{"id":1838,"date":"2009-09-29T12:39:34","date_gmt":"2009-09-29T10:39:34","guid":{"rendered":"http:\/\/bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=1838"},"modified":"2009-09-29T12:39:50","modified_gmt":"2009-09-29T10:39:50","slug":"reduktion-der-kosten-von-planetenmissionen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2009\/09\/29\/reduktion-der-kosten-von-planetenmissionen\/","title":{"rendered":"Reduktion der Kosten von Planetenmissionen"},"content":{"rendered":"<p>Verschiedene Kommentare, aber auch der letzte Blog von tp1024 brachten mich darauf ein Thema aufzugreifen, was ich sicher auch schon mal im Blog behandelt habe: Die Reduktion der Startkosten f&uuml;r Planetenmissionen. Bringen wir mal zwei Beispiele:<\/p>\n<ul>\n<li>Eine Sojus transportiert rund 7000 kg in eine Erdumlaufbahn. Zu Venus und Mars (Venus Express und Mars Express) noch rund 1200 kg.<\/li>\n<li>Eine Atlas V 551 hat eine maximale Nutzlast von 20500 kg und zu Pluto konnte sie gerade noch 500 kg transportieren.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Der Grund ist ganz einfach: Die hohe Geschwindigkeit die erreicht werden muss. Relativ zum Erdorbit sind es zu Mars\/Venus rund 3.4-4.0 km\/s und f&uuml;r einen Fluchtkurs aus dem Sonnensystem rund 9 km\/s. Dann muss die Nutzlast am Planeten noch einen Orbit erreichen und ben&ouml;tigt dazu weiteren Treibstoff. In der Summe erh&auml;lt man dann eine Trockenmasse von 500-600 kg bei einem Start mit der Sojus zu Venus oder Mars. Das ist weniger als ein Zehntel der Nutzlast in eine Erdumlaufbahn.<!--more--><\/p>\n<h3>Der Ausweg?<\/h3>\n<p>F&uuml;r mich liegt der Ausweg eindeutig in Ionenantrieben. Sie reduzieren den Treibstoffverbrauch radikal auf Kosten der Reisezeit. Doch dies ist bei Planetensonden mit ihren langen Fl&uuml;gen zum Ziel eigentlich nicht das Problem. Eine Alternative dazu (Swing-By Man&ouml;ver) bewirkt ja auch einige Extrarunden im inneren Sonnensystem. Nun mag der geneigte Leser sagen &#8222;<em>Ionenantriebe &#8211; das ist doch nichts neues! Gab es nicht schon Deep Space 1, SMART-1 und ist nicht gerade Dawn mit einem Ionenantrieb unterwegs?&#8220; Ja<\/em>, das ist richtig. Aber es gibt zwei Einschr&auml;nkungen: Zum einen benutzten diese Raumsonden ihren eigenen Solargenerator und der Ionenantrieb war dazu mehr eine Erg&auml;nzung, vielleicht vergleichbar dem sonst eingebauten Antrieb um in eine Umlaufbahn einzuschwenken. Zum zweiten brachte die Rakete sie schon auf hohe Geschwindigkeit &#8211; bei DS-1 und Dawn auf Fluchtgeschwindigkeit und bei SMART-1 in eine GTO Bahn, also 0,8 km\/s unter Fluchtgeschwindigkeit. Sie brauchen daher auch eine leistungsstarke Rakete und die zus&auml;tzliche Flugzeit (verglichen mit einer energiearmen Hohmann Transferbahn) ist recht lang.<\/p>\n<p>An was ich denke ist eine standardisierte Oberstufe, mit M&ouml;glichkeiten zur Anpassung an variable Geschwindigkeiten und Nutzlasten. Mein Ziel: Start mit einer Vega (oder einem anderen Tr&auml;ger der 2 t Nutzlastklasse wie der Rockot, PSLV oder Dnepr) und 500-1000 kg reine Nutzlast zu den inneren Planeten oder den Asteroideng&uuml;rtel.<\/p>\n<p>Als Referenzmission habe ich die Bef&ouml;rderung von 750 kg Nutzlast in einen 250 km hohen Venus Orbit gew&auml;hlt. Eine Sojus transportiert rund 1300 kg in einen Venus Transferorbit, Im Orbit sind dort noch 700 kg &uuml;brig, wobei man aber noch 100-150 kg f&uuml;r das Antriebssystem abziehen muss, das bei unserer L&ouml;sung entf&auml;llt. Dabei habe ich die Angaben von Venus Express &uuml;bernommen, der aus dem erreichten 250 x 66000 km mittels Aerobraking dann einen endg&uuml;ltigen Orbit erreichen muss. Es ist also nicht ganz vergleichbar. Trotzdem ist diese L&ouml;sung ist um rund 150-200 kg besser und kommt mit einer kleineren Rakete aus.<\/p>\n<h3>Das Konzept<\/h3>\n<p>Um die Stufe universell einzusetzen, muss sie anpassbar sein. Daher sieht mein Konzept eine Struktur vor, die bis zu 49 <a href=\"http:\/\/cs.astrium.eads.net\/sp\/SpacecraftPropulsion\/Rita\/RIT-22.html\">RIT22 Triebwerke<\/a> aufnimmt. Werden weniger ben&ouml;tigt, k&ouml;nnen einfach welche weggelassen werden. Das gleiche gilt f&uuml;r die Xenon Tanks, die jeweils 100 kg wiegen und bis zu 80 kg Xenon aufnehmen. Je nach Geschwindigkeitsbedarf k&ouml;nnen davon mehrere mitgef&uuml;hrt werden. Das gleiche gilt f&uuml;r den Solargenerator: Je nachdem wie schnell es gehen soll, oder wie gro&szlig; die Nutzlast ist, kann er vergr&ouml;&szlig;ert oder verkleinert werden, indem Panels weggelassen oder hinzugef&uuml;gt werden.<\/p>\n<p>Zuerst mal der Geschwindigkeitsbedarf und damit Treibstoffbedarf f&uuml;r die Mission. Bei klassischen Hohmannbahnen fallen folgende Man&ouml;ver an:<\/p>\n<table border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<th>Man&ouml;ver<\/th>\n<th>Geschwindigkeit<\/th>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Erdumlaufbahn -&gt; Fluchtgeschwindigkeit<\/td>\n<td>3154 m\/s<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Fluchtgeschwindigkeit -&gt;Venus Transferbahn<\/td>\n<td>2495 m\/s<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Venus-Transferbahn -&gt; Venus Fluchtgeschwindigkeit<\/td>\n<td>2707 m\/s<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Venusfluchtgeschwindigkeit &#8211;&gt; Venusumlaufbahn<\/td>\n<td>2975 m\/s<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>Bevor nun Kommentare von Laien aufkommen: Bei einem chemischen Antrieb sieht es viel g&uuml;nstiger aus, weil dann die Geschwindigkeitsvektoren addiert werden k&ouml;nnen (Stichwort: <a href=\"http:\/\/bernd-leitenberger.de\/blog\/2009\/06\/08\/der-hyperbolische-exzess\/\"> hyperbolischer Exzess<\/a>). Die Geschwindigkeiten gelten auch nicht so f&uuml;r Ionenantriebe, weil dieser die Bahn laufend &auml;ndert. Ich &uuml;bernehme daher die Faustformel von H.O. Ruppe in einer Planetenumlaufbahn nochmals 20 % zu addieren. In der Sonnenumlaufbahn &auml;ndert sich die Distanz kaum, so dass hier keine &Auml;nderung n&ouml;tig ist. Das f&uuml;hrt uns zu einem Gesamtgeschwindigkeitsbedarf von rund 12600 m\/s. Bei dem spezifischen Impuls von 44100 m\/s (4500 s)? des RIT22 und einem Startgewicht von 2.200 kg (maximal 2.250 kg Nutzlast einer Vega f&uuml;r eine 500 km hohe Erdumlaufbahn) ben&ouml;tigt man dann rund 547 kg Xenon, bei einer F&uuml;llmenge von 80 kg pro Tank also 7 Tanks (maximal 560 kg Xenon). Damit wiegt das Treibstoffsystem 700 kg und ist f&uuml;r einen Geschwindigkeitsbedarf von rund 12970 m\/s ausgelegt.<\/p>\n<p>Die Struktur der Stufe selbst (ohne Triebwerke) soll 150 kg wiegen. Abz&uuml;glich der Nutzlast verbleiben dann noch 600 kg f&uuml;r Solargenerator und Triebwerke. Bei dieser Mission ist eine optimale Konfiguration eine mit 36 Triebwerken. Da ein Triebwerk des Typs RIT-22 genau 7 kg wiegt, bleiben noch 348 kg f&uuml;r den Solargenerator. Solargeneratoren haben heute eine Leistungsdichte von <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Solar_panels_on_spacecraft\">300 W\/kg<\/a>. So betr&auml;gt die Leistung 104.4 kW bei der Erde und 199,5 kW bei der Venus (Betrieb von 39 bzw. 20 Triebwerken ohne Degradation der Solarzellen).<\/p>\n<p>Daraus ergibt sich folgende Betriebszeit (bei Erde und Venus ohne Zeiten im Schatten):<\/p>\n<table border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<th>Man&ouml;ver<\/th>\n<th>Geschwindigkeit<\/th>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Erdumlaufbahn -&gt; Fluchtgeschwindigkeit<\/td>\n<td>31 Tage<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Fluchtgeschwindigkeit -&gt;Venus Transferbahn<\/td>\n<td>19 Tage<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Venus-Transferbahn -&gt; Venus Fluchtgeschwindigkeit<\/td>\n<td>11 Tage<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Venusfluchtgeschwindigkeit -.&lt; Venusumlaufbahn<\/td>\n<td>16 Tage<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>Deutlich sichtbar: Bei entsprechend hoher Leistung wird die Betriebszeit der Ionentriebwerke recht klein. Selbst mit der Zeit im Schatten kann man die Mission in rund 4 Monaten durchf&uuml;hren. Das ist recht wenig, wenn die Raumsonde Aerobraking einsetzen w&uuml;rde, dann w&uuml;rde dies l&auml;nger dauern. (W&uuml;rde man aus der ersten Umlaufbahn chemisch in die 250 km Bahn abbremsen, so w&uuml;rde die Nutzlast auf unter 300 kg sinken &#8211; nur um die Nachteile des chemischen Antriebs bei hohen Geschwindigkeitsanforderungen zu illustrieren).<\/p>\n<p>Die Steuerung der Stufe sollte durch die Raumsonde erfolgen. Sie verf&uuml;gt &uuml;ber einen Bordrechner, Navigationseinrichtungen und Kommunikationsm&ouml;glichkeiten. Im Idealfall gibt es einfach einen elektrischen Stecker, der die Signale zur Stufe durchschlieft. Es kann die Stufe dann permanent mit der Raumsonde verbunden bleiben, um auch in Zukunft Kurskorrekturen durchzuf&uuml;hren und den Strom zu liefern (sie braucht dann keinen eigenen Solargenerator, was zus&auml;tzlich Gewicht einspart), oder man trennt sie ab, wenn sie nutzlos ist (z.B. bei Missionen zu Jupiter und &auml;u&szlig;eren Planeten). F&uuml;r unsere Venusmission w&auml;re die erste M&ouml;glichkeit vorzuziehen. Sie verbilligt auch die Venussonde und w&uuml;rde massig Strom (z.B. f&uuml;r leistungsf&auml;hige Sender, RADAR) zur Verf&uuml;gung stellen.<\/p>\n<h3>Zusammenfassung<\/h3>\n<p>Die folgende Tabelle informiert &uuml;ber die Vor und Nachteile einer konventionellen L&ouml;sung und des Ionenantriebs<\/p>\n<table border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<th><\/th>\n<th>Chemischer Antrieb<\/th>\n<th>Ionenantrieb<\/th>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Startgewicht in einen 500 km hohen Orbit<\/td>\n<td>7000 kg<\/td>\n<td>2200 kg<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Nutzlast in den Venusorbit<\/td>\n<td>550 kg<\/td>\n<td>750 kg<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>zus&auml;tzliche Reisezeit<\/td>\n<td>0 Tage<\/td>\n<td>110 Tage<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Weitere Besonderheit<\/td>\n<td>Nur elliptischer Orbit,<br \/>\nAerobraking n&ouml;tig oder weitere Nutzlastreduktion<\/td>\n<td>Solargenerator und Antriebssystem des Satelliten kann eingespart werden,<br \/>\nVariation der Reisedauer<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>Zu beachten ist, dass diese Angaben variiert werden k&ouml;nnen. Der Treibstoffbedarf h&auml;ngt vom verwendeten Triebwerk und seinem spezifischen Impuls ab. Das Gewicht wiederum vom spezifischen Impuls. Der wiederum von der Spannung, die wiederum die ben&ouml;tigte Leistung bestimmt. Zus&auml;tzlich kann man Nutzlast erhalten, wenn man die Reisedauer verl&auml;ngert. Halbiert man im vorliegenden Beispiel die elektrische Leistung, so wird der Solargenerator um 174 kg leichter und es k&ouml;nnen 18 Triebwerke eingespart werden, die weitere 126 wiegen. Bei einer verdoppelten Reisezeit (rund 220 Tagen) steigt so die Nutzlast um 300 kg auf 1050 kg.<\/p>\n<p>Bei anderen Missionen (Mars, Mond, Asteroiden) ist mehr oder weniger Treibstoff n&ouml;tig, in der Regel weniger Triebwerke (so viele sind nur n&ouml;tig, weil wir den zus&auml;tzlichen Strom bei der Venus ausnutzen wollen) und eventuell muss der Solargenerator gr&ouml;&szlig;er sein (Missionen ins &auml;u&szlig;ere Sonnensystem). Daher auch mein variabler Ansatz mit unterschiedlichen Triebwerkszahlen und zugeladenen Tanks. Prinzipiell w&auml;ren damit auch Missionen ins &auml;u&szlig;ere Sonnensystem m&ouml;glich. Dazu im n&auml;chsten Blog mehr.<\/p>\n<table border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<th><\/th>\n<th>Basiskonzept<\/th>\n<th>Basiskonzept mit l&auml;ngerer Reisezeit<\/th>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Nutzlast:<\/td>\n<td>750 kg<\/td>\n<td>1050 kg<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Struktur<\/td>\n<td>150 kg<\/td>\n<td>150 kg<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Xenon Tanks<\/td>\n<td>700 kg (560 kg F&uuml;llmenge)<\/td>\n<td>700 kg (560 kg F&uuml;llmenge)<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Triebwerke<\/td>\n<td>36 (252 kg)<\/td>\n<td>18 (126 kg)<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Solargenerator<\/td>\n<td>348 kg (104.4 kW)<\/td>\n<td>174 kg (52.2 kW)<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Betriebszeit<\/td>\n<td>10 Tage<\/td>\n<td>220 Tage<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>Eine solche Stufe erfordert nat&uuml;rlich zuerst einmal Anfangsinvestitionen. Sie muss erst mal entwickelt werden. Die Kosten werden dann aber durch Fl&uuml;ge hereinbekommen. Sie wird um so attraktiver, je h&ouml;her der Geschwindigkeitsbedarf bei chemischen Antrieben ist oder je l&auml;nger deren Missionen dauern (z.B. wegen Swing-Bys) &#8211; denn auch die Missions&uuml;berwachung kostet zweistellige Millionenbetr&auml;ge pro Jahr. Der n&auml;chste Blog wird dann den Einsatz f&uuml;r den Flug ins &auml;u&szlig;ere Sonnensystem beleuchten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Verschiedene Kommentare, aber auch der letzte Blog von tp1024 brachten mich darauf ein Thema aufzugreifen, was ich sicher auch schon mal im Blog behandelt habe: Die Reduktion der Startkosten f&uuml;r Planetenmissionen. Bringen wir mal zwei Beispiele: Eine Sojus transportiert rund 7000 kg in eine Erdumlaufbahn. 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