{"id":14145,"date":"2019-07-24T00:34:05","date_gmt":"2019-07-23T22:34:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=14145"},"modified":"2019-07-24T07:28:13","modified_gmt":"2019-07-24T05:28:13","slug":"in-memoriam-chris-kraft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2019\/07\/24\/in-memoriam-chris-kraft\/","title":{"rendered":"In memoriam: Chris Kraft"},"content":{"rendered":"<p>Am Montag verstarb im Alter von 95 Jahren Chris Kraft. Damit ein weiterer Veteran der fr&uuml;hen Raumfahrt, soweit ich wei&szlig;, war er von den noch lebenden \u201eprominenten\u201c Pers&ouml;nlichkeiten, also denen die man neben den ersten Astronauten als Raumfahrtfan kennt der &auml;lteste.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/04b042d87e964b5ab08d5c658df58217\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n<p>Chris Kraft begleitete die NASA von Anfang an. Er kam vom NACA, der Vorg&auml;ngerorganisation die sich mit der Erforschung von Flugzeugen besch&auml;ftigte und hatte sich schon hier einen Namen gemacht als er bei zahlreichen Flugzeugen die in der Entwicklung Probleme hatten zusammen mit den Herstellern an L&ouml;sungen arbeitete, so auch an der F-9, wo er John Glenn kennenlernte.<!--more--><\/p>\n<p>1958 war der Sputnikschock noch nicht verdaut und man dachte weiter und plante schon ein bemanntes Programme Maxime Faget hatte eine Kapsel in Form eines Kegels erarbeitet und das NACA kreierte eine Space Task Group (STG) unter der Leitung von Robert Gilruth die ein bemanntes Projekt ausarbeiten sollte. Das war im August 1958 und als man ein Konzept so weit fertig hatte, im Oktober wurde die NASA gegr&uuml;ndet, die NACA eingegliedert und die STG hatte das erste NASA-Projekt, das einige Monate sp&auml;ter im Dezember \u201e<a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/mercury-artikel.shtml\">Mercury<\/a>\u201c hei&szlig;en sollte. Die Vorarbeiten wurden in Rekordtempo vorgezogen: die Requests for Proposals gingen im Oktober raus. Im November wurden die R&uuml;ckl&auml;ufer gesichtet und im Dezember entschied ein Komitee &uuml;ber die Finalisten. Im Dezember 1958\/Januar wurden dann schon die Vertr&auml;ge unterschrieben. Der erste bemannte Start war f&uuml;r den Februar 1960 vorgesehen, der erste mit der Atlas im April und im September 1960 sollte, das Programm abgeschlossen sein. Es war ein ambitionierter Zeitplan, der nicht eingehalten werden konnte.<\/p>\n<p>Die Zahl der Besch&auml;ftigten bei Mercury stieg und Chris Kraft wurde Leiter f&uuml;r die Organisation und Training der Bergungsmannschaften und bei den Fl&uuml;gen dann Flugleiter.<\/p>\n<p>Ab Gemini 8 r&uuml;ckte er in der Hierarchie des inzwischen gegr&uuml;ndeten Zentrums f&uuml;r Bemannte Raumfl&uuml;ge in Houston zum Missionsleiter auf, ab Apollo 13 dann zum stellevertretenden Direktor des Zentrums f&uuml;r bemannte Raumfahrt in Houston, ab 1972 dann Direktor und damit Herr &uuml;ber mehrere Tausend Angestellte. 1982 ging er in Rente, blieb aber als Berater aktiv.<\/p>\n<p>Das ist eine eindrucksvolle Karriere, in der die wichtigsten bemannten Programme der NASA bis zum Jungfernflug des Space Shuttle fallen. Er etablierte das bis heute g&uuml;ltige System von Rules und Procedures. Rules das waren Regeln, die nicht an bestimmte Situationen oder Hardware gebunden waren, sondern allgemein und die einen Rahmen f&uuml;r Entscheidungen f&uuml;r Notf&auml;lle und Unvorhergesehenes bereitstellten. Eine Regel war z. B. \u201eEin Abbruch ist nur dann angesagt, wenn neben einem Abbruchsignal auch eine Abweichung vom normalen Verhalten vorliegt\u201c. Daran wurde ich bei der Recherche zum <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/program-alarm.shtml\">Program Alarm<\/a> erinnert, als in einer Trainingseinheit dieser Alarm der AGC &#8222;1202&#8220; auftrat, lies damals Gene Kranz abbrechen und das verletzte die Regel, denn der Alarm war unkritisch und beeinflusste nicht die Landung. Gene Kranz hatte das System verinnerlicht und stellte eigene Rules auf.<\/p>\n<p>Die Art wie Mission Control allen Situationen und Aktionen begegnete waren Procedures. Das waren fest vorgeschriebene Verfahrensvorschriften f&uuml;r jeden Fall sowohl den regul&auml;ren Aktivit&auml;ten, wie auch den Notsituationen, zumindest denen an die man gedacht hatte. Sie wurden von den Astronauten aber auch Flugkontrolleuren in Mission Control solange ge&uuml;bt, bis alle Beteiligten sie auswendig konnten. Ein Simulator in Mercury hie&szlig; denn auch \u201eProcedures Trainer\u201c. Klingt nicht nur b&uuml;rokratisch, war auch so, war aber der beste Weg Notsituationen zu begegnen. Den so war die Vorgehensweise einge&uuml;bt, Stress wurde reduziert und jeder wusste, was er tun musste. Trotzdem gl&auml;nzte die NASA bei Apoollo 13, obwohl dieses multiple Versagen niemals einge&uuml;bt worden war.<\/p>\n<p>Christopher Krafts Verdienste f&uuml;r die bemannte Raumfahrt sind unbestritten. Ich selbst halte ihn aber nicht f&uuml;r eine Pers&ouml;nlichkeit, die ich gerne kennengelernt h&auml;tte. Mir war schon bevor ich seine Autobiografie ein Charakterzug bei ihm aufgefallen. Das war, wie er Astronauten niemals eine zweite Chance gab, wenn sie einen Fehler begingen, egal ob sie was daf&uuml;r konnten oder nicht. Scott Carpenter vermasselte seine <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/mercury-ma7.shtml\">Mission<\/a> und brachte sich in Lebensgefahr. Da kann ich diesen Schritt noch verstehen, zumal er w&auml;hrend des Flugs mehrmals darauf hingewiesen wurde Treibstoff zu sparen. Anders sieht es bei Rusty Schweickhardt aus. Er wurde bei der Apollo 9 Mission weltraumkrank. Das war der erste bekannt gewordene Fall in den USA (Frank Bormann wurde auch schlecht bei der Apollo 8 Mission, doch da konnten die Astronauten das verheimlichen, auch weil sie die drei Tage bis zum Mond nicht viel zu tun hatten und bei den engen Mercury- und Geminikapseln trat das Ph&auml;nomen nie auf, weil sich die Astronauten kaum bewegen konnten). Schweickhard bekam keine weitere Flugchance. Selbst im Skylabprogramm war er nur in der Ersatzmannschaft. Bei Skylab 4 wurden die Astronauten erneut raumkrank und verheimlichten dies, verga&szlig;en aber das alle Gespr&auml;che aufgezeichnet und sp&auml;ter zum Boden &uuml;berspielt wurden. Gravierender noch: Sie kamen mit dem Arbeitspensum nicht nach und \u201emeuterten\u201c und bekamen schlie&szlig;lich sogar alle 6 Tage einen freien Tag. Also einen freien Tag pro Woche. Auch sie flogen nie wieder und zwar alle drei. Dabei sieht die Bilanz ihrer Mission, was durchgef&uuml;hrte Experimente und Stunden f&uuml;r sie aussieht, nicht schlechter aus als bei den beiden vorhergehenden Missionen, von der ISS mal ganz zu schweigen.<\/p>\n<p>In seiner Autobiografie fand ich diesen Charakterzug best&auml;tigt. Sie ist voller Kraftausdr&uuml;cke und Schimpfworte, erstaunlich viele davon deutsche Lehnw&ouml;rter wie \u201eKindergarden\u201c oder \u201ekaputt\u201c. Krafts Vorfahren kamen Mitte des 19-ten Jahrhunderts aus Bayern, das scheint abgef&auml;rbt zu haben. Er w&uuml;rde sicher auch in Bayern mit dem Charakterprofil politische Karriere machen.<\/p>\n<p>Es ist, wenn man die Biographie liest, auch klar das sie sehr subjektiv ist. Es gibt Personen die mag Chris Kraft und &uuml;ber die l&auml;sst er nichts kommen wie John Glenn, selbst wenn er schnell seinen Ruhm versilbert und die NASA verl&auml;sst und es gibt Leute die mag er nicht und die macht er runter wie Scott Carpenter (der obwohl er Flugverbot hatte in der NASA blieb) und Wernher von Braun bzw. alle deutschen Raketenwissenschaftler, die f&uuml;r ihn Nazis sind, die Waffen gegen Amerika entwickelt haben. Selbstkritik gibt es nur in kleinen Dosen. So war er f&uuml;r ein riskantes Man&ouml;ver das Buzz Aldrin vorschlug als bei der <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/gemini9.shtml\">Gemini 9<\/a> Mission die Nutzlasth&uuml;lle sich nicht vom ATDA l&ouml;ste. Cernan sollte zum ATDA r&uuml;ber klettern an dem Band ziehen, bis es sich l&ouml;st und das neben einer dann aufschnappenden Nutzlasth&uuml;lle mit scharfen Kanten. Gene Kranz regte sich &uuml;ber diese Entscheidung auf und meinte er w&auml;re als Flugdirektor f&uuml;r diese Entscheidung zust&auml;ndig aber anscheinend w&auml;ren Flugdirektoren nur Hampelm&auml;nner der Missionsleistung. Die Crew l&ouml;ste das Problem selbst indem sie zwar die Durchf&uuml;hrung best&auml;tigte dann aber erst eine Schlafpause vorher einlegen wollte \u2013 wohl wissend das bis dahin der Man&ouml;vriertreibstoff um erneut das ATFA anzufliegen nicht mehr ausreichte und man so das Man&ouml;ver strich. In seiner Biografie die 35 Jahre sp&auml;ter erscheint verteidigt er das Vorhaben immer noch.<\/p>\n<p>Sp&auml;ter als Berater steht Kraft f&uuml;r ein Papier das vorschlug die Wartung des Space Shuttle zu privatisieren, es w&auml;re ein operationelles Gef&auml;hrt. Da machte die NASA auch und das soll auch ein Grund daf&uuml;r gewesen sein, dass man bei <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/columbia-iss.shtml\">STS-107<\/a> nicht auf das abfallende Schaumst&uuml;ck reagierte. Das Kraft nicht viel, daraus lernte zeigt den auch die <a href=\"https:\/\/www.nasa.gov\/sites\/default\/files\/atoms\/files\/19910628_christopher_kraft_oral_history_interview.pdf\">Oral History<\/a>, in der er sagte:<\/p>\n<p>\u201cWe had two failures, which were catastrophic. Both were the fallacies of man, not the fallacies of the machine,\u201d he said. \u201c(Challenger) was a failure of the human brain, not of the machine. We should have fixed it. Same is true of the debris. Eventually they were playing Russian roulette.<\/p>\n<p>\u201cSo take what Chris Kraft says with a grain of salt. I say the machine has never really failed. There is no rocket, even with those two failures, that has the success rate of the space shuttle. It\u2019ll be a cold day in hell when that is improved on.\u201d<\/p>\n<p>Ist nicht gerade konsequent: wenn die Fehler alle menschlich sind, warum privatisiert man dann, wodurch jeder wei&szlig;, das dort weniger die Sicherheit als vielmehr der Gewinn z&auml;hlen?<\/p>\n<p>Das sind die Schattenseiten eines Mannes mit gro&szlig;en Verdiensten f&uuml;r die bemannte Raumfahrt, aber leider nur wenig F&auml;higkeit zur Selbstkritik und einem ausgepr&auml;gten Schwarz-Wei&szlig;-Denken. Wer Lust hat, kann sich selbst ein Urteil bilden und seine <a href=\"https:\/\/amzn.to\/2GCoFqL\">Autobiografie<\/a> lesen. Immerhin er hat eines fertiggebracht: er ist einen Tag nach dem f&uuml;nfzigsten Jahrestag der Mondlandung gestorben, vielleicht in den USA wegen der Zeitverschiebung sogar noch am selben Tag. Sicher nicht beabsichtigt, aber ein einpr&auml;gsames Datum.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Montag verstarb im Alter von 95 Jahren Chris Kraft. 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