{"id":14417,"date":"2019-11-18T11:51:26","date_gmt":"2019-11-18T10:51:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=14417"},"modified":"2019-11-18T11:51:26","modified_gmt":"2019-11-18T10:51:26","slug":"abwehrmoeglichkeiten-fuer-neo-teil-2-anstreichen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2019\/11\/18\/abwehrmoeglichkeiten-fuer-neo-teil-2-anstreichen\/","title":{"rendered":"Abwehrm&ouml;glichkeiten f&uuml;r NEO \u2013 Teil 2: Anstreichen"},"content":{"rendered":"<p>Eine zumindest in manchen Medien gern propagierte Methode uns vor dem Einschlag eines NEO zu sch&uuml;tzen ist es ihn anzustreichen. Klingt doch toll und irgendwie nach grundsolider handwerklicher Arbeit und l&ouml;st nebenbei das Arbeitslosenproblem, wenn Tausende von Malern einen Asteroiden anstreichen \u2026<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/6ec028b1eae041b79a3a3fa78b500ed8\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><!--more--><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright\" style=\"float: left;\" src=\"\/img\/neo-solar1.png\" alt=\"Abbildung 1\" width=\"800\" height=\"650\" \/>Scherz beiseite. Das Ph&auml;nomen beruht letztendlich auf dem Strahlungsdruck des Lichts. Das ist der Druck, den das Licht selbst aus&uuml;bt, nicht zu verwechseln mit dem Impuls, den sie durch Ionen wir Protonen oder Alphateilchen aus&uuml;bt, diese haben aber in der Summe einen noch kleineren Impuls. Bei 100 % Absorption, das w&uuml;rde vorliegen, wenn der Asteroid ganz schwarz w&auml;re und alles Licht schluckt macht er 4,6 Mikro-Pascal aus, entsprechend einem Schub von 4,6 \u00b5N\/m\u00b2. W&uuml;rde er das Licht total reflektieren, dazu m&uuml;sste er mit einer reflektierenden Schicht wie ein Spiegel versehen sein, so w&auml;re der Impuls maximal doppelt so gro&szlig; also 9,2 Mikro-Newton.<\/p>\n<p>Auf einen Quadratkilometer Fl&auml;che wirkt also nur eine Kraft von maximal 9,2 Newton, das w&auml;re auf der Erde der Druck, den ein Gewicht von 1 kg aus&uuml;bt. Daher werden bei uns auf der Erde auch tiefschwarz angestrichene H&auml;user durch den Sonnenschein nicht vom Fleck bewegt. Doch Asteroiden sind klein und der Schub ist immer da, &uuml;ber Jahre und Jahrzehnte kann man so doch vielleicht zu einer gr&ouml;&szlig;eren &Auml;nderung kommen. Zeit also das Mal genauer zu betrachten.<\/p>\n<p>Zuerst wie w&uuml;rde man es umsetzen? Nun sicher nicht, indem man mit Pinseln den Asteroiden anstreicht. Man ben&ouml;tigt nur eine Substanz, die viel heller als die normale Oberfl&auml;che ist. Solche Pigmente findet man auch in Wandfarbe, nur k&ouml;nnte man auf das L&ouml;sungsmittel verzichten. Es muss aber kein Pigment sein. Styropor ist auch hell und besteht zum gr&ouml;&szlig;ten Teil aus Luft (die K&ouml;rner w&uuml;rden sich so im Vakuum sogar noch vergr&ouml;&szlig;ern und dann platzen, was ihre Oberfl&auml;che weiter vergr&ouml;&szlig;ert). Schon normales Polystyrol kann mit einer Dichte von 15 kg\/m\u00b3 gefertigt werden. Eine 2 mm dicke Schicht w&uuml;rde dann nur 30 g wiegen. Doch wie tr&auml;gt man es auf? Das ist relativ einfach. Es funktioniert im Prinzip wie bei einem Farbspr&uuml;hger&auml;t. Bewegt sich ein Satellit &uuml;ber den K&ouml;rper, so muss er nur das Material nach hinten gegen die Bewegungsrichtung leicht beschleunigen. Bei den K&ouml;rpern, von denen wir reden, mit einem Durchmesser von weniger als einem Kilometer, liegt die Kreisbahngeschwindigkeit bei unter 1 m\/s. Schon eine geringe Beschleunigung gegen die Bewegungsrichtung f&uuml;hrt dazu das das Material geradewegs auf die Oberfl&auml;che trifft. Eher hat man das Problem, das es dort bleibt, also nicht zu stark beschleunigen. Hilfe leistet die elektrostatische Aufladung durch die permanente Bombardierung mit Plasmateilchen von der Sonne. Zu ber&uuml;cksichtigen ist auch, das man die ganze Oberfl&auml;che abdecken muss, schlie&szlig;lich rotiert der K&ouml;rper, auch wenn nur die H&auml;lfte dem Licht ausgesetzt ist. Daneben ist die Oberfl&auml;che nicht eben, was sich in einem Mehrverbrauch ausdr&uuml;ckt. Realistisch wird man also, wenn man die 2 mm Styroporschicht als Referenz nimmt, mehr als 60 g\/m\u00b2 absorbierten Fl&auml;che brauchen.<\/p>\n<p>Eine andere Umsetzung nimmt die Technologie von <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/sonnensegel.shtml\">Sonnensegeln<\/a>. Diese setzen ultrad&uuml;nne Folien ein, die aufgespannt werden. Das hat mehrere Vorteile. Zum einen sind diese reflexiv beschichtet. Dadurch ist der Impuls viel h&ouml;her als bei der Reflexion. Zum Zweiten wiegen die Folien weniger. 10 bis 15 g\/m\u00b2 Fl&auml;chengewicht wurden bei kleinen Segeln erreicht, gr&ouml;&szlig;ere k&ouml;nnten noch leichter sein, (dazu k&auml;men aber noch Streben und Entfaltmechanismus). Dann kann das Segel gr&ouml;&szlig;er als der Asteroid sein und somit viel wirksamer. Zuletzt kann man es drehen und so aktiv den Kurs beeinflussen.<\/p>\n<h3>Nachgerechnet<\/h3>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright\" style=\"float: right;\" src=\"\/img\/neo-solar2.png\" alt=\"Abbildung 2\" width=\"800\" height=\"650\" \/>Ich habe wie im ersten Beispiel den Asteroiden <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/(99942)_Apophis\">99942 Apophis<\/a> genommen. Er hat einen Durchmesser von 325 kg und eine Masse von 10 Millionen Tonnen. Beides sind gesch&auml;tzte Werte, aber irgend einen Wert ben&ouml;tigt man. Astroiden sind relativ dunkel. Der Mond hat einen Reflexionsgrad von 12 %, Bennu einen von 4,4 % Ryugo liegt zwischen 3,7 und 7,8 %. Nur Itokawa soll eine hohe Albedo von 23 \u2013 53 % haben (die Quellen sind sich da nicht einig). Demgegen&uuml;ber erreichen wei&szlig;e Pigmente eine Reflexion von &uuml;ber 90 % (zu kl&auml;ren w&auml;re noch, ob das Styropor nicht nachdunkelt durch die UV-Strahlung und ihre induzierten Reaktionen, dann w&auml;re ein Wei&szlig;pigment wie Titanoxid vielleicht doch besser). Nimmt man eine Reflexions&auml;nderung nur von 70 % an und bedeckt die gesamte Oberfl&auml;che des Asteroiden mit Pigmenten, so kommt man nach 30 Jahren auf folgendes Ergebnis:<\/p>\n<p>Wie die Grafik zeigt, &auml;ndert man nach 30 Jahren die Position nur um rund 300 km, die Gesamtbeschleunigung betr&auml;gt gerade mal 3 mm\/s &uuml;ber diese Zeit. Wir ben&ouml;tigen, wenn ich von obigen 30 g\/m\u00b2 ausgehe und man Unebenheiten ignoriert knapp 2500 kg Pigmente, das w&auml;re immerhin mit einer heute zu startenden Mission ohne Scherlastrakete zu schaffen. Aber die kleine Geschwindigkeits&auml;nderung und die Positionsabweichung von 300 km zeigt, das ist viel zu wenig. Wenn man den Asteroiden nur um den Erddurchmesser verschieben will (wie im ersten Artikel gezeigt reicht das, weil die Erde den Kurs zu sich kr&uuml;mmt, nicht aus) m&uuml;sste die Abbremsung um den Faktor 40 bis 50 besser sein.<\/p>\n<p>Der Schluss ist aber auch logisch, denkt man das n&auml;mlich weiter so m&uuml;sste auch die normale Oberfl&auml;che mit f&uuml;nf bis zehnmal kleinerem Reflexionsgrad in der f&uuml;nf bis zehnfachen Zeit dieselbe Positions&auml;nderung erreichen. Bedenkt man das der Asteroid seit 4,5 Milliarden Jahren existiert und immer noch die Sonne umkreist, so ist klar das er bei einer wirksamen Beschleunigung nur durch den Strahlungsdruck er l&auml;ngst das Sonnensystem verlasen h&auml;tte. Dieses Schicksal hat Staub, bei dem das Oberfl&auml;chen\/Massenverh&auml;ltnis viel g&uuml;nstiger ist.<\/p>\n<p>F&uuml;r das zweite Beispiel habe ich nun ein Sonnensegel genommen, das gr&ouml;&szlig;er als der Asteroid ist und es solange vergr&ouml;&szlig;ert, bis nach 30 Jahren in etwa eine Abweichung von 15.000 km herauskommt. Bedingt durch die elliptische Umlaufbahn schwankt die Positionsabweichung etwas, doch auch im Minimum sind es noch &uuml;ber 12.000 km. Ich komme auf eine Fl&auml;che von 2.000.000 m\u00b2 bei einer Annahme von 90 % Reflexion und vorher 10 % Absorption. Wenn ein Quadratmeter mit Streben und Entfaltmechanismus 20 g wiegt, was technisch schon anspruchsvoll ist, w&uuml;rde das Segel bei dieser Gr&ouml;&szlig;e 40 t wiegen. Das bekommt nicht mal eine SLS transportiert.<\/p>\n<p>Immerhin hat man damit, die M&ouml;glichkeit den Kurs gezielt zu beeinflussen. 99942 Apophis hat ja ein Aphel, das mit 162 Millionen km leicht au&szlig;erhalb der Erdbahn liegt. Er hat die Erdbahn in den vergangenen 5 Milliarden Jahren, seit es ihn gibt, etliche Male gekreuzt (w&uuml;rde sich die Bahn nie ver&auml;ndern, dann etwa 5 Milliarden Mal), warum ist er noch nie eingeschlagen? Weil die Bahnneigung 3,3 Grad betr&auml;gt. Er passiert so die Erdbahnebene meist oberhalb oder unterhalb der Erde. Deswegen kommt er, obwohl das Perihel nur 2 Millionen km au&szlig;erhalb der Venusbahn liegt, in 2000 Jahren der Venus nur auf 5,5 Millionen km nahe, viel weniger nahe als der Erde. Wenn man mit einem Sonnensegel die Bahn beeinflussen w&uuml;rde, so w&uuml;rde man die Bahnparameter ver&auml;ndern, die zu einer maximalen Abweichung f&uuml;hrt und es laufend drehen.<\/p>\n<h3>Alternative Ionentriebwerk?<\/h3>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft\" style=\"float: left;\" src=\"\/img\/neo-solar4.png\" alt=\"Abbildung 3\" width=\"800\" height=\"650\" \/>Mit chemischen Treibstoff \u2013 das zeigt <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2019\/11\/15\/abwehrmoeglichkeiten-fuer-neo-teil-1-impulsmanoever\/\"> Teil 1<\/a>, ben&ouml;tigt man viel zu gro&szlig;e Massen um einen Asteroiden zu bewegen. Etwas besser sieht es mit <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/elektrische-antriebe.shtml\"> Ionentriebwerken<\/a> aus. G&auml;ngige Exemplare haben einen spezifischen Impuls von 30 bis 45 km\/s, also zehnmal besser als beim chemischen Antrieb. Gro&szlig;e Triebwerke f&uuml;r bemannte Marsmissionen werden gerade entworfen und sollen 60 bis 80 km\/s erreichen. Technisch m&ouml;glich sind bis 200 km\/s. So kann man den Treibstoffverbrauch um den Faktor 10 bis 40 senken.<\/p>\n<p>Ansonsten gibt es viele &Auml;hnlichkeiten zum Sonnensegel: Der Antrieb ist ein Niedrigschubantrieb, er arbeitet sehr lange. Aber anders als beim Sonnensegel ist der Treibstoff endlich. Ich habe auch daf&uuml;r eine Simulation geschrieben. Aber schon Kopfrechnen zeigt: Die Geschwindigkeits&auml;nderung ist klein. 50.000 kg Treibstoff, das ist immerhin mehr als eine SLS transportieren kann, mit dem Antrieb mit dem h&ouml;chsten Impuls (78 km\/s) k&ouml;nnen den 10 Millionen Tonnen schweren Asteroiden nur um 0,39 m\/s beschleunigen (78.000*50.000\/10.000.000.000). Der Ionenantrieb punktet durch die lange Betriebsdauer. Bei einem 1 MW Reaktor und 60 % Wirkungsgrad muss er &uuml;ber 8 Jahre arbeiten, sodass trotz der kleinen &Auml;nderung die Distanz am Schluss &uuml;ber 56.000 km sind. Allerdings kann man das auch erreichen, wenn man einen Impuls vor 8 Jahren macht, dann ist die &Auml;nderung sogar noch gr&ouml;&szlig;er. H&auml;tte man den Impuls gleich am Anfang durchgef&uuml;hrt, die Abweichung l&auml;ge nach 10 Jahren bei 530.000 km. Man kommt, wenn man gen&uuml;gend Zeit hat, also mit dem chemischen Antrieb weiter als es zuerst aussieht. Es reicht dann auch um nur 0,04 m\/s zu korrigieren, um dieselbe Abweichung zu erhalten, was den Vorteil eines Ionenantriebs (der neben dem Treibstoff ja auch eine Stromversorgung in Form von Solarzellen oder eher noch einem Reaktor ben&ouml;tigt) weitestgehend wieder reduziert.<\/p>\n<p>Auch das Sonnensegel muss riesig sein, um in annehmbarer Zeit (wieder 10 Jahre) die n&ouml;tige Positions&auml;nderung durchzuf&uuml;hren. Wenn man die 50.000 km Positions&auml;nderung von oben &uuml;bernimmt, so kommt man bei Apophis auf einer Fl&auml;che von 25 km\u00b2, die auch bei 20 g\/m\u00b2 dann schon 500 t wiegen, also mehr als die 50 t Treibstoff f&uuml;r den Ionenantrieb oder etwa 89 t chemischem Treibstoff (LOX\/LH2).<\/p>\n<p>Was hilft ist eigentlich nur Zeit, denn die Abweichungen der K&ouml;rper werden ja immer gr&ouml;&szlig;er, da die Umlaufbahnen unterschiedliche Perioden haben. Sie erreichen dann nach einigen Tausend Jahren ein Maximum, um danach wieder abzunehmen. Das zeigt auch Abbildung 4 \u2013 der gleiche Ionenantrieb nur diesmal eben &uuml;ber 30 Jahren, obwohl er nach 9 Jahren schon keinen Treibstoff mehr hat (Farb&uuml;bergang blau \u2192 gr&uuml;n). Der Abstand w&auml;chst weiter an, nur nicht mehr so stark, als wenn ein Antrieb aktiv ist. Das Problem hat so deutliche Parallelen zur Klimapolitik: je fr&uuml;her man etwas unternimmt, desto kleiner der Aufwand um eine weltweite Katastrophe zu verhindern. Und daher erwarte ich das, wenn man wirklich mal einen K&ouml;rper findet, der mit der Erde kollidieren k&ouml;nnte, man erst wenige Jahre vorher reagiert. Apophis ist &uuml;brigens so ein K&ouml;rper \u2013 sein Einschlagsrisiko f&uuml;r den 13.4.2029 betr&auml;gt 2,7 %, allerdings mit einer gro&szlig;er Unsicherheit.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine zumindest in manchen Medien gern propagierte Methode uns vor dem Einschlag eines NEO zu sch&uuml;tzen ist es ihn anzustreichen. Klingt doch toll und irgendwie nach grundsolider handwerklicher Arbeit und l&ouml;st nebenbei das Arbeitslosenproblem, wenn Tausende von Malern einen Asteroiden anstreichen \u2026<\/p>\n","protected":false},"author":169,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[28,3093,1305],"class_list":["post-14417","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-asteroid","tag-asteroidenabwehr","tag-neo","entry"],"a3_pvc":{"activated":false,"total_views":237,"today_views":0},"jetpack_featured_media_url":"","jetpack-related-posts":[{"id":18519,"url":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2026\/02\/03\/warum-elon-musk-zum-mars-will\/","url_meta":{"origin":14417,"position":0},"title":"Warum Elon Musk zum Mars will","author":"Bernd Leitenberger","date":"3. 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