{"id":14159,"date":"2019-07-27T00:35:56","date_gmt":"2019-07-26T22:35:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=14159"},"modified":"2019-08-05T07:33:38","modified_gmt":"2019-08-05T05:33:38","slug":"die-50-prozent-chance-ich-kanns-nicht-mehr-hoeren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2019\/07\/27\/die-50-prozent-chance-ich-kanns-nicht-mehr-hoeren\/","title":{"rendered":"Die 50-Prozent-Chance, ich kanns nicht mehr h&ouml;ren"},"content":{"rendered":"<p>Es liefen jetzt ja in den letzten zwei Wochen etliche Dokus &uuml;ber Apollo. In vielen wird das Risiko \u201ezelebriert\u201c. So soll Apollo 8 je nach Quelle nur eine 50 oder 33 Prozent Erfolgschance gehabt haben und nat&uuml;rlich wird auch das bei Apollo 11 angegeben. Klingt toll und dann sind ja die Testpiloten, die dieses Risiko eingehen, weil sie Krieger im kalten Krieg sind. Ach was sind das f&uuml;r Helden. Den letzten Ansto&szlig; f&uuml;r diesen Blog gab die Sendung \u201ePlanet Wissen\u201c in der Matthias Mauer, Astronautenkandidat sich &auml;hnlich ge&auml;u&szlig;ert \u201e&#8230; zum Mond zu fliegen mit Kosten die nicht zu 100 % sicher waren. Im Endeffekt hat man nachgerechnet und wei&szlig;, die Wahrscheinlichkeit das etwas schiefgehen konnte lag bei 50 %.Heutzutage werden Kapsel entwickelt und dann ist es zu 99,9 sicher das wir diese Missionen auch &uuml;berleben k&ouml;nnen\u201c. Na, wenn der das sagt, muss es ja stimmen&#8230;.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/724b6aac29244ea68d3432c789ec5f27\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/><!--more--><\/p>\n<p>Nun habe ich zwar noch nicht meinen Band &uuml;ber CSM und LM beendet, aber ich habe mich &uuml;ber Monate mit der Saturn V besch&auml;ftigt und bin dauernd &uuml;ber Redundanten gesto&szlig;en. Drei Schalter f&uuml;r das Abschalten eines Triebwerks anstatt einem. Separate Heliumvorr&auml;te f&uuml;r verschiedene Zwecke bei den Stufen die aber sich notfalls erg&auml;nzen oder ersetzen k&ouml;nnen. Engine-Out F&auml;higkeiten in den ersten beiden Stufen. Ich k&ouml;nnte f&uuml;r diesen Blog eine Liste der Redundanzen und Absicherungen nur der Saturn V aufstellen, die diesen Beitrag bei Weitem sprengt. F&uuml;r die Saturn V gibt es aber eine rechnerische Zuverl&auml;ssigkeit. Sie lag bei 0,95 f&uuml;r das Erreichen der TLI. Das w&uuml;rde man in der heutigen Terminologie als LOM \u2013 Loss of Mission bezeichnen. Kurz man kommt nicht zum Mond und muss abbrechen, daf&uuml;r bestand die Wahrscheinlichkeit 1:20 beim Start. Schon diese Ziffer ist nun weit von der 50 % Ziffer, die 1:2 entspricht, entfernt. Sollten die CSM \/ LM so unzuverl&auml;ssig gewesen sein? Bei Apollo 8 f&auml;llt sogar das LM weg, das hei&szlig;t das alleine CSM sollte so unzuverl&auml;ssig sein, das es jede zweite Mission ausf&auml;llt?<\/p>\n<p>Nein nat&uuml;rlich nicht, denn damit h&auml;tte man sich nicht begn&uuml;gt. W&auml;hrend der Startphase mit der Saturn lag die Wahrscheinlichkeit, dass ein Fehler rechtzeitig erkannt wird und die Besatzung gerettet werden kann, bei 0,999. Das ist das ber&uuml;chtigte Loss of Crew (LOC) Risiko und das war rein rechnerisch schon f&uuml;nfmal besser als bei Gemini.<\/p>\n<p>Ich glaube, dass auch kein Testpilot sich auf eine Mission einlassen w&uuml;rde, die eine so geringe Erfolgswahrscheinlichkeit hat. Erst recht nicht mehrmals wie Lovell, Young, Scott und Cernan. Bei ihren zwei Eins&auml;tzen betr&auml;gt dann die \u201e&Uuml;berlebenswahrscheinlichkeit nur 25 %. Die Frage ist nat&uuml;rlich, auch wenn alles so riskant ist, wof&uuml;r arbeiteten die 400.000 Leute zur Hochzeit des Apollo-Programms?<\/p>\n<p><a name=\"__DdeLink__201_663899291\"><\/a>Nun ist unbestritten das die Technologie damals eine andere war als heute. Mann muss nur mal sehen, wie lange Raumsonden und Satelliten 1969 arbeiteten und wie lange sie heute arbeiten. Die damalige Vorgehensweise waren Redundanzen und Manpower. Diese vielen Leute und die damit <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2019\/07\/21\/was-kostete-apollo-wirklich-und-wie-viel-ist-das-heute\/\">assoziierten Kosten<\/a> \u2013 heute w&uuml;rde ein Mondprogramm einen Bruchteil der damaligen Aufwendungen kosten &#8211; waren verantwortlich f&uuml;r den Erfolg. Man baute nicht nur Hardware, man testete sie extensiv &uuml;berpr&uuml;fte alles mehrfach und vor allem man machte sich Gedanken &uuml;ber auftretende Probleme und ihre L&ouml;sung. In dem Bestreben Spannung hervorzurufen werden in fast jeder Dokumentation die <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/program-alarm.shtml\">Programmalarme<\/a> beim Abstieg von Apollo 11 hervorgehoben. Unter geht, dass die Missionskontrolle schnell eine L&ouml;sung hat, denn sie traten in Simulationen auf und es gab eine Liste von Programmalarmen und ihre Bedeutung. Man hat dieses Problem also vorausgeahnt. Ebenso wird der Resttreibstoff bzw. die verbleibende Menge &uuml;bertrieben dargestellt. Apollo 11 hatte nach den Dokumentationen noch f&uuml;r 17 bis 20 Sekunden Treibstoff, dann h&auml;tten sie abbrechen m&uuml;ssen hei&szlig;t es. Ja und das ist falsch. Sie hatten noch 18 s bis zum <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/mythos-fast-gescheiterte-mondlandung.shtml\">Bingo Call<\/a>. Dann hatten sie noch 20 Sekunden Treibstoff. Die Missionsvorschriften besagten, das sie wenn sie beim Bingo-Call noch oberhalb von 30 m H&ouml;he sind abbrechen m&uuml;ssen. Wer aber den <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=RONIax0_1ec\">Originalfunkverkehr<\/a> abh&ouml;rt, dem wird klar: die Grenze (100 Fuss) unterschritten sie schon 76 Sekunden vor dem Bingo Call. Also nicht so dramatisch wie dargestellt und Armstrong stellte auch klar, das er es riskiert h&auml;tte die F&auml;hre ohne Treibstoff noch bei 70 Fuss (21 m) H&ouml;he zu landen, weil sie selbst dann bei der geringen Mondgravitation nur mit 17,5 km\/h aufgesetzt h&auml;tte, entsprechend auf der Erde einer Fallh&ouml;he von 1,20 m.<\/p>\n<p>Was hat es dann mit den 50 % auf sich die ja auch von Astronauten verbreitet werden. Ich kann mich nicht erinnern irgend jemand sagen zu h&ouml;ren, das es eine 50%-Chance gab, dass sie bei der Mission ums Leben kommen. Man k&ouml;nnte die Angabe so interpretieren das es eine 40%-Chance gab, das die Mission ein voller erfolg ist. Denn was unbestritten ist, ist das es bei vielen Apollomissionen ernst zu nehmende Probleme gab:<\/p>\n<ul>\n<li>Apollo 10: kurzzeitiger Verlust der Kontrolle &uuml;ber das LM<\/li>\n<\/ul>\n<ul>\n<li>Apollo 11: Program-alarme, Abweichungen vom Landepunkt, Schalter f&uuml;r das Aufstiegstreibwerk abgebrochen<\/li>\n<li>Apollo 12: Einschlag in die Kapsel und Ausfall der Prim&auml;rsicherungen<\/li>\n<li>Apollo 14: Elektrische Br&uuml;cke zum Abort-Knopf. Radar erst beim zweiten Anschalten funktionsf&auml;hig.<\/li>\n<li>Apollo 15: Mondrover hat keine Bremsen und rollt weg, als er auf einem Hang abgestellt wird<\/li>\n<li>Apollo 16: Ausfall von Experimenten, Kotfl&uuml;gel des Mondrovers muss geflickt werden.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Das sind nur einige Dinge, die mir spontan einfallen, ohne das ich im Detail nachschlage. Ich habe bewusst Apollo 13 weggelassen denn diese Mission zeigt das genaue Gegenteil der 50%-Annahme. Es ist dort etwas passiert, was wirklich keiner vorhergesehen hat, ein multipler Systemausfall. Und trotzdem wurden die Astronauten gerettet, eben weil die Architektur auf Sicherheit ausgelegt war. Die Batterien des LM waren nicht nur so &uuml;berdimensioniert, dass sie anstatt das LM 35 Stunden lang zu betreiben sie das ganze Raumschiff 4 Tage lang betrieben. Man konnte mit ihnen sogar die Batterien des CSM aufladen, obwohl das nie vorhergesehen war. Ebenso reichten die Sauerstoffvorr&auml;te &uuml;ber die ganze Zeit, obwohl auch sie nur f&uuml;r 2 Personen und 35 Stunden reichen sollten. Und es zeigte das man in Mission Controll schnell auf die Expertise und die Arbeitskraft vieler Mitarbeiter in den Herstellerfirmen zur&uuml;ckgreifen konnte, um an dem Problem zu arbeiten.<\/p>\n<p>Klar heute will man mehr Sicherheit haben. Man w&uuml;rde es wohl nicht akzeptieren, dass jede zweite Mission wie bei Apollo es irgendein gr&ouml;&szlig;eres Problem geht. Ich fand immerhin eine <a href=\"http:\/\/www.thespacereview.com\/article\/1448\/1\">Angabe<\/a>, leider ohne Referenz, wonach das Risiko eines LOM bei 1:20 lag. Das ist schon eine andere Gr&ouml;&szlig;enordnung als 1:2 und passt auch recht gut zu dem Erfahrungswert von 11 durchgef&uuml;hrten Missionen, keinem Crew-Verlust, aber einem Lost of Mission. Ebenso gab es f&uuml;r das LOM-Risko statistische <a href=\"http:\/\/adsabs.harvard.edu\/full\/1996ESASP.377...83F\">Untersuchungen<\/a>. Sie lagen bei der Saturn und LM bei 0,95 und beim CSM bei 0,9. Bei der Saturn I lag sie bei 0,88. Dadurch gibt es eine Wahrscheinlichkeit von 0,792 f&uuml;r eine erfolgreiche Mission auf einer Saturn I und 0,813 bei einer Saturn V. Mithin einem LOM-Risiko von 1:5, das auch zu obiger Ziffer passt. Wahrscheinlich sahen die Astronauten es subjektiv anders. Ich vermute sie hatten auch anderes zu tun, als sich Studien &uuml;ber ihre theoretische Sicherheit durchzulesen.<\/p>\n<p>Es gab auch Erfahrungen im Orbit. Es gab vor dem ersten bemannten Flug mit Apollo 7 vier unbemannte Tests des CSM und einen des LM. Auch hier gab es bei dreien Problemen. Beim ersten Einsatz des CSM schaltet sich das SPS-Triebwerk zu fr&uuml;h hab, beim ersten Test des Mondlanders ebenfalls das Aufstiegstriebwerk, weil man vergessen hat, das Computerprogramm an die verringerte Treibstoffmenge anzupassen und bei Apollo 6 glich das Servicemodul eine fehlende Wiederz&uuml;ndung der S-IVB aus. Was ebenso f&uuml;r die Redundanz des Apolloprogramms spricht. Auch hier die omin&ouml;sen 50 % Prozent der Missionen mit gr&ouml;&szlig;eren Vorkommnissen. Aber eine reibungslose Mission und eine gescheiterte sind zwei Paar Stiefel w&uuml;rde man dasselbe auf andere Missionen wie zur ISS &uuml;bertragen, es s&auml;he genauso aus. Denn auch dort passiert andauernd etwas und man muss improvisieren.<\/p>\n<p>Zur&uuml;ck zu Matthias Maurer, der ansonsten einen kompetenten Eindruck machte. Ich denke er hat es nicht n&ouml;tig die Rolle der Astronauten k&uuml;nstlich zu glorifizieren und das tut er wenn er das Vorkommen von \u201eAuftreten ernsthafter Schwierigkeiten\u201c, \u201eLoss of Mission\u201c und \u201eLoss of Crew\u201c vermischt, denn seine Ziffer von 99,9 % Sicherheit ist wie aus dem Satz hervorgeht das LOC-Risiko. Das ist aber rechnerisch ermittelt und schon bei Apollo wurde ein Ziel gesetzt, das die Besatzung eine Sicherheit von 99 % hat. Das ist immer noch eine Zehnerpotenz von dem entfernt, was heute Designvorgabe ist, aber verglichen mit den 50 % die zitiert werden bedeutet das, das jede 100-ste Mission t&ouml;dlich endet und nicht jede Zweite.<\/p>\n<p>Ich verstehe auch nicht, wie Journalisten die Ziffer dauernd verwenden k&ouml;nnen, au&szlig;er den sie haben niemals eine Schule besucht: Wenn eine Mission ohne Todesfall verl&auml;uft, dann ist die Wahrscheinlichkeit \u00bd. Bei zwei Missionen gibt es schon vier Ausgangsm&ouml;glichkeiten: Zwei Missionen mit Todesf&auml;llen, Mission 1 mit Todesfall, Mission 2 mit Todesfall und beide Missionen gl&uuml;cken. In 3 von 4 F&auml;llen also ein Todesfall \u2013 Wahrscheinlichkeit \u00bc. Wer nur Grundkenntnisse von Mathematik hat wei&szlig;: die Wahrscheinlichkeit bei n Missionen das alle gelingen ist 1 \/ 2<sup>n <\/sup>oder bei 11 Apollomissionen ohne Todesfolge: 1 \/ 2<sup>11<\/sup> = <sup>1<\/sup>\/ <sub>4096<\/sub> das ist also 4-mal unwahrscheinlicher als das es bei einer einzigen heutigen Mission einen Todesfall gibt.<\/p>\n<p>So ist diese Episode wie viele andere nur ein weiterer Beweis f&uuml;r den immer deutlicher werdenden Verfall des Niveaus der Bildung in Medien und &Ouml;ffentlichkeit.<\/p>\n<p>{Edit]<\/p>\n<p>Da sich hier einige dar&uuml;ber beschweren, das ich mehr Genauigkeit in Fernsehsendungen fordere und dann Fl&uuml;chtigkeitsfehler bei mir monieren: euch ist schon klar, das dies ein privater Blog ist, f&uuml;r den ich maximal einige stunden am Tag arbeite? Keiner liest ihn Korrektur, Fachleute werden auch nicht befragt. Eine Wissenschaftssendung hat einen Redakteurstab, kann notfalls Experten anfragen (ich werde auch immer wieder von Redakteuren gefragt) die arbeiten Vollzeit, werden daf&uuml;r bezahlt und k&ouml;nnen gegenseitig die Arbeit kontrollieren. Wenn dann trotzdem so grobe Schnitzer drin sind wie die in TerraX die ich im <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2019\/08\/04\/mord-und-totschlag\/\">Blog vom 4.8. unten<\/a> angef&uuml;hrt habe, dann ist das eine andere Gr&ouml;&szlig;enordnung als wenn ich mich bei 2^11= 2048 (extra oben nicht korrigiert) berechnet habe.<\/p>\n<p>Ich halte auch nichts von reiner Meckerei, doch ich denke dieser Blog, wie andere von mir zeigen, das ich nicht nur meckere sondern versuche mit meinen bescheidenen Mitteln als Privatperson, die auch noch neben dem Blog Geld verdienen muss und ein Leben hat Aufkl&auml;rung zu treiben. Schlussendlich ist jeder der mehr wei&szlig; oder es besser wei&szlig; aufgerufen <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/gastautoren-gesucht\/\">selbst hier aktiv zu werden<\/a>!<\/p>\n<p>Dann h&ouml;rts dann aber schnell mit der Aktivit&auml;t auf, in den letzten Jahren haben sich nur Leute gemeldet dies so kostenlos Werbung unterbringen wollten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es liefen jetzt ja in den letzten zwei Wochen etliche Dokus &uuml;ber Apollo. In vielen wird das Risiko \u201ezelebriert\u201c. So soll Apollo 8 je nach Quelle nur eine 50 oder 33 Prozent Erfolgschance gehabt haben und nat&uuml;rlich wird auch das bei Apollo 11 angegeben. 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