{"id":18979,"date":"2026-10-01T08:01:45","date_gmt":"2026-10-01T06:01:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=18979"},"modified":"2026-10-01T08:01:45","modified_gmt":"2026-10-01T06:01:45","slug":"raumfahrtgrundlagen-fuer-dummys-alternative-antriebskonzepte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2026\/10\/01\/raumfahrtgrundlagen-fuer-dummys-alternative-antriebskonzepte\/","title":{"rendered":"Raumfahrtgrundlagen f&uuml;r Dummys \u2013 Alternative Antriebskonzepte"},"content":{"rendered":"<div class=\"pvc_clear\"><\/div>\n<p id=\"pvc_stats_18979\" class=\"pvc_stats all  \" data-element-id=\"18979\" style=\"\"><i class=\"pvc-stats-icon medium\" aria-hidden=\"true\"><svg aria-hidden=\"true\" focusable=\"false\" data-prefix=\"far\" data-icon=\"chart-bar\" role=\"img\" xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" viewBox=\"0 0 512 512\" class=\"svg-inline--fa fa-chart-bar fa-w-16 fa-2x\"><path fill=\"currentColor\" d=\"M396.8 352h22.4c6.4 0 12.8-6.4 12.8-12.8V108.8c0-6.4-6.4-12.8-12.8-12.8h-22.4c-6.4 0-12.8 6.4-12.8 12.8v230.4c0 6.4 6.4 12.8 12.8 12.8zm-192 0h22.4c6.4 0 12.8-6.4 12.8-12.8V140.8c0-6.4-6.4-12.8-12.8-12.8h-22.4c-6.4 0-12.8 6.4-12.8 12.8v198.4c0 6.4 6.4 12.8 12.8 12.8zm96 0h22.4c6.4 0 12.8-6.4 12.8-12.8V204.8c0-6.4-6.4-12.8-12.8-12.8h-22.4c-6.4 0-12.8 6.4-12.8 12.8v134.4c0 6.4 6.4 12.8 12.8 12.8zM496 400H48V80c0-8.84-7.16-16-16-16H16C7.16 64 0 71.16 0 80v336c0 17.67 14.33 32 32 32h464c8.84 0 16-7.16 16-16v-16c0-8.84-7.16-16-16-16zm-387.2-48h22.4c6.4 0 12.8-6.4 12.8-12.8v-70.4c0-6.4-6.4-12.8-12.8-12.8h-22.4c-6.4 0-12.8 6.4-12.8 12.8v70.4c0 6.4 6.4 12.8 12.8 12.8z\" class=\"\"><\/path><\/svg><\/i> <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"16\" height=\"16\" alt=\"Loading\" src=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/wp-content\/plugins\/page-views-count\/ajax-loader-2x.gif\" border=0 \/><\/p>\n<div class=\"pvc_clear\"><\/div>\n<p>Seit Anbeginn der Raumfahrt wird der chemische Antrieb eingesetzt. Er wurde deutlich verbessert, aber er hat physikalische Grenzen. Mehr als rund 5000\u202fm\/s wird man mit dem chemischen Antrieb nicht erreichen. Es gibt aber auch Antriebe, die 8000\u202fm\/s, 200\u202f000\u202fm\/s oder sogar (im Prinzip) unendliche Ausstr&ouml;m-Geschwindigkeiten erreichen. Als ich mich mit der Raumfahrt erstmals besch&auml;ftigte, waren dies \u201eAntriebe der Zukunft\u201c (wir reden von den Achtzigerjahren des letzten Jahrhunderts). Als ich vor &uuml;ber 20\u202fJahren anfing, die Website aufzubauen, habe ich das entsprechende Kapitel auch &uuml;ber \u201e<a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/zukuenftige_antriebe.shtml\">zuk&uuml;nftige Antriebe<\/a>\u201c betitelt \u2013 und ratet mal, was sie heute sind? Ja genau, Antriebe der Zukunft. Sie teilen das Schicksal mit dem Fusionsreaktor, der genauso lange immer in 10\u202fJahren einsatzbereit ist \u2026<\/p>\n<p>Ich lasse mal alle utopischen Konzepte weg und beschr&auml;nke mich auf das, was heute technisch umsetzbar ist, und da sind es dann nur noch drei Technologien:<!--more--><\/p>\n<p><strong>Nukleare Antriebe<\/strong><\/p>\n<p>Am n&auml;chsten zum chemischen Antrieb dran ist der nukleare Antrieb. Die Funktion der Verbrennung in der Brennkammer ist es nur, hei&szlig;es Gas zu erzeugen \u2013 und zwar m&ouml;glichst hei&szlig;es Gas. Je h&ouml;her die Gastemperatur und je niedriger die Molek&uuml;lmasse, desto h&ouml;her die Ausstr&ouml;mgeschwindigkeit. Beim nuklearen Antrieb platziere ich einfach eine W&auml;rmequelle in die Brennkammer, die den Treibstoff erhitzt. Das ist schon das ganze Grundprinzip des nuklearen Antriebs. Die W&auml;rmequelle ist ein Kernreaktor und nicht eine chemische Reaktion Das K&uuml;hlmittel des Reaktors ist der Treibstoff.<\/p>\n<p>Das Grundproblem: So hei&szlig;, dass der Reaktor durchschmilzt, darf er nicht werden. Bei Testreaktoren hat man 2200\u202fK erreicht, bis 2700\u202fK sollte es gehen, dann erreicht man den Schmelzpunkt der Uran\/Plutonium\u2011Elemente. Das ist rund 1000\u202fK \u201ek&uuml;hler\u201c als bei einer chemischen Reaktion. Wie kommt man dann auf die h&ouml;here Ausstr&ouml;mgeschwindigkeit von 7\u20138\u202fkm\/s? Nun, man reduziert die Molek&uuml;lmasse und setzt nur Wasserstoff ein. Der hat die Molek&uuml;lmasse 2. Rein theoretisch k&ouml;nnte man auch den Reaktorkern durchschmelzen lassen, zumindest in der Theorie gibt es solche Konzepte. Dass er nicht durch die D&uuml;se entfleucht, sollen Magnetfelder besorgen, aber das ist bisher reine Utopie.<\/p>\n<p>Ein Vorteil: solange der Reaktor nicht kritisch wird, besteht er aus angereichertem Uran mit einer verh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig geringen Radioaktivit&auml;t. Das erleichtert die Startvorbereitungen betr&auml;chtlich und man kann ihn ja auch erst im Orbit z&uuml;nden. Das letztere muss man auch deswegen tun, weil verglichen mit dem Schub man eine enorme thermische Leistung braucht, berechenbar nach:<\/p>\n<p>L = m * v\u00b2 \/ 2<\/p>\n<p>Spielen wir mal mit den Zahlen. 8000 m\/s Ausstr&ouml;mgeschwindigkeit als v sind technisch m&ouml;glich, der leistungsf&auml;higste Kernreaktor ist <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Liste_der_leistungsst%C3%A4rksten_Kernreaktoren\">nach Wikipedia<\/a> der Taishan in China mit 4.590.000.000 Watt (4,59 GW) thermischer Leistung. Formt man diese Gleichung um, so erh&auml;lt man:<\/p>\n<p>m = 2\u202f*<em>\u202fL\u202f\/\u202fv\u00b2<\/em><\/p>\n<p><em>und mit eingesetzten Zahlen erh&auml;lt man f&uuml;r m = 143,5\u202fkg\/<\/em><em>s<\/em><em>. Also werden pro Sekunde nur 143\u202fkg Wasserstoff umgesetzt. Den Schub kann man berechnen nach:<\/em><\/p>\n<p><em>P = m\u202f<\/em><em>*<\/em>\u202fv<\/p>\n<p>Mit 143,5\u202fkg\/s und 8000\u202fm\/s kommt man auf 1147,5\u202fkN Schub. Das ist nicht viel, vor allem wenn man sieht, dass die Masse des Reaktorkerns mit 420\u202ft und sein Durchmesser mit 3,77\u202fm und seine H&ouml;he mit 4,20\u202fm angegeben wird. Also: Ein Raptor\u2011Triebwerk hat eine Brennkammer, die ungef&auml;hr um den Faktor 10 kleiner ist und trotzdem den doppelten Schub. Aus diesem Grund kann man Nukleartriebwerke auch nicht nutzen, um in den Orbit zu gelangen \u2013 sie liefern pro Masseeinheit einfach zu wenig Schub.<\/p>\n<p>Zweiter Nachteil: Wasserstoff braucht sehr schwere Tanks. Die Dichte ist ungef&auml;hr 14\u2011mal kleiner als bei LOX\/Kerosin und immerhin noch 4\u20135\u2011mal kleiner als bei LOX\/LH2. Das hei&szlig;t, die Tanks wiegen wirklich viel, etwa ein F&uuml;nftel des Inhalts. Dazu kommt der schwere Reaktorkern, den chemische Antriebe nicht brauchen. Die Trockenmasse von nuklearen Stufen ist daher sehr hoch, was ihren Gewinn bei der Ausstr&ouml;mgeschwindigkeit weitestgehend egalisiert.<\/p>\n<p>Nach dem Start strahlt der Reaktor nat&uuml;rlich radioaktiv. Das ist weniger ein Problem f&uuml;r die Missionen \u2013 die k&ouml;nnen ja eine Abschirmung einbauen und nach Brennschluss die Stufe abtrennen. Aber wie bitte will man so Tests durchf&uuml;hren? Im Prinzip hat man die gleiche Problematik, wie wenn man ein Kernkraftwerk au&szlig;er Betrieb nimmt und wie wir heute wissen, kostet das Milliarden Euro und man hat nat&uuml;rlich auch das Testgel&auml;nde verstrahlt, denn der Reaktor ist ja nicht in einer Betonkuppel untergebracht.<\/p>\n<p>Also nukleare Triebwerke bringen mehr Probleme als L&ouml;sungen. Wenn man Kernreaktoren heute in der Raumfahrt betrachtet, dann als Energiequellen, wo wir bei der n&auml;chsten Rubrik sind:<\/p>\n<h4 class=\"western\">Ionentriebwerke oder elektrische Triebwerken<\/h4>\n<p>Es gibt mehrere Typen von Ionentriebwerken, die man nach dem technischen Verfahren der Ionisation benennt, wie elektrostatische Triebwerke, Hall\u2011Effekt\u2011Triebwerke oder Plasmatriebwerke. Das grunds&auml;tzliche Prinzip ist ganz einfach: Ein Arbeitsmedium wird ionisiert, also in Atomr&uuml;mpfe und Elektronen aufgespaltet. Diese werden durch Magnetfelder getrennt. Die schweren Ionen beschleunigt man durch ein elektrisches Feld und entl&auml;sst sie schlie&szlig;lich aus dem Triebwerk \u2013 zusammen mit den Elektronen, damit sich das Raumschiff nicht aufl&auml;dt.<\/p>\n<p>Nach einigen Experimenten mit dem \u201eTreibstoff\u201c nimmt man heute nur noch Xenon oder Krypton als Arbeitsmedium. Als Edelgase erodieren sie die Neutralisationsgitter am Triebwerksende am wenigsten. Die Betriebsdauer des Triebwerks wird durch diese Erosion begrenzt und liegt heute bei bis zu 26\u202f000\u202fStunden, rund drei Jahre Dauerbetrieb. Neben dem Triebwerk braucht man meist noch einen Hochspannungstransformator, da die Beschleunigungsstufen mit hohen Spannungen arbeiten. Die Feldst&auml;rke ist allerdings trotzdem begrenzt. Das bedeutet, man kann Ionentriebwerke nicht unendlich gro&szlig; bauen. Ein Triebwerk mit 20\u202fcm Durchmesser hat typisch eine Leistungsaufnahme von 5\u202fkW und einen Schub von 0,15 bis 0.2\u202fN. H&auml;tte es den Durchmesser einer Oberstufe einer Tr&auml;gerrakete (4,5\u202fm), so w&uuml;rde es nur 75 bis 100\u202fN Schub liefern.<\/p>\n<p>Warum ist der Schub so gering? Siehe die erste Gleichung. Ionentriebwerke haben heute Ausstr&ouml;mgeschwindigkeiten von 12\u202f000 bis 44\u202f000\u202fm\/s. Die meisten liegen zwischen 25\u202f000 und 40\u202f000\u202fm\/s. Einige vorgeschlagene Technologien gehen bis 100\u202f000\u202fm\/s, und theoretisch ist eine Steigerung bis auf 200\u202f000\u202fm\/s m&ouml;glich. Dar&uuml;ber hinaus wird es sehr schwer, das elektrische Feld und die immer h&ouml;her werdende Spannung zu erzeugen. Den Strombedarf kann man nach obiger Formel bei den Nukleartriebwerken berechnen. W&uuml;rde man einen 1\u2011MW\u2011Kernreaktor als Stromquelle nutzen und ein Ionentriebwerk mit einer Ausstr&ouml;mgeschwindigkeit von 40\u202fkm\/s einsetzen, so h&auml;tte man nur einen Schub von 50\u202fN bei einem Durchsatz von 1,25\u202fg\/s. Real \u2013 weil der Wirkungsgrad typisch bei 60\u201370\u202f% liegt \u2013 noch weniger. Und derzeit gibt es keinen einsetzbaren Kernreaktor dieser Gr&ouml;&szlig;e.<\/p>\n<p>Daf&uuml;r kann man diese Triebwerke monatelang bis jahrelang betreiben. Als ich zur Raumfahrt kam, war ich von Ionentriebwerken begeistert. Heute sehe ich das erheblich n&uuml;chterner, weil ich sie simulieren kann. Im Prinzip h&auml;ngt alles an der Stromversorgung. Sie macht bei einem \u201eAntrieb\u201c die meiste Masse aus. Standard ist die Stromversorgung mit PV\u2011Zellen. F&uuml;r das Gewicht wichtig ist die Leistung pro Gewicht, ausgedr&uuml;ckt als Watt pro Kilogramm Masse. Das hat sich in den letzten Jahrzehnten kaum verbessert. Sie liegt bei starren Modulen bei rund 80\u202fW\/kg. D&uuml;nne Solarzellen wie ausrollbare Arrays (ROSA) oder entfaltbare Arrays (Ultraflex) sind nach wie vor eine Nischenl&ouml;sung und bieten vor allem Platzvorteile, aber keine Leistungsvorteile.<\/p>\n<p>In der Jahrtausendwende setzte man noch Hoffnungen auf die Konzentration des Sonnenlichts. Die Raumsonde <em><a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/ds-1.shtml\">Deep Space 1<\/a><\/em> hatte Linsen aus Kunststoff das Licht direkt auf den Modulen b&uuml;ndeln. Bei sp&auml;teren Missionen w&uuml;rde man dann nur einen kleinen Teil der Fl&auml;che mit PV\u2011Zellen belegen. Doch eine Testmission, die das erproben sollte, wurde gestrichen, und seitdem gibt es keine neuen Entwicklungen.<\/p>\n<p>Das Zweite, was den Einsatz einschr&auml;nkt, ist die Physik. Man kann den hyperbolischen Exzess (<a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2026\/09\/27\/raumfahrtgrundlagen-fuer-dummys-bahnen-im-sonnensystem\/\">siehe letzter Beitrag<\/a>) nicht nutzen. Um von einem LEO in eine Transferbahn zu Venus oder Mars zu gelangen, braucht man mit chemischem Antrieb wegen des hyperbolischen Exzesses nur 3,6 bis 4\u202fkm\/s. Durch das Heraufspiralen brauchen Ionenantriebe dagegen 10\u201311\u202fkm\/s. Das erh&ouml;ht nicht nur den Treibstoffbedarf, sondern dauert auch viel l&auml;nger. Im Sonnensystem w&uuml;rde der Zusatzaufwand im Verh&auml;ltnis immer kleiner werden, je weiter man sich von der Sonne entfernt. Doch da PV\u2011Zellen mit steigender Entfernung immer weniger Strom liefern, braucht man immer l&auml;nger, je weiter man hinaus will. F&uuml;r den Einsatz jenseits des Asteroideng&uuml;rtels braucht man Kernreaktoren, die leicht und leistungsstark sind. Diese gibt es aber nicht. Der Space Reactor 1, der 2028\/29 fliegen soll und somit der neueste ist hat eine elektrische Leistung von 20 kW bei einer Masse von 1.000 bis 1.500 kg f&uuml;r den Reaktor, das ist ein Leistungswert von 13-20 W\/kg. Zum Vergleich: herk&ouml;mmliche starre Solarpaneele kommen auf 80 W\/kg, biegsame Solarzellen auf 120 W\/kg (versprochen werden f&uuml;r gro&szlig;e Paneele bis 175 W\/kg). Ein solcher Reaktor w&uuml;rde nur einen Vorteil bei sehr langen Reisezeiten \u2013 im Sonnensystem jenseits von Saturn bringen, weil man Solarzellen nur im inneren Sonnensystem nutzen kann und damit nur w&auml;hrend eines kleinen Teils der Reisezeit. Der Kernreaktor k&ouml;nnte dagegen dauernd genutzt werden und w&uuml;rde so seinen Nachteil der geringen Leistung wettmachen, denn was n&uuml;tzen Solarzellen, wenn man sie nur &uuml;ber 1-2 Jahre der 10 Jahre dauernden Reise nutzen kann?<\/p>\n<p>In der Erdumlaufbahn w&auml;ren Ionenantriebe n&uuml;tzlich, um Satelliten von einem LEO in einen GEO oder Navigationsorbit zu bef&ouml;rdern. Hier brauhct man mit dem Ionentriebwerk nur wenig mehr Energie als mit dem chemischen Antrieb. Aber hier haben die Betreiber Angst vor der einwirkenden Strahlung der Van\u2011Allen\u2011G&uuml;rtel, die durchflogen werden m&uuml;ssen. Bei Kommunikationssatelliten rechnet man zudem den Verlust durch die sp&auml;tere Inbetriebnahme gegen die zus&auml;tzlichen Kosten einer gr&ouml;&szlig;eren Rakete die man f&uuml;r den chemischen Antrieb braucht.<\/p>\n<p>&Uuml;brig bleiben eine Reihe von Nischenanwendungen. Sinnvoll halte ich Ionentriebwerke heute noch f&uuml;r:<\/p>\n<ul>\n<li>Reisen ins innere Sonnensystem (Merkur, Venus), vor allem wenn man in einen Orbit einzuschwenken will, da man sich einfangen lassen kann und so keinen chemischen Antrieb braucht.<\/li>\n<li>Trips zu kleinen K&ouml;rpern, die kaum Gravitationskraft haben \u2013 hier kann man mit dem chemischen Antrieb den hyperbolischen Exzess nicht nutzen. Vor allem f&uuml;r den R&uuml;ckweg braucht man dann Ionentriebwerke.<\/li>\n<li>Bahn&auml;nderungen bei Venus und Mars \u2013 hier gibt es keinen Mond, der durch seine Gravitation die Bahn ab&auml;ndern k&ouml;nnte und einen Strahleng&uuml;rtel haben die auch nicht. Eine Marsbodenprobenmission mit R&uuml;ckkehrung w&uuml;rde besonders davon profitieren.<\/li>\n<li>Transfer von Fracht von einem LEO in eine Mondumlaufbahn, wenn man genug Zeit hat \u2013 mit chemischem Antrieb kommt maximal ein F&uuml;nftel der LEO\u2011Startmasse an, Ionentriebwerke k&ouml;nnen dies auf 33\u201350\u202f% steigern.<\/li>\n<\/ul>\n<h3 class=\"western\">Sonnensegel<\/h3>\n<p>Die dritte Zukunftstechnologie in dieser Rubrik sind Sonnensegel. Wie der Name schon sagt, segelt man damit. Wie bei Segeln kann man auch gegen den Wind segeln, wenn man das Segel richtig dreht. Der Antrieb ist allerdings nicht der Sonnenwind. Der Sonnenwind besteht aus Protonen und Heliumkernen, die sich mit mindestens 300\u202fkm\/s von der Sonne entfernen. Die Teilchendichte ist aber gering und liegt bei 5\u202fTeilchen pro cm\u00b3. Das sind pro Sekunde nur 3,35\u202f\u00d7\u202f10<sup>&#8211;<\/sup><sup>\u2079<\/sup>\u202fkg\/km\u00b2, und bei einer mittleren Geschwindigkeit von 400\u202fkm\/s ist das nur ein Impuls von 0,00134\u202fN\/km\u00b2. Man achte auf die Fl&auml;chendimension: 1 km\u00b2 sind 1.000.00 m\u00b2!<\/p>\n<p>Der \u201eWind\u201c ist der Strahlungsdruck des Lichts. Photonen, die Teilchen der elektromagnetischen Strahlung, haben per Definition keine Ruhemasse. Aber sie tragen Energie und haben daher eine Masse, die sich aus ihrer Geschwindigkeit (Lichtgeschwindigkeit c = 2.997.921.458\u202fm\/s) ergibt. Es gilt der Satz &uuml;ber die kinetische Energie:<\/p>\n<p>E = \u00bd\u202fm\u202f* v\u00b2<\/p>\n<p>In Erdn&auml;he ist E = 1355\u202fW\/m\u00b2. Mit v = c kann man rechnen, dass die &Auml;quivalentmasse der Lichtstrahlung pro Quadratmeter dann bei nur 3\u202f\u00d7\u202f10\u207b\u00b9\u2074\u202fkg liegt. Dieser niedrige Wert, der auch verantwortlich f&uuml;r den niedrigen Schub ist, resultiert letztendlich aus der H&ouml;he der Lichtgeschwindigkeit.<\/p>\n<p>Den Schub, den das Licht aus&uuml;bt, kann man berechnen nach:<\/p>\n<p>F = m *\u202fv<\/p>\n<p>Mit den eingesetzten Werten sind dies 9\u202f\u00d7\u202f10\u207b\u2079\u202fN\/m\u00b2. Nur zum Vergleich: Ionentriebwerke, die heute kommerziell eingesetzt werden, haben einen Schub von 0,01 bis 0,3\u202fN. Damit eine Sonde damit &uuml;berhaupt an Geschwindigkeit aufnimmt, muss die Fl&auml;che riesig sein. Ein Ionenantrieb f&uuml;r Antriebs\u2011, nicht Lageregelungszwecke, hat einen typischen Schub von 0,2\u202fN. Man br&auml;uchte eine Fl&auml;che von 22\u202f125\u202fm\u00b2 \u2013 das ist ein Quadrat von 148\u202f\u00d7\u202f148\u202fm \u2013, um denselben Schub bei einem Sonnensegel zu erreichen.<\/p>\n<p>Damit dies klappt, muss alles sehr leicht sein. Die Segel bestehen aus mit Aluminium (zur Reflektion) bedampfter Folie aus Mylar oder Kapton, &auml;hnlich der Rettungsfolie. Sie wiegt minimal je nach Material als 8-12 g\/m\u00b2, achtmal weniger als Druckerpapier. Die Streben, die das Segel aufspannen, bestehen heute aus CFK, ebenfalls leichtgewichtig (70 g\/m L&auml;nge). In den Achtzigerjahren plante man noch Missionen mit Sonnensegeln, seitdem wurden nur einige Evaluationsmissionen gestartet wie <a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/akatsuki.shtml\">Ikaros<\/a>.<\/p>\n<p>Der einfache Grund: Es gab seitdem wenig, um sie leistungsf&auml;higer zu machen. Weder wurden neue, leichtere Folien entwickelt, noch tat sich etwas bei den Streben. Rein theoretisch w&auml;re es m&ouml;glich, nach dem Bedampfen die Kunststofffolie durch S&auml;ure wegzu&auml;tzen \u2013 es bliebe der leichtgewichtige Belag &uuml;brig. Doch wie man so etwas, das dann ganz schnell rei&szlig;t, entfalten soll, wurde nicht gel&ouml;st. Dass man alles einmal am Boden testen sollte, auch das Entfalten, verhindert richtig gro&szlig;e Segel. Wo bitte gibt es ein Geb&auml;ude, in dem man ein 100\u202f\u00d7\u202f100\u202fm gro&szlig;es Segel entfalten kann? Und das h&auml;tte dann gerade einmal den Schub eines der f&uuml;nf Ionentriebwerke von <em><a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/dawn.shtml\">Dawn<\/a><\/em>.<\/p>\n<p>Die Fortentwicklung von PV\u2011Zellen als Stromversorgung von Ionentriebwerken hat diese attraktiver gemacht. Sie wurden zwar nur moderat im Wirkungsgrad und in der Leistung pro Fl&auml;che (oder Gewicht) gesteigert, aber viel billiger: 1977 kosteten nur die PV\u2011Zellen f&uuml;r 1\u202fkW Leistung 50\u202f000\u202fDM, heute kostet das fertige Paneel das Gleiche in Euro. Ber&uuml;cksichtigt man, dass die Zellen ja nicht ein fertiges Solarpaneel sind und die Inflation, so sind sie deutlich billiger geworden.<\/p>\n<p>Im Erdorbit f&uuml;hrt die Abbremsung durch die Erdatmosph&auml;re dazu, dass Sonnensegel schwer kontrollierbar sind und schnell abgebremst werden. Sinnvoll erscheint eigentlich nur der Einsatz von Sonnensegeln auf einer Sonnenumlaufbahn. Anders als Ionentriebwerke kann man sie also nicht von einer Erdumlaufbahn aus starten. Dort haben sie die gleichen Einschr&auml;nkungen wie Ionentriebwerke. Genauso wie die Energie des Lichts nimmt auch der Strahlungsdruck des Lichts mit der Distanz ab. Sinnvoll erscheinen sie mir nur bei Trips ins innere Sonnensystem. Hier muss man, damit die PV\u2011Zellen nicht &uuml;berhitzen, die Paneele immer flacher zur Sonne drehen, sodass man meist nur eine feste Spitzenleistung nutzen kann, die typisch doppelt so hoch wie in Erdn&auml;he ist.<\/p>\n<p>Kapton als das am h&ouml;chsten thermisch beanspruchbare Tr&auml;germaterial ist bis 240\u2013260\u202f\u00b0C erhitzbar. Sonnensegel k&ouml;nnen sich so bis auf 25\u201330\u202fMillionen\u202fkm an die Sonne ann&auml;hern, bevor sie zerfallen. Noch bedeutsamer: Man wird immer schneller, je n&auml;her man sich der Sonne n&auml;hert. Ich sehe daher eine Nische f&uuml;r Sonnenmissionen wie den <em><a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/solar-orbiter.shtml\">Solar Orbiter<\/a><\/em> und die <em><a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/Parker-Solar-Probe.shtml\">Parker Solar Probe<\/a><\/em> oder f&uuml;r Missionen zu Venus und Merkur.<\/p>\n<p>Ich habe einmal eine kleine Simulation durchgef&uuml;hrt. Ein Sonnensegel k&ouml;nnte die Raumsonde <em><a href=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/bepicolombo-raumsonde-instrumente.shtml\">BepiColombo<\/a><\/em> schneller zu Merkur bef&ouml;rdern als der Ionenantrieb. Swing\u2011bys w&auml;ren auch nicht n&ouml;tig. Damit das klappt, m&uuml;sste man aber schon beim Start die Bahn Richtung Sonne lenken. Das Problem: Die Differenz zwischen Aphel und Perihel bleibt erhalten, anders als beim Ionenantrieb. Von Merkur einfangen kann man sich so nicht lassen, au&szlig;er man startet zuerst Richtung inneres Sonnensystem und zirkularisiert dann den Orbit.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/363e05ddf55a461d8bc464cf6cc08568\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"pvc_clear\"><\/div>\n<p id=\"pvc_stats_18979\" class=\"pvc_stats all  \" data-element-id=\"18979\" style=\"\"><i class=\"pvc-stats-icon medium\" aria-hidden=\"true\"><svg aria-hidden=\"true\" focusable=\"false\" data-prefix=\"far\" data-icon=\"chart-bar\" role=\"img\" xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" viewBox=\"0 0 512 512\" class=\"svg-inline--fa fa-chart-bar fa-w-16 fa-2x\"><path fill=\"currentColor\" d=\"M396.8 352h22.4c6.4 0 12.8-6.4 12.8-12.8V108.8c0-6.4-6.4-12.8-12.8-12.8h-22.4c-6.4 0-12.8 6.4-12.8 12.8v230.4c0 6.4 6.4 12.8 12.8 12.8zm-192 0h22.4c6.4 0 12.8-6.4 12.8-12.8V140.8c0-6.4-6.4-12.8-12.8-12.8h-22.4c-6.4 0-12.8 6.4-12.8 12.8v198.4c0 6.4 6.4 12.8 12.8 12.8zm96 0h22.4c6.4 0 12.8-6.4 12.8-12.8V204.8c0-6.4-6.4-12.8-12.8-12.8h-22.4c-6.4 0-12.8 6.4-12.8 12.8v134.4c0 6.4 6.4 12.8 12.8 12.8zM496 400H48V80c0-8.84-7.16-16-16-16H16C7.16 64 0 71.16 0 80v336c0 17.67 14.33 32 32 32h464c8.84 0 16-7.16 16-16v-16c0-8.84-7.16-16-16-16zm-387.2-48h22.4c6.4 0 12.8-6.4 12.8-12.8v-70.4c0-6.4-6.4-12.8-12.8-12.8h-22.4c-6.4 0-12.8 6.4-12.8 12.8v70.4c0 6.4 6.4 12.8 12.8 12.8z\" class=\"\"><\/path><\/svg><\/i> <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"16\" height=\"16\" alt=\"Loading\" src=\"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/wp-content\/plugins\/page-views-count\/ajax-loader-2x.gif\" border=0 \/><\/p>\n<div class=\"pvc_clear\"><\/div>\n<p>Seit Anbeginn der Raumfahrt wird der chemische Antrieb eingesetzt. Er wurde deutlich verbessert, aber er hat physikalische Grenzen. Mehr als rund 5000\u202fm\/s wird man mit dem chemischen Antrieb nicht erreichen. Es gibt aber auch Antriebe, die 8000\u202fm\/s, 200\u202f000\u202fm\/s oder sogar (im Prinzip) unendliche Ausstr&ouml;m-Geschwindigkeiten erreichen. 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