{"id":14641,"date":"2020-03-11T12:57:28","date_gmt":"2020-03-11T11:57:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=14641"},"modified":"2020-03-11T12:57:28","modified_gmt":"2020-03-11T11:57:28","slug":"einsatzmoeglichkeiten-fuer-kernreaktoren-bei-raumfahrzeugen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2020\/03\/11\/einsatzmoeglichkeiten-fuer-kernreaktoren-bei-raumfahrzeugen\/","title":{"rendered":"Einsatzm&ouml;glichkeiten f&uuml;r Kernreaktoren bei Raumfahrzeugen"},"content":{"rendered":"<p>Wenn heute radioaktives Material bei Raumfahrzeugen (sowohl bemannt wie unbemannt) eingesetzt wird, dann meist in RTG, dabei wird die beim Zerfall freiwerdende W&auml;rme in Strom umgewandelt, meist &uuml;ber die Eigenschaft bestimmter Metalle bei einem Temperaturgradienten Strom abzugeben. (thermoelektrischer Effekt, steckt auch im K&uuml;rzel RTG). Eingesetzt wird fast ausschlie&szlig;lich Plutonium-238 ein relativ seltenes Isotop, das aufwendig zu produzieren ist und in normalen Kernreaktoren kaum anf&auml;llt, bzw. wieder zerst&ouml;rt wird.<\/p>\n<p>Kernreaktoren wurden bisher kaum eingesetzt. Die USA hatten einen Test mit SERT Mitte der Sechziger, Russland hat f&uuml;r eine bestimmte Satellitenklasse, die einen hohen Strombedarf hatten, kleine Kernreaktoren gebaut. Dies aber auch vor zwanzig Jahren eingestellt.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg06.met.vgwort.de\/na\/ab182bc87c6d4b6a80fd6575ddfa6128\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><!--more--><\/p>\n<p>Ich will heute mal die Einsatzm&ouml;glichkeiten diskutieren.<\/p>\n<p>Vom Aufbau her unterscheidet sich ein kleiner Kernreaktor \u2013 er kann ja nicht so gro&szlig; sein, wie einer in einem Kraftwerk, nicht so stark von dem eines Kernkraftwerks. Hier wie da haben wir Brennst&auml;be aus angereichtem Uran, Moderationsst&auml;be aus Substanzen die Neutronen verlangsamen, damit sie m&ouml;glichst viele Kernreaktionen durchf&uuml;hren und nicht entweichen und Kontrollst&auml;be die daf&uuml;r sorgen, dass die Reaktion konstant bleibt. Nur ist das Uran in kleinen Kernreaktoren st&auml;rker angereichert, damit die Neutronen auch noch gen&uuml;gend Uranatome treffen, um die Kettenreaktion am Laufen zu halten. Der Unterschied beginnt im K&uuml;hlkreislauf. Der US-Reaktor bei SERT hatte kein aktives K&uuml;hlsystem, er nutzte wie RTG den thermoelektrischen Effekt und produzierte so aus 45 kW W&auml;rmeabgabe lediglich 650 Watt elektrische Leistung. RTG erreichen heute etwas h&ouml;here Wirkungsgrade von 5 bis 6 %, aber das h&auml;ngt auch von der Temperaturdifferenz ab. Der Reaktor war bei SERT nur 585 \u00b0C hei&szlig;. Die folgenden US-Entwicklungen, die es seitdem gab, setzen auf Heatpipes, die die W&auml;rme nach au&szlig;en abf&uuml;hren. In diesen verdampft Natriumdampf am Reaktor und kondensiert in der K&auml;lte wieder, der Dampf kann dann eine Turbine antreiben, die Strom erzeugt. Derartige Reaktoren haben einen h&ouml;heren Wirkungsgrad der bei Leistungen von 100 kW und mehr 25 Prozent erreicht.<\/p>\n<p>Die russischen Reaktoren setzten in der ersten Generation auf C&auml;siumdampf, die Zweite auf eine Natrium-Kaliumlegierung. Sie wird als K&uuml;hlmittel wie bei einem \u201enormalen\u201c Kernreaktor eingesetzt also ohne Heatpipes. Der Wirkungsgrad war auch eher gering: von 150 kW thermischer Leistung blieben bei Topaz-2 noch 6 kW elektrische Leistung &uuml;brig.<\/p>\n<p>Solange der Wirkungsgrad so gering ist, wie bei RTG gibt es nur wenige Gr&uuml;nde einen Kernreaktor anstatt RTG einzusetzen. Einer kann die Kostenfrage sein. Auch wenn die Kernreaktoren hochangereichertes Uran einsetzen, damit sie m&ouml;glichst kompakt sind, sind die Kosten daf&uuml;r doch deutlich niedriger als f&uuml;r Plutonium-238, dessen Kosten bei rund 10 Millionen Dollar pro Kilogramm liegen. Zudem sind sie sicherer \u2013 Plutonium 238 hat eine Halbwertszeit von 87 Jahren und strahlt entsprechend stark. Selbst wenn die Reaktoren aus reinem Uran-235 best&auml;nden so hat dieses doch eine Halbwertszeit von 700 Millionen Jahren und entsprechend strahlt es weniger stark. Richtig radioaktiv werden die Reaktoren erst, wenn die Kontrollst&auml;be zur&uuml;ckgefahren werden und die Kettenreaktion erm&ouml;glicht wird, dann entstehen die Transurane wie Neptunium, Plutonium und die kurzlebigen Spaltprodukte wie Isotope des C&auml;siums, Strontiums und Iod. Das ist aber erst der Fall, wenn sie einen stabilen Orbit erreicht haben. Es gab den Vorfall mit Kosmos 954, einem Satelliten mit einem Kernreaktor. Diese Satelliten waren in niedrigen Umlaufbahnen und wurden zu Missionsende dann in eine h&ouml;here Umlaufbahn gebracht, doch bei Kosmos 954 verlor man vorher den Kontakt, sodass er in der Atmosph&auml;re auseinanderbrach und in Kanada niederging. Sp&auml;ter bekamen russische Satelliten ein System, das sie automatisch in eine h&ouml;here Umlaufbahn bringen sollte, doch auch das scheint mindestens einmal versagt zu haben.<\/p>\n<p>Auf der anderen Site hat man bei RTG noch nicht alle M&ouml;glichkeiten ausgesch&ouml;pft, so hat die NASA die Forschung an RTG die einen Sterling-Motor nutzen eingestellt, dieser h&auml;tte den Wirkungsgrad um den Faktor 3-4 erh&ouml;ht, allerdings und das war sein Manko, hat er bewegliche Teile, die ausfallen k&ouml;nnen.<\/p>\n<p>Bei Reaktoren ist es so, dass je gr&ouml;&szlig;er sie sind, desto effizienter werden sie, wenn man die Leistung auf das Gewicht bezieht. Die UDA haben zuletzt zwei Studien gemacht. Das eine war SAFE, ein Reaktor der 400 kW thermische Leistung hatte und der Kilopower Reaktor mit 10 kW Leistung. Nicht nur der Wirkungsgrad war unterschiedlich (25 und 10 %) sondern der kleine Reaktor (allerdings mit Stirling-Technologie und Radiatoren da f&uuml;r eine bemannte Marsmission vorgesehen) wiegt mit 750 kg mehr als SAFE mit 512 kg.<\/p>\n<p>F&uuml;r praktische Einsatzgebiete ist ein wichtiger Wert die Leistung pro Masse. Weniger bei normalen Satelliten, als vielmehr bei Raumsonden, die auf eine viel h&ouml;here Geschwindigkeit beschleunigt werden und die daher leichter sind, als auch f&uuml;r Ionenantriebe, hier in Konkurrenz zu Solarzellen. F&uuml;r bemannte Missionen ist die Abw&auml;rme ein Vorteil, allerdings wird sie bei den derzeitigen Konzepten f&uuml;r die Marsmissionen nicht genutzt. Vor allem aber ist die Leistung konstant, anders als bei Solarzellen die bei steigender Entfernung von der Sonne an Leistung verlieren. Hier einige Werte f&uuml;r die elektrische Leistung pro Masse bei etablierten Systemen:<\/p>\n<table width=\"100%\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"4\">\n<colgroup>\n<col width=\"128*\" \/>\n<col width=\"128*\" \/> <\/colgroup>\n<thead>\n<tr valign=\"TOP\">\n<th width=\"50%\">Stromversorgung<\/th>\n<th width=\"50%\">Leistung bei 1 AE Sonnendistanz<\/th>\n<\/tr>\n<\/thead>\n<tbody>\n<tr valign=\"TOP\">\n<td width=\"50%\">RTG (HPHS)<\/td>\n<td width=\"50%\">5,6 W\/kg<\/td>\n<\/tr>\n<tr valign=\"TOP\">\n<td width=\"50%\">Konventionelle Solargeneratoren<\/td>\n<td width=\"50%\">85 W\/kg<\/td>\n<\/tr>\n<tr valign=\"TOP\">\n<td width=\"50%\">Flexible Solargeneratoren<\/td>\n<td width=\"50%\">120 bis 170 W\/kg (je nach Gr&ouml;&szlig;e)<\/td>\n<\/tr>\n<tr valign=\"TOP\">\n<td width=\"50%\">Solargeneratoren mit Solarkonzentratoren<\/td>\n<td width=\"50%\">170 bis 300 W\/kg<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>Klar ist, dass kleine Kernreaktoren mit ihren schlechten Werten in Erdn&auml;he und auch noch beim Mars deutlich schlechter als selbst konventionelle Solarzellen liegen. Ein Reaktor also bei gleicher Leistung mehr wiegt. Der SAFE Reaktor liegt deutlich h&ouml;her in der Region von flexiblen Solarzellen und ist daher ihnen, selbst im Erdorbit &uuml;berlegen \u2013 von dem fehlenden Problem sehr gro&szlig;e Solarzellen zu entfalten mal ganz abzusehen. Auf der anderen Seite liefern die kleinen Reaktoren f&uuml;r den Betrieb der Raumsonden zu viel Leistung, f&uuml;r einen Ionenantrieb aber zu wenig \u2013 Dawn, um eine Diskussionsgrundlage zu haben, hatte 11 kW Leistung bei etwas &uuml;ber 1 t Gewicht. F&uuml;r eine Raumsonde ist SAFE aber schon &uuml;berdimensioniert, immerhin kann man die hohe Leistung aber nutzen, um mit dem Ionenantrieb gleich aus einem Erdorbit zu starten, das addiert bei dieser Leistung kaum Extrazeit, erh&ouml;ht die Nutzlast aber deutlich. Umgekehrt ist SAFE f&uuml;r den Antrieb einer bemannte Marsmission schon wieder zu klein, denn dann reden wir nicht &uuml;ber 1 oder 2 t Masse, sondern 30 bis 50 t. Ich sehe f&uuml;r Reaktoren der SAFE-Klasse (oder noch mehr Leistung) folgende Einsatzm&ouml;glichkeiten:<\/p>\n<h3 class=\"western\">Unbemannter Transport von Ausr&uuml;stung einer Marsexpedition<\/h3>\n<p>Anders als bei Apollo wird eine Marsmission aus verschiedenen Teilen bestehen, die getrennt gestartet werden . Nur beim bemannten Teil kommt es darauf an, die Reisezeit zu minimieren, die unbemannten Teile k&ouml;nnte man auch Monate oder sogar ein oder zwei Startfenster vorher auf den Weg bringen, man sollte das sogar tun und erst die Besatzung losschicken, wenn alles andere bereit ist. Folgende Elemente k&ouml;nnte man problemlos unbemannt starten:<\/p>\n<ul>\n<li>Das Habitat (Wohnung und Labor), das auf der Marsoberfl&auml;che landet.<\/li>\n<li>Vorr&auml;te, schweres Ger&auml;t, mobiles Fahrzeug das nahe des Habitats abgesetzt werden.<\/li>\n<li>Eine R&uuml;ckstartstufe, vollgetankt mit Kapsel f&uuml;r den Start von der Oberfl&auml;che in den Marsorbit<\/li>\n<li>Eine Transferstufe mit Vorr&auml;ten, welche die Besatzung von der Marsumlaufbahn auf einen Kurs zur Erde bringt.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Das w&auml;ren vier Starts, die unbemannt erfolgen k&ouml;nnten, der einzige bemannte Start w&uuml;rde dann chemisch erfolgen, w&auml;re aber auch deutlich aufwendiger als die obigen. Man k&ouml;nnte das sogar noch auf die Spitze treiben und die Besatzung gar nicht erst in eine Marsumlaufbahn einschwenken lassen, sondern direkt mit einer Kapsel landen. Dann w&uuml;rde ein weiterer unbemannter Start ein Habitat f&uuml;r die R&uuml;ckkehr zur Erde in die Marsumlaufbahn bringen. Das Habitat f&uuml;r die Hinreise w&uuml;rde den Mars passieren und in eine Sonnenumlaufbahn eintreten. Nur daf&uuml;r braucht man erheblich gr&ouml;&szlig;ere Reaktoren: bei 50 t Startmasse,14 km\/s Gesamtgeschwindigkeits&auml;nderung, 500 Tagen Betriebszeit und Ionentriebwerken mit 40 km\/s Ausstr&ouml;mgeschwindigkeit ergibt sich als Absch&auml;tzung eine Leistung von etwa 400 kW, soll es schneller gehen entsprechend mehr.<\/p>\n<p>Zumindest, was die Masse angeht, sind diese Optionen besser. Mit einem Kernreaktor wird man etwa 50 % der Startmasse in einen Erdorbit in einen Marsorbit bringen k&ouml;nnen, chemisch w&auml;ren es nur 20 %. Bei der direkten Landung sieht es mit 33 zu 50 % nicht so gut aus. Der grunds&auml;tzliche Nachteil sind die langen Reisezeiten bedingt durch den Ionenantrieb. Das ist nur bei unbemannten Missionen tolerierbar.<\/p>\n<h3 class=\"western\">Raumsonden<\/h3>\n<p>F&uuml;r Raumsonden ergeben sich dagegen neue M&ouml;glichkeiten. Missionen zu Jupiter und alle anderen &auml;u&szlig;eren Himmelsk&ouml;rper profitieren besonders stark. Man k&ouml;nnte vom Erdorbit aus starten, was die Nutzlast f&uuml;r Jupiter verf&uuml;nffacht. Jenseits von Saturn hat man das Problem das, wenn man schnell zu Uranus und Neptun gelangen will, (schnell hei&szlig;t hier auch 8 bis 12 Jahre) man chemisch die &Uuml;berschussgeschwindigkeit, mit der man ankommt, nicht abbauen kann. Mit einem 100 kW Reaktor ist das aber kein Problem. Auch Missionen zu den Monden der Planeten w&uuml;rden profitieren. Anstatt &uuml;ber Jahre nach und nach die Bahn durch Vorbeifl&uuml;ge anzupassen, k&ouml;nnte man mit dem Reaktor einen Ionenantrieb zus&auml;tzlich hinzunehmen und so die Zeit deutlich verk&uuml;rzen. (<a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2019\/05\/13\/mit-safer-zu-jupiter-uranus-neptun\/\">siehe dieser Artikel<\/a>)<\/p>\n<p>Da allerdings keine gr&ouml;&szlig;eren Missionen ins &auml;u&szlig;ere Sonnensystem geplant sind und auch Europa Clipper sich mit Vorbeifl&uuml;gen an Europa begn&uuml;gt wird man wohl keine gr&ouml;&szlig;eren Reaktoren zur Einsatzreife entwickeln. Die Problematik der Nachfrage zeigt sich ja auch bei den schon erw&auml;hnten Stirling-Motoren f&uuml;r RTG: obwohl sie den Bedarf an Plutonium-238 mit seinen hohen Kosten deutlich senken k&ouml;nnten, hat man vor Jahren die Entwicklung eingestellt, einfach weil es zu wenige Missionen gibt, die noch RTG einsetzen. Bis Jupiter kommt man noch mit speziellen Solarzellen \u2013 Juno setzt solche ein, Juice auch und wahrscheinlich auch die Lucy Mission, zumindest was die Abbildungen angeht. Solarzellen sind dann zwar herblich schwerer als RTG, aber eben in der Herstellung auch viel preiswerter. Erst ab Saturn wird man RTG oder Kernreaktoren ben&ouml;tigen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn heute radioaktives Material bei Raumfahrzeugen (sowohl bemannt wie unbemannt) eingesetzt wird, dann meist in RTG, dabei wird die beim Zerfall freiwerdende W&auml;rme in Strom umgewandelt, meist &uuml;ber die Eigenschaft bestimmter Metalle bei einem Temperaturgradienten Strom abzugeben. (thermoelektrischer Effekt, steckt auch im K&uuml;rzel RTG). 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