{"id":15293,"date":"2021-04-15T10:34:02","date_gmt":"2021-04-15T08:34:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=15293"},"modified":"2021-04-15T10:34:02","modified_gmt":"2021-04-15T08:34:02","slug":"bemannte-raumfahrt-die-naechsten-jahrzehnte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2021\/04\/15\/bemannte-raumfahrt-die-naechsten-jahrzehnte\/","title":{"rendered":"Bemannte Raumfahrt \u2013 die n&auml;chsten Jahrzehnte"},"content":{"rendered":"<p>Nachdem ich gestern auf die letzten 60 Jahre der bemannten Raumfahrt &#8211; beginnend mit dem Flug Gagarins zur&uuml;ckgeblickt habe, kommt heute ein Ausblick auf die Zukunft. Allerdings nicht &uuml;ber 60 Jahre denn ich will ja noch erleben, ob meine Prognose richtig lag und bei weiteren 60 Jahren m&uuml;sste ich dazu 116 werden. Das halte ich doch f&uuml;r eher unwahrscheinlich und beschr&auml;nke mich mal auf die n&auml;chsten 30 Jahre.<\/p>\n<p>Allerdings so viel gibt es auch nicht zu berichten, denn betrachtet man die letzten 30 Jahre so hat sich nicht so viel getan \u2013 erste erdnahe Fl&uuml;ge ins All mit Kapseln, die Mondlandung, Raumstationen, wiederverwendbare Raumfahrzeuge. Das alles fand in den ersten 30 Jahren statt. Seitdem kam keine grundlegend neue Technologie hinzu, nur wurde die Technik besser bzw. ist alles zuverl&auml;ssiger und professioneller geworden.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/e7ac0c8f7e2741868c3b4f393cef8489\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><!--more--><\/p>\n<p>Ich sehe auch keine technische Revolution am Horizont die daran etwas &auml;ndern k&ouml;nnte und damit Dinge erm&ouml;glicht, oder bisherige Missionstypen drastisch verbilligt. Wie wird es daher weitergehen? Nun ziemlich unaufgeregt denke ich. Fangen wir mit der erdnahen Raumfahrt an. Ich k&ouml;nnte mir vorstellen, dass es dann keine von einer westlichen Raumfahrtnation mehr betriebene Raumstation mehr gibt. China und Indien m&ouml;gen aus politischen Gr&uuml;nden dann vielleicht eine (noch) haben, aber ich glaube nicht das man nach der ISS noch mal 130 Milliarden Dollar f&uuml;r eine Raumstation ausgibt, die schlussendlich nicht viel mehr leisten wird als die ISS heute.<\/p>\n<p>Stattdessen wird es mehr kommerzielle Raumfahrt geben. Auch sie ist ja nicht neu. Es gab in der Aufbauphase der ISS als die Stammbesatzung auf zwei Personen beschr&auml;nkt war immer wieder bis 2009 Touristen, die den dritten Sitz der Sojuskapsel genutzt haben und dann mit der vorherigen Crew eine Woche sp&auml;ter zur&uuml;ckkehrten. Mit den nun vorhandenen Zubringern Crew Dragon und Starliner gibt es jetzt schon eine &Uuml;berschusskapazit&auml;t an Sitzpl&auml;tzen f&uuml;r die regul&auml;re Versorgung der ISS, obwohl beide Raumschiffe, die f&uuml;r maximal sieben Personen Platz bieten nur mit vier Insassen starten und der erste rein kommerzielle Flug ist auch angek&uuml;ndigt. Die NASA hat auch den Weg freigemacht f&uuml;r Weltraumtouristen an Bord der ISS \u2013 sie hat sich solange die nur mit russischen Sojus zur ISS kommen konnten immer dagegen gewehrt, nun mit amerikanischen Vehikeln sieht das nat&uuml;rlich gaaaanz anders aus. Allerdings wurden die <a href=\"https:\/\/www.nasa.gov\/leo-economy\/commercial-use\/pricing-policy\">Preise<\/a> f&uuml;r in Anspruch genommene Leistungen <a href=\"https:\/\/spacenews.com\/nasa-hikes-prices-for-commercial-iss-users\/\">deutlich angehoben<\/a>, sind aber immer noch nicht kostendeckend, wie man zumindest bei den transportierten Massen leicht feststellen kann, wenn man anhand der Ausgaben f&uuml;r ISS Versorgung und die Preise pro Tag einen Schl&uuml;ssel berechnet.<\/p>\n<p>Ich glaube nicht mal das kommerzielle Fl&uuml;ge f&uuml;r Weltraumtourismus als florierenden Markt viel preiswerter werden m&uuml;ssen. Es gibt auf der Welt ziemlich viele Menschen, die sind unglaublich reich. Die leisten sich eigene Flugzeuge, die keine kleinen Passagierflugzeuge sind, sondern umgebaute Jumbo Jets und die haben Jachten, die ben&ouml;tigen mehrere Dutzend Personen als Besatzung. Solche Dinge kosten im dreistelligen Millionenbereich, da sind 40 bis 60 Millionen Dollar, so viel kostet derzeit ein Sitzplatz bei einem kommerziellen Start, durchaus zu verschmerzen, &auml;hnlich wie es auch Leute gibt die eine Weltreise auf einem Kreuzfahrtschiff machen und daf&uuml;r so viel ausgeben, wie ein Mittelklassewagen kostet. Ich glaube f&uuml;r dieses Klientel ist etwas anderes ausschlaggebend. Solange die Transporte nur von Roskomos durchgef&uuml;hrt wurden, mussten alle Weltraumtouristen ein Kosmonauten-Basistraining durchlaufen und das dauert Monate. Wer so reich ist, hat nicht die Lust sich monatelang auf einen Trip von ein oder zwei Wochen vorzubereiten. Eher bezahlt er ein zweites Ticket f&uuml;r jemanden der alle Arbeit f&uuml;r ihn erledigt. Wer Passagier in einem Flugzeug ist, oder auf einem Schiff, muss das ja auch nicht steuern k&ouml;nnen, dort gibt es eine kurze Einweisung in die Sicherheitsma&szlig;nahmen im Falle eines Falles. Ich halte das auch f&uuml;r nicht unm&ouml;glich, denn ausgereift ist die Technik nach Jahrzehnten. Die heutigen Raumschiffe k&ouml;nnen im Prinzip vom Computer alleine gesteuert werden. Wenn dann noch ein Profiastronaut als Pilot f&uuml;r Notma&szlig;nahmen an Bord ist, denke ich reicht das. Kommerzielle Unternehmen k&ouml;nnen ihre eigenen Richtlinien f&uuml;r Missionstraining aufstellen und so sehe ich daf&uuml;r eine Zukunft.<\/p>\n<p>Man wird an eine kleine kommerzielle Raumstation andocken, die Versorgungsg&uuml;ter kann man selbst mitf&uuml;hren, denn wir reden dann sicher nicht von Monaten im All, sondern ein bis vielleicht vier Wochen. Das alles ist heute schon m&ouml;glich.<\/p>\n<p>Wird es entscheidend billiger werden? Ich denke nicht. Heute ist schon die Falcon 9 mit Crew Dragon die billigste M&ouml;glichkeit ins all zu kommen. Die Rakete ist zu 70 % wiederverwendbar. &Auml;hnliches gilt f&uuml;r die Kapsel, bei der nur der Verbindungsring zur Rakete verloren geht. Mit 100 % Wiederverwendung wie beim Starship versprochen, wird sich nur durch die Wiederverwendung nichts viel an den Kosten &auml;ndern. Eine Reduzierung w&auml;re durch mehr Passagiere m&ouml;glich, die im Starship Platz haben. Auf der anderen Seite muss man dann auch so viele Personen mit eigenem Terminplan f&uuml;r einen Trip zeitgleich starten, was angesichts des Klientels dann doch wieder schwierig wird. Vielleicht wird es in 30 Jahren auch kein Starship sein, sondern ein kleines Shuttle. Der Dream Chaser ist heute so ein kleines Shuttle. Er wurde der NASA von Sierra Nevada auch f&uuml;r Passagiertransporte angeboten und basiert auf einem NASA-Enwurf f&uuml;r ein Rettungsboot f&uuml;r die ISS Astronauten. Er w&auml;re dann ebenfalls zu 100 % wiederverwendbar. Sierra Nevada will nun seine <a href=\"https:\/\/spacenews.com\/sierra-nevada-corporation-to-spin-off-space-division\/\">Weltraumsparte ausgliedern<\/a>, weil sie meinen das ihr Umsatz in den n&auml;chsten zehn Jahren von 400 Millionen Dollar auf 4 bis 5 Milliarden Dollar anwachsen will \u2013 nur mit Transporten zur ISS kann man nicht mit solchen Einnahmen rechnen.<\/p>\n<p>Ebenso sind Missionen zum Mond \u2013 entweder als Swing-By wie Apollo 13 oder um in eine Umlaufbahn einzutreten denkbar. F&uuml;r Ersteres ben&ouml;tigt man eine dreimal st&auml;rkere Tr&auml;gerrakete als f&uuml;r eine LEO-Mission und das w&auml;re jetzt schon m&ouml;glich, f&uuml;r Letzteres dann eher ein f&uuml;nf- bis sechsmal st&auml;rkere Tr&auml;gerrakete was dann die Kosten doch ziemlich in die H&ouml;he treiben w&uuml;rde, denn dann ist man bei einer Schwerlastrakete wie der SLS, die nicht nur teuer in der Produktion, sondern auch in der Entwicklung ist.<\/p>\n<p>Doch was ist mit den gro&szlig;en Vorhaben? Wernher von Braun wollte nach der Mondlandung zum Mars aufbrechen. Das war 1969, inzwischen sind &uuml;ber 50 Jahre vergangen und eine bemannte Marsexpedition ist nicht geplant. Ich denke, daran wird sich auch nichts &auml;ndern. Das Mondlandeprogramm war ein Sonderfall. Es entstand aus der Vorstellung die USA w&auml;ren Russland technologisch hinterher und vor allem dies w&uuml;rde sich auch auf die politischen Beziehungen zu anderen Staaten auswirken, die dies auch so sehen k&ouml;nnten. Es gibt nicht wenige Stimmen, die sagen, dass man Apollo w&auml;re, Kennedy nicht ermordet worden wahrscheinlich Mitte der Sechziger wieder abgebrochen h&auml;tte, als klar wurde, dass man mit Gemini Russland &uuml;berholt hat. Eine Marsexpedition w&auml;re aber mindestens genauso teuer, was bedeutet das sich der NASA Etat &uuml;ber einige Jahre um ein vielfaches erh&ouml;hen m&uuml;sste. Die Motivation dies zu tun, sehe ich nicht. Vielleicht geht China so etwas an, wenn ihre Wirtschaft weiter so w&auml;chst, k&ouml;nnen sie sich das vielleicht bald leisten \u2013 es sind ja auch viel mehr Chinesen als Amerikaner, d.h., wenn beide Nationen dasselbe Jahreseinkommen pro Arbeitnehmer erreicht haben, dann kann China bei gleichem Anteil f&uuml;r die Raumfahrt wie sie die USA aufwenden, viel gr&ouml;&szlig;ere Projekte angehen. Schon heute starten sie von staatlicher Seite her mehr als die USA. Ob sie aber ein Marsprojekt auch durchf&uuml;hren, ist eine andere Sache, denn wie schon geschrieben, Apollo war nur in einem bestimmten politischen Bewusstsein, dem Sputnikschock m&ouml;glich \u2013 es ist auch kein Zufall, dass die ber&uuml;hmte Rede Kennedys nur wenige Woche nach Gagarins Erdumrundung stattfand.<\/p>\n<p>Derzeit l&auml;uft Artemis und ich denke es wird auch zu einer erneuten Mondlandung kommen. Denn anders als bei Apollo muss man nicht bei Null anfangen. Die Schwerlastrakete ist inzwischen entwickelt, die Orion ebenfalls. Nun fehlt noch der Mondlander und nach dem derzeitigen Konzept einige kleine Module f&uuml;r eine Raumstation im Halo-Orbit. Das ist finanzierbar. Ob es dann aber viel ein umfangreicheres Projekt wird als bei Apollo, also z.B. eine permanente Station auf der Mondoberfl&auml;che? Wohl eher nicht denn dazu w&auml;ren erhebliche Mehraufwendungen n&ouml;tig. Schon jetzt ist ja ein bemannter Artemis Flug nur alle in bis zwei Jahre geplant \u2013 Bei Apollo waren es bis zu f&uuml;nf pro Jahr. Das zeigt, wie derzeit am Projekt gespart wird.<\/p>\n<p>Jenseits von Mond und Mars gibt es wenige Ziele. Zur Venus kommt man genauso einfach zum Mars. Doch landen kann man nicht \u2013 sie scheidet also aus. Das Gleiche gilt f&uuml;r die anderen Planeten \u2013 sie sind noch schwerer erreichbar und zu unwirtlich. Bei Merkur ist es zu hei&szlig;, Jupiter und Saturn haben t&ouml;dliche Strahlungsg&uuml;rtel, die Missionsdauern werden noch l&auml;nger. Erdnahe Asteroiden wurden als Ziel von Orion auserkoren, bevor man Artemis auflegte \u2013 doch wozu? Sicher man kann viele erdnahe Asteroiden mit einem vergleichsweise geringen Aufwand erreichen, die Missionsdauern liegen dann auch in der Gr&ouml;&szlig;enordnung von Marsmissionen. Aber daf&uuml;r, dass Menschen dort sinnvoll arbeiten k&ouml;nnen sind sie zu klein. Ein Hopser und der Raumfahrer hat Fluchtgeschwindigkeit erreicht.<\/p>\n<p>Ich sehe auch keine Technologie am Horizont, die daran was &auml;ndert. Gerade wurde ein Auftrag f&uuml;r die <a href=\"https:\/\/spacenews.com\/darpa-selects-blue-origin-lockheed-martin-to-develop-spacecraft-for-nuclear-propulsion-demo\/\">Erforschung von nuklearen Stufen<\/a> vergeben. Sie k&ouml;nnen die Nutzlast zum Mars erh&ouml;hen, aber nicht so drastisch, als das eine Expedition dann bezahlbarer wird, wobei dies auch nur zum Teil an den Transportkosten liegt. An den klangen Reisezeiten &auml;ndern sie nichts. Das gilt auch f&uuml;r Ionentriebwerke, Bei ihnen ist die Missionsdauer eher noch l&auml;nger. Immerhin offerieren sie eine etwas gr&ouml;&szlig;ere Nutzlaststeigerung als nukleare Triebwerke und sind ausgereift, wenngleich auch nicht in der Gr&ouml;&szlig;e verf&uuml;gbar die man f&uuml;r bemannte Missionen ben&ouml;tigt. Sie k&ouml;nnten f&uuml;r unbemannte Teile wie Habitat, Ausr&uuml;stung, Treibstoffvorr&auml;te zum Einsatz kommen.<\/p>\n<p>Wahrscheinlich wird die bemannte Raumfahrt in 30 Jahren billiger werden \u2013 den Trend gab es ja schon in den letzten Jahrzehnten. Der angesprochene Weltraumtourismus k&ouml;nnte davon profitieren. F&uuml;r Leute die nicht Million&auml;re sind, k&ouml;nnte es bis dahin mehrere M&ouml;glichkeiten Suborbitaltourismis durchzuf&uuml;hren. Hier ist eine vollst&auml;ndige Wiederverwendung m&ouml;glich, sodass die Kosten, wenn man den Treibstoffverbrauch als Basis nimmt, dann etwa zehnmal teurer als ein Flugticket &uuml;ber den Atlantik sein. Dann w&auml;re Suborbitaltourismus massentauglich und durch die vielen Fl&uuml;ge bleibt er auch preiswert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nachdem ich gestern auf die letzten 60 Jahre der bemannten Raumfahrt &#8211; beginnend mit dem Flug Gagarins zur&uuml;ckgeblickt habe, kommt heute ein Ausblick auf die Zukunft. Allerdings nicht &uuml;ber 60 Jahre denn ich will ja noch erleben, ob meine Prognose richtig lag und bei weiteren 60 Jahren m&uuml;sste ich dazu 116 werden. 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