{"id":14794,"date":"2020-06-07T09:52:34","date_gmt":"2020-06-07T07:52:34","guid":{"rendered":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=14794"},"modified":"2021-01-28T16:41:13","modified_gmt":"2021-01-28T15:41:13","slug":"projekt-parallax","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2020\/06\/07\/projekt-parallax\/","title":{"rendered":"Projekt Parallax"},"content":{"rendered":"<p>Das f&uuml;r die n&auml;chste Runde der Discovery-Missionen interessanteste Projekt ist wohl Parallax. W&auml;hrend die anderen Missionen mehr oder weniger die gleichen Ziele (zumindest nach dem Typ, wenngleich auch einige Entw&uuml;rfe bisher unerforschte Asteroiden unter die Lupe nehmen wollen) haben wir hier einen der seltenen F&auml;lle von einer \u201eneuen\u201c Mission.<\/p>\n<p>Parallax soll erstmals grobe Karten der Sternoberfl&auml;chen unserer n&auml;heren Umgebung liefern, eventuell auch welche von gr&ouml;&szlig;eren Planeten, die sie umkreisen, in jedem Falle aber eine bessere Charakterisierung dieser Sterne liefern.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/4e4078394aab4dd591a208ada078abf0\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/><!--more--><\/p>\n<p>Wenn man Sterne mit einem Teleskop beobachtet, so erscheinen sie auch in den gr&ouml;&szlig;ten Teleskopen als ein Punkt. Der Grund sind die enormen Distanzen. <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Alpha_Centauri\">Alpha Centauri<\/a> ist der n&auml;chste Stern, er ist 4,3 Lichtjahre von uns entfernt und geh&ouml;rt wie die Sonne zur Spektralklasse G. Er ist etwas gr&ouml;&szlig;er als die Sonne und hat den 1,22-fachen Durchmesser der Sonne. Da die Sonne ~ 1,4 Millionen km Durchmesser hat, ein Lichtjahr aber einer Strecke von 9.460.800 Mill. Km entspricht, betr&auml;gt sein Durchmesser f&uuml;r uns etwa 0,0068 Bogensekunden (6,8 mas Milli Angle Second). Das Hubble Weltraumteleskop kann maximal 0,05 Bogensekunden gro&szlig;e Details aufl&ouml;sen. Mit adaptiver Optik ausgestattete irdische Teleskope w&uuml;rden eine noch h&ouml;here Aufl&ouml;sung erreichen, doch damit er zumindest 2 x 2 Pixel gro&szlig; w&auml;re, ben&ouml;tigt man ein Teleskop von etwa 34 m Durchmesser.<\/p>\n<p>Es gibt trotzdem einige grobe Karten von Sternen. Das sind ausnahmslos Riesensterne, wie rote Riesen die im Vergleich zur Sonne enorm gro&szlig; sind. So gibt es einige grobe Aufnahmen von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Beteigeuze\">Beteigeuze<\/a> einem roten Riesen, der 640 Lichtjahre entfernt ist. Er ist so gro&szlig;, dass er einen Durchmesser von 0,05 Bogensekunden hat, also siebenmal gr&ouml;&szlig;er als Alpha Centauri. Ein 10-m-Teleskop wie das VLT hat eine theoretische Aufl&ouml;sung von 0,012 Bogensekunden, kann ihn also in 4 x 4 Pixeln aufl&ouml;sen und so auch schon <a href=\"https:\/\/www.eso.org\/public\/germany\/news\/eso2003\/\">Bilder aufgenommen<\/a>. Doch selbst dazu sind etliche Tricks n&ouml;tig, z.B. die Speckle-Interferometrie bei der man zahlreiche kurzzeitbelichtete Aufnahmen addiert, um die Turbulenz der Erdatmosph&auml;re einzufrieren und so auszuschalten.<\/p>\n<p>Parallax soll nun Sternoberfl&auml;chen in nie bekannter Genauigkeit erfassen. Die Mission nutzt dazu die gleiche Technik, die auch Missionen f&uuml;r die Planetensuche bei anderen Sternen nutzen. Auch diese sind wie Details der Oberfl&auml;che eigentlich zu klein, um direkt erfasst zu werden. Sie werden bestimmt, indem man die Position und Helligkeit von Sternen vermisst. Durch ihre Gravitationskraft sorgen Planeten f&uuml;r eine kleine Verschiebung der Position und Variationen der Helligkeit, wenn sie vor dem Stern vorbeiziehen. Und die Helligkeit und Positionen von Sternen kann man sehr pr&auml;zise vermessen.<\/p>\n<p>Parallax soll mit einem mittelgro&szlig;en Teleskop, vorgeschlagen werden 20 bis 24 Zoll &Ouml;ffnung (50 \u2013 60 cm) Sterne &uuml;ber eine Rotationsperiode beobachten. Das Licht wird von mehreren Detektoren erfasst, zum einen hochempfindliche Detektoren f&uuml;r die Helligkeit im UV, sichtbaren und nahen Infrarot, zum anderen wird ein hochaufl&ouml;sendes Spektrum zwischen dem extremen UV und sichtbaren Wellenbereich aufgenommen.<\/p>\n<p>Diese Informationen informieren nicht nur &uuml;ber die Helligkeit, sondern auch Oberfl&auml;chentemperatur und das Vorhandensein und die Menge bestimmter ionisierter Elemente in der Korona. Bei der Sonne ist die Zusammensetzung der Korona hoch variabel und h&auml;ngt mit der Sonnenaktivit&auml;t und Masseausbr&uuml;chen auf der sonne zusammen. Sie wird daher derzeit von der <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/Parker-Solar-Probe.shtml\">Parker Solar Probe<\/a> erforscht. Passiert ein Planet einen Stern so kann als Nebeneffekt durch die Helligkeitsver&auml;nderung auch seine Oberfl&auml;che grob kartiert werden, zumindest aber die Mengenelemente seiner Atmosph&auml;re &uuml;ber das Spektrum erfasst werden.<\/p>\n<p>Bis hierher ben&ouml;tigt man jedoch keine Raumsonde f&uuml;r diese Mission. Das w&auml;re auch von einem Satelliten durchf&uuml;hrbar, nur von der Erdoberfl&auml;che aus wegen der variierenden Dichte der Atmosph&auml;re durch Turbulenzen und damit der schwankenden Lichtabschw&auml;chung nicht. Ist die Turbulenz besonders stark, so kann man das auch mit blo&szlig;em Auge als Funkeln der Sterne erkennen. Bei einer Satellitenmission w&uuml;rde sich die Helligkeit ver&auml;ndern, weil der Stern rotiert und so ein hellerer Bereich langsam Richtung Rand wandert und von der Seite gesehen wird. Doch so sind nur grobe Karten m&ouml;glich. Parallax soll eine viel h&ouml;here Aufl&ouml;sung erreichen, indem zwei Raumsonden simultan einen Stern beobachten und die Messdaten mit einem pr&auml;zisen Zeitstempel versehen werden. Dazu haben beide Raumsonden Atomuhren an Bord. Die beiden Sonden sehen aber den Stern aus leicht unterschiedlichem Winkel, je h&ouml;her dieser Winkel ist, desto kleiner sind die Details, die rekonstruiert werden k&ouml;nnen. Bei der Bodenstation werden die Messdaten beider Sonden zu einem Modell vereinigt und die Oberfl&auml;che rekonstruiert. Die Vorgehensweise ist die gleiche wie bei der <a href=\"https:\/\/www.mpifr-bonn.mpg.de\/606224\/radio\">Interferometrie von Radioteleskopen<\/a>. Bei diesen hat man schon durch Zusammenschalten von Radioteleskopen auf der ganzen Erde Daten gewonnen, die so hoch aufl&ouml;send sind wie gewonnen mit ein Radioteleskop mit dem Druckmesser der Erde.<\/p>\n<p>Im kleinen setzt man diese Technik der Interferometrie auch bei den vier Teleskopen des VLT (Very Large Telescope) der ESO in Chile ein, sowie beim Keck Teleskop auf Hawaii. Bei Keck sind es zwei Teleskope in 20 m Distanz, beim VLT sind es vier gro&szlig;e und eine Reihe kleiner Teleskope die eine 160 m Basislinie ergeben. Die L&auml;nge der Basislinie ist ein Ma&szlig; der Aufl&ouml;sung die erreicht wird. Das Verfahren ist jedoch aufwendig. So benutzt man einen k&uuml;nstlichen Stern in Form eines Laserstrahls der in 90 km Natriumatome zum Leuchten anregt. Sie Ver&auml;nderung dieses k&uuml;nstlichen Sterns wird genutzt um die Abbildungen rechnerisch zu entzerren. Im Weltraum ist daf&uuml;r keine Korrektur n&ouml;tig. Sie ben&ouml;tigen aber hochgenaue Atomuhren, damit man die Bilder genau zum gleichen Zeitpunkt machen kann.<\/p>\n<p>Beide Sonden k&ouml;nnen getrennt oder zusammen gestartet werden, abh&auml;ngig davon, welche Tr&auml;gerrakete gew&auml;hlt wird. Beide Sonden werden zuerst an Erde und Venus Schwung holen. Bei dem Vorschlag mit gemeinsamen Start im Mai 2031 w&uuml;rde eine Sonde einen Venus- und Erdvorbeiflug durchf&uuml;hren, den Jupiter im M&auml;rz 2034 passieren. Die zweite w&uuml;rde einen zweiten Erdvorbeiflug durchf&uuml;hren und den Jupiter erst im Juni 2036 passieren. Durch die Bewegung Jupiters in den zwei Jahren und eine unterschiedliche Ablenkung soll zwischen die Bahnen ein Winkel von 80 bis 90 Grad resultieren. Die Sonden entfernen sich so immer weiter voneinander. Die eigentliche Vermessungsmission beginnt nach dem Jupitervorbeiflug. Da der Abstand immer weiter zunimmt, wird man zuerst nahe Sterne vermessen, da die Aufl&ouml;sung mit steigender Entfernung zunimmt, aber auch der scheinbare Durchmesser der Sterne mit steigender Entfernung abnimmt. Erhofft wird eine aktive Messdauer &uuml;ber mindestens 5 Jahren bei 12 Jahren Missionsdauer.<\/p>\n<p>Zwei kleine Nebeneffekte der Mission sind das man von den beobachteten Sternen so automatisch auch die Entfernung mit derselben Genauigkeit kennt wie die Aufl&ouml;sung der Oberfl&auml;che (anfangs 1 mas also 1 \/1000 Bogensekunde, durch die Entfernung steigend, am Ende der Mission etwa 0,3 mas). Das zweite ist, das die Sonde sich laufend von der Erde entfernt und sehr lange betrieben werden kann. Im Gewichts- und Strombudget sind daher vier weitere Instrumente vorgesehen die Plasmawellen, elektrische Felder, energiereiche Teilchen und das Magnetfeld erfassen. Sie k&ouml;nnen die Voyagermessungen erg&auml;nzen, New Horizons hat nur einen einfachen Teilchendetektor und leistet dies nicht in dem Ma&szlig;e.<\/p>\n<p>Leider hat man von dem Vorschlag schon das Interessanteste gestrichen, damit er im Budget einer Discoverymission passt. Geplant war urspr&uuml;nglich auf eine Hochgewinnantenne zu verzichten und das Hauptteleskop zusammen mit einem Laserterminal zum &Uuml;bertragen der Daten und Empfangen von Daten zu nutzen. Daf&uuml;r h&auml;tte man regelm&auml;&szlig;ig die Messkampagnen unterbrochen bzw. die Daten zwischengespeichert und nach einer Messkampagne vor dem Ausrichten auf das n&auml;chste Objekt &uuml;bertragen. Doch das erschien zu ambitioniert und da die Sonde keine Bilder macht und Spektren und Lichtmessungen nur kleine Datenmengen erzeugen wird es eine herk&ouml;mmliche Konstruktion.<\/p>\n<p>Mal sehen, was draus wird. Noch ist es nur ein Proposal. Derzeit l&auml;uft noch die Entscheidung &uuml;ber vier Kandidaten der 2020 er Runde. Mit einem der Kandidaten, n&auml;mlich <a href=\"https:\/\/www.hou.usra.edu\/meetings\/lpsc2019\/pdf\/3200.pdf\">TRIDENT<\/a>, das auch am JPL entwickelt wird gibt es eine Zusammenarbeit. Beides sind Sonden ins &auml;u&szlig;ere Sonnensystem. Zahlreiche Subsysteme wie Stromversorgung, Kommunikation und Avionik k&ouml;nnen &uuml;bernommen werden. Wird TRIDENT bei der derzeitigen Runde selektiert, dann k&ouml;nnten so die Kosten f&uuml;r PARALAX sinken. Allerdings ist die derzeitige Runde stark besetzt. Alle vier Vorschl&auml;ge sind anspruchsvoll und Neuland f&uuml;r die NASA, anders als noch eine Mission zu Mars oder Asteroiden: <a href=\"https:\/\/www.hou.usra.edu\/meetings\/lpsc2020\/pdf\/2599.pdf\">DAVINCI+<\/a> beisteht aus einem Orbiter\/Vorbeiflugsonde und einer Atmosph&auml;renkapsel. Hauptzweck ist die Zusammensetzung der Atmosph&auml;re zu untersuchen. Das \u201e+\u201c bezieht sich darauf, dass man gegen&uuml;ber einem fr&uuml;heren Vorschlag Kameras in Orbiter und Abstiegssonde hinzunahm. DAVINCI+ punktet vor allem durch die Kosten. Man wird Instrumente verwenden, die schon auf anderen Raumsonden wie Curiosity oder OSIRS-Rex zum Einsatz kommen. Schlechtere Chancen hat <a href=\"https:\/\/www.lpi.usra.edu\/opag\/march09\/presentations\/10Ivo.pdf\">IVO<\/a> (io Vulkanic Explorer). Die Mission wurde schon 2009 zum ersten Mal konzipiert und bisher nicht selektiert. Auf der anderen Seite w&uuml;rde sie gut Europa Clipper erg&auml;nzen die niemals Io erreichen wird. Trident wurde schon erw&auml;hnt, eine Vorbeiflugsonde an Neptuns Mond Triton. Vergleichen mit Ivo ist die Sonde kleiner und weniger komplex, muss auch nicht in Jupiters Strahleng&uuml;rtel arbeiten. Auf der anderen Seite hat sie eine l&auml;ngere Missionszeit, bis sie das Ziel erreicht \u2013 12 Jahre, was sich auch in den Kosten niederschl&auml;gt. Gute Chancen hat auch VERITAS. Das ist ein Radarorbiter f&uuml;r die Venus. Er soll die Venus mit 30 m globaler Aufl&ouml;sung und einzelne Regionen mit niedrigeren Aufl&ouml;sung von 15 m erfassen. Auch Davinci ist nicht neu und wurde schon bei der letzten Ausschreibung als Vorschlag eingebracht, unterlag aber Psyche und Lucy.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das f&uuml;r die n&auml;chste Runde der Discovery-Missionen interessanteste Projekt ist wohl Parallax. W&auml;hrend die anderen Missionen mehr oder weniger die gleichen Ziele (zumindest nach dem Typ, wenngleich auch einige Entw&uuml;rfe bisher unerforschte Asteroiden unter die Lupe nehmen wollen) haben wir hier einen der seltenen F&auml;lle von einer \u201eneuen\u201c Mission. 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