{"id":15153,"date":"2021-02-07T20:56:49","date_gmt":"2021-02-07T19:56:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=15153"},"modified":"2021-03-04T17:17:57","modified_gmt":"2021-03-04T16:17:57","slug":"die-theoretischen-maximalimpulse-von-treibstoffen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2021\/02\/07\/die-theoretischen-maximalimpulse-von-treibstoffen\/","title":{"rendered":"Die theoretischen Maximalimpulse von Treibstoffen"},"content":{"rendered":"<p>Auf meinen heutigen Beitrag komme ich, weil mir vor einigen Wochen jemand geschrieben hat, der meint durch Ver&auml;nderung des Verbrennungsprinzips einer Brennkammer den spezifischen Impuls verdoppeln kann. Im Prinzip meinte der Verfasser, durch eine Explosion, also Umstellung auf einen Pulsantrieb dies erreichen zu k&ouml;nnen. Nun war ich mir sicher, dass dies nicht klappt und der prognostizierte Impuls den Energiegehalt, der letztendlich in der Verbindung steckt, &uuml;berschreitet.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/429acb9f2f354c8da5b6df5eaa5cbe94\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/><!--more--><\/p>\n<p>In B&uuml;chern &uuml;ber Raumfahrt findet man interessanterweise keinerlei theoretische Maximalimpulse der Treibstoffkombinationen. Es gibt Formeln, um Ausstr&ouml;mgeschwindigkeiten zu berechnen, doch f&uuml;r die braucht man weitere Werte, wie die Temperatur die per se nicht bekannt sind.<\/p>\n<p>Mir wurde ja schon vorgeworfen, das ich als Chemiker mich zu stark mit der Chemie der Verbrennung besch&auml;ftige, w&auml;hrend die ganze Raumfahrt in den Grundlagen nur von der Physik diktiert wird. Aber ich denke, hier kann man mit der Chemie weiter kommen. Um es vorwegzusagen: das alles was jetzt im ersten Teil kommt basiert auf meinem Mist, aber ich will begr&uuml;nden, warum ich es f&uuml;r richtig halte.<\/p>\n<p>F&uuml;r jede chemische Reaktion kann ich eine Reaktionsenergie nachlesen. F&uuml;r die st&ouml;chiometrische Verbrennung von Wasserstoff und Sauerstoff folgt z.B:<\/p>\n<p>2 H<sub>2<\/sub> + O<sub>2<\/sub> \u2192 2 H<sub>2<\/sub>O + 286 kj\/Mol<\/p>\n<p>Ein Mol Wasser wiegt 18 g, daraus kann man einen Energiegehalt von 1000 g \/ 18 g * 286 kJ = 15,88 MJ. Wem der Energiegehalt zu gering vorkommt (er ist kleiner als der von Kohlehydraten mit 17,2 MJ), der sollte bedenken, dass wir sonst nur den Energiegehalt des Verbrennungstr&auml;gers angeben, den ben&ouml;tigten Sauerstoff zur Verbrennung aber ignorieren und der macht bei obiger Gleichung <sup>8<\/sup>\/<sub>9<\/sub> der Masse aus. F&uuml;r einige Verbindungen kommt man so zu folgender Tabelle.<\/p>\n<table width=\"100%\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"4\">\n<thead>\n<tr valign=\"TOP\">\n<th width=\"33%\">Treibstoff<\/th>\n<th width=\"33%\">Energie pro Reaktionsgleichung<\/th>\n<th width=\"33%\">Energie pro Kilogramm<\/th>\n<\/tr>\n<\/thead>\n<tbody>\n<tr valign=\"TOP\">\n<td width=\"33%\">LH2\/LOX<\/td>\n<td width=\"33%\">286 kJ<\/td>\n<td width=\"33%\">15.88 MJ<\/td>\n<\/tr>\n<tr valign=\"TOP\">\n<td width=\"33%\">LNG\/LOX<\/td>\n<td width=\"33%\">802 kJ<\/td>\n<td width=\"33%\">10,02 MJ<\/td>\n<\/tr>\n<tr valign=\"TOP\">\n<td width=\"33%\">Kerosin\/LOX<\/td>\n<td width=\"33%\">Nicht definiert da Gemisch<\/td>\n<td width=\"33%\">7,32MJ*<\/td>\n<\/tr>\n<tr valign=\"TOP\">\n<td width=\"33%\">Hydrazin<\/td>\n<td width=\"33%\">336,5 kJ<\/td>\n<td width=\"33%\">3,50 MJ<\/td>\n<\/tr>\n<tr valign=\"TOP\">\n<td width=\"33%\">Wasserstoffperoxid<\/td>\n<td width=\"33%\">182,7 kJ<\/td>\n<td width=\"33%\">2,68 MJ<\/td>\n<\/tr>\n<tr valign=\"TOP\">\n<td width=\"33%\">Hydrazin\/LOX<\/td>\n<td width=\"33%\">622,7 kJ<\/td>\n<td width=\"33%\">6,48 MJ<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>Damit kann ich die Energie berechnen, die ein Kilogramm Treibstoff liefert. Energie kann man umwandeln, z.B. in kinetische Energie. Die Energie, die in einem beschleunigten K&ouml;rper steckt, ist berechenbar nach:<\/p>\n<p>E = \u00bd m v\u00b2<\/p>\n<p>Damit bin ich bei der Mechanik gelandet. Die Gase verlassen die D&uuml;se mit einer Ausstr&ouml;mgeschwindigkeit, die multipliziert mit der Menge der Gase einen Impuls liefert, die Rakete beschleunigt:<\/p>\n<p>P = m * v<\/p>\n<p>Die Energie ist schlussendlich nur die Summe dieser Impulse &uuml;ber die Zeit. Damit kann ich die Ausstr&ouml;mgeschwindigkeit v berechnen nach:<\/p>\n<p>v = Quadratwurzel (2 * E<sub>chem<\/sub>)<\/p>\n<p>F&uuml;r die obigen Treibstoffkombinationen erh&auml;lt man so folgende theoretische Ausstr&ouml;mgeschwindigkeiten:<\/p>\n<table width=\"100%\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"4\">\n<thead>\n<tr valign=\"TOP\">\n<th width=\"33%\">Treibstoff<\/th>\n<th width=\"33%\">Energie pro Reaktionsgleichung<\/th>\n<th width=\"33%\">Praktisch erreicht<\/th>\n<\/tr>\n<\/thead>\n<tbody>\n<tr valign=\"TOP\">\n<td width=\"33%\">LH2\/LOX<\/td>\n<td width=\"33%\">5.635 m\/s<\/td>\n<td width=\"33%\">4.560 m\/s<\/td>\n<\/tr>\n<tr valign=\"TOP\">\n<td width=\"33%\">LNG\/LOX<\/td>\n<td width=\"33%\">4.476 m\/s<\/td>\n<td width=\"33%\">3.512 m\/s<\/td>\n<\/tr>\n<tr valign=\"TOP\">\n<td width=\"33%\">Kerosin\/LOX<\/td>\n<td width=\"33%\">3.826 m\/s*<\/td>\n<td width=\"33%\">3.315 m\/s<\/td>\n<\/tr>\n<tr valign=\"TOP\">\n<td width=\"33%\">Hydrazin<\/td>\n<td width=\"33%\">2.645 m\/s<\/td>\n<td width=\"33%\">2.200 m\/s<\/td>\n<\/tr>\n<tr valign=\"TOP\">\n<td width=\"33%\">Wasserstoffperoxid<\/td>\n<td width=\"33%\">2.315 m\/s<\/td>\n<td width=\"33%\">1.800 m\/s<\/td>\n<\/tr>\n<tr valign=\"TOP\">\n<td width=\"33%\">Hydrazin\/LOX<\/td>\n<td width=\"33%\">3.602 m\/s<\/td>\n<td width=\"33%\">3.450 m\/s (aber mit UDMH)<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>*: In beiden Tabellen: Korrigiert nach den erg&auml;nzenden Daten von Kommentaren<\/p>\n<p>Die Unterschiede sind deutlich. Doch warum kann man die Energie nicht vollst&auml;ndig ausnutzen?<\/p>\n<p>Punkt 1 ist (nun hole ich wieder die Physiker ab und es folgen etablierte Erkenntnisse) der zweite Hauptsatz der Thermodynamik. Danach kann ich niemals die volle Energie aus einem Treibstoff herausholen. Wenn das Gas die D&uuml;senm&uuml;ndung passiert hat, kann es keine Energie mehr auf die Rakete &uuml;bertragen. Es hat aber noch eine endliche Energie. Bei einem Raketenstart ist das deutlich zu sehen an dem Flammenschweif den eine Rakete hinterher zieht. Bei einem Start vom Boden aus gibt es eine Begrenzung: Der Druck an der D&uuml;senm&uuml;ndung darf nicht viel kleiner als der Luftdruck sein, sonst kommt es noch in der D&uuml;se zu turbulenten Str&ouml;mungen, die die D&uuml;se besch&auml;digen k&ouml;nnen. Daher haben sie kurze D&uuml;sen und nutzen einen Teil der Energie nicht aus. Daher gibt es auch immer die Angabe einen spezifischen Impuls auf Meeresh&ouml;he (Sea Level SL, also 1,013 bar Au&szlig;endruck als Definitionswert f&uuml;r Meeresh&ouml;henniveau).<\/p>\n<p>Der zweite Faktor ist das nur Gase die Rakete beschleunigen k&ouml;nnen. Sie prallen auf die Brennkammer und D&uuml;senwand und werden von dieser gleichgerichtet und &uuml;bertragen einen Impuls auf die Rakete. Bei der Verbrennung k&ouml;nnen Feststoffe entstehen, das ist bei obigen Treibstoffen nicht der Fall, aber bei festen Treibstoffen und es k&ouml;nnen Fl&uuml;ssigkeiten entstehen. Im Vakuum, nur dort k&ouml;nnen wir die maximalen Impulse erreichen wird aber sobald die Temperatur, ab der eine Kondensation m&ouml;glich ist \u2013 bei Wasser z.B. unterhalb 100 Grad Celsius, es dazu kommen das am Fl&uuml;ssigkeitstropfen im Vakuum ein Teil der Fl&uuml;ssigkeit verdampft und die Energie daf&uuml;r entzieht sie dem Rest der Fl&uuml;ssigkeit, die so zu Eis gefriert. Dann f&auml;llt sie aus dem System heraus und tr&auml;gt nicht mehr zum Antrieb bei.<\/p>\n<p>Noch bedeutender ist das bei der Kondensation Energie gebunden wird, die Verdampfungsenthalpie. Sie ist beim Wasser relativ hoch und liegt bei 2.267 kJ\/kg also ein Siebtel der gesamten Energie.<\/p>\n<p>Das ist aber nur ein Teilaspekt. In der Praxis setzt man ja nicht die Treibstoffe in dem st&ouml;chiometrischen Verh&auml;ltnis ein, sondern einem das reicher an Verbrennungstr&auml;ger ist. Bei Wasserstoff\/Sauerstoff betr&auml;gt das st&ouml;chiometrische Verh&auml;ltnis 8 zu 1, g&auml;ngige Antriebe arbeiten mit 5 bis 6 zu 1. Bei LOX\/Kerosin ist es 3,4 zu 1, g&auml;ngige Antriebe arbeiten mit 2,2 bis 2,5 zu 1.Was ist die Folge? Nur ein Teil des Verbrennungstr&auml;gers wird verbrannt. Der Rest nicht oder nur unvollst&auml;ndig. Dieser Teil ist aber vorhanden und wirkt so, wie ein inerter Stoff den man zusetzt und der an der Reaktion nicht teilnimmt. Aber nur im Idealfall. Das ist noch so bei Wasserstoff Sauerstoff, weil hier keine stabilen Reaktionsprodukte au&szlig;er Wasser entstehen k&ouml;nnen. Bei den anderen Stoffen ist dem nicht so. Bei Kohlenwasserstoffen entsteht bei unvollst&auml;ndiger Verbrennung noch Kohlenmonoxid, daneben k&ouml;nnen sie untereinander reagieren, so kann auch aus Methan h&ouml;here Kohlenwasserstoffe entstehen oder Graphit. Stickstoff kann Lachgas oder Stickoxid bilden. Der Betrieb mit dem &Uuml;berschuss ist aber n&ouml;tig, denn so verhindert man einen &Uuml;berschuss an Oxidator, der bei der Verbrennung die Brennkammer besch&auml;digen kann, wie SpaceX bei ihrem SN8 Versuch demonstriert haben. In diesen Produkten der Verbrennung steckt aber noch Energie, also Kohlenmonoxid kann man noch zu Kohlendioxid verbrennen.<\/p>\n<p>Als weiteres kann es sein, dass beim Verlassen die D&uuml;se die Reaktion noch nicht abgeschlossen ist. Es gibt dann noch Reaktionszwischenprodukte, aber auch noch unverbrannten Verbrennungstr&auml;ger und Treibstoff. Diese haben nat&uuml;rlich noch Energie bzw., durch die Nichtreaktion wurde die Energie nicht vollst&auml;ndig ausgenutzt.<\/p>\n<p>Daher macht man eine D&uuml;se so gro&szlig;, wie es geht. Das hat Grenzen. Je gr&ouml;&szlig;er sie wird, desto schwerer wird sie, was die nicht n&uuml;tzliche Masse der Rakete erh&ouml;ht. Dabei wird der Gewinn immer kleiner. Es gibt auch r&auml;umliche Beschr&auml;nkungen. So kann der Durchmesser nicht gr&ouml;&szlig;er sein als der der Rakete. Da sie auch eine L&auml;nge hat, verl&auml;ngert sie den Stufenadapter, der viel mehr wiegt als die D&uuml;se selbst. Das alles ist Totgewicht, das ab einer bestimmten Masse den Vorteil einer gro&szlig;en D&uuml;se egalisieren oder sogar ins Negative umkehren.<\/p>\n<p>Daneben geht man im Idealfall davon aus, dass die Reaktion vollst&auml;ndig ist, also alle Molek&uuml;le miteinander reagiert haben. Das ist aber nur eine Idealvorstellung. In der Praxis ist dem nicht so. Das ist zum Teil physikalisch bedingt, zum Teil aber auch technisch. So wird der Treibstoff so injiziert, dass um die Brennkammerwand es einen &Uuml;berschuss des Verbrennungstr&auml;gers gibt. Dort herrscht ein reduktives Milieu, das verhindert das die Brennkammer selbst verbrennt, und die Temperatur ist durch den &Uuml;berschuss geringer.<\/p>\n<p>Kurz es gibt etliche Grenzen, die physikalisch oder chemisch gezogen werden.<\/p>\n<p>Dann gibt es aber auch technische Grenzen. Eine offensichtliche Grenze sieht jeder bei einem Video eines Raketenstarts: Die D&uuml;sen werden hei&szlig; und gl&uuml;hen. Die W&auml;rme daf&uuml;r geht nat&uuml;rlich von den Verbrennungsabgasen verloren. Gek&uuml;hlt werden aktiv die Brennkammer und ein Teil der D&uuml;se, dabei wird Treibstoff erw&auml;rmt. Dieser Treibstoff wird genutzt, er wird sp&auml;ter verbrannt. Aber er begrenzt nur die Temperatur, trotzdem werden die Brennkammern sehr hei&szlig;, typisch 800 bis 1000 Grad Celsius und wie bei der D&uuml;se muss man die Energie die daf&uuml;r notwendig ist von der verf&uuml;gbaren Energie abziehen. Als weitere technische Nebenbemerkung &uuml;bertr&auml;gt nicht das Gas seine gesamte Energie auf die D&uuml;se. Dann w&uuml;rde es in einem eng begrenzten Strahl die D&uuml;se verlassen, doch wie jeder wei&szlig;, f&auml;chert er sich auf.<\/p>\n<p>Zuletzt kann der Antrieb selbst noch einen Teil des Treibstoffs nicht verbrennen. Es gibt zwei Antriebstypen. Beim Hauptstromantrieb gibt es nur einen Strom, den der ganze Treibstoff durchstr&ouml;mt. Er kann durchaus Umwege durchlaufen wie einen Vorbrenner oder die Brennkammer und D&uuml;se umlaufen um sie zu k&uuml;hlen. Letztendlich landet aber der gesamte Treibstoff in der Brennkammer. Solche Verfahren sind das Staged Combustion Verfahren (Space Shuttle Haupttriebwerke, viele russische Triebwerke) oder Expander Cycle Verfahren (RL-10, Vinci). Beim Nebenstromverfahren wird schon nach dem Tank ein Teil des Treibstoffs abgezweigt und separat verbrannt. Das dabei entstehende Gas treibt die Turbinen an, welche wiederum die Pumpen f&uuml;r die Treibstofff&ouml;rderung antreiben. Dieses Gas wird nicht in die Brennkammer entlassen, sondern in einem separaten Auslass. Solche Triebwerke sind daher nicht so effizient. Eine Prozent des Treibstoffs werden so nicht zur Schuberzeugung genutzt. Ebenso ist der Brennkammerdruck von Bedeutung. Je h&ouml;her der Brennkammerdruck ist, desto kleiner ist der D&uuml;senm&uuml;ndungsdruck und die D&uuml;senm&uuml;ndungstemperatur bei einer gegebenen Gr&ouml;&szlig;e. Das ergibt sich daraus, das ein Kennwert einer d&uuml;se das Fl&auml;chenverh&auml;ltnis zwiuschen Brennkammerquerschnitt und D&uuml;senm&uuml;ndungsquerschnitt ist. Je h&ouml;her der Brennkammerdruck ist desto kleiner ist die Fl&auml;che des Brennkammerquerschnitts und desto h&ouml;her das Expansionsverh&auml;ltnis. F&uuml;r den Brennkammerdruck muss aber Energie aufgebracht werden. Pumpen pressen den treibstoff in die Brennkammer. Die Kraft davon haben sie von Gasturbinen, die wiederum mit einem Teil des Treibstoffs der vorher verbrannt wurde, beziehen. Dieser Anteil steht dann f&uuml;r die eigentliche Verbrennung nicht zur Verf&uuml;gung.<\/p>\n<p>Mit dem NASA-Programm CEA2 kann man zumindest die theoretisch nutzbare Performance berechnen, also die, die nun technische Aspekte eines konkreten Triebwerks au&szlig;en vor l&auml;sst. <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2011\/08\/10\/fcea2\/\">CEA2<\/a> liefert immer zwei Werte, die auf unterschiedlichen Annahmen beruhen. Der eine beruht auf der Annahme, das die Reaktion vollst&auml;ndig erfolgt und immer das chemische Gleichgewicht herrscht. Das ist zu optimistisch. Der zweite Ansatz geht davon aus, dass das Gleichgewicht nach Verlassen der Brennkammer \u201eeingefroren\u201c ist und sich nicht mehr ver&auml;ndert. Das ist ebenfalls wirklichkeitsfern, aber im negativen Sinne. Wenn man Erfahrungen mit der Treibstoffkombination hat, kann man einsch&auml;tzen, wo das Triebwerk zwischen den beiden Werten liegt, wenn man das nicht wei&szlig; muss, man selbst sch&auml;tzen, ich nehme meist den Mittelwert zwischen beiden Angaben. Ich habe dies mal f&uuml;r effiziente Triebwerke getan, deren Kennwerte bekannt sind: Alles sind Triebwerke im Hauptstromverfahren. Beim Nebenstromverfahren muss der Nebenstrom bekannt sein, das ist aber selten der Fall.<\/p>\n<table width=\"100%\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"4\">\n<thead>\n<tr valign=\"TOP\">\n<th width=\"20%\">Triebwerk<\/th>\n<th width=\"20%\">Ausstr&ouml;mgeschwindigkeit real<\/th>\n<th width=\"20%\">Ausstr&ouml;mgeschwindigkeit<\/p>\n<p>\u201eFrozen\u201c nach CEA<\/th>\n<th width=\"20%\">Ausstr&ouml;mgeschwindigkeit<\/p>\n<p>Gleichgewicht nach CEA<\/th>\n<th width=\"20%\">Mischung<\/th>\n<\/tr>\n<\/thead>\n<tbody>\n<tr valign=\"TOP\">\n<td width=\"20%\">RS-25<\/td>\n<td width=\"20%\">4436<\/td>\n<td width=\"20%\">4364<\/td>\n<td width=\"20%\">4537<\/td>\n<td width=\"20%\">58 \/ 42 %<\/td>\n<\/tr>\n<tr valign=\"TOP\">\n<td width=\"20%\">RD-170<\/td>\n<td width=\"20%\">3336<\/td>\n<td width=\"20%\">3306<\/td>\n<td width=\"20%\">3509<\/td>\n<td width=\"20%\">85 \/ 15 %<\/td>\n<\/tr>\n<tr valign=\"TOP\">\n<td width=\"20%\">NK-33<\/td>\n<td width=\"20%\">3247<\/td>\n<td width=\"20%\">3213<\/td>\n<td width=\"20%\">3446<\/td>\n<td width=\"20%\">85 \/ 15 %<\/td>\n<\/tr>\n<tr valign=\"TOP\">\n<td width=\"20%\">NK-43<\/td>\n<td width=\"20%\">3394<\/td>\n<td width=\"20%\">3349<\/td>\n<td width=\"20%\">3643<\/td>\n<td width=\"20%\">85 \/ 15 %<\/td>\n<\/tr>\n<tr valign=\"TOP\">\n<td width=\"20%\">RL-10B2<\/td>\n<td width=\"20%\">4565<\/td>\n<td width=\"20%\">4438<\/td>\n<td width=\"20%\">4721<\/td>\n<td width=\"20%\">55 \/ 45 %<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>Die \u201eMischung\u201c, also die Kombination beider theoretischer werte ist so zu verstehen: Multipliziert man den niedrigeren wert mit x % und den zweiten mit 100-x % so erh&auml;lt man genau die beobachtete Performance. Bei den beiden Triebwerken mit Wasserstoffantrieb liegt das auch genau in der Mitte, bei allen drei russischen Triebwerken dagegen mit einer Abweichung von nur eine, Prozent beim Verh&auml;ltnis 85 \/ 15. Dies scheint f&uuml;r die jeweilige Treibstoffkombination eine Konstante zu sein. Das l&auml;sst dann nat&uuml;rlich auch eine Absch&auml;tzung f&uuml;r neuere Triebwerke zu. Bei Nebenstromtreibwerken w&auml;re dieser Nebenstrom noch zu ber&uuml;cksichtigen. Dieser h&auml;ngt vom Brennkammerdruck ab. Beim &Uuml;bergang vom Vulcain 1 zum 2 stieg er von 3,4 auf 4,5 %. Schon das F-1 ben&ouml;tigte bei niedrigem Brennkammerdruck 3,2 % des Treibstoffs f&uuml;r den Gasgenerator. Das hei&szlig;t, dass ein Nebenstromtriebwerk nur 94 bis 97 % des mit CEA2 berechneten Impulses liefert.<\/p>\n<h3>Gegencheck<\/h3>\n<p>Wie nah kommt nun ein reales Triebwerk den theoretischen Impulsen? Wenn man den h&ouml;chsten Verbrennungsdruck annimmt, den man bisher erreichte \u2013 300 bar \u2013 und dazu eine extrem gro&szlig;e Expansionsd&uuml;se mit einem Fl&auml;chenverh&auml;ltnis von 1000 (die D&uuml;se eine 1.000 kN Triebwerks hat dann einen Durchmesser von 2,07 m, dann kommt man auf folgende Impulse (Seal Level \/ Vakuum).<\/p>\n<table width=\"100%\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"4\">\n<thead>\n<tr valign=\"TOP\">\n<th width=\"20%\">Triebwerk<\/th>\n<th width=\"20%\">Mischung<\/th>\n<th width=\"20%\">Ausstr&ouml;mgeschwindigkeit<\/p>\n<p>\u201eFrozen\u201c nach CEA<\/th>\n<th width=\"20%\">Ausstr&ouml;mgeschwindigkeit<\/p>\n<p>Gleichgewicht nach CEA<\/th>\n<th width=\"20%\"><\/th>\n<\/tr>\n<\/thead>\n<tbody>\n<tr valign=\"TOP\">\n<td width=\"20%\">LOX\/Kerosin<\/td>\n<td width=\"20%\">85\/15<\/td>\n<td width=\"20%\">3362 \/ 3402<\/td>\n<td width=\"20%\">3831 \/ 3949<\/td>\n<td width=\"20%\">3432 \/ 3484<\/td>\n<\/tr>\n<tr valign=\"TOP\">\n<td width=\"20%\">LOC\/LNG<\/td>\n<td width=\"20%\">80\/20<\/td>\n<td width=\"20%\">3514 \/ 3562<\/td>\n<td width=\"20%\">3952 \/ 4059<\/td>\n<td width=\"20%\">3602 \/ 3640<\/td>\n<\/tr>\n<tr valign=\"TOP\">\n<td width=\"20%\">LOX\/LH2<\/td>\n<td width=\"20%\">55\/45<\/td>\n<td width=\"20%\">4312 \/ 4370<\/td>\n<td width=\"20%\">4690 \/ 4790<\/td>\n<td width=\"20%\">4482 \/ 4559<\/td>\n<\/tr>\n<tr valign=\"TOP\">\n<td width=\"20%\">LOC\/LH2 5,5 zu 1<\/td>\n<td width=\"20%\">55\/45<\/td>\n<td width=\"20%\">4625 \/ 4679<\/td>\n<td width=\"20%\">4694 \/ 4752<\/td>\n<td width=\"20%\">4656 \/ 4712<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>Zumindest bei LOX\/LH2 erreicht man bei der nicht st&ouml;chiometrischen Verbrennung noch etwas h&ouml;here Impulse. Hier endet dann die Chemie und man muss zur Physik wechseln \u2013 man kann das Verbrennungsgas als ein ideales Gas ansehen und da hat jedes Gasmolek&uuml;l bei einer bestimmten Temperatur eine mittlere Geschwindigkeit, die von der Temperatur aber auch Molekularmasse abh&auml;ngt. Wasserstoff den es bei LOX\/LH2 und nicht st&ouml;chiometrischer Verbrennung (z.B. LOX\/LH2=6 anstatt 8) im &Uuml;berschuss gibt ist aber neunmal leichter als das Reaktionsprodukt Wasser und hat so eine sehr hohe Geschwindigkeit mit der Er gegen die D&uuml;se prallt und so Impuls &uuml;bertr&auml;gt. Dieser Effekt ist viel st&auml;rker als der Verlust an Energie, zumal die Temperatur in der Brennkammer zur vierten Potenz der Energie ansteigt, also so nur leicht abf&auml;llt.<\/p>\n<h3 class=\"western\">Jenseits der Physik<\/h3>\n<p>Es gibt nat&uuml;rlich dann immer wieder Meldungen, wo jemand einen Rekord beansprucht. Manchmal sogar mehr als die Physik zul&auml;sst. So bei SpaceX. Ich lasse mal das Raptor au&szlig;en vor, ist schlie&szlig;lich noch nicht zu Ende entwickelt und die Daten daher flie&szlig;end. Aber f&uuml;r das Merlin, mit folgenden Daten:<\/p>\n<ul>\n<li>Brennkammerdruck: 97,2 Bar<\/li>\n<li>Expanionsratio 16 (Bodenversion), 165 (Vakuumversion)<\/li>\n<li>LOX\/Kerosin: 2.327 zu 1<\/li>\n<\/ul>\n<p>kann man folgendes Berechnen:<\/p>\n<table width=\"100%\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"4\">\n<thead>\n<tr valign=\"TOP\">\n<th width=\"20%\">Triebwerk<\/th>\n<th width=\"20%\">Expansionsratio<\/th>\n<th width=\"20%\">Ausstr&ouml;mgeschwindigkeit<\/p>\n<p>\u201eFrozen\u201c nach CEA<\/th>\n<th width=\"20%\">Ausstr&ouml;mgeschwindigkeit<\/p>\n<p>Gleichgewicht nach CEA<\/th>\n<th width=\"20%\">SpaceX<\/th>\n<\/tr>\n<\/thead>\n<tbody>\n<tr valign=\"TOP\">\n<td width=\"20%\">Merlin Boden<\/td>\n<td width=\"20%\">16<\/td>\n<td width=\"20%\">2419 \/ 2752<\/td>\n<td width=\"20%\">2491 \/ 2857<\/td>\n<td width=\"20%\">2766 \/ 3051<\/td>\n<\/tr>\n<tr valign=\"TOP\">\n<td width=\"20%\">Merlin Vakuum<\/td>\n<td width=\"20%\">165<\/td>\n<td width=\"20%\">2980 \/ 3151<\/td>\n<td width=\"20%\">3120 \/ 3317<\/td>\n<td width=\"20%\">3414<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>Zur Erkl&auml;rung: SpaceX gibt eine \u201eExpansion ratio\u201c, das ist der Druckabfall entlang der D&uuml;se von 16 und 165 an. Das erscheint mir wenig, denn dann betr&auml;gt der D&uuml;senmundungsdruck bei 97 Bar noch fast 2 bar. Normalerweise liegt er bei Erststufentriebwerken zwischen 0,2 und 0,4 bar.<\/p>\n<p>Gemeint kann auch die \u201eArea ratio\u201c sein, also das Fl&auml;chenverh&auml;ltnis von D&uuml;senm&uuml;ndung zu Brennkammerdurchmesser. Doch da gehen die 165 nicht, denn bei 934 kN Schub kann man leicht ausrechnen, dass die D&uuml;se einen Durchmesser von 4,53 m haben m&uuml;sste \u2013 so was geht aber nicht in einen Stufenadaper mit 3,60 m Durchmesser. Bei 92 bzw. 3,3 m Durchmesser k&ouml;nnen es maximal 7,5 bzw. 87,3 sein.<\/p>\n<table width=\"100%\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"4\">\n<thead>\n<tr valign=\"TOP\">\n<th width=\"17%\">Triebwerk<\/th>\n<th width=\"17%\">Area Ratio<\/th>\n<th width=\"17%\">Ausstr&ouml;mgeschwindigkeit<\/p>\n<p>\u201eFrozen\u201c nach CEA<\/th>\n<th width=\"17%\">Ausstr&ouml;mgeschwindigkeit<\/p>\n<p>Gleichgewicht nach CEA<\/th>\n<th width=\"17%\">SpaceX<\/th>\n<th width=\"17%\">80:20 Mischung<\/th>\n<\/tr>\n<\/thead>\n<tbody>\n<tr valign=\"TOP\">\n<td width=\"17%\">Merlin Boden<\/td>\n<td width=\"17%\">7.5<\/td>\n<td width=\"17%\">2776 \/ 3002<\/td>\n<td width=\"17%\">2855 \/ 3119<\/td>\n<td width=\"17%\">2766 \/ 3051<\/td>\n<td width=\"17%\">2791 \/ 3025<\/td>\n<\/tr>\n<tr valign=\"TOP\">\n<td width=\"17%\">Merlin Vakuum<\/td>\n<td width=\"17%\">87<\/td>\n<td width=\"17%\">3276 \/ 3370<\/td>\n<td width=\"17%\">3440 \/ 3564<\/td>\n<td width=\"17%\">3414<\/td>\n<td width=\"17%\">3408<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>Damit r&uuml;cken die SpaceX Angaben in reale N&auml;he, nur eben nicht unter den Bedingungen die SpaceX angibt. Vor allem aber: es sind Angaben f&uuml;r ein Hauptstromtriebwerk. Das Nebenstromtriebwerk Merlin d&uuml;rfte bei diesem Druck rund 4 bis 5 Prozent des Treibstoffs f&uuml;r den Gasgenerator eingesetzt werden. Also sollte man den spezifischen Impuls um diesen Prozentsatz absenken. Dann rutscht man selbst bei moderaten 4 Prozent aber in den Bereich, den andere Triebwerke haben (2655 \/ 2928 \/ 3277). Mal sehen wie sie das Raptor hochgerechnet haben \u2026.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf meinen heutigen Beitrag komme ich, weil mir vor einigen Wochen jemand geschrieben hat, der meint durch Ver&auml;nderung des Verbrennungsprinzips einer Brennkammer den spezifischen Impuls verdoppeln kann. Im Prinzip meinte der Verfasser, durch eine Explosion, also Umstellung auf einen Pulsantrieb dies erreichen zu k&ouml;nnen. Nun war ich mir sicher, dass dies nicht klappt und der [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":169,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[138,3],"tags":[2042,2043,3197,647,646,1927,1548,3656,3474],"class_list":["post-15153","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-chemie","category-raumfahrt","tag-cea2","tag-fcea2","tag-kerosin","tag-lh2","tag-lox","tag-nk-33","tag-rd-170","tag-rl-10","tag-rs-25","entry"],"a3_pvc":{"activated":false,"total_views":1161,"today_views":0},"jetpack_featured_media_url":"","jetpack-related-posts":[{"id":14192,"url":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2019\/08\/03\/wernher-von-braun-und-sergej-korolow\/","url_meta":{"origin":15153,"position":0},"title":"Wernher von Braun und Sergej Korolow","author":"Bernd Leitenberger","date":"3. 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