{"id":14130,"date":"2019-07-20T19:12:19","date_gmt":"2019-07-20T17:12:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=14130"},"modified":"2019-07-23T15:55:14","modified_gmt":"2019-07-23T13:55:14","slug":"die-saturn-v-in-der-retroperspektive","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2019\/07\/20\/die-saturn-v-in-der-retroperspektive\/","title":{"rendered":"Die Saturn V in der Retroperspektive"},"content":{"rendered":"<p>Die Landung von Apollo 11 hat mich dazu bewegt, dass ich viele der Aufs&auml;tze die ich mal, als Blogs geschrieben habe nun nochmals durchschaue und geb&uuml;ndelt auf meiner Webseite ver&ouml;ffentlicht. Es ist keine Missionsbeschreibung und keine Technikdarstellung es sind vielmehr vielerlei <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/apollo-artikel.shtml\">Details<\/a>, die immer wieder auch in Dokumentationen auftauschen und meist dort aufgebauscht werden. Derzeit sind es schon drei, weitere werden in den n&auml;chsten Tagen folgen. Kurzum: Apollo h&auml;lt mich auf Trapp, obwohl ich an Band 2 \/ 3 des Buchs in den letzten Wochen kaum was gemacht habe. Aber wer wei&szlig;, vielleicht b&uuml;ndele ich die Aufs&auml;tze nochmals und mach noch einen Band 4 daraus, so in der Art \u201eMysterien rund um Apollo\u201c.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/f1c078572d54415691d8260cb21b5b42\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><!--more--><\/p>\n<p>Ich will heute in Erinnerung an das Jubil&auml;um von Apollo 11 nochmals an die Saturn V erinnern. Als Tr&auml;gerrakete hat sie nat&uuml;rlich einen <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/saturn5.shtml\">Artikel<\/a> auf meiner Webseite, eigentlich sogar <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/saturn-geschichte.shtml\">zwei<\/a>. Halt, als ich die Links erstelle, stelle ich fest, es sind <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/saturn-varianten.shtml\">drei<\/a>. Doch als ich mein <a href=\"https:\/\/www.bod.de\/buchshop\/das-apolloprogramm-1-bernd-leitenberger-9783739203805\">Buch<\/a> &uuml;ber sie schrieb und das nochmal eine Gr&ouml;&szlig;enordnung gr&ouml;&szlig;er ist (fast 400 Seiten) will ich heute an sie erinnern, auch weil ich dabei einige neue Erkenntnisse gewonnen habe.<\/p>\n<p>Ich habe fr&uuml;her geschrieben, die Saturn V sei relativ konservativ ausgelegt, was auch die vorherrschende Expertenmeinung ist. Das kann man auch beweisen. Die Triebwerke hatten relativ \u201ekonservative\u201c sprich niedrige Kennzahlen. Sei es bei Brennkammerdruck, dem spezifischen Impuls oder Schub\/Gewichtsverh&auml;ltnis. Man verwendete Verfahren, die erprobt waren. Bei allen Triebwerken das Nebenstromverfahren, kein Hauptstromverfahren wie Staged Combustion Cycle oder Expander Cycle. Lediglich beim J-2S f&uuml;hrte man erstmals den Bleed Cycle ein, der heute wieder aufgegriffen wird.<\/p>\n<p>Bei der Recherche zu meinem Buch habe ich diesen Eindruck etwas revidiert. Die Saturn war konservativ ausgelegt, aber das hat die Leistung wenig beeintr&auml;chtigt. So weisen alle drei Stufen Strukturfaktoren auf, die heute noch nicht &uuml;bertroffen wurden, wenn man &auml;hnliche Stufen vergleicht. Klar, wenn man innendruckstabilisierte Stufen als Vergleich nimmt, sieht es anders aus. Der gr&ouml;&szlig;te Tank der Saturn V, der Sauerstofftank der S-IC hatte ein Volumen von 1340 m\u00b3, wog lediglich 19 t und die Wandst&auml;rke war um das Gewicht zu reduzieren variabel: Sie lag unten bei 6,4 mm und oben bei 4,8 mm. Wie ich k&uuml;rzlich feststellte, hat eine PET-Flasche f&uuml;r Getr&auml;nke, die ja als sehr leichtgewichtig und sicher nicht den Belastungen eines Raketenstarts standh&auml;lt, gilt ein viel schlechteres Verh&auml;ltnis von Voll- zu Leermasse als der Tank der S-IC.<\/p>\n<p>Die erste Stufe S-IC war im Testprogramm die problemloseste aller drei Stufen, es gab kein einziges Vorkommnis, das trotz ihrer Gr&ouml;&szlig;e. Sie war auch noch am konservativsten ausgelegt. Sie hatte getrennte Tanks, als einzige der Stufen. Das erlaubte es identische Dome f&uuml;r alle beide Tanks zu verwenden und es gab hier eine weitere Zugangs&ouml;ffnung. Sp&auml;ter er&ouml;ffnete dieser Zwischentankbereich die M&ouml;glichkeit die Saturn durch Feststoffbooster zu erweitern. Denn diese mussten an einem Teil angebracht werden, der die Kr&auml;fte gut auf die Saturn V &uuml;bertragen konnte, und das war dieser strukturverst&auml;rkte Teil. Die F-1 Triebwerke waren der konservativste Teil dieser Stufe. Sie waren im Prinzip hochskalierte H-1 Triebwerke und entsprachen dem, was schon Anfang der Sechziger Jahre Stand der Technik war. Der Brennkammerdruck war niedrig und so auch der spezifische Impuls auch. Diese konservative Auslegung mit gro&szlig;en Reserven erm&ouml;glichte aber als einfaches Upgrade den Brennkammerdruck von 70 auf 78 Bar zu erh&ouml;hen, wodurch aus ihm das F-1A entstand. Heute soll aus dem F-1A das F-1B entstehen, indem &#8211; man sieht, die Zeit geht r&uuml;ckw&auml;rts \u2013 man sogar nochmals auf Performance verzichtet um es zu vereinfachen und zu verbilligen, so hat das F-1B nicht den Ring um die D&uuml;se, in der das Turbinenabgas nachverbrannte.<\/p>\n<p>Die zweite Stufe S-II war die problematischste Stufe und die Einzige, die nicht im Zeitplan lag und den Jungfernflug schlie&szlig;lich um 6 Monate verschoben hat. Es gab damals ziemlich viel Kritik. Das lag daran das North American Aviation (NAA) sowohl den Auftrag f&uuml;r die S-II, wie auch das CSM bekommen hatte, als einzige Aerospacefirma also an zwei Teilen des Apolloprojektes beteiligt war. Dazu hatte NAA noch nie eine stufe gebaut. Andere Firmen, die diese Expertise schon hatten, wie Martin (Titan) oder General Dynamics (Atlas) gingen bei dem Bau der Saturn V leer aus. Doch das war NASA-Politik. Man wollte m&ouml;glichst viele qualifizierte Aerospacefirmen und so bekam auch Boeing den Auftrag f&uuml;r die erste Stufe, obwohl die Firma noch nie eine Tr&auml;gerrakete gebaut hatte. Die einzige Firma, die schon Erfahrung hatten, waren McDonnell-Douglas \u2013 Douglas (vorher eine eigenst&auml;ndige Firma) hatte schon die Thor entwickelt, welche die dritte Stufe bauten. Als es dann Explosionen beim Testprogramm gab, und sp&auml;ter noch die Explosion bei Apollo 1 wurde die Kritik offen. Beide Vorf&auml;lle haben eine Gemeinsamkeit: in beiden F&auml;llen sah das Management nicht gut aus und wurde ausgewechselt \u2013 interessanterweise bei der S-II schon 15 Monate vor dem Ungl&uuml;ck bei Apollo 1. Was w&auml;re wohl passiert, wenn man auch dort das Management ausgewechselt h&auml;tte?<\/p>\n<p>Gleichzeitig war die S-II Stufe die mit den h&ouml;chsten Anforderungen. Leer wog sie nur noch 35,5 5, voll betankt bis zu 493 t t \u2013 ein Strukturkoeffizient von 13,8. Zum Vergleich die Erststufe, der Delta IV mit &auml;hnlicher Masse hat, einen Koeffizient von 8,5. Dabei musste die S-II um 5 t leichter werden, damit die immer schwerer werdende Nutzlast noch zum Mond bef&ouml;rdert werden konnte. Vieles, was die S-II auszeichnet, ist heute noch ausgezeichnet. Es wurde eine Legierung verwendet, die bei den Temperaturen des Treibstoffs stabiler ist als bei Zimmertemperatur. Nachdem man lange Probleme hatte, die Isolierung anzubringen, ohne das sie durch den kalten Wasserstoff kondensierte Luft und Eis wider abplatzte, fand man eine L&ouml;sung, gab sich damit aber nicht zufrieden und entwickelte sp&auml;ter die noch heute g&auml;ngige Methode, bei der die Isolation aufgespr&uuml;ht wird. Das sparte Kosten vor allem Gewicht ein.<\/p>\n<p>Dagegen war die dritte Stufe S-IVB relativ problemlos. Sie musste konservativer ausgelegt sein, weil sie als Erstes zur Verf&uuml;gung stehen musste, denn sie war auch die zweite Stufe der Saturn IB die schon 1965 ihren Jungfernflug hatte, zwei Jahre vor der Saturn V. Bei ihr war die Herausforderung, dass sie wiederz&uuml;ndbar war und damit der Treibstoff &uuml;ber mindestens 4 Stunden fl&uuml;ssig bleiben musste, da die Wiederz&uuml;ndung erst nach eineinhalb Uml&auml;ufen (mit einem weiteren Umlauf als Reserve). Das Letztere war eine Anforderung an die Isolation, die bei der S-IVB anders als bei allen anderen Stufen, die ich kenne, innen angebracht war. Das erste wurde gel&ouml;st durch Zusatztriebwerke, die vor der Wiederz&uuml;ndung den Treibstoff sammelten und eine aufwendige Vork&uuml;hlung und einen aufwendigen Triebwerksstart mit einem eigenen Starttank.<\/p>\n<p>Wo war die Saturn nun konservativ? Neben den Triebwerksparametern \u2013 die aber dann mit wenig Aufwand zu den verbesserten Exemplaren J-2S und F-1A f&uuml;hrten \u2013 waren es vor allem die Redundanzen. Alle Stufen wurden durch Raketen voneinander abgetrennt. Heute nimmt man eher dazu vorgespannte Federn. Doch es gab nicht einen Satz an Trennraketen, sondern zwei \u2013 einer bremste die letzte Stufe ab und einer beschleunigte die nun z&uuml;ndende. Helium wurde in den oberen Stufen benutzt um den Druck im Wasserstofftank aufrecht zuerhalten, wie auch Leitungen zu sp&uuml;len und Ventile pneumatisch zu bet&auml;tigen. Es gab dazu mehrere Vorr&auml;te, jeweils einen pro Aufgabe. Sollte einer aber ausfallen, so konnten die anderen die Flaschen die Funktion &uuml;bernehmen. Das Treibstoffsammelsystem in der S-IVB hatte ein eigenes Antriebssystem konnte aber auch die durch das Verdampfen entstehenden gase im Treibstofftank daf&uuml;r nutzen. Das J-2 war im Extremfall neunmal z&uuml;ndbar \u2013 es gab f&uuml;r das Hochfahren der Turbine einen Startank, der in 30 Sekunden w&auml;hrend des Betriebs erneut gef&uuml;llt wurde, so konnte die Stufe mehrfach gez&uuml;ndet werden, jede Periode musste aber mindestens 30 Sekunden dauern. Beim J-2S wurde dieser, weil ja nur zwei Z&uuml;ndungen ben&ouml;tigt wurden, dann auch eingespart und es gab drei Feststoffkartuschen, die das Startgas lieferten f&uuml;r drei Z&uuml;ndungen. Ebenso wurde die F&auml;higkeit das Mischungsverh&auml;ltnis von Sauerstoff zu Wasserstoff zu variieren von drei auf zwei Einstellungen bei den sp&auml;teren Exemplaren reduziert und beim J-2S wurde es ganz abgeschafft. Es diente dazu, f&uuml;r jede Missionsphase den optimalen Schub zu liefern und trotzdem den Treibstoff bis auf unvermeidliche Reste aufzubrauchen.<\/p>\n<p>Trotzdem allem gab es ziemlich gro&szlig;e Treibstoffreserven. Verglichen mit anderen Tr&auml;gern der Zeit waren die Grenzen, bei denen eine Stufe durch einen Sensor abgeschaltet wurde, wenn der Treibstoff zu Ende ging relativ gro&szlig;. Die Atlas erreichte 0,2 bis 0,3 Prozent Resttreibstoff, beim Space Shuttle sind es auch 0,3 %. Dagegen schaltete die S-IC mit 1,25 % ab, die S-II mit 0,6 % und die S-IVB mit 1,47 % Resttreibstoff. Das war Bestandteil der Sicherheitsphilosophie. So d&uuml;rfte bei erster und zweiter Stufe jeweils ein Triebwerk ausfallen, was den Treibstoffverbrauch erh&ouml;hte. Das passierte bei Apollo 13 und diese Mission hatte auch mit 2.628 kg nach zweitem Brennschluss der S-IVB die kleinsten Reserven. Bei allen anderen Missionen waren rund 1000 kg mehr &uuml;brig. H&auml;tte man die Reserven bei den ersten zwei Stufen auf den Wert reduziert, der bei anderen Raketen &uuml;blich ist und bei der S-IVB auf den Wert an Resttreibstoff der bei Saturn IB f&uuml;r Erdorbitmissionen galt (dort konnte man sich bei maximal 17 t Nutzlast keine 3-4 t Reserven leisten) so h&auml;tte man alleine 2 t mehr zum Mond transportieren k&ouml;nnen. Bei Apollo 13 h&auml;tte man dann noch das Servicemodul z&uuml;nden m&uuml;ssen, da 200 kg Treibstoff gefehlt h&auml;tten, doch auch dieses hatte gro&szlig;z&uuml;gige Reserven.<\/p>\n<p>Ich habe f&uuml;r mein Buch mir die Gedanken gemacht, was passieren w&uuml;rde, wenn man die Saturn V heute bauen w&uuml;rde, das hei&szlig;t &uuml;berall modernisiert. Das betrifft zum einen die angesprochenen Reserven wie auch Strukturen und die Haupttriebwerke. Das Ergebnis: Die Struktur kann man kaum verbessern. Sie liefert selbst beim Einsatz moderner Legierungen maximal 4 t mehr Nutzlast. Auch die Reduzierung der Reserven und verbesserte Regeltechnik beim Aufstieg, anstatt starren Programm nur 3,4 t Nutzlast. Am meisten w&uuml;rden Triebwerke bringen, die State of the Art sind. Das J-2X entstand aus dem J-2S mit einer l&auml;ngeren D&uuml;se und h&ouml;herem spezifischen Impuls. Das RD-170 hat denselben Schub wie ein F-1 aber einen h&ouml;heren spezifischen Impuls. Ersetzt man die F-1 und J-2 durch diese Triebwerke, so bringt das am meisten: 20 t Nutzlast. Nicht nur durch den h&ouml;heren spezifischen Impuls, sondern auch durch den h&ouml;heren Schub, der die Aufstiegsverluste reduziert. Einen Teil h&auml;tte man aber schon damals erreichen k&ouml;nnen, denn auch das F-1A und J-2S entstanden zu dieser Zeit. Sie alleine h&auml;tten 6 t mehr Nutzlast gebracht.<\/p>\n<p>In einem wird die Saturn V aber einmalig bleiben. Alle 33 Raketen der Serie (Saturn I, Saturn IB und Saturn V) erf&uuml;llten ihre Mission, auch wenn es Probleme gab. Das schaffen selbst heute noch wenige Tr&auml;ger und ich kenne keinen, der wie die Saturn komplett neu entwickelt wurde der das in den ersten 33 Missionen geschafft hat (verbesserte Versionen schon existierender Tr&auml;ger, wie die Atlas V, sind damit ausgeschlossen). Daher habe ich auch Wernher von Braun f&uuml;r diese Raketen im Vorwort meines letzten Buches gew&uuml;rdigt.<\/p>\n<p>Soviel f&uuml;r heute. Morgen besch&auml;ftige ich mal mit dem Budget von Apollo. Erstaunlicherweise habe ich dazu nichts auf meiner Webseite gefunden, obwohl ich mir sicher bin, dass es da was geben muss. Aber es sind einfach zu viele Artikel \u2013 Aufs&auml;tze und Website zusammen &uuml;ber 4000.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Landung von Apollo 11 hat mich dazu bewegt, dass ich viele der Aufs&auml;tze die ich mal, als Blogs geschrieben habe nun nochmals durchschaue und geb&uuml;ndelt auf meiner Webseite ver&ouml;ffentlicht. Es ist keine Missionsbeschreibung und keine Technikdarstellung es sind vielmehr vielerlei Details, die immer wieder auch in Dokumentationen auftauschen und meist dort aufgebauscht werden. 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