{"id":14192,"date":"2019-08-03T00:21:37","date_gmt":"2019-08-02T22:21:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=14192"},"modified":"2019-08-03T09:21:51","modified_gmt":"2019-08-03T07:21:51","slug":"wernher-von-braun-und-sergej-korolow","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2019\/08\/03\/wernher-von-braun-und-sergej-korolow\/","title":{"rendered":"Wernher von Braun und Sergej Korolow"},"content":{"rendered":"<p>Die Welle der Mondlande-dokus hat auch eine sehr interessante Doku hervorgebracht, und zwar \u201e<a href=\"https:\/\/www.daserste.de\/information\/reportage-dokumentation\/dokus\/sendung\/mondmaenner-mit-hammer-und-sichel-100.html\">Mondm&auml;nner mit Hammer und Sichel<\/a>\u201c. Es geht dabei um den Wettlauf im All, von Gagarin bis zur N-1. Vor allem um die dreht es sich. Das Format ist relativ authentisch. Nie zuvor habe ich von Russen, und die stellten die meisten Interviewpartner geh&ouml;rt, das Koroljow nichts von Technik verstand und seine N-1 falsch konzipiert h&auml;tte. In fast allen anderen Dokus wird er als der sowjetische Gegenpart zu Wernher von Braun stilisiert und sein fr&uuml;her Tod, im Januar 1966 f&uuml;r den Niedergang der russischen Raumfahrt vom Tod Komarows bis hin zu den Fehlstarts der N-1 verantwortlich gemacht.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg02.met.vgwort.de\/na\/fc8f8fae3486407ba191d9f6e79f5c25\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><!--more--><\/p>\n<p>Es gibt eine Menge Unterschiede. Der Wichtigste zuerst: ich sehe Koroljow nicht als Raumfahrtpionier an. Dazu z&auml;hlen f&uuml;r mich Leute, die die theoretischen Grundlagen der Raumfahrt gelegt haben wie Ziolkowski und Oberth, den man auch zur zweiten Gruppe z&auml;hlen kann, den T&uuml;ftlern. Zu ihnen ist auch Robert Goddard zu z&auml;hlen. Wernher von Braun ist ein anderes Kaliber. Sicher er hat auch am Anfang selbst Raketen gebaut und gestartet. Doch sein verdient liegt darin die Raketentechnik von Typen, die einige Hundert Meter hoch flogen, zur Saturn V gebracht zu haben die Menschen zum Mond und zur&uuml;ck brachte. Neben dem technischen Verst&auml;ndnis braucht man dazu Organisationsf&auml;higkeiten und vor allem muss man die Geldgeber, egal ob dies Nazigr&ouml;&szlig;en oder US-Pr&auml;sidenten sind, &uuml;berzeugen in ein solches Projekt zu investieren. Wernher von Braun war alles drei \u2013 technisch begabt, Organisationstalent und Leute begeisternder Vision&auml;r.<\/p>\n<p>Koroljow billige ich nur eine dieser Eigenschaften voll zu: das Organisationstalent. Koroljow trug den Titel Chefkonstrukteur. Das klingt nach technischem Genie, ist aber irref&uuml;hrend. In einem System, in dem die Macht (angeblich) von den Arbeitern ausgeht, muss der Chef auch einen Titel tragen, der nach Arbeit klingt wie eben Chefkonstrukteur. Koroljow war das, was wir einen Manager nennen und das machte er gut. Er schaffte es mit begrenzten Ressourcen \u2013 er konnte ja praktisch nur auf sein Kombinat OKB-1 zur&uuml;ckgreifen, denn in Russland arbeiteten die Spezialisten f&uuml;r Raketentechnik wie Gluschko, Jangel, Tschelomej und eben Koroljow nicht zusammen sondern, stritten um die Auftr&auml;ge \u2013 die Entwicklung der R-7, der <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/wostok.shtml\">Wostokkapsel<\/a>, des <a href=\"http:\/\/Woschodraumschiffs\/\">Woschodraumschiffs<\/a> und der Sojus. Manageraufgaben sind wichtig. Ohne George M&uuml;ller, der das Apolloprogramm leitete und gleich zu Beginn das All-Up Testing anordnete, um Zeit zu sparen und in der Mitte des Programms zahlreiche NASA-Planungen einstellen lies, die f&uuml;r ein Apolloanschlussprogramm gedacht waren, um Ressourcen f&uuml;r das eigentliche Programm freizusetzen, w&auml;re Apollo nie vor 1970 auf dem Mond gelandet. Ebenso hat <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/James_Edwin_Webb\">James Webb<\/a> es fertiggebracht die ben&ouml;tigten Mittel vom Kongress zu bekommen und dabei nicht das unbemannte Programm der NASA zu beschneiden \u2013 das hat seitdem kein NASA-Administrator mehr geschafft. Wann immer die NASA seitdem was neues Bemanntes geplant hat, sei es das Space Shuttle, die ISS oder Constellation wurden die unbemannten Programme teilweise radikal gek&uuml;rzt. Aber man w&uuml;rde niemals Webb oder <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/George_E._Mueller\">Mueller<\/a> mit von Braun vergleichen. Sie waren die Verwalter des Programms, aber sie bestimmten nicht die Technik und Umsetzung.<\/p>\n<p>Als <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Boris_Jewsejewitsch_Tschertok\">Tschertok<\/a> sich mit NASA-Angeh&ouml;rigen traf um f&uuml;r seine Memoiren zu recherchieren war er erstaunt, das Wernher von Braun sich in technischen Dingen, auch Teilfragen genauestens auskannte, weil er das von russischen \u201eChefkonstrukteuren\u201c nicht kannte. Ich meine ja das ist eine typisch deutsche Eigenschaft, eine gewisse Art von Perfektionismus. Sie treibt auch mich an bei meinen B&uuml;chern und ich staune immer wie die US-B&uuml;cher die ich lese, sich meistens nur oberfl&auml;chlich mit der Technik, daf&uuml;r viel mehr mit der Geschichte besch&auml;ftigen. Als vor einigen Jahren <a href=\"https:\/\/amzn.to\/2T0sgDQ\">Jesco von Puttkamer<\/a> starb, der ja auch weit &uuml;ber das Rentenalter hinaus f&uuml;r die NASA aktiv war (er war es noch, als er im Alter von 79 starb), musste die NASA seine Seiten &uuml;ber die ISS einstellen \u2013 es gab niemanden der diesen Gesamt&uuml;berblick hatte und das bei einer Raumfahrtagentur, bei der schon bei Raumsonden Millionenbetr&auml;ge nur f&uuml;r die Webspr&auml;senz ausgegeben werden.<\/p>\n<p>Die &Uuml;berzeugungskraft Wernher von Brauns fehlte Koroljow. Der Start des Sputniks f&uuml;hrte zwar dazu, dass er bald neue Sonden starten d&uuml;rfte, um neue Erstleistungen zu erbringen. Aber dann war es das dann auch. Russland startete kein bemanntes Programm. Das Mercuryprogramm wurde im Dezember 1958 offiziell angek&uuml;ndigt, die Astronauten im April 1959 gro&szlig; auf einer <a href=\"https:\/\/www.nasa.gov\/feature\/60-years-ago-nasa-introduces-mercury-7-astronauts\">Pressekonferenz vorgestellt<\/a>. Ab da war es nicht zu ignorieren. Es erschienen Berichte in den Zeitungen, Life hatte einen Exklusivvertrag f&uuml;r die Vermarktung des Lebens der Astronauten. Nun erst begann man in Russland mit einem bemannten Programm. Das Design der Wostokkapsel begann so erst am 15.5.1958, im November wurde das Programm beschlossen, aber Mittel gab es erst im Sommer 1959. Koroljow hatte vorher keine Chance Gelder zu bekommen, erst als man in der russischen F&uuml;hrung die Berichte &uuml;ber Mercury nicht ignorieren konnte, gab es die Mittel f&uuml;r das Programm. Koroljows Verdienst ist es in der kurzen Zeit die Kapsel bauen zu lassen, indem er sie bewusst einfach konstruierte. Eine Steuerung durch den Kosmonauten wie bei Mercury gab es nicht. Alles wurde von der Bodenstation gesteuert, weshalb alle Missionen auch vielfache eines Tages waren, denn auch der Wiedereintritt wurde von der Bodenstation aus eingeleitet. Anstatt eine Kapsel zu bauen, die weich landen konnte, katapultierte man den Kosmonauten mit einem Schleudersitz aus einem MIG-Jet ins Freie.<\/p>\n<p>Das Spiel wiederholte sich bei der <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/hercules.shtml\">N-1<\/a>. Hier war Chruschtschow die Versorgung der Bev&ouml;lkerung mit Lebensmitteln wichtiger als die Rakete. Mittel gab es erst seit seiner Entmachtung als <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Leonid_Iljitsch_Breschnew\">Breschnew<\/a> am Ruder war, der auch sonst enorm aufr&uuml;stete und damit auch den Untergang Russlands einl&auml;utete. Doch Wernher von Braun behielt recht: er argumentierte, als er von Kennedy <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/entstehung-von-apollo.shtml\">gefragt wurde<\/a>, was man am besten auflegt und ob sich eine Weltraumstation reichen w&uuml;rde, dass der Mond das beste Ziel w&auml;re, denn dazu ben&ouml;tigt man eine Rakete, die mindestens zehn bis zwanzigmal gr&ouml;&szlig;er ist als alles, was es bisher gab und das setzt die Uhren f&uuml;r deren Entwicklung f&uuml;r beide Seiten auf Null. Vor allem sieht man an der N-1 das Koroljow sich irrte. Er zog Wasserstoff als Treibstoff nie in Betracht. Es waren viel zu viele Triebwerke, jedes ist eine Fehlerquelle und dies zu einer Zeit, als sie noch um einiges unzuverl&auml;ssiger als heute waren. Zudem war sie zu klein. Die erste Version der N-1 konnte maximal 90 t in den Orbit bringen. Die verbesserte dann 105 t. Das sind dann 30 bis 35 t zum Mond. Apollo hatte schon einen filigranen Lander und wog trotzdem 46 bis 48 t. Die Konzeption des russischen Mondprogramms war denn auch sehr abenteuerlich. Schlie&szlig;lich war kein Testflug der N-1 erfolgreich.<\/p>\n<p>Ich glaube Koroljow hat sich von dem reibungslosen Einsatz der R-7 blenden lassen. Die <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/semjorka.shtml\">R-7<\/a> hatte 5 Haupttriebwerksbl&ouml;cke mit 20 Brennkammern und 12 Steuertriebwerke, da die Haupttriebwerke starr eingebaut waren. Aber diese Triebwerke waren noch adaptierte A-4 Technologie. Keine Brennkammer hatte einen h&ouml;heren Schub als ein A-4 Triebwerk. Es wurde wie bei der A-4 Wasserstoffperoxid als Antrieb f&uuml;r den Gasgenerator verwendet und die Brennkammerwand war eine einfache doppelwandige Konstruktion. Russland hat das Wissen aus den A-4 Spezialisten und den Unterlagen herausgeholt, wo es ging und wenn es Probleme gab, d&uuml;rften die deutschen Raketentechniker an den L&ouml;sungen arbeiten. Sie waren nie in leitender Mission. Aber trotzdem &auml;hnelt die R-7 verdammt dem Entwurf der Gobalrakete-1 (GR-1) von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Helmut_Gr&ouml;ttrup\">Helmut Gr&ouml;ttrup<\/a>. Sie war im Prinzip eine B&uuml;ndelung von 20 A-4 und funktionierte dank der <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/a4.shtml\">A-4<\/a> Technologie. Aber ein Geistesblitz Koroljows war sie nicht. Nur der Umsetzung eines deutschen Entwurfs. Bei den folgenden Eigenentwicklungen, sei es den Oberstufen oder neuen Raketen wie der Proton gab es denn auch die vielen Versager, die die R-7 nicht hatte und die erst den russischen Vorsprung ergab. H&auml;tte Koroljow wie die Amerikaner erst die Tr&auml;gerrakete qualifizieren m&uuml;ssen, er h&auml;tte sei sicher nicht geschlagen. Koroljow meinte dann, wenn die R-7 mit 20 Brennkammern funktioniert, dann auch die N-1 mit 30. Das war ein Irrtum.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Welle der Mondlande-dokus hat auch eine sehr interessante Doku hervorgebracht, und zwar \u201eMondm&auml;nner mit Hammer und Sichel\u201c. Es geht dabei um den Wettlauf im All, von Gagarin bis zur N-1. Vor allem um die dreht es sich. Das Format ist relativ authentisch. 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