{"id":14249,"date":"2019-08-25T18:20:22","date_gmt":"2019-08-25T16:20:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=14249"},"modified":"2019-08-25T18:23:02","modified_gmt":"2019-08-25T16:23:02","slug":"vor-30-jahren-der-vorbeiflug-von-voyager-2-an-neptun","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2019\/08\/25\/vor-30-jahren-der-vorbeiflug-von-voyager-2-an-neptun\/","title":{"rendered":"Vor 30 Jahren \u2013 der Vorbeiflug von Voyager 2 an Neptun"},"content":{"rendered":"<p>Ja es ist wirklich schon 30 Jahre her seit Voyager 2 an Neptun vorbeiflog. Was hat sich in der Zeit nicht alles ge&auml;ndert. Damals gab es die ersten Nachrichten &uuml;ber Massenflucht von DDR B&uuml;rgern aus Ungarn \u2013 ein Jahr sp&auml;ter fiel die Mauer. Der Kalte Krieg endete und zehn Jahre sp&auml;ter begann ein neuer, nun gegen den islamischen Terrorismus. 1989 war noch Orwells Buch \u201e1984\u201c und die Verfilmung im selben Jahr pr&auml;sent. Vorstellen konnte sich das keiner. Heute haben viele <a href=\"https:\/\/amzn.to\/321sIEZ\">Amazon Echo<\/a> zu Hause, und Amazon Mitarbeiter (und wohl bald auch die NRA) k&ouml;nnen alles Gesprochene mith&ouml;ren. Kameras im Fernseher nehmen dazu noch <a href=\"https:\/\/www.computerbild.de\/artikel\/avf-News-Fernseher-Samsung-Fernseher-Spionage-Modelle-17641477.html\">die ganze Szene auf<\/a> und keiner regt sich auf. Vor 30 Jahren demonstrierten bei uns die Leute gegen die Volksz&auml;hlung mit vergleichsweise harmlosen Fragen. Kurz: die Welt hat sich in 30 Jahren gravierend ge&auml;ndert.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/f0266f3f03ef44f18871321837a1191e\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/><!--more--><\/p>\n<p>Der Vorbeiflug von <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/voyager-sonde.shtml\">Voyager 2<\/a> an Neptun war etwas Besonderes. Es war der einzige Vorbeiflug im ganzen Programm, bei der das Team die M&ouml;glichkeit hatte die Bahn frei zu w&auml;hlen. Vorher war die Geometrie immer festgelegt, weil man von einem Planeten zum n&auml;chsten kommen musste. So gab es schon beim Start 1977 den Termin des Vorbeiflugs an Neptun. Er stand durch die Himmelsmechanik fest.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium\" src=\"\/img\/triton.jpeg\" width=\"400\" height=\"514\" \/>Es gab intensive Diskussionen, denn Voyager hatte 12 Experimente an Bord, die verschiedenste Ph&auml;nomene messen. Auch das ein Relikt einer vergangenen Zeit, heute haben Sonden nur wenige Experimente an Bord und erheben nicht den Anspruch alles &uuml;ber einen Himmelsk&ouml;rper herausfinden zu wollen. Es gab <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/voyager-instrumente.shtml\">Experimente<\/a> zur Untersuchung der Teilchenumgebung und des Magnetfeldes. Andere stellten die chemische Zusammensetzung von Atmosph&auml;ren und Oberfl&auml;chen fest und wieder andere nahmen Bilder auf. Der Kernpunkt war: wie nahe sollte man Neptun passieren. Die Forderungen gingen von \u201eso gro&szlig;er Abstand wie nur m&ouml;glich\u201c (die von den Teilchen- und Wellenexperimenten kamen \u2013 dadurch war die Aufenthaltszeit in der Umgebung von Neptun maximal, da er die Sonde bei einer nahen Passage beschleunigte) bis zu \u201eSturz in die Atmosph&auml;re\u201c, die von den Atmosph&auml;renexperimenten kamen, die so viel n&auml;her am Objekt waren. Die Distanz war deswegen so bedeutend, weil nach der Passage Neptuns das n&auml;chste Ziel Triton war. Der Mond wurde wenige Stunden nach der Passage von Neptun passiert. Da er sich auf einer geneigten retrograden Umlaufbahn befand, bedeutete eine nahe Neptunpassage eine starke Umlenkung der Sonde und eine nahe Passage an Triton. Da Triton der einzige Mond war, der nahe passiert werden konnte \u2013 Neptun hatte bis zum Vorbeiflug von Voyager 2 nur zwei bekannte Monde und der zweite Mond, Nereid war zu weit entfernt um ihn passieren zu k&ouml;nnen, galt ihm die volle Aufmerksamkeit nach der Passage Neptuns. Das war &uuml;berzeugend und so setzte sich die nahe Passage durch. Doch wie nah? Optimal w&auml;re eine Passage in 1.000 bis 1.300 km &uuml;ber der Wolkenobergrenze. Tiefer wollte man aus Sicherheitsaspekten nicht gehen. Doch man musste die Passage schon im Sommer 1986 festlegen und damals gab es Hinweise f&uuml;r Ringe, die genau in der Zone waren, die die Sonde passieren w&uuml;rde, wenn sie den &Auml;quator kreuzt. Dort liegt die Ringebene. Aus Sicherheitsgr&uuml;nden wurde so die Distanz auf 4.800 km angehoben, das ergab einen Abstand von 5.000 km zu der vermuteten Zone mit den Ringen, daf&uuml;r stieg der Abstand bei Triton auf 38.500 km an.<\/p>\n<p>Bedingt durch die nahe Passage war Voyager 2 auch bei der Passage voll ausgelastet. Bei fr&uuml;heren Vorbeifl&uuml;gen gab es in regelm&auml;&szlig;igen Abst&auml;nden vorher schon niedrige aufgel&ouml;ste Aufnahmen der Hauptmonde. Die entfielen bis auf wenige Aufnahmen von Triton. Die nahe Passage bot optimale Bedingungen f&uuml;r die Untersuchung der Atmosph&auml;re, dann eine lange Bedeckungsperiode, in der Sender ihr Signal zur Erde schicken konnte und man sie so zus&auml;tzlich durchleuchten konnte. Erst lange nach dem Vorbeiflug an Neptun richtete sich das Hauptaugenmerk auf Triton.<\/p>\n<p>Ich habe schon vor einem Jahrzehnt einmal alle Voyager Bilder aus dem NASA Datenarchiv <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/voyager-converter.shtml\">herunterladen<\/a> und konvertiert und ich wunderte mich immer, warum es so wenige Aufnahmen von Triton aus der n&auml;chsten N&auml;he gibt. Es sind insgesamt nur 55 Teleaufnahmen und noch eine Handvoll Weitwinkelaufnahmen. F&uuml;r den Blog habe ich nun mal einen Blick in die offizielle Ank&uuml;ndigung zum Vorbeiflug geworfen, &uuml;brigens viel besser lesbar als heutige Publikationen der NASA zu &auml;hnlichen Ereignissen und auch viel detaillierter \u2013 noch etwas, was in 30 Jahren rapide schlechter wurde. Es sind in der Tat nur drei Bildsequenzen. Eine in Farbe &uuml;ber die halbe Oberfl&auml;che und zwei Mosaike von dem Zentrum der Scheibe und dem Terminator. Man hat nicht ein vollst&auml;ndiges Mosaik des Mondes angefertigt. Bei 38.500 km Minimaldistanz h&auml;tte ein Bild einen Ausschnitt von etwa 300 km x 300 km abgebildet, bei 33 % &Uuml;berlappung h&auml;tte man also 49 Aufnahmen ben&ouml;tigt, um den Mond komplett zu erfassen. Da die Distanz zunimmt und Voyager 2 recht schnell unterwegs war \u2013 etwa 6,5 km\/s relativ zu Triton und die besten Bilder es nicht am n&auml;chsten Punkt, sondern aus 53.500 km Distanz gab, h&auml;tte man in der Praxis weniger Aufnahmen ben&ouml;tigt.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-medium\" src=\"\/img\/triton2.jpeg\" width=\"400\" height=\"397\" \/>Ich habe mir die Angaben zu den Aufnahmen angesehen und gefunden, dass sie in einem Abstand von 96 s aufgenommen wurden. Das entspricht der Datenrate des Bandrekorders der 100 Aufnahmen zwischenspeichern konnte. Die Datenrate zur Erde war trotz Kompression und dem Zusammenschalten von Empfangsantennen geringer. Also ich h&auml;tte wahrscheinlich den Bandrekorder voll ausgenutzt, zumal es nur noch ein Experiment gab, das eine &auml;hnlich hohe Datenrate erzeugte, das war das Plasmawellenexperiment und das war zu dem Zeitpunkt nicht aktiv.<\/p>\n<p>Trotzdem waren die Bilder eine Sensation. Triton war ganz anders als alle Monde vorher. Fast ohne Krater, mit verschiedenfarbigen Regionen, Runzeln, hellen und dunkeln Flecken \u2013 wie man sp&auml;ter feststellte, waren das Geysire. Heute, nachdem man auch Bilder von Pluto hat, fallen die Parallelen auf \u2013 auch hier eine zweifarbige Oberfl&auml;che, auch hier komische Gel&auml;ndeformationen, die man zuerst nicht erkl&auml;ren kann und ebenfalls eine Atmosph&auml;re, bei Pluto sogar noch ausgedehnter als bei Triton. Da ist aber auch nicht Neptun in der N&auml;he, der mit seiner Gravitationskraft die Gase \u201eabsaugen\u201c kann.<\/p>\n<p>Voyager sticht in vielen heraus. Nat&uuml;rlich dadurch, dass das Programm vier Planeten anflog. Das ist f&uuml;r die n&auml;chsten 134 Jahre ausgeschlossen, zumindest nicht vertretbarem Geschwindigkeitsbedarf. Aber die Sonde brillierten auch durch ihre Technik. Als sie beschlossen wurden, dauerte die l&auml;ngste Raumsondenmission, die von <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/mariner89.shtml\">Mariner 9<\/a> gerade mal eineinhalb Jahre. F&uuml;r Voyager wurde eine Arbeit &uuml;ber 5 Jahre gefordert, schon das war ehrgeizig. Inzwischen haben sie 42 Jahre auf dem Buckel. Dann die Technik. Drei Computersysteme jeweils redundant vorhanden, f&uuml;r unterschiedliche aufgaben. Ein Sendesystem das aus Jupiterentfernung, einem Mehrfachen der Marsentfernung die achtfache Datenrate von Viking, der letzten Mission. Vergleichen mit der letzten Jupitermission (<a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/pioneer10-11.shtml\">Pioneer 10\/11<\/a>) war der Sprung mit dem Faktor 108 sogar noch h&ouml;her.<\/p>\n<p>Und sie arbeiten immer noch. Nat&uuml;rlich sind die meisten Experimente abgeschaltet, die Kameras als Erste schon 1990, weil sie ja nichts mehr aufnehmen konnten. Die anderen Experimente folgten sukzessive, vor allem um Strom zu sparen. Um 2025 wird man kein Instrument mehr betreiben k&ouml;nnen. Ich bin trotzdem daf&uuml;r das die NASA die Raumsonden weiter kontaktiert, auch wenn sie nur noch Telemetrie senden k&ouml;nnen. Wahrscheinlich nicht ewig, auch wenn es interessant w&auml;re, zu wissen, wie lange sie noch arbeiten k&ouml;nnen, aber ich denke das 50-ste Jubil&auml;um \u2013 die Sonden starteten am 20.8.1977 und 5.9.1977 sollten sie noch erleben.<\/p>\n<p>Ich habe auch an anderes zur&uuml;ckgedacht. Die Voyager-Ergebnisse gab es damals vor allem auf Papier. In Sientific American oder in Fachb&uuml;chern. Ich habe 1983 jeweils 30 Mark f&uuml;r zwei d&uuml;nne B&auml;nde (je 96 Seiten) ,mit den Ergebnissen von den Vorbeifl&uuml;gen an Jupiter und Saturn ausgegeben. Das w&auml;ren heute sicher um die 60 bis 90 Euro. Hat mir nichts ausgemacht, das wahr es mir wert. Heute beschweren sich Leute, wenn sie <b>umsonst<\/b> in einer Website viel mehr Informationen als in vielen B&uuml;chern finden &uuml;ber die Rechtschreibung.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium\" src=\"\/img\/neptun.jpeg\" width=\"380\" height=\"369\" \/>Mit den beiden Voyagers begann mein Interesse f&uuml;r Raumfahrt, genauer gesagt mit dem Farbteil des Buchs \u201ePlanetenlexikon\u201c das ich mir im Juli 1980 kaufte. Bei den Vorbeifl&uuml;gen an Saturn fotografierte ich mit einer Pocketkamera die Aufnahmen in den Nachrichten vom Fernseher ab, weil ich nicht Monate oder Jahre bis zu einem Buch warten wollte. . Wie man sich denken kann, wurden die meisten Bilder nichts. Die Kamera war daf&uuml;r nicht geeignet und von den T&uuml;cken des Zeilensprungs hatte ich auch keine Ahnung. &Uuml;ber die ganzen Achtziger verfolgte ich die Sonden. Zugegeben \u2013 viel mehr gab es damals auch nicht zu verfolgen. Richtig viele Sonden kamen erst in der zweiten H&auml;lfte der Neunziger zum Start. Doch da gab es schon Internet und ich konnte damals aus dem Vollen st&ouml;bern. Doch auch das ist mittlerweile 20 Jahre her und das Rad dreht sich r&uuml;ckw&auml;rts. &Uuml;ber eine aktuelle Raumsonde k&ouml;nnte ich weniger schreiben als &uuml;ber Voyager. Ebenso &uuml;ber Ariane 6 weniger als &uuml;ber <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/ariane.shtml\">Ariane 1<\/a>. Wer Lust hat, sollte mal die eingescannten PDF der JPL Bulletins <a href=\"https:\/\/planetary.s3.amazonaws.com\/voyager_msb\/voyager_msb_v2-neptune.zip\">ansehen<\/a>. Vergleichen, mit dem was man heute &uuml;ber Missionen erf&auml;hrt, waren die episch und sie waren aktuell: Die Tritonaufnahmen, die am 25.sten entstanden und erst am Morgen des 26.sten &uuml;berspielt wurden erschienen am gleichen Tag im Bulletin. Zum Vergleich: Heute meldet <a href=\"https:\/\/skyweek.wordpress.com\/\">Skyweek<\/a>, das die Mascot-Aufnahmen der Landung auf Ryugu ver&ouml;ffentlicht wurden. Wahnsinn, lediglich 10 Monate nach der Landung am 3.10.2018. Oder was ist mit den Aufnahmen von CASSIS, der Kameras des TGO? Die kann man an den Fingern der Hand abz&auml;hlen. Dabei haben die Schweizer sogar angek&uuml;ndigt, das die Community mitbestimmen darf, was abgelichtet wird. Ja versprechen kann man viel. Wie vieles andere in den letzten 30 Jahren ist es nicht schlimmer geworden.<\/p>\n<p>Manchmal komme ich mit vor wie die Fans des Fu&szlig;balls. Es ist nicht mehr das gleiche wie fr&uuml;her. Fu&szlig;ball ist heute nur noch kommerziell, Raumfahrt geheim oder es gibt nur Werbeslogans oder gesch&ouml;nte, seichte Pressemitteilungen. Man sollte sich von beidem verabschieden und seine Zeit in etwas anderes investieren. Aber wie die meisten Fu&szlig;ballfans bleibe ich noch dabei. Wahrscheinlich wird es auch weitergehen wie beim Fu&szlig;ball. Wer Bundesliga und Co ansehen will, muss zahlen. Echte Ergebnisse und Fakten aus der Raumfahrt wird es wahrscheinlich auch bald nur noch in Nature, Science oder &auml;hnlichen Publikationen geben. Die europ&auml;ische Raumfahrt hat dieses Niveau ja schon erreicht.<\/p>\n<p>Wer in Erinnerungen schwelgen will: Die <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=bAxjINMzfjE\">Tagessschau von damals<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ja es ist wirklich schon 30 Jahre her seit Voyager 2 an Neptun vorbeiflog. Was hat sich in der Zeit nicht alles ge&auml;ndert. Damals gab es die ersten Nachrichten &uuml;ber Massenflucht von DDR B&uuml;rgern aus Ungarn \u2013 ein Jahr sp&auml;ter fiel die Mauer. 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