{"id":14890,"date":"2020-07-31T00:41:32","date_gmt":"2020-07-30T22:41:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=14890"},"modified":"2020-07-30T17:42:30","modified_gmt":"2020-07-30T15:42:30","slug":"die-zahl-fuer-heute-640","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2020\/07\/31\/die-zahl-fuer-heute-640\/","title":{"rendered":"Die Zahl f&uuml;r heute: 640"},"content":{"rendered":"<p>Eines der Zitate die man Bill Gates zuschreibt ist dieses: \u201e640K ought to be enough for anybody\u201c, also 640 KByte (RAM) sollten genug f&uuml;r jedermann sein. Bill Gates soll dies 1981 gesagt haben. Zeit dem mal nachzugehen, denn ich denke daran ist dreierlei falsch:<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/66b91ada1adc45c1b3a466a17690aa05\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><!--more--><\/p>\n<h3 class=\"western\">Hat Bill Gates das jemals gesagt?<\/h3>\n<p>Schon daran scheitert es. Journalisten finden keine Nachweise f&uuml;r dieses Zitat. Bill Gates selbst hat schon 1990 als das Zitat als Joke kursierte (inzwischen hatten Computer n&auml;mlich mehr als 640 KByte Speicher) verneint der Urheber zu sein:<\/p>\n<p>&#8222;I&#8217;ve said some stupid things and some wrong things, but not that. No one involved in computers would ever say that a certain amount of memory is enough for all time.&#8220; \u2026 &#8222;I keep bumping into that silly quotation attributed to me that says 640K of memory is enough. There&#8217;s never a citation; the quotation just floats like a rumor, repeated again and again.&#8220; (<a href=\"https:\/\/www.computerworld.com\/article\/2534312\/the--640k--quote-won-t-go-away----but-did-gates-really-say-it-.html\">Quelle<\/a>)<\/p>\n<p>Wie wir alle wissen haben Zitate oft eine Eigendynamik und werden immer wieder zitiert, mir f&auml;llt da spontan Gorbatschow ein \u201eWer zu sp&auml;t kommt den bestraft das Leben\u201c. Zumindest hat er das <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/zustimmung?url=https:\/\/www.zeit.de\/wissen\/geschichte\/2010-03\/gorbatschow-sowjetunion\">gesagt<\/a>, ein &auml;hnliches Zitat machte er auch &ouml;ffentlich und das wird ab und an auch gezeigt. Das Zitat hat sich l&auml;ngst von Gorbatschow gel&ouml;st und kann immer angewandt werden, wenn jemand eine Entwicklung verschl&auml;ft oder r&uuml;ckw&auml;rtsgerichtet denkt.<\/p>\n<h3 class=\"western\">Hat Bill Gates &uuml;berhaupt etwas mit der Grenze zu tun?<\/h3>\n<p>Das wird sehr gerne &uuml;bersehen. Als der IBM PC geschaffen wurde, da war auch vorgesehen, ihn mit Erweiterungskarten zu erweitern. Das entpuppte sich wie zuvor beim Apple II auch als ein sehr wichtiges Kaufargument. Nat&uuml;rlich konnte IBM nicht wissen, welche Karten es geben w&uuml;rde, auch wenn man mit einigen Karten in den Verkauf startete. Wie aber sieht man eine Erweiterung vor, die es gar nicht gibt? IBMs L&ouml;sung war das Memory Mapping. Der 8088 Prozessor, ein Abk&ouml;mmling des 8086, hatte einen Adressraum von 1 MByte. Dieser war aber nicht durchg&auml;ngig adressierbar. Intel hatte den Prozessor recht &uuml;berhastet entworfen, und als Kompabilit&auml;tsargument zum Vorg&auml;nger 8080, ein 8-Bit-Prozessor der 64 KByte adressieren konnte, waren die Register 16 Bit breit. So konnte der 8086 auch nur 64 KByte am St&uuml;ck adressieren. Auf den Adressraum von 1 MByte kam er mit einem zweiten Satz von Registern, den Segment Registern. Sie verschoben die 64 Kbyte der vier Hauptregister im Adressraum. Dazu verschoben sie die Basisadresse um 4 Bit. Damit konnte jedes der vier Segmente, die es gab, im Adressraum frei platziert werden \u2013 fast frei, die Basisadresse musste durch 16 ganzzahlig teilbar sein. Nebenbemerkung: da das Konzept nicht richtig durchdacht war, konnte man ein Segment auch ganz oben im Speicher platzieren und so (unabsichtlich?) auf die ersten 64 KByte &uuml;ber 1 MByte zugreifen. Das nutzen bald Programme, um so den Speicher zu erweitern und Intel musste diesen Fehler \u201e<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/A20-Gate\">A20 Gate<\/a>\u201c noch &uuml;ber Generationen in seine Prozessoren einbauen, selbst wenn diese 4 GByte direkt linear adressieren konnten.<\/p>\n<p>Aufgrund dieser Segmentadressierung lag es nahe, ein Segment als Gr&ouml;&szlig;e f&uuml;r einen so genutzten Speicherbereich zu reservieren. IBM sah die obersten 64 KByte f&uuml;r das BIOS vor, das jeder Computer braucht. Der 160 KByte gro&szlig;e Bereich darunter, beginnend bei 800 KByte war f&uuml;r BIOS Erweiterungen reserviert. Sp&auml;ter lagen hier z.B. die BIOS von Netzwerkkarten.<\/p>\n<p>Bei 640 KByte lag der 128 KByte gro&szlig;e Bereich f&uuml;r das VideoRAM und dar&uuml;ber der 32 KByte gro&szlig;e Bereich f&uuml;r das Video-BIOS. Dieser Bereich erschien anfangs gro&szlig;, hatten die beiden bei Verkaufsstart verf&uuml;gbaren Karten doch nur 16 bzw. 32 KByte RAM. Die EGA-Karte die 1984 erschien nutzte ihn aber schon voll aus, und die VGA Karte konnte nur Teile ihres RAM dort einblenden.<\/p>\n<p>Das limitierte den unteren Bereich, der f&uuml;r das Betriebssystem zur Verf&uuml;gung stand, auf 640 KByte, die ber&uuml;chtigte 640 K Grenze. Es war aber eine Grenze die IBM zog und nicht MS-DOS, das von Bill Gates Firma programmiert wurde (und auch nicht von ihm, sondern <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Tim_Paterson\">Tim Paterson<\/a>. Das lief auch auf anderen Computern mit anderen reservierten Bereichen, die dann viel mehr Speicher zur Verf&uuml;gung stellten. Der <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/sirius-ibm-pc.shtml\">Sirius Victor<\/a> z.B. bis zu 896 KByte.<\/p>\n<h3 class=\"western\">Konnte man auf dem IBM PC die Grenze ausnutzen?<\/h3>\n<p>Auch gerne vergessen wird, dass man den IBM PC anfangs mit 64 KByte Speicher verkaufte. Mit Erweiterungskarten konnte man das erste Modell auf maximal 256 KByte aufr&uuml;sten. Die Ausbaugrenze stieg dann beim <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/IBM_Personal_Computer_XT\">IBM PC XT<\/a> mit Karten mit mehr Speicher und mehr Speicher auf dem Mainboard auf die 640 KByte an.<\/p>\n<p>Doch selbst das geht am wahren Problem vorbei. Den die erste Version von MS-DOS war eine Kopie von CP\/M. CP\/M hatte ein Format f&uuml;r die ausf&uuml;hrbaren Dateien eingef&uuml;hrt, das fast den gesamten Speicher adressieren konnte \u2013 nur die ersten 256 Byte wurden als Puffer und f&uuml;r Sprungvektoren reserviert (in der Praxis sa&szlig; nat&uuml;rlich noch das Betriebssystem im Speicher, aber theoretisch konnte ein <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/COM_file#DOS_binary_format\">COM-File<\/a> 64 KB lang sein. Das wurde bei der ersten Version von MS-DOS 1:1 kopiert und so waren Programme unter MS-DOS auch auf 64 KByte beschr&auml;nkt. Das war doppelt &auml;rgerlich. Denn so nutzte man nicht nur die M&ouml;glichkeit gr&ouml;&szlig;ere Programme zu erstellen, sondern alle Segmente waren &uuml;bereinander gelagert \u2013 selbst bei 64 KByte f&uuml;r das Codesegment gab es ja noch die Segmente f&uuml;r Daten, Stack und das &#8222;Extra&#8220;-Segment, die man so f&uuml;r andere Zwecke nutzen konnte.<\/p>\n<p>Nat&uuml;rlich konnte jemand ein eigenes Memory-Managment System in dem COM-File implementieren und dieses dann nutzen, um den Speicher besser zu nutzen, doch dann entfernte man sich vom Standard und das war in Zeiten, wo man dies selbst in Assembler programmieren musste, sehr aufwendig, also gab es das kaum. Was Programme machten, war oft, dass sie das Stacksegment und Datensegment verschoben. Der Stack war meist nicht sehr gro&szlig;, er wurde ja nur f&uuml;r tempor&auml;re Wette benutzt, so waren effektiv etwa 128 Kbyte RAM unter MS-DOS 1.0 nutzbar, dazu kam dann noch das RAM, das das Betriebssystem nutzte \u2013 ich denke, wer einen IBM PC unter MS-DOS mit 160 KB best&uuml;ckt hatte, hatte die maximale sinnvolle Ausbaustufe erreicht.<\/p>\n<p>Das &auml;nderte sich erst als mit DOS 2.0 das bis heute (wenn auch anderer interner Struktur) genutzte <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/DOS_MZ_executable\">.exe Format<\/a> eingef&uuml;hrt wurde, das mehrere Segmente unterst&uuml;tzte. Erst damit war die 640-KByte-Grenze eine ausnutzbare Grenze.<\/p>\n<p>Die Grenze entpuppte sich sehr schnell als solche. 1984 erschien der <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/pc-artikel.shtml\">IBM PC AT<\/a>. Er kam anfangs mit 512 KB auf den Mark, wenig sp&auml;ter durch den rapiden Preisverfall der Chips mit 1 MByte. Aufgrund der Adressierung &uuml;ber den Prozessor ergab sich dann aber schon die Problematik. Die oberen 512 KByte konnte man nur durch ein speicherresidentes Programm als Datenhalde f&uuml;r eine RAM-Disk nutzen. So etablierten sich bei kompatiblen Nachbauten gemischte Konfigurationen: zwei B&auml;nke mit 256 KBit Chips, zwei mit 64 KBit Chips, die dann zusammen die ber&uuml;chtigten 640 KByte ergaben \u2013 und diese Computer hatten (unter DOS) dann mehr Speicher als bei einer 1 MByte Best&uuml;ckung \u2026<\/p>\n<p>Die Grenze blieb solange eine Grenze, wie es MS-DOS gab. Die Marktmacht von MS-DOS br&ouml;ckelte erst mit <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/gui.shtml\">Windows 3<\/a>, das erstmals MS-DOS Programme ausf&uuml;hren konnte, ohne das sie Windows mit zum Absturze bringen konnte und schwand rapide nach Einf&uuml;hrung von Windows 95 \u2013 dann hatte ein durchschnittlicher Computer aber schon 4 bis 8 MByte RAM von denen MS-DOS nur die ersten 640 KByte nutzte.<\/p>\n<h3 class=\"western\">Nur 640 KByte?<\/h3>\n<p>Nicht ganz. Wie geschrieben gab es zwei Ausfl&uuml;chte. Das erste war das A20 Gate das es erlaubte knapp 64 KByte oberhalb von 1 MByte zu nutzen. Dazu brauchte man einen Treiber (Himem.sys). Dort lagerte MS-DOS dann Programmteile aus. Sp&auml;ter nutzte man auch den Bereich zwischen 640 und 960 KByte, indem MS-DOS scannte, ob sich in diesem Bereich &uuml;berhaupt BIOSe oder RAM von Adapterkarten befanden, und nutzte ihn ebenfalls zum Auslagern von Code. Beide Ma&szlig;nahmen vergr&ouml;&szlig;erten aber nicht den unteren Bereich von 640 KByte, sondern reduzierten nur den Bereich, den MS-DOS von diesem Speicher f&uuml;r sich beanspruchte.<\/p>\n<p>Es gab aber die M&ouml;glichkeit wirklich den Speicher etwas nach oben zu verschieben. Ab 640 KByte lag das Videoram. Nur begannen die Framebuffer der meisten Karten nicht direkt dort, sondern etwas h&ouml;her. Die CGA Karte bei 736 KByte, die Hercules Karte bei 704 KByte. Das erlaubte es, wenn man das Betriebssystem modifizierte, die Grenze nach oben zu verschieben und entsprechende Artikel waren in den Achtziger Jahren dann auch Aufmacherthemen bei Computerzeitschriften. Erst mit der <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/grafik-beim-ibm-pc.shtml\">EGA-Karte<\/a> &auml;nderte sich das, sie ben&ouml;tigte in der vollen Ausbaustufe den ganzen Speicher. Ab der VGA Karte wurde dann das direkte Adressieren un&uuml;blich, sonst h&auml;tte man nie mehr als 128 KB Grafikspeicher ansprechen k&ouml;nnen, stattdessen wurde die Karte &uuml;ber Interruptadressen angesprochen.<\/p>\n<h3 class=\"western\">Was draus gelernt?<\/h3>\n<p>Diese Frage muss man an die IT-Industrie stellen. Denn Grenzen gibt es ja nicht nur beim Betriebssystem. Es gibt sie auch woanders. Festplatten werden z. B. zum einen physikalisch adressiert &uuml;ber Sektornummer, Spurnummer und Zylindernummer, zum andern logisch durch Blocknummern durch das Betriebssystem. Und da habe ich etliche Einschr&auml;nkungen kennengelernt. Das verdanken wir drei Mitspielern: Kontroller, BIOS und Betriebssystem. Hat eines eine Grenze, so geht nichts mehr. Das ging los 1984 mit der Beschr&auml;nkung von FAT16 \u2013 mehr als 65.536 Bl&ouml;cke konnte DOS (&uuml;brigens bis zu seinem Ende) nie adressieren. Das waren aber damals 512 Byte Sektoren und so schlug bei 32 MByte die erste Grenze zu. Sp&auml;ter erlaubte DOS be Version 3 dann andere Blockgr&ouml;&szlig;en sodass DOS mit 32 KByte gro&szlig;en Bl&ouml;cken bis 2 GByte gro&szlig;e Partitionen verwalten konnte (allerdings bei immenser Platzverschwendung, denn jede Datei war dann mindestens 32 KByte gro&szlig;). Andere Grenzen setzet dann das BIOS (512 MByte bis etwa 1994) oder der Controller. Die letzte Grenze ist noch gar nicht so lange her. Die 4 Milliarden Sektoren reichen bei 512 Byte pro Sektor auch nur bis 2 Terabyte. Als Ausweg hat man die Festplattenadressierung auf die 4-KByte-Bl&ouml;cke umgestellt die auch Windows und Linux nutzen. Das reicht dann bis 16 Terabyte &#8211; uh das wird bald wiederkommen, und den erreicht schon die <a href=\"https:\/\/amzn.to\/3fdmKak\">erste Festplatte<\/a>. Oder versuchen sie mal auf einen USB-Stick eine Datei mit mehr als 4 Gigabyte Gr&ouml;p&szlig;e zu kopieren \u2013 dann lernen sie eine weitere Grenze kennen. USB Sticks werden mit <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/File_Allocation_Table#FAT32\">FAT32<\/a> bzw. ExFat formatiert, einem Nachfolger von FAT32. Der Grund ist relativ einfach. Dieses Dateisystem kennt keine Rechte und Besitzer, anders als NTFS das von Windows genutzt wird oder die Linux Dateisysteme. Sonst k&ouml;nnte Benutzer X bei Computer A nicht auf die Daten von Benutzer Y auf Computer B zugreifen (au&szlig;er beide haben den gleichen Benutzernamen und Passwort) und das ist bei einem portablen Medium nicht so erw&uuml;nscht. FAT32 von Windows 95B eingef&uuml;hrt, hat aber eine Gr&ouml;&szlig;enbeschr&auml;nkung von 4 KByte pro Datei. Erschienen 1996 4 GB als viel \u2013 die gr&ouml;&szlig;ten Festplatten hatten damals diese Gr&ouml;&szlig;e und das Limit gilt ja nur f&uuml;r eine Datei, nicht die ganze Festplatte, so ist das 24 Jahre sp&auml;ter nicht mehr viel. Ein hochaufl&ouml;sender Film oder ein gezipptes Spiel bricht die Grenze leicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eines der Zitate die man Bill Gates zuschreibt ist dieses: \u201e640K ought to be enough for anybody\u201c, also 640 KByte (RAM) sollten genug f&uuml;r jedermann sein. Bill Gates soll dies 1981 gesagt haben. 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