{"id":14262,"date":"2019-08-30T20:03:04","date_gmt":"2019-08-30T18:03:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=14262"},"modified":"2019-08-30T20:03:04","modified_gmt":"2019-08-30T18:03:04","slug":"wie-viel-schub-braucht-eine-oberstufe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2019\/08\/30\/wie-viel-schub-braucht-eine-oberstufe\/","title":{"rendered":"Wie viel Schub braucht eine Oberstufe"},"content":{"rendered":"<p>Die Vulkan hat mich auf ein Thema gebracht, das mir schon lange behandeln wollte, damals mit der Intension eine \u201ebessere\u201c Oberstufe f&uuml;r die Ariane 5 zu konstruieren. Doch wie ich feststellte, sind die derzeitigen ECA und ECB wirklich das Optimum. Selbst wenn man die Triebwerkszahl vergr&ouml;&szlig;ert, bekommt man kaum mehr Nutzlast. Doch mit der noch nicht existenten Vulcan gibt es eine Spielwiese f&uuml;r solche Betrachtungen. Da sie nur zwei Stufen hat, ist die Simulation besonders einfach.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg09.met.vgwort.de\/na\/05c135a264864b3ca338f30ce1a7a96d\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/><!--more--><\/p>\n<h3>Historische Betrachtung<\/h3>\n<p>Fr&uuml;here Raketen hatten in der zweite Stufe oft einen hohen Schub. Die <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/titan12.shtml\"> Titan II<\/a> z. B. Einen von 444 kN Schub bei maximal 34 t Masse mit der Nutzlast. Das entspricht einer Beschleunigung von 1,33 g (1 g = 9,81 m\/s\u00b2). Da sie als ICBM die Endgeschwindigkeit schnell aufbauen soll \u2013 es spielt bei dieser \u201eAnwendung\u201c keine Rolle, wie lange sie dazu braucht, ideal w&auml;re sogar wie bei einer kugel eine Beschleunigungszeit von Null, war dies f&uuml;r diesen Einsatz die beste Wahl.<\/p>\n<p>Mit der Einf&uuml;hrung von Stufen f&uuml;r Tr&auml;gerraketen sank die Startbeschleunigung ab. Die erste Version der Agena hatte noch eine Masse von 3.790 kg bein einer maximalen Nutzlast von 2.000 kg. Bei einem Schub von 68,9 kN war dies eine Beschleunigung von 1,21 g. Die letzte Version Agena D wog auf der Titan III 7.910 kg bei 4.034 kg Nutzlast, das entspricht bei nur leicht gesteigertem Schub (71,2 kN) nur noch einer Beschleunigung von 0,61 g also halb so viel.<\/p>\n<p>Eine &auml;hnliche Entwicklung sieht man bei der <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/centaur.shtml\">Centaur<\/a>. Die erste Version wog 15,4 t ohne Nutzlast (maximal 4,7 t) und hatte 133 kN Schub. Die heutige Version wiegt 23,1 t bei maximal 9,072 t Nutzlast. Der Schub sank aber von 133,4 auf 99,2 kN. Das Startgewicht stieg also um 50 %, w&auml;hrend der Schub um ein Drittel sank. In der Summe ist das auch eine Halbierung der Anfangsbeschleunigung.<\/p>\n<p>Der Grund ist relativ einfach: Triebwerke sind das teuerste an einer Stufe. Sie machen bei einer <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/atlas-v.shtml\">Atlas V<\/a> fast zwei Drittel der Kosten der ersten Stufe aus. Bei der zweiten Stufe, bei der auch noch die Avionik und Nutzlastverkleidung hinzukommt, sind es immerhin noch 30 %. &Auml;hnliches liegt bei der ESC-A (32,2 %), und dem ULPM der <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/ariane6.shtml\">Ariane 6<\/a> (37,9 %) vor. W&uuml;rde man die Triebwerkszahl verdoppeln, so w&uuml;rden bei diesen Stufen also die Kosten um ein Drittel ansteigen. Bei der Ariane 6 w&auml;re dies eine Steigerung um 7,5 Millionen Euro.<\/p>\n<p>Daher ist man bestrebt, den Schub auf das Minimum zu senken.<\/p>\n<p>Doch das ist nicht einfach. Es h&auml;ngt von der Startgeschwindigkeit, Treibstoffzuladung und dem Orbit ab. Das ist naheliegend:<\/p>\n<p>Die Startgeschwindigkeit ist wichtig, weil sobald ein Orbit erreicht ist, der Schub egal ist \u2013 sonst g&auml;be es ja keine Ionentriebwerke. Bis dahin aber ist der Schub wichtig. Ist der Schub geringer als ein Level so verliert die Stufe an H&ouml;he. Sie k&ouml;nnte dann in die Atmosph&auml;re wieder eintreten, bevor sie einen Orbit erreicht. So passiert bei einem Start der<a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/proton.shtml\"> Proton M<\/a> Block DM3, bei dem man zu viel Treibstoff zugeladen hatte. Je h&ouml;her die Geschwindigkeit der ersten Stufe ist bei der die Abtrennung erfolgt, desto geringer kann der Schub sein.<\/p>\n<p>Die Treibstoffzuladung bestimmt die Brenndauer. Es macht einen Unterschied ob eine Stufe 100 s lang brennt, bis sie die Orbitalgeschwindigkeit erreicht hat oder 300 s. Denn sie kann dann auch 200 s l&auml;nger absinken.<\/p>\n<p>Der Orbit ist wichtig, weil je h&ouml;her der Geschwindigkeitsbedarf f&uuml;r einen Orbit ist, desto kleiner ist die Nutzlast, also das Startgewicht. Vor allem aber, wenn es z. B. Ein GTO-Orbit ist, dann entfallen 2,6 km\/s der Beschleunigungsphase auf eine Zeit, in der schon die Orbitalgeschwindigkeit erreicht wurde. Das ist ein v&ouml;llig anderer Fall als bei einem LEO, wo die Orbitalgeschwindigkeit erst zu Brennschluss erreicht wird.<\/p>\n<p>Ich will das mal bei meiner <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2019\/08\/29\/meine-vulcan-alternative\/\"> hypothetischen Vulcan<\/a> erl&auml;utern. Und zwar mit zwei Extremen:<\/p>\n<ul>\n<li>Einer 30 t Stufe mit zwei RL10 (212 kn Schub)<\/li>\n<li>Einer 60 t Stufe mit zwei RL10 (212 kn Schub)<\/li>\n<li>Einer 30 t Stufe mit einem RL10 (1062 kn Schub)<\/li>\n<\/ul>\n<p>Die zweite Stufe ist also schlicht und einfach doppelt so schwer. Die dritte Stufe entspricht der zweiten was Anfangsbeschleunigung und Brennzeit entspricht, doch da das Gesamtsystem z&auml;hlt habe ich sie als Beispiel hinzugenommen, denn das Ergebnis ist nicht dasselbe. Die Modellierung erfolgte f&uuml;r zwei Orbits:<\/p>\n<ul>\n<li>LEO (200 km kreisf&ouml;rmig)<\/li>\n<li>Mars (10 km\u00b2\/s\u00b2 &uuml;ber Fluchtgeschwindigkeit)<\/li>\n<\/ul>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft\" style=\"float: left;\" src=\"\/img\/grafik-leo.png\" alt=\"\" width=\"1033\" height=\"600\" \/>Hier sind in gleichem Ma&szlig;stab die beiden Aufstiegskurven abgebildet. F&uuml;r schubschwache Oberstufen ist der Buckel charakteristisch. Er entsteht dadurch das der Schub anfangs zu schwach ist, die Rakete gegen die Erdanziehung zu beschleunigen. Sie f&auml;llt also. Damit sie nicht vergl&uuml;ht, muss die erste Stufe sie auf eine Aufstiegsbahn bef&ouml;rdern, deren Apog&auml;um so hoch ist, dass dies bis zum Brennschluss nicht der Fall ist. Nat&uuml;rlich ist der Buckel dann um so gr&ouml;&szlig;er je schubschw&auml;cher die Rakete ist, das sieht man deutlich an den LEO-Bahnen. Der Buckel ist energetisch ung&uuml;nstig. Denn er erfordert Hubarbeit bei der ersten Stufe. Wie man sieht, erfolgt dann der Brennschluss nahe der Orbith&ouml;he. Bei meiner Modellierung gibt es eine Untergrenze, die f&uuml;r eine akzeptierte L&ouml;sung nicht unterschritten werden darf, nachdem sie einmal beim Aufstieg &uuml;berschritten wurde. Bei dieser Simulation sind es 180 km. Man kann wegen dem ausgepr&auml;gten Buckel die Nutzlast bei den \u201eschlechten\u201c Varianten erh&ouml;hen, wenn man diese H&ouml;he absenkt, z.B. auf 170 oder 160 km. In dieser H&ouml;he sind Satellitenorbits noch stabil. Die H&ouml;he muss hoch genug sein, dass die Nutzlast nicht vergl&uuml;ht, aber auch (und das geschieht schon vorher) sich durch die Reibung nicht zu sehr aufheizt.<\/p>\n<p>Bei h&ouml;heren Geschwindigkeiten erreicht die Stufe dann irgendwann die Orbitalgeschwindigkeit und von nun an steigt sie durch die weitere Beschleunigung nur noch an und die Kurve steigt an. Bei der kleinen Stufe gibt es gar keinen Buckel mehr, bei der gr&ouml;&szlig;eren noch einen ausgepr&auml;gten. Man sieht in beiden F&auml;llen ist dies ung&uuml;nstig.<\/p>\n<p>In beiden F&auml;llen sieht man schon an der Grafik \u2013 die 60 t schwere Stufe ist keine gute Idee. Wenn man nun nur noch auf die Nutzlasten schaut, wird das auch deutlich:<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright\" style=\"float: right;\" src=\"\/img\/grafik-mars.png\" alt=\"\" width=\"1041\" height=\"600\" \/><\/p>\n<table>\n<thead>\n<tr>\n<th>Stufe<\/th>\n<th>LEO<\/th>\n<th>Mars<\/th>\n<\/tr>\n<\/thead>\n<tbody>\n<tr>\n<td>30 t<\/td>\n<td>22,1 t<\/td>\n<td>6,3 t<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>60 t<\/td>\n<td>10,7 t<\/td>\n<td>4 t<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>30 t ein RL10<\/td>\n<td>16,3 t<\/td>\n<td>6 t<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>Obwohl die Stufe also doppelt so schwer ist, ist die Nutzlast nur halb so gro&szlig;. Dagegen bedeutet das Weglassen eines Triebwerks bei der 30 t schweren Stufe nur beim LEO eine betr&auml;chtliche Nutzlastabnahme. Das w&auml;re also eine Sparma&szlig;nahme, die sinnvoll ist \u2013 auch bei der Atlas V und Ariane 1-4 kann die theoretische LEO-Nutzlast nicht voll ausgenutzt werden. Bei der Atlas V gibt es immerhin die Double Engine Centaur f&uuml;r diese Problematik als Alternative \u2013 allerdings wurde diese bisher nie ben&ouml;tigt. Die Nutzlastabnahme ist zudem um so dramatischer je niedriger die Endgeschwindigkeit ist \u2013 beim LEO sind es bis zu 11 t, also die H&auml;lfte der Nutzlast, beim Marskurs nur noch 2 t, immerhin 2\/3 der Nutzlast.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Vulkan hat mich auf ein Thema gebracht, das mir schon lange behandeln wollte, damals mit der Intension eine \u201ebessere\u201c Oberstufe f&uuml;r die Ariane 5 zu konstruieren. Doch wie ich feststellte, sind die derzeitigen ECA und ECB wirklich das Optimum. 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