{"id":15403,"date":"2021-06-12T07:58:13","date_gmt":"2021-06-12T05:58:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=15403"},"modified":"2021-06-12T07:58:13","modified_gmt":"2021-06-12T05:58:13","slug":"envision-und-veritas","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2021\/06\/12\/envision-und-veritas\/","title":{"rendered":"EnVision und VERITAS"},"content":{"rendered":"<p>Innerhalb einer Woche haben NASA jeweils Venusorbiter beschlossen, ich dachte mir mal ich vergleiche die beiden Missionen und bringe die Blogleser auf den neuesten Stand.<\/p>\n<h3 class=\"western\">Finanzrahmen<\/h3>\n<p>Es ist klar, das der Finanzrahmen f&uuml;r ein Projekt entscheidend ist. Er legt fest, wie ambitioniert es sein kann. Sowohl was die Experimente betrifft, wie auch die Sonde selbst, denn nat&uuml;rlich muss im Budget auch die Startrakete mit drin sein und die legt Masse der Sonde fest, oder wie sie zur Venus gelangt und wie lange sie braucht einen venusnahen Orbit zu erreichen.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/120ec9f9832043efafbaef724d896497\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><!--more--><\/p>\n<p>Beide Sonden sind Bestandteil von gr&ouml;&szlig;eren Programmen. VERITAS (Venus Emissivity, Radio Science, InSAR, Topography, and Spectroscopy) ist eine Discovery Mission. Das Discoveryprogramm gibt es seit Beginn der Neunziger Jahre. Es stand zuerst f&uuml;r sehr billige Sonden nach dem Motto \u201e<a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/faster-better-cheaper.shtml\">Faster, Better, Cheaper<\/a>\u201c des damaligen NASA Administrators Goldin. Nachdem sich um die Jahrtausendwende Ausf&auml;lle h&auml;uften, wurde das Programm umstrukturiert und erhielt viel gr&ouml;&szlig;ere Mittel, mit denen &#8222;anst&auml;ndige&#8220; Raumsonden entwickelt werden k&ouml;nnen. Momentan sind noch zwei Sonden aus dem Disoveryprigramm aktiv Der Mondorbiter LRO und der Marslander Insight. VERITAS wird 500 Millionen Dollar kosten. Dies sind aber die kosten f&uuml;r die Raumsonde und die Mission &uuml;ber die Dauer der Prim&auml;rmission. Darin nicht eingeschlossen sind die Experimente und die Tr&auml;gerrakete.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/sci.esa.int\/documents\/34923\/36148\/1567260369382-EnVision_CDF_IFP_2018_Summary.pdf\">EnVision<\/a> ist eine M-Class Mission der ESA. Auch hier gibt das Programm den Finanzrahmen vor. Eine andere M-Class Mission die schon arbeitet, ist der Solar Orbiter. Weitere M-Class Missionen befinden sich derzeit im Bau. \u201eMedium Class\u201c Missionen gab es schon fr&uuml;her bei der ESA, doch als Programm mit Selektrionsrunden ist dies relativ neu. Das Budget f&uuml;r M-Class Missionen beginnt oberhalb 500 Millionen Euro. Allerdings anders als im Discoveryprogramm sind dies die Komplettkosten. Das Proposal f&uuml;r EnVision hatte einen Cost-Cap von 550 Millionen Euro. Rechnet man bei VERITAS eine Tr&auml;gerrakete hinzu und die Kosten f&uuml;r Experimente, dann sind beide Programme im Budget vergleichbar.<\/p>\n<h3 class=\"western\">Mission<\/h3>\n<p>Beide Sonden sind Venusorbiter. F&uuml;r VERITAS gibt es schon einige Dokumente in der die Mission umrissen ist. Leider stammen sie von der Bewerbung zur letzten Runde der Discoverymissionen, bei der sich VERITAS schon einmal bewarb, und die Startdaten stimmen so nicht mehr. Ich gehe im Folgenden aber davon aus, dass die Zeitdauern konstant sind. VERITAS startet nicht direkt zur Venus. Sie startet in eine Sonnenumlaufbahn, die nach einem Jahr einen Erdvorbeiflug beinhaltet. Erst dieser f&uuml;hrt zur Venus, wo sie nach 16 weiteren Monaten in den Orbit einschwenkt. Dieser Orbit ist zuerst elliptisch (wahrscheinlich ein 23 Stunden Orbit) und wird dann durch Aerobraking innerhalb von 90 Tagen abgesenkt. Der endg&uuml;ltige Orbit hat eine H&ouml;he von 175 bis 215 km. Die Prim&auml;rmission dauert 729 Tage, das sind 3 Venustage. Der Startzeitpunkt liegt irgendwann zwischen 2028 und 2030. Der Bus basiert im wesentlichen auf dem von <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/maven.shtml\">MAVEN<\/a>, einem Marsrorbiter.<\/p>\n<p>EnVision startet sp&auml;ter als VERITAS, 2031 ist die erste Startgelegenheit, 2032 und 2033 gibt es Backupstartfenster. Die Tr&auml;gerrakete steht schon fest, es ist eine Ariane 6. Auch hier dauert es bis die Venus erreicht wird. Im Proposal war noch von 5 Monaten die Rede, doch die ESA-Seite zur Ver&ouml;ffentlichung spricht von 15 Monaten, dazu kommt eine 16 Monate dauernde Aerobrakingphase. Sie ist l&auml;nger als bei VERITAS, da die Fl&auml;che der Solarpaneele zum Abbremsen kleiner ist. Zudem hat die NASA mehr Erfahrung mit der Technik und diese bei der Venus schon mal durchgef&uuml;hrt. Der Orbit ist etwas h&ouml;her, zwischen 220 und 540 km. Das hat seinen Grund darin, dass ein Forschungsschwerpunkt von VERITAS die Vermessung des Gravitationsfeldes ist, und daf&uuml;r muss man m&ouml;glichst nahe an die Oberfl&auml;che heran. Die Prim&auml;rmission dauert dann 4 Venusjahre das sind 2,7 Erdjahre.<\/p>\n<h3 class=\"western\">Instrumente<\/h3>\n<p>VERITAS ist im wesentlichen eine Magellannachfolgemission. Drei der Forschungsziele von Magellan werden direkt &uuml;bernommen \u2013 Kartierung der Oberfl&auml;che mit SAR, H&ouml;henprofile bestimmen, das Gravitationsfeld vermessen. Nur eben um Klassen besser.<\/p>\n<p>Das Hauptinstrument ist ein abbildendes SAR genannt InSAR. Ziel ist eine Steigerung der Aufl&ouml;sung um den Faktor 10. Bei Magellan lag die Aufl&ouml;sung zwischen 115 und 280 m. Das Instrument InSAR wird die Venus global mit 30 m Aufl&ouml;sung erfassen, 24 % der Oberfl&auml;che in der Prim&auml;rmission mit 15 m Aufl&ouml;sung. &Auml;hnlich steigert sich die H&ouml;henaufl&ouml;sung, wobei es hier anders als bei Magellan kein eigenes Instrument gibt, Wahrscheinloch wird man diese Daten mit dem SAR gewinnen.<\/p>\n<p>Die Gravitation wird mit einem Sender vermessen. Dazu gibt es neben dem Sender f&uuml;r Daten einen zweiten Sender, der nur die Tr&auml;gerwelle sendet und diese mit einer sehr hohen Frequenzgenauigkeit. Die Dopplerverschiebung des Signals wird auf der Erde vermessen und daraus die Ver&auml;nderung der Geschwindigkeit der Sonde durch Gravitationsanomalien. Hier ist eine Steigerung um den Faktor 2 der r&auml;umlichen Aufl&ouml;sung des Gravitationsfeldes von 270 auf 145 km m&ouml;glich.<\/p>\n<p>Nicht auf Magellan war ein drittes Instrument, ein Vis\/Nah IR abbildendes Spektrometer. Der Venus Emissivity Mapper VEM. Er stammt von der DLR und basiert auf VIRTIS, das schon auf <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/venus-express1.shtml\">Venus Express<\/a> zum Einsatz kam. VIRTIS, aber auch Nahaufnahmen der Nachtseite von der <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/Parker-Solar-Probe.shtml\">Parker Solar Probe <\/a>zeigten, dass im nahen Infrarot man die Schemen der Landmassen erkennen kann. Es gibt 14 Spektralb&auml;nder. Nur in sechs sieht man die Oberfl&auml;che, andere dienen dazu Streulicht, Absorption durch Wasserdampf und Wolken zu bestimmen und herauszurechnen. Die Bodenaufl&ouml;sung wird 300 m erreichen, allerdings verschmiert die Atmosph&auml;re, sodass man mit einer Aufl&ouml;sung der r&auml;umlichen Strukturen von 45 km rechnet. Das Instrument kann so nicht kartieren, aber es kann messen, ob sich diese Strukturen &auml;ndern, z.B. heller werden, weil es hei&szlig;er wird (Vulkanausbruch).<\/p>\n<p>Die ESA Mission <a href=\"https:\/\/www.hou.usra.edu\/meetings\/exoplanets2020\/pdf\/3024.pdf\">EnVision<\/a> tr&auml;gt mehr Instrumente. Auch sie basieren auf Vorg&auml;ngern, hier vor allem Venus Express. Das SAR VenSAR ist eine europ&auml;ische Entwicklung, hat im Kartierungsmodus dieselbe Aufl&ouml;sung wie InSAR, hat aber mehr Betriebsmodi. <a href=\"https:\/\/sites.lesia.obspm.fr\/envision\/envision-vensar\/\">VenSAR<\/a> wird nur 20 % der Oberfl&auml;che mit 30 m Aufl&ouml;sung erfassen, aber in Stereo. Daneben hat es zwei hochaufl&ouml;sende Modi mit 6 und 1 m Aufl&ouml;sung die dann 2 % bzw. 0,1 % der Oberfl&auml;che erfassen, nat&uuml;rlich begrenzt auf sehr interessante Objekte. Zus&auml;tzlich liefert es H&ouml;henprofile mit 2,5 m Aufl&ouml;sung und Polarimetermessungen. Damit erg&auml;nzt es Insar von VERITAS sehr gut das daf&uuml;r den Planeten global kartiert.<\/p>\n<p>Ebenso wird auch das Gravitationsfeld vermessen, allerdings wegen der abnehmenden Genauigkeit der Messungen mit der Entfernung nur um den venusn&auml;chsten Punkt rund um die S&uuml;dhalbkugel, die Messungen decken so nur 60 % der Oberfl&auml;che ab.<\/p>\n<p>Neu ist ein eindringendes, nicht abbildendes Radar <a href=\"https:\/\/sites.lesia.obspm.fr\/envision\/envision-srs\/\">SRS<\/a> mit gro&szlig;er Wellenl&auml;nge. Derartige Instrumente kamen schon beim Mars zum Einsatz und haben dort unter anderem unteririsches Eis vermessen. SRS soll bis zu 1.000 m tief in den Boden eindringen und eine r&auml;umliche Aufl&ouml;sung von 10 km erreichen. Die Entfernungsaufl&ouml;sung liegt bei 5 bis 10 m.<\/p>\n<p>Das dritte Instrument ist eine Spektrometer Suite VENSPEC arbeitet mit drei Spektrometern. Eines VenSEC-M ist wie der VEM von VERITAS ein abbildendes Spektrometer im nahen IR zwischen 0,8 und 1,2 Mikrometer Wellenl&auml;nge. Erg&auml;nzt wird es durch ein normales Spektrometer VENSPEC-H im nahen und mittleren Infrarot, das herk&ouml;mmliche Spektren macht und damit die Atmosph&auml;re und in ihr Spurengase wie H2O, HDO und OCS &uuml;berwacht. Es basiert auf SPICAV und NOMAD, Instrumenten von Venus Express und dem <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/exomars.sonde.shtml\">Trace Gas Orbiter<\/a>. Das dritte Instrument VENSPEC-U arbeitet im UV und misst damit die Absorption von Spurengasen wie SO und SO2 wie auch UV-Absorption der Wolkenh&ouml;he.<\/p>\n<h3 class=\"western\">Meine Meinung<\/h3>\n<p>In der Summe ist Envision die etwas besser ausger&uuml;stete Mission, aber die &Auml;hnlichkeiten sind doch frappierend. Beide Missionen haben ein SAR-Radar, messen die Gravitation und VEM und Venspec-M &auml;hneln sich auch sehr. Dazu kommt der &auml;hnliche Zeitrahmen \u2013 VERITAS startet zwischen 2028 und 2031, braucht aber auch ein Jahr l&auml;nger zur Venus. Envision startet 2031, so w&auml;ren bei einem Start von VERITAS 2030 beide Sonden fast zeitgleich bei der Venus.<\/p>\n<p>Zuerst war ich geneigt zu sagen \u201eZwei Sonden mit &auml;hnlichen Instrumenten \u2013 baut doch was gemeinsames in doppelter Ausf&uuml;hrung\u201c. Aber dann habe ich mich erinnert. Als Europ&auml;er kann ich mich an einige Vertr&auml;ge mit der NASA erinnern, wo die ESA nachher im Regen stand, so beim Bau des Spacelabs, der <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/ulysses.shtml\">ISPM<\/a>, Halley Sonden oder zuletzt beim <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/exomars.shtml\">Exomars Projekt<\/a>. Wenn jeder seine eigene Sonde baut, ist das unter dem Aspekt okay, aber vielleicht kann man sich bei den Experimenten absprechen. Das teuere bei den Instrumenten ist ja die Entwicklung. Ein zweites Flugexemplar zu bauen ist dann billig. Dann k&ouml;nnte Envison noch den VEM hinzunehmen und VERITAS die Venspec-Suite und das SRS-Radar. Auch bei der Zusatzhardware f&uuml;hr Radioscience k&ouml;nnte man sich absprechen, dann sind die Messungen besser vergleichbar. In fr&uuml;hen Dokumenten zu EnVision fand ich noch den VEM, der dann wohl irgendwann zu der NASA-Sonde gewandert ist, also gibt es so etwas wie eine Zusammenarbeit.<\/p>\n<p>So w&auml;re mehr Wissenschaft m&ouml;glich, Daten w&auml;ren vergleichbarer. Profitieren w&uuml;rde prim&auml;r die NASA davon, denn die Ausr&uuml;stung der europ&auml;ischen Sonde ist die bessere und vielseitigere. Ich meine, dass dies auch jetzt noch geht, denn die Missionen sind ja gerade genehmigt, das hei&szlig;t sie befinden sich in einer fr&uuml;hen Phase der Entwicklung, wo noch &Auml;nderungen m&ouml;glich sind. So ist bei Envision nicht mal klar, ob Sie einen chemischen oder elektrischen Antrieb einsetzt und 5 oder 15 Monate zur Venus unterwegs ist. Eventuell ergeben sich durch die Kooperation sogar Kosteneinsparungen, die man dann nutzen, kann weitere Experimente mitzunehmen. Bei VERITAS wird als Technologiedemonstrator ein Massenspektrometer diskutiert, das direkt in der oberen Atmosph&auml;re messen k&ouml;nnte.<\/p>\n<p>Nicht gefunden habe ich das beide Sonden einen Bezug zu Davinci+ haben. Ich vermute die Sonde ist vor beiden bei der Venus. VERITAS braucht sehr lange zur Venus und Envision startet drei Jahre sp&auml;ter als der fr&uuml;heste Starttermin von Davinci+. Doch das muss kein Hindernis sein, dann legt man den Starttermin eben etwas sp&auml;ter. Denkbar w&auml;re f&uuml;r mich folgendes Szenario. EnVision, die ja auch l&auml;nger f&uuml;r das Erreichen des Endorbits ben&ouml;tigt ist noch im elliptischen Orbit und bildet einen Backupempf&auml;nger f&uuml;r die ganze Mission in der Atmosph&auml;re zus&auml;tzlich zum Bus von DAVINCI+. VERITAS k&ouml;nnte schon im Zielorbit sein und die letzten Minuten vor der Landung &uuml;bertragen, dann aber wegen der N&auml;he mit hoher Datenrate, da alle Bilder unterhalb von 5 km H&ouml;he entstehen, w&auml;re das vor allem f&uuml;r die Bildausbeute sehr vorteilhaft.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Innerhalb einer Woche haben NASA jeweils Venusorbiter beschlossen, ich dachte mir mal ich vergleiche die beiden Missionen und bringe die Blogleser auf den neuesten Stand. Finanzrahmen Es ist klar, das der Finanzrahmen f&uuml;r ein Projekt entscheidend ist. Er legt fest, wie ambitioniert es sein kann. 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