{"id":18930,"date":"2026-09-04T17:52:47","date_gmt":"2026-09-04T15:52:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=18930"},"modified":"2026-09-04T17:52:47","modified_gmt":"2026-09-04T15:52:47","slug":"der-verlust-der-kontrolle-seitens-der-nasa-ueber-die-industrie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2026\/09\/04\/der-verlust-der-kontrolle-seitens-der-nasa-ueber-die-industrie\/","title":{"rendered":"Der Verlust der Kontrolle seitens der NASA &uuml;ber die Industrie"},"content":{"rendered":"<div class=\"pvc_clear\"><\/div>\n<p id=\"pvc_stats_18930\" class=\"pvc_stats all  \" data-element-id=\"18930\" style=\"\"><i class=\"pvc-stats-icon medium\" aria-hidden=\"true\"><svg aria-hidden=\"true\" focusable=\"false\" data-prefix=\"far\" data-icon=\"chart-bar\" role=\"img\" xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" viewBox=\"0 0 512 512\" class=\"svg-inline--fa fa-chart-bar fa-w-16 fa-2x\"><path fill=\"currentColor\" d=\"M396.8 352h22.4c6.4 0 12.8-6.4 12.8-12.8V108.8c0-6.4-6.4-12.8-12.8-12.8h-22.4c-6.4 0-12.8 6.4-12.8 12.8v230.4c0 6.4 6.4 12.8 12.8 12.8zm-192 0h22.4c6.4 0 12.8-6.4 12.8-12.8V140.8c0-6.4-6.4-12.8-12.8-12.8h-22.4c-6.4 0-12.8 6.4-12.8 12.8v198.4c0 6.4 6.4 12.8 12.8 12.8zm96 0h22.4c6.4 0 12.8-6.4 12.8-12.8V204.8c0-6.4-6.4-12.8-12.8-12.8h-22.4c-6.4 0-12.8 6.4-12.8 12.8v134.4c0 6.4 6.4 12.8 12.8 12.8zM496 400H48V80c0-8.84-7.16-16-16-16H16C7.16 64 0 71.16 0 80v336c0 17.67 14.33 32 32 32h464c8.84 0 16-7.16 16-16v-16c0-8.84-7.16-16-16-16zm-387.2-48h22.4c6.4 0 12.8-6.4 12.8-12.8v-70.4c0-6.4-6.4-12.8-12.8-12.8h-22.4c-6.4 0-12.8 6.4-12.8 12.8v70.4c0 6.4 6.4 12.8 12.8 12.8z\" class=\"\"><\/path><\/svg><\/i> <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"16\" height=\"16\" alt=\"Loading\" src=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/wp-content\/plugins\/page-views-count\/ajax-loader-2x.gif\" border=0 \/><\/p>\n<div class=\"pvc_clear\"><\/div>\n<p>Dies ist die Geschichte, wie die Regierung in den USA nach und nach immer weniger Einfluss auf die Industrie hatte. Doch beginnen wir am Anfang. N&auml;mlich bei der A\u20114, die vom Heereswaffenamt in Peenem&uuml;nde entwickelt wurde. Doch nicht nur dort: Beteiligt waren Firmen aus ganz Deutschland, denn die A\u20114 beinhaltete auch Feinwerktechnik (Gyroskope), Elektrik (Kabel, Potentiometer) und Teile aus vielen anderen Industrien. Das alles war eng verflochten, und das Heereswaffenamt musste sich nicht darum k&uuml;mmern, alles zu kontrollieren \u2013 das taten die Firmen von selbst. Wahrscheinlich, weil die A\u20114 als kriegswichtig eingestuft wurde und Fehler oder nicht korrespondierende Probleme drastische Konsequenzen haben konnten, und eben weil es die deutsche Gr&uuml;ndlichkeit gab \u2013 der Begriff schaffte es dann auch ins amerikanische Vokabular.<!--more--><\/p>\n<p>Die USA suchten nach den Experten und verfrachteten sie in der Operation \u201ePaperclip\u201c in die USA. Dort durften sie ebenfalls erbeutete A\u20114 starten, wobei der tiefere Zweck war, dass die US\u2011Spezialisten die Rakete kennenlernten und bef&auml;higt wurden, etwas &Auml;hnliches zu bauen. Russland baute sie sogar unver&auml;ndert nach. Danach drehten sie D&auml;umchen. Kurz nach dem Kriegsende in Europa z&uuml;ndeten die USA die erste Atombombe, und mit ihr w&auml;hnten sie sich unbesiegbar. Sie brauchten ihrer Ansicht nach keine Rakete.<\/p>\n<p>Die Einstufung &auml;nderte sich erst 1949. Da brach nicht nur der Koreakrieg aus, bei dem die von den USA gef&uuml;hrten UN\u2011Truppen schnell an den Rand einer Niederlage gerieten, sondern die UdSSR z&uuml;ndete ihre erste Atombombe. Weil man nun zumindest an den Einsatz von Atombomben in Europa dachte, wurde die Redstone genehmigt. Und hier beginnt unsere Geschichte in den USA.<\/p>\n<p>Wernher von Braun wurde Chef des <em>Army Ballistic Missile Agency<\/em> in Alabama (ABMA), einer Forschungs\u2011 und Entwicklungsabteilung der US\u2011Army, also das Gegenst&uuml;ck zu dem, was er schon in Peenem&uuml;nde leitete. Ebenso war die Arbeitsteilung identisch: Im ABMA wurde geforscht und entwickelt, und das fertige Produkt \u2013 die <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/redstone.shtml\">Redstone<\/a> \u2013 wurde extern produziert. Nur war daf&uuml;r der Autobauer Chrysler zust&auml;ndig und nicht die SS. Die ersten Redstones entstanden noch im ABMA, dann wurde die Produktion ausgelagert. Und hier merkte Wernher von Braun, dass es einen bedeutenden Unterschied gab:<\/p>\n<p>Der erste Testflug der Redstone fand am 20.\u202f8.\u202f1953 statt. Am 3.\u202f5.\u202f1954 explodierte die dritte Redstone beim Start. Als General Toftoy fragte: \u201eWernher, why did the rocket explode?\u201c wusste von Braun zun&auml;chst keine Antwort. Nach gr&uuml;ndlicher Untersuchung stellte sich heraus, dass jemand bei der Fertigung geschlampt hatte. Von Braun antwortete Toftoy: \u201eIt exploded, because the damn son of a bitch blew up!\u201c.<\/p>\n<p>Wernher von Braun lernte, dass die US\u2011Produktion eine deutlich schlechtere Qualit&auml;t ablieferte als das, was er in Deutschland selbst von Zwangsarbeitern von der A\u20114 gewohnt war. Er dr&auml;ngte bei Chrysler auf eine qualitativ bessere Arbeit und f&uuml;hrte ein rigides Qualit&auml;tsmanagement ein. Das behielt er auch bei allen folgenden Tr&auml;gern bei. Das Ziel war: <strong>\u201eMaximum reliability will be achieved, when the target area of the missile becomes more dangerous than the launching area.\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Das Grundproblem \u2013 und das ist es bis heute \u2013 ist, dass Arbeiter in den USA eine viel geringere Sicherheit bei der Besch&auml;ftigung haben, eben das ber&uuml;hmte \u201eHire and Fire\u201c. Es werden Arbeiter eingestellt, wenn man Redstones baut, angelernt und wieder entlassen, wenn die Produktion ausl&auml;uft. Es gibt keine dauerhaft angestellte Belegschaft die immer mehr Erfahrung sammelt. So kann man produzieren, dann muss man eben vor der Auslieferung Fehler erkennen und korrigieren \u2013 eben das, was man Qualit&auml;tssicherung nennt.<\/p>\n<p>Wernher von Braun lernte daraus, und wenn er in einem Projekt involviert war, dann schaute er zum einen, dass intern m&ouml;glichst viel durchgef&uuml;hrt wurde \u2013 auch die ersten Saturn\u202fI, IB und V wurden zuerst im ABMA, das dann aber schon zur NASA geh&ouml;rte und seitdem <em>Marshall Space Flight Center<\/em> hei&szlig;t, gebaut; erst danach &uuml;bernahm die Industrie. Und er vertraute nicht auf deren Kontrollen: Vom ABMA schw&auml;rmten Kontrolleure und Inspektoren aus, ebenso Ingenieure, die eigentlich das Know\u2011how in die Firmen transferieren sollten.<\/p>\n<p>Doch beides kam in der US\u2011Industrie an, die von der Regierung v&ouml;llig anderes gewohnt war: Die Regierung schrieb einen Auftrag aus, was sie denn gerne h&auml;tte, die Industrie legte detaillierte Vorschl&auml;ge vor, die begutachtet und nach einem Punktesystem beurteilt wurden, und dann bekam die beste Firma den Zuschlag \u2013 oder nicht, wenn es z.\u202fB. politische Gr&uuml;nde f&uuml;r die Wahl gab. Bei Beginn der Raumfahrt selektierte man z.\u202fB. bewusst Firmen, die in anderen Programmen nicht involviert waren, um eine m&ouml;glichst breite Basis von Betrieben zu haben, die die ben&ouml;tigte Kompetenz und Kapazit&auml;ten hatten. Bei der <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/saturn5.shtml\">Saturn\u202fV<\/a> baute z.\u202fB. jede Stufe ein anderer Flugzeughersteller.<\/p>\n<p>Anders als beim Kommandomodul (North American) und dem Mondlander (Grumman) wurde die Saturn\u202fV vom MSFC entwickelt und nicht von den beiden obigen Firmen. Daf&uuml;r funktionierte sie auch und t&ouml;tete weder drei Astronauten, noch lag sie im Zeitplan zur&uuml;ck oder fiel bei der Qualit&auml;tskontrolle durch, wobei der Leiter von Cape Kennedy ihr bescheinigte, sie w&auml;re ein \u201epiece of junk, leaking like a sieve\u201c.<\/p>\n<p>Das System hatte den grundlegenden Nachteil, dass die Firma auf Staatskosten das meiste Know\u2011how erwarb und der Staat \u2013 in diesem Falle die NASA \u2013 den kleineren Teil, daf&uuml;r aber alles bezahlte.<\/p>\n<p>Die enge Verzahnung mit den Herstellern wurde von der NASA absch&auml;tzig \u201eKontraktoreninfiltration\u201c und von den Auftragnehmern als \u201etechnische &Uuml;bernahme durch die Regierung\u201c bezeichnet. Im Mercury\u2011Programm war das ABMA nur wenig beteiligt. Sie fertigten eigentlich nur die Redstones f&uuml;r die ersten Testfl&uuml;ge. Der Haupttr&auml;ger war die Atlas. Doch Wernher von Braun juckte das nicht. So bekam auch bald McDonnell als Kapselhersteller Besuch von Inspekteuren der ABMA. Sie stellten fest, dass man dort mit Verfahren arbeitete, die im ABMA als veraltet und riskant angesehen wurden. So schrieb von Braun am 9.\u202f10.\u202f1959 Robert Gilruth an, um ihn auf diese Umst&auml;nde hinzuweisen.<\/p>\n<p>Das machte von Braun und das ABMA bei der STG nicht gerade beliebt. Allerdings waren alle Fl&uuml;ge seiner Raketen erfolgreich, nicht nur die Redstone, sondern auch die Saturn. Im Mercury\u2011Projekt bestand von Braun darauf, dass die Redstone, die Chrysler baute, nicht wie die Atlas zum Cape verschifft wurde, sondern zuerst nach Huntsville. Dort wurden sie nochmals eingehend &uuml;berpr&uuml;ft. Es gab Probez&uuml;ndungen des Triebwerks. Er wollte dasselbe mit der Kapsel durchf&uuml;hren. Das wurde als zeitraubend und die Kosten in die H&ouml;he treibend kritisiert.<\/p>\n<p>Die Kritik verstummte schlagartig, als bei <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/mercury-mr1.shtml\">MR\u20111 die Rakete abhob und wieder landete<\/a>, weil ein Kabel zu kurz war \u2013 nun wurde erst vielen klar, dass es rund 800 &Auml;nderungen gab, die &uuml;berpr&uuml;ft werden mussten, bevor die Redstone startete.<\/p>\n<p>Auch bei der Atlas brauchte man \u201eDeutsche\u201c, damit dort die Probleme aufh&ouml;rten. Die Atlas sollte die Mercury\u2011Kapsel in den Orbit bef&ouml;rdern, damit konnte die Regierung durchsetzen, dass eine unabh&auml;ngige Beh&ouml;rde sie &uuml;berpr&uuml;ft. Das war die <em>Aerospace Corporation<\/em>, sp&auml;ter in TRW umbenannt. Unter der Leitung von Bernhard Hohmann, der schon Testpilot des Raketenj&auml;gers Me\u2011163 war, erarbeitete die Aerospace Corporation das Flugabbruchsystem ASIS und f&uuml;hrte ein Review der Atlas durch. Die Aerospace Corporation schlug Ma&szlig;nahmen vor, um die Rakete sicherer zu machen. Unterst&uuml;tzt wurde Hohmann von Ernst Letsch von der STG. Nicht alle Ma&szlig;nahmen wurden umgesetzt, so gab Hohmann die Empfehlung, bew&auml;hrte anstatt neue High\u2011Tech\u2011Teile einzusetzen; dem folgten NASA und STG nur teilweise.<\/p>\n<p>Die wichtigste Ma&szlig;nahme war es, ein rigides Qualit&auml;tsmanagement bei Convair einzuf&uuml;hren, jeden Arbeitsschritt zu dokumentieren und, wo immer es m&ouml;glich war, Teile zu kontrollieren. Das fing bei den Rohmaterialien an, die bisher noch nicht kontrolliert wurden, und endete mit einer formalen \u201eFlight Readiness\u201c-Abnahme der Rakete nach dem Rollout. Es dauerte zwei Jahre, bis das Qualit&auml;tsmanagement in der Produktion umgesetzt war. Die Redstone wurde schon nach solchen Standards produziert. Das war allerdings in der US\u2011Industrie die Ausnahme.<\/p>\n<p>Wenige Jahre sp&auml;ter bezog die NASA ihre Tr&auml;gerraketen von dem Flugzeughersteller Martin. Es waren Titan\u2011II\u2011ICBM. Sie wurden umger&uuml;stet, so bekamen sie eine neue Avionik, aber auch mehr redundante Systeme, wo dies gewichtsm&auml;&szlig;ig m&ouml;glich war. Martin fertigte keine besondere Titan f&uuml;r Gemini, sondern entnahm die Titan f&uuml;r diesen Auftrag aus der laufenden Produktion in Denver f&uuml;r die Air Force und lie&szlig; sie in einer weiteren Fabrik bei Middle River, Maryland, umr&uuml;sten.<\/p>\n<p>Die dortigen Martin\u2011Ingenieure waren erstaunt &uuml;ber das, was angeliefert wurde, und nach Ansicht von Don Caldwell, der dort angestellt war, waren die Raketen f&uuml;r die Air Force von \u201eschlechter Qualit&auml;t und sub\u2011standard\u201c. So waren die ersten angelieferten Triebwerke versehen mit nachtr&auml;glichen Schwei&szlig;n&auml;hten und wurden prompt retourniert. Dasselbe passierte mit den n&auml;chsten beiden Triebwerken. Es wurden besch&auml;digte K&uuml;hlr&ouml;hren in den D&uuml;sen gefunden. Die L&ouml;sung war eine R&ouml;ntgenstrahlendurchleuchtung der D&uuml;se. Die Beschwerden von Middle River f&uuml;hrten dazu, dass man in Denver die Produktion wesentlich verbesserte und auch die Air Force zuverl&auml;ssige Tr&auml;ger ausgeliefert bekam.<\/p>\n<p>Das ist nun schon &uuml;ber 60 Jahre her. Mit dem Ausscheiden von Wernher von Braun h&ouml;rte die enge Verzahnung zwischen NASA und Firmen auf, es l&auml;uft so wie in anderen Projekten und oben erw&auml;hnt: Die NASA schreibt aus, die Firmen entwickeln. Inzwischen entwickelt die NASA oder Universit&auml;ten nur noch wenig weitestgehend selbst. Raumsonden sind da eine Ausnahme. Normal ist, dass man bei der Industrie den eigentlichen Body eines Projektes bestellt und nur die Instrumente oder andere Nutzlast selbst entwickelt. Beim Mondprojekt Artemis ist es jetzt so, dass im Prinzip die NASA die Verantwortung f&uuml;r den Mondlander komplett an SpaceX und Blue Origin abgegeben hat und Isaac Jaredman eigentlich nur durch dumme Ratschl&auml;ge gl&auml;nzt \u2013 wie nach der Explosion einer New Glenn, dass Blue Origin doch den <em>Blue Moon<\/em>-Mondlander mit einer anderen Tr&auml;gerrakete starten soll, v&ouml;llig ignorierend, dass der zwei bis drei Starts braucht, um voll gef&uuml;llt zu werden, und vom Durchmesser her in keine andere einsetzbare Rakete passt.<\/p>\n<p>Boeings Probleme bei den Passagierflugzeugen zeigen auch ganz deutlich, wie empfindlich das System des \u201eHire and Fire\u201c ist und wie hier ganz schnell gef&auml;hrliche Qualit&auml;tsm&auml;ngel entstehen. Vor allem klappt nicht mal bei Auslagerung der Technikarbeit alles in der Zusammenarbeit. Das zeigt ein Vorfall, der das Zeug zur Posse hat.<\/p>\n<p>Der <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/mco.shtml\"><em>Mars Climate Orbiter<\/em> (MCO) <\/a>war eine Sonde des Discovery\u2011Programms. Als der Orbiter am 23.\u202f9.\u202f1999 in die Marsumlaufbahn eintreten sollte, begann er sein Triebwerk zu feuern. F&uuml;nf Minuten sp&auml;ter verschwand er hinter dem Mars. Nach 29\u202fMinuten trat MCO aus dem Funkschatten heraus, doch er antwortete nicht mehr.<\/p>\n<p>Was war schiefgegangen? Bei <em>Mars Climate Orbiter<\/em> wurde die Ursache schon am selben Tag gefunden. Man musste nur die Telemetrie der Sonde auswerten. So ist die Geschwindigkeit Erde\u2013Sonde durch die Dopplerverschiebung erkennbar. Die Analyse der letzten Telemetrie ergab sofort, dass die Sonde nicht auf Kurs war und der marsn&auml;chste Punkt bei 57\u202fkm H&ouml;he &uuml;ber der Marsoberfl&auml;che anstatt bei 140\u2013150\u202fkm lag. In dieser H&ouml;he wurde die Raumsonde zerst&ouml;rt.<\/p>\n<p>Auch dass die Sonde einem Navigationsfehler aufsa&szlig;, war noch am selben Tag klar. Es gab Warnungen des Navigationsteams an die Missionsleitung. Diese waren jedoch nicht eindringlich genug, um diese zum Handeln zu bewegen. Zudem rechnete das Missionsteam noch mit einer Kurskorrektur vor dem Eintreten in den Orbit, die aber nicht erfolgte. Man rechnete deswegen mit einer Korrektur, weil nach den Bahnvermessungen nach der Korrektur sich der MCO bis auf 110\u202fkm dem Mars n&auml;herte. Das war eine so hohe Abweichung, dass die Flugkontrolleure an ein weiteres Man&ouml;ver dachten. Die Projektleitung sah zwar, dass der Wert sehr nah am Planeten war, aber doch noch au&szlig;erhalb der Gefahrenzone, die bei 85\u202fkm H&ouml;he beginnt.<\/p>\n<p>Als man nach der Ursache forschte, wurde Unglaubliches bekannt: Ursache war ein Verfahren namens <em>Angular Momentum Desaturation<\/em> (AMD). Durch das gro&szlig;e, einteilige Solarpanel bei kleiner Masse des Orbiters bekam die Sonde durch den Sonnenwind einen Drall. Die Drallr&auml;der kompensierten das Moment. Man musste sie zyklisch herunterfahren und dann langsam wieder beschleunigen. Also korrigierte man von Zeit zu Zeit mit den Lagekontrolld&uuml;sen nach, da das Herunterfahren der R&auml;der die Sonde sonst drehte. Dies war das AMD\u2011Man&ouml;ver. Bei MCO kam dies 10\u2011 bis 14\u2011mal h&auml;ufiger vor.<\/p>\n<p>Der h&auml;ufige Einsatz dieser D&uuml;sen beeinflusste aber den Kurs. Man musste dies bei der Navigation ber&uuml;cksichtigen. Dazu gab es vom Hersteller des MCO, Lockheed Martin, eine AMD\u2011Einheitentabelle, die <em>AMD Small Forces Files<\/em>. Die Zahlen in dieser Tabelle waren bei Lockheed in amerikanischen (imperialen) Einheiten erstellt worden, d.\u202fh. Impulse waren in der Einheit Pfund\u202f\u00d7\u202fSekunde angegeben. Bei der NASA wurde das international gebr&auml;uchliche SI\u2011System verwendet (Newton\u202f\u00d7\u202fSekunde). Diese beiden Systeme differieren um den Faktor 4,45. Diese Tabellen wurden in ein Softwareprogramm zur Berechnung der erwarteten Abweichung eingelesen.<\/p>\n<p>W&auml;hrend der ersten vier Monate nach dem Start konnte man die AMD\u2011Tabellen wegen zahlreicher Softwarefehler nicht nutzen. Man lie&szlig; sich von Lockheed Martin, der die AMD\u2011Man&ouml;ver durchf&uuml;hrte, per E\u2011Mail informieren. Als man nach vier Monaten erstmals mit der Software arbeiten konnte, stellte sich heraus, dass man den Effekt wohl drastisch untersch&auml;tzt hatte (der Faktor 4,45 schlug nun zu). Da aber der Haupteffekt der D&uuml;senz&uuml;ndungen senkrecht zur Sichtlinie erfolgte, konnte man den tats&auml;chlichen Effekt nicht durch Dopplermessungen verifizieren.<\/p>\n<p>So korrigierte man bei den Kurskorrekturman&ouml;vern nicht nur den AMD\u2011Effekt, sondern um den Faktor 4,45 mehr und lenkte dadurch den MCO auf eine zu nahe Marsbahn. Als man die Werte korrigiert um den Faktor 4,45 neu berechnete, zeigte sich sofort, dass der MCO sich bis auf 57\u202fkm anstatt 110\u202fkm dem Mars n&auml;hern w&uuml;rde. Auf dieser Bahn vergl&uuml;hte er schlie&szlig;lich.<\/p>\n<p>Das Problem ist dabei nicht das Verwenden von amerikanischen Einheiten bei Lockheed Martin (entgegen den Vorschriften der NASA), sondern dass der Fehler nicht entdeckt wurde. Es war die mangelnde Zusammenarbeit, die beim Discovery\u2011Programm durch die engen finanziellen und zeitlichen Spielr&auml;ume noch versch&auml;rft wurde.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg09.met.vgwort.de\/na\/372a120848fa4de69d4975c5af10d7fd\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><br \/>\nBis heute sind die USA noch eines von drei L&auml;ndern weltweit, die imperiale Einheiten einsetzen \u2013 selbst England, von dem diese Einheiten urspr&uuml;nglich stammen, hat sie l&auml;ngst durch SI\u2011Einheiten ersetzt. So misst man in den USA, die sich von der englischen Krone durch einen B&uuml;rgerkrieg l&ouml;sten, 250\u202fJahre nach der Unabh&auml;ngigkeitserkl&auml;rung die L&auml;nge immer noch in der Einheit \u201eFu&szlig;\u201c, die den Mythen nach aufgrund der Fu&szlig;gr&ouml;&szlig;e eines englischen K&ouml;nigs definiert worden sei.<\/p>\n<p>Durch New\u2011Space scheint es so zu sein, als w&auml;re inzwischen auch bei der NASA der Fachverstand, die Angebote richtig zu beurteilen, abhandengekommen zu sein. Anders kann man die Entscheidung f&uuml;r das \u201eLunar Starship\u201c beim <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2021\/04\/20\/nachlese-zum-human-landing-system-hls-kontrakt\/\">HLS\u2011Vertrag<\/a> nicht verstehen. Und wie wir sehen, haben alle Kritiker dieser Entscheidung auch recht behalten, ja sogar die Unf&auml;higkeit von SpaceX weit untersch&auml;tzt. Selbst ich h&auml;tte nicht gedacht, dass sie nach drei Jahren und drei Generationen immer noch Testfl&uuml;ge durchf&uuml;hren und kein einsatzbereites Schiff haben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"pvc_clear\"><\/div>\n<p id=\"pvc_stats_18930\" class=\"pvc_stats all  \" data-element-id=\"18930\" style=\"\"><i class=\"pvc-stats-icon medium\" aria-hidden=\"true\"><svg aria-hidden=\"true\" focusable=\"false\" data-prefix=\"far\" data-icon=\"chart-bar\" role=\"img\" xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" viewBox=\"0 0 512 512\" class=\"svg-inline--fa fa-chart-bar fa-w-16 fa-2x\"><path fill=\"currentColor\" d=\"M396.8 352h22.4c6.4 0 12.8-6.4 12.8-12.8V108.8c0-6.4-6.4-12.8-12.8-12.8h-22.4c-6.4 0-12.8 6.4-12.8 12.8v230.4c0 6.4 6.4 12.8 12.8 12.8zm-192 0h22.4c6.4 0 12.8-6.4 12.8-12.8V140.8c0-6.4-6.4-12.8-12.8-12.8h-22.4c-6.4 0-12.8 6.4-12.8 12.8v198.4c0 6.4 6.4 12.8 12.8 12.8zm96 0h22.4c6.4 0 12.8-6.4 12.8-12.8V204.8c0-6.4-6.4-12.8-12.8-12.8h-22.4c-6.4 0-12.8 6.4-12.8 12.8v134.4c0 6.4 6.4 12.8 12.8 12.8zM496 400H48V80c0-8.84-7.16-16-16-16H16C7.16 64 0 71.16 0 80v336c0 17.67 14.33 32 32 32h464c8.84 0 16-7.16 16-16v-16c0-8.84-7.16-16-16-16zm-387.2-48h22.4c6.4 0 12.8-6.4 12.8-12.8v-70.4c0-6.4-6.4-12.8-12.8-12.8h-22.4c-6.4 0-12.8 6.4-12.8 12.8v70.4c0 6.4 6.4 12.8 12.8 12.8z\" class=\"\"><\/path><\/svg><\/i> <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"16\" height=\"16\" alt=\"Loading\" src=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/wp-content\/plugins\/page-views-count\/ajax-loader-2x.gif\" border=0 \/><\/p>\n<div class=\"pvc_clear\"><\/div>\n<p>Dies ist die Geschichte, wie die Regierung in den USA nach und nach immer weniger Einfluss auf die Industrie hatte. 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