{"id":15328,"date":"2021-05-04T00:22:56","date_gmt":"2021-05-03T22:22:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=15328"},"modified":"2021-05-03T12:24:15","modified_gmt":"2021-05-03T10:24:15","slug":"was-passiert-wenn-russland-die-iss-partnerschaft-verlaesst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2021\/05\/04\/was-passiert-wenn-russland-die-iss-partnerschaft-verlaesst\/","title":{"rendered":"Was passiert, wenn Russland die ISS-Partnerschaft verl&auml;sst?"},"content":{"rendered":"<p>Russland ist bei der Zusammenarbeit bei der ISS ein vielschichtiger Charakter. Zum einen war kein Besatzungstransport seit Beginn der Station bis dieses Jahr ohne die Russen m&ouml;glich. Zum anderen gab es immer wieder St&ouml;rfeuer und Ank&uuml;ndigungen eine eigene Station aufzubauen. Die letzte dieser &Auml;u&szlig;erungen gab es am <a href=\"https:\/\/tass.com\/science\/1279545\">18.4.2021 als TASS ank&uuml;ndigte, das man pr&uuml;fe die Station ab 2025 zu verlassen<\/a>, weil es immer mehr technische Probleme g&auml;be. Bis 2020 soll dann eine eigene Station entstehen.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/12a3e52ab2b3419fac4b7e8c023bbc4f\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/><br \/>\nDas hat mich zu diesem Blog inspiriert.<!--more--><\/p>\n<p>Ich fange mal an mit der Grundproblematik. Die heutige ISS entstand aus der Fusion von zwei Konzepten. Dem US-Konzept, das als <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/iss-geschichte1.shtml\">Freedom<\/a> begann und dann zu Alpha umbenannt wurde und einer Nachfolgestation von Mir, der Mir-2. Beide mit anderen Designfeatures. Mir 2 sollte wie Mir um ein zentrales Modul herum entstehen, das am Ende einen Koppeladapter f&uuml;r f&uuml;nf weitere Module hat. Jedes russische Modul wird von der <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/proton.shtml\">Proton<\/a> gestartet und hat einen eigenen Antrieb. Beim US-Teil werden die Module von dem Space Shuttle in den Orbit gebracht und an die Station angedockt. Die Station wird auch im Orbit zusammengebaut und hat so viel mehr Teile, die keine druckbeaufschlagte Module sind, wie die Solarzellenarrays, den Arm auf einem Schienennetz oder au&szlig;en angebrachte Paletten und Experimente. Vermitteln sollte zwischen beiden ein eigens gebauter Knoten, sinnigerweise \u201e<a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/iss-verbindungsknoten.shtml\">Unity<\/a>\u201c getauft.<\/p>\n<p>Die Grundproblematik war, das nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion die Ausgaben f&uuml;r Weltraumfahrt enorm absanken. Die Produktion von milit&auml;risch genutzten Satelliten oder Anwendungssatelliten blieb bestehen, aber alles, was Geld kostete und keinen direkten Nutzen versprach, hatte keine Chance zur Umsetzung. Daran hat sich auch seitdem nicht viel ge&auml;ndert. Das f&uuml;hrte schon beim Aufbau der ISS zu Spannungen. Die NASA und ESA mussten f&uuml;r die Fertigstellung der <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/iss-russische-module.shtml\">russischen Module<\/a> zahlen, die notwendig waren damit &uuml;berhaupt Sojus und Progresstransporter andocken konnten und in denen auch lange die einzigen Wohnm&ouml;glichkeiten waren. Die geplanten russischen Module fielen weg, bis auf eines Nauka, das nun \u2013 zehn Jahre nach den letzten US-Modulen endlich vor dem Start steht.<\/p>\n<p>Trotzdem funktionierte eines gut \u2013 der Transport von Besatzungen und Versorgungsg&uuml;tern. Auf den Transport von Versorgungsg&uuml;tern war man bis 2008 angewiesen, bis dahin waren die <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/progress.shtml\">Progress<\/a> die einzige M&ouml;glichkeit zur Versorgung. Bei den Besatzungen war es sogar bis letztes Jahr so. Es war urspr&uuml;nglich geplant die US-Besatzungen mit dem Space Shuttle auszutauschen, doch f&uuml;r Notf&auml;lle h&auml;tte man ein Rettungsboot, das CRV, ein Minishuttle ben&ouml;tigt, das der Revision des Konzepts nach 2005 zum Opfer fiel.<\/p>\n<p>Seit letztes Jahr k&ouml;nnen die USA selbst ihre Astronauten starten, sie haben bald sogar zwei Systeme daf&uuml;r zur Verf&uuml;gung. Kann man nun auf Russland verzichten?<\/p>\n<p>Fangen wir mal an mit den Modulen. Die russischen Module sind vom Volumen her entbehrlich. Sie enthalten zwar Lebenserhaltungssysteme, doch die werden durch US-Systeme inzwischen erg&auml;nzt, die in der Summe mehr Luft und Wasser generieren. Weitere Systeme k&ouml;nnten diese L&uuml;cke schlie&szlig;en. Ich glaube nicht, dass man die Module abkoppeln w&uuml;rde. Zum einen gibt es Vertr&auml;ge &uuml;ber die Nutzung der ISS, aber soweit ich wei&szlig; keinen &uuml;ber ein \u201eEigentum\u201c an Modulen. Selbst wenn, was w&uuml;rde Russland mit ihnen anfangen k&ouml;nnen. Sie sind die &auml;ltesten Module, und wenn von technischen Pannen gesprochen wird, dann f&auml;llt mir Mir ein, wo diese sich die Ausf&auml;lle zum Ende der Lebenszeit massiv h&auml;uften. Der Aufbau der westlichen Module mit der M&ouml;glichkeit ganze Racks auszutauschen spricht ebenso f&uuml;r eine l&auml;ngere Betriebsdauer des US-Teils.<\/p>\n<p>Russlands Teil hat dennoch eine Sonderstellung. Die Module liegen genau in der L&auml;ngsachse und durch sie geht der Schwerpunktvektor. Damit m&uuml;ssen alle Bahnver&auml;nderungen aus diesem Teil heraus erfolgen, will man eine dadurch induzierte Rotation der Station verhindern. Daneben befinden sich alle Triebwerke, welche die Station hat und alle Treibstofftanks in diesem Bereich. Das periodisch n&ouml;tige Anheben der Station f&uuml;hren derzeit die Progress durch. Von 2008 bis 2013 taten dies die europ&auml;ischen <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/ATV.shtml\">ATV<\/a>, die nebenbei auch die Station um 80 km anhoben, was den Treibstoffbedarf f&uuml;r diese Aufgabe auf ein Drittel reduzierte. Neben dem Anheben um das Absinken durch Luftreibung zu kompensieren, gibt es auch Ausweichman&ouml;ver bedingt durch Weltraumschrott und immer wieder m&uuml;ssen auch die Gyroskope f&uuml;r die Lage&auml;nderung ents&auml;ttigt werden. All das ben&ouml;tigt Treibstoff. Progress und ATV konnten mit ihrem Treibstoff, solange sie angekoppelt waren, die &Auml;nderung durchf&uuml;hren. Sie konnten aber auch Treibstoff in die Tanks der russischen Module umpumpen.<\/p>\n<p>US-Transporter sind dazu nicht f&auml;hig, sie koppeln dazu an der falschen Stelle an und sie haben nicht den richtigen Koppeladapter.<\/p>\n<p>W&uuml;rde Russland aussteigen so w&uuml;rde dies wegfallen, die ISS innerhalb von wenigen Jahren so weit absinken, dass sie aufgegeben werden m&uuml;sste \u2013 wenn man nichts tut. Doch man kann etwas tun. Es wurde schon erw&auml;hnt, das die ESA mit den ATV die Aufgaben f&uuml;r einige Jahre &uuml;bernommen hat als ihre Kompensation f&uuml;r die ISS Betriebskosten. Die ESA k&ouml;nnte wieder so ein Vehikel bauen (die originalen ATV k&ouml;nnen, weil viele Teile in den Neunzigern konstruiert wurden, wohl nicht einfach nachgebaut werden), ebenso kann dies aber auch die USA tun. Den n&ouml;tigen Koppeladapter kann man genauso wie das Rendezvousradar bei den Herstellern in Russland und der Ukraine direkt kaufen. Die Module m&uuml;ssen aber noch funktionieren, denn an sie selbst wird angedockt, an ihnen befinden sich Kommunikationsantennen und auch eine Steuerkonsole, um das Ankoppeln abzubrechen.<\/p>\n<p>W&auml;re das nicht der Fall, so wird\u2019s schwierig. Theoretisch kann die NASA einen Ersatz bauen, dann w&auml;re sie auch nicht auf den russischen Adapter angewiesen und k&ouml;nnten den einsetzen, der nun f&uuml;r die bemannten Crew Vehikel installiert wurde. Doch sehe ich derzeit keine Anzeichen bei der NASA, in den ISS-Ausbau zu investieren. Als man 2005<a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/space-shuttle-versorgungssystem.shtml\"> Space Shuttle<\/a> und ISS einer Revision unterzog, um Gelder f&uuml;r die damals geplante Mondmission &#8222;Constellation&#8220; freizusetzen, lies man ja auch Module weg und reduzierte die Besatzung von sieben auf sechs Personen. Nun sind wieder 7 Menschen an Bord, aber Pl&auml;ne f&uuml;r einen Ausbau der ISS oder Ersatz von Modulen gibt es keine. Pl&auml;ne gibt es f&uuml;r die Ankopplung von kommerziellen Modulen, aber nichts in was man selbst Geld investieren muss und die Betreiber von kommerziellen Modulen nutzen die ISS ja deswegen, weil sie ihnen Geld einspart \u2013 die Lebenserhaltung, Bahnkontrolle, komplette Kommunikation und der Besatzung-\/Frachttransport wird so auf die ISS Partner ausgelagert. Sie werden also kaum in neue Module investieren, welche die russischen Module ersetzen.<\/p>\n<p>Nicht zuletzt d&uuml;rfte eine Rolle spielen, wie lange man die ISS noch nutzen kann. Geplant war 2005, dass man sie freigestellt und dann 10 Jahre betriebt. Das Datum ist vertraglich festgelegt und beginnt mit der Installation der Module Kibo und Columbus und die 10 Wahre sind 2019 abgelaufen. Seitdem hat man, weil der Zustand gut ist, den Betrieb immer weiter verl&auml;ngert. Derzeit bis 2028, dann ist die Station genau 30 Jahre alt (wenn man vom ersten Modul Sarja aus rechnet, fertiggestellt wurde sie nat&uuml;rlich erst 2011, bzw. wenn man Nauka noch hinzurechnet, 2021 \u2026). Wenn dieses Datum nicht entscheidend revidiert wird, w&auml;ren es nur drei Jahre zwischen Ausstiegs Russlands und geplantem Ende. Daf&uuml;r baut man sicher kein US-Modul, das die russischen Module ersetzt und man kann auch auf die Anhebung verzichten, so lange bleibt die Station noch in einem Orbit. Drehungen und &auml;hnliche Man&ouml;ver m&uuml;sste man dann mit einem angekoppelten Raumschiff durchf&uuml;hren.<\/p>\n<p>Sollte also Russland 2025 aussteigen, so glaube ich, wird das das Ende der ISS sein. Die USA planen ja derzeit eine Raumstation um den Mond und k&ouml;nnen diese dann der &Ouml;ffentlichkeit als Nachfolgeprojekt verkaufen.<\/p>\n<p>Ich glaube allerdings nicht daran, denn solche Drohungen gab es seitens Russland oft in den letzten Jahrzehnten. Dort ist bemannte Raumfahrt auch noch eine Sache des nationalen Prestiges. Auf der anderen Seite hat sich nun etwas ge&auml;ndert. Bisher wurden von Russland auch Astronauten neben den eigenen Kosmonauten bef&ouml;rdert. Die sorgten nicht nur f&uuml;r Prestige nach dem Motto \u201eWir m&uuml;ssen sogar die US-Astronauten bef&ouml;rdern, weil diese es selbst nicht k&ouml;nnen\u201c, sondern auch f&uuml;r Einnahmen. Der Preis f&uuml;r einen \u201eSitz\u201c kletterte in den vergangenen Jahrzehnten enorm von 25 auf &uuml;ber 80 Millionen pro Person. Damit entf&auml;llt auch diese Mitfinanzierung der eigenen <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/sojus-raumschiff.shtml\">Sojusstarts<\/a>. Theoretisch k&ouml;nnte Russland nun Touristen bef&ouml;rdern, doch obwohl sich diese M&ouml;glichkeit schon letztes Jahr &ouml;ffnete, h&ouml;rt man davon nichts, dagegen sind zwei Touristikfl&uuml;ge seitens SpaceX angek&uuml;ndigt, einer zur ISS und einer solo, ohne an die Raumstation anzukoppeln. So erh&ouml;ht sich der finanzielle Druck. Wie teuer das f&uuml;r Russland ist, wei&szlig; man nicht. So kann man nur spekulieren. Allerdings geht es bei der bemannten Raumfahrt selten um Kosten. Ginge es nur um Geld, so w&uuml;rde sicher die NASA nicht zwei Vehikel f&uuml;r die Versorgung der ISS entwickeln \u2013 bei den Sojus werden drei Personen pro Flug transportiert und davon sind nur einer, maximal zwei sind Astronauten. Bei Starliner und Crew-Dragon sind es vier Personen pro Flug. Jeder Flug ersetzt so zwei Sojus-Starts f&uuml;r die NASA. Mehr als zwei Fl&uuml;ge pro Jahr ben&ouml;tigt man nicht, um die bisherige Besatzung im 180 Tage Rotationsverfahren zu halten, bzw. es ist ja nun schon eine Person mehr an Bord der ISS. F&uuml;r zwei Fl&uuml;ge pro Jahr brauche ich aber keine zwei Systeme. Umgekehrt plant die NASA auch nicht, mit zwei Vehikeln nun mehr Astronauten an Bord zu bringen. Denn das verursacht Folgekosten \u2013 Folgekosten f&uuml;r Wohnmodule, aber vor allem Ferntransporte. Davon gibt es jetzt schon sieben bis acht pro Jahr. Mit jeder Person braucht man mehr Fracht. <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2020\/06\/03\/alternative-fakten-zum-sitzplatzpreis-bei-spacex\/\">2019 ben&ouml;tigte die Station knapp 30 t Fracht,<\/a> wovon nur 50 % von den USA stammten. Ohne Russland w&uuml;rden dessen 32 % wegfallen. Mit jedem Astronauten ben&ouml;tigt man 5 t mehr Fracht, die nach dem <a href=\"https:\/\/www.oversight.gov\/sites\/default\/files\/oig-reports\/Final%20Report%20-%20IG-18-016%20-%20Audit%20of%20Commercial%20Resupply%20Services%20to%20the%20International%20Space%20Station.pdf\">OIG Report<\/a> pro Kilogramm 71.800 Dollar kosten, also fast 360 Millionen Dollar pro Jahr mehr. Diese kosten sind viel h&ouml;her als die reinen \u201eSitzplatzkosten\u201c, die liegen nach einem <a href=\"https:\/\/oig.nasa.gov\/docs\/IG-20-005.pdf\">anderen OIG Report<\/a> bei 90 Millionen Dollar bei Boeing und 55 bei SpaceX \u2013 zwei Besatzungswechsel pro Jahr kosten also maximal 180 Millionen f&uuml;r den Transport der Besatzung aber 360 Millionen f&uuml;r die Fracht die sie ben&ouml;tigen.<\/p>\n<p>Das w&auml;re die wichtigste Folge, die ISS w&uuml;rde, selbst wenn man keine russischen Module ersetzt, und sie absinken l&auml;sst im Betrieb teurer. Mindestens um ein Drittel, das ist der derzeitige Anteil Russlands. So halte ich es f&uuml;r wahrscheinlich das man, das 2028 Datum als Betriebsende der ISS anstrebt, wenn Russland aussteigt. Doch damit rechne ich nicht wirklich, wenn dann, weil nun die ISS f&uuml;r Russland zu teuer wird, aber bestimmt nicht, weil sie eine eigene neue Station aufbauen wollen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Russland ist bei der Zusammenarbeit bei der ISS ein vielschichtiger Charakter. Zum einen war kein Besatzungstransport seit Beginn der Station bis dieses Jahr ohne die Russen m&ouml;glich. Zum anderen gab es immer wieder St&ouml;rfeuer und Ank&uuml;ndigungen eine eigene Station aufzubauen. 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