml;gen, sie schmecken sehr intensiv und aufdringlich. Der eine oder andere mag ja Romadur und Limburger, die intensiv riechen, aber nur so riechen. Beides sind K&auml;se mit einem hohem Fettgehalt. Der Geschmack ist durch das Fett weitaus angenehmer. Kurz ohne viel Fett w&auml;ren viele K&auml;se den meisten Verbrauchern zu aromatisch. Der Trend geht ja auch mehr zu \u201ejungen\u201c, also nicht so lange gereiften K&auml;se. Der lang gereifte K&auml;se wird meist nicht mehr pur gegessen, sondern in hom&ouml;opathischer Dosis mit der K&auml;sereibe &uuml;ber ein Gericht verteilt.<\/p>\n<p>Fett ist daher f&uuml;r Milchprodukte wichtig \u2013 nicht nur K&auml;se sondern auch Quark, Joghurt, Sauer- \/ s&uuml;&szlig;e Sahne, Creme Fraiche, Kefir etc. gibt es daher in unterschiedlichen Fettgehaltsstufen. Das Problem: der Verbraucher bevorzugt mehr Produkte mit hohem Fettgehalt als welche mit Niedrigem. Es gibt daher ein Ungleichgewicht, weil der Fettgehalt der Milch nat&uuml;rlich weitestgehend gleich ist. Fr&uuml;her l&ouml;ste man das Problem so, das man die Molke \u2013 das, was &uuml;brig bleibt, wenn man die K&auml;serohmasse durch S&auml;ure oder Enzyme ausf&auml;llt \u2013 an Schweine verf&uuml;tterte. Sie enth&auml;lt viele Mineralstoffe, einen Gro&szlig;teil des Milchzuckers und einen Teil der Proteine, die l&ouml;slich ist, ist aber weitestgehend fettfrei. Nachdem das nicht mehr so gut funktionierte, vor allem als man nach dem Unfall von Tschernobyl Unmengen an radioaktiv strahlender Molke hatte, ist man in den letzten Jahren dazu &uuml;bergegangen, die Molke aufzubereiten. Den Milchzucker kann man in vielen Produkten als F&uuml;llstoff mit den Eigenschaften eines Zuckers unterbringen, ohne dass er das Lebensmittel s&uuml;&szlig;t und die Proteine setzt man breit in S&uuml;&szlig;waren als Ersatz f&uuml;r Milch ein, so in Eis oder Fertigdesserts. Sie binden Wasser und erlauben beim Aufschlagen das Binden von Luft.<\/p>\n<p>Trotzdem ist Fett der teuerste Bestandteil der Milch, wie jeder beim Preisvergleich von Quark, Joghurt oder saurer Sahne mit unterschiedlichem Fettgehalt sehen kann. Daher war der Gedanke, als man die Leits&auml;tze verabschiedete, dass man Mindestmengen an Fett festlegte, die man nicht unterschreiten sollte.<\/p>\n<p>Inzwischen hat sich aber die Verbrauchereinstellung gewandelt. Fett ist nicht mehr gut, Fett hat ein schlechtes Image bekommen, \u201eLight\u201c ist in. Da schreckt eine Angabe wie \u201e45 Prozent Fett in der Trockenmasse\u201c ab. Sie ist vor allem deswegen so verf&auml;lschend, weil die meisten Lebensmittel zum gr&ouml;&szlig;ten Teil aus Wasser bestehen. Die Zahl der Lebensmittel, die weitestgehend wasserfrei sind, ist &uuml;berschaubar. Das sind &Ouml;le, Reinfette, Zucker, St&auml;rke, Mehl, Samen von H&uuml;lsenfr&uuml;chten und einige ziemlich trockene Backwaren wie flache Kekse. Auf der anderen Seite haben wir die Gruppe von Obst und Gem&uuml;se, die zu 80 bis 90+ Prozent aus Wasser bestehen. W&uuml;rde man die trocknen dann w&uuml;rde man auch beeindruckende Werte f&uuml;r \u201eZucker in der Trockenmasse\u201c oder \u201eKohlenhydrate in der Trockenmasse\u201c bekommen. Trockenobst ist dann auch ziemlich hochkalorisch. Sehr hohe Werte f&uuml;r Fett g&auml;be es auch beim Fleisch \u2013 von ganz mageren St&uuml;cken mal abgesehen. Kurz die Angabe ist ziemlich verwirrend. Vor allem kommt einem der Prozentanteil so hoch vor. Doch betrachten wir mal die Milch. Vollmilch wird standardisiert, das hei&szlig;t, der Fettgehalt wird auf einen fixen Wert von 3,5 Prozent eingestellt. Fr&uuml;her meist durch Mischen, heute da die meisten K&uuml;he Kraftfutter bekommen, wird hier schon Fett abgetrennt, da die Milch meist fettreicher ist. Es gibt ja auch noch die \u201eLandmilch\u201c mit 3,8 %V Fettanteil. F&uuml;r Vollmilch sieht die Zusammensetzung nach Hauptn&auml;hrstoffen so aus:<\/p>\n<table width=\"100%\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"4\">\n<thead>\n<tr valign=\"TOP\">\n<th width=\"33%\">N&auml;hrstoff<\/th>\n<th width=\"33%\">Anteil in der Vollmilch<\/th>\n<th width=\"33%\">Anteil in Milchtrockenpulver<\/th>\n<\/tr>\n<\/thead>\n<tbody>\n<tr valign=\"TOP\">\n<td width=\"33%\">Fett<\/td>\n<td width=\"33%\">3,5 Prozent<\/td>\n<td width=\"33%\">26,2 Prozent<\/td>\n<\/tr>\n<tr valign=\"TOP\">\n<td width=\"33%\">Kohlenhydrate<\/td>\n<td width=\"33%\">4,6 Prozent<\/td>\n<td width=\"33%\">35,1 Prozent<\/td>\n<\/tr>\n<tr valign=\"TOP\">\n<td width=\"33%\">Proteine<\/td>\n<td width=\"33%\">3,3 Prozent<\/td>\n<td width=\"33%\">25,2 Prozent<\/td>\n<\/tr>\n<tr valign=\"TOP\">\n<td width=\"33%\">Mineralstoffe + andere Stoffe<\/td>\n<td width=\"33%\">0,9 Prozent<\/td>\n<td width=\"33%\">8,6 Prozent<\/td>\n<\/tr>\n<tr valign=\"TOP\">\n<td width=\"33%\">Wasser<\/td>\n<td width=\"33%\">87,7 Prozent<\/td>\n<td width=\"33%\">3,5 Prozent<\/td>\n<\/tr>\n<tr valign=\"TOP\">\n<td width=\"33%\">Energie:<\/td>\n<td width=\"33%\">274 kJ\/100 g<\/td>\n<td width=\"33%\">2042 kJ\/100 g<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>Zur Erkl&auml;rung: selbst Milchtrockenpulver enth&auml;lt noch Wasser, das chemisch gebunden ist. Man sieht aber wie die Konzentration um den Faktor 7 angestiegen ist. Normale Vollmilch hat schon einen Fettanteil von 26 Prozent &#8211; mehr als Quark mit 20 Prozent Fettgehalt. So gesehen ist die typische Fettgehaltsstufe von 45 Prozent Fett in der Trockenmasse f&uuml;r Vollk&auml;se wie Tilsiter, Edamer, Gouda und Emmentaler nicht so viel mehr Fett, sondern nicht ganz eine Verdoppelung des Anteils.<\/p>\n<p>Die Angabe ist auch bei Milchprodukten irref&uuml;hrend, weil es diese verschieden viel Wasser enthalten. Doppelrahmstufe, den h&ouml;chsten Fettgehalt von mindestens 80 Prozent Fett in der Trockenmasse, findet man bei Frischk&auml;se. Durch den hohen Wassergehalt (rund 57 %), er muss ja streichf&auml;hig sein, enthalten diese aber absolut (also pro 100 g) weniger Energie als ein Vollfettk&auml;se. Vor allem ist sie die Bezeichnung \u201ein der Trockenmasse\u201c nicht durchg&auml;ngig. Bei Sahne, Joghurt, Sauermilch, Dickmilch also kaum oder nicht gereiften Milchprodukten, bei denen nicht der K&auml;sebruch von der Molke getrennt wurde, ist nach wie vor, die Angabe von Fett absolut g&auml;ngig. Dann hei&szlig;t das bei Schlagsahne auch wirklich 30 Prozent Fett, nicht nur in der Trockenmasse. Damit enth&auml;lt Schlagsahne mehr Fett als Edamer, Emmentaler und auch als Frischk&auml;se, trotz der 80 Prozent Fett in der Trockenmassenangabe.<\/p>\n<p>Die Angabe ist daher sehr verwirrend. Vor allem ist sie antiquiert. In Zeiten, in denen Hersteller einfach Produkte auf den Markt bringen, die nicht den Leits&auml;tzen gehorchen gibt man einfach eine Phantasiebezeichnung an, inzwischen gerne noch verziert mit einem Begriff der sich gut anh&ouml;rt an den aber keinerlei Anforderungen verbunden sind wie \u201ePremium\u201c. Schon ist es dann eben kein K&auml;se sondern ein Milchprodukt. Bei Light-Produkten die ja aus den Standardklassen herausfallen (zumindest wenn man den nach den Leits&auml;tzen vorgeschriebenen Mindestfettgehalt f&uuml;r eine bestimmte K&auml;sesorte nimmt) bleibt auch nichts anderes &uuml;brig. Das hei&szlig;t dann \u201enach xxx Art\u201c<\/p>\n<p>Das ist nicht unbedingt was schlechtes, denn die Leits&auml;tze gelten eben nur f&uuml;r die traditionelle Produkte. Beispiel: ich esse gerne einen Frischk&auml;se mit Schokolade, der schmeckt nicht so s&uuml;&szlig; wie Nuss-Nugutacreme, hat zudem weniger als die H&auml;lfte der Energie. Der darf aber nicht \u201eFrischk&auml;se\u201c hei&szlig;en, denn da ist Schokolade nicht vorgesehen. Stattdessen hei&szlig;t es dann im Zutatenverzeichnis \u201eBrotaufstrich auf der Basis von Frischk&auml;se (63 %) und Milchschokolade (23 %)\u201c. Da es kein Frischk&auml;se ist, muss der Hersteller auch weder die Fettgehaltsstufe (Doppelrahmfettstufe) noch den Mindestgehalt (80 Prozent in der Trockenmasse) angeben. Ich bin mir nicht mal sicher, ob er die Anforderungen f&uuml;r Frischk&auml;se &uuml;berhaupt noch einhalten muss, denn die gelten ja f&uuml;r Frischk&auml;se und Frischk&auml;sezubereitungen und nicht f&uuml;r \u201eBrotaufstriche auf der Basis von Frischk&auml;se\u201c, ich w&uuml;rde aber dazu tendieren, dass man Frischk&auml;se innerhalb des Brotaufstrichs als eigenst&auml;ndiges Lebensmittel ansehen muss und f&uuml;r das m&uuml;ssen dann die Vorgaben gelten. Es w&auml;re also gut die irref&uuml;hrende Angabe zu streichen und ich denke auch die Hersteller w&uuml;rden lieber mit dem absoluten Fettgehalt werben, der liegt bei K&ouml;sen wie Edamer, Emmentaler, Gouda und Tilsiter zwischen 28 und 30 g pro 100 g und damit viel geringer als die mind. 45 Prozent in der Trockenmasse wie nach derzeitiger Kennzeichnung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u2026 ist meiner Ansicht nach \u201eFett in der Trockenmasse\u201c. Ich denke jedem ist der Begriff mal untergekommen, auch wenn die meisten nicht sofort sagen k&ouml;nnen, zu welchen Produkten er geh&ouml;rt. Wie die b&uuml;rokratische Bezeichnung \u201ein der Trockenmasse\u201c schon suggeriert, ist es ein Begriff aus dem letzten Jahrhundert, ja sogar dem letzten Jahrtausend. 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