{"id":2033,"date":"2009-12-05T00:02:51","date_gmt":"2009-12-04T23:02:51","guid":{"rendered":"http:\/\/bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=2033"},"modified":"2009-12-04T20:30:19","modified_gmt":"2009-12-04T19:30:19","slug":"probiers-doch-mal-mit-fluor","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2009\/12\/05\/probiers-doch-mal-mit-fluor\/","title":{"rendered":"Probier&#8217;s doch mal mit Fluor"},"content":{"rendered":"<p>Die letzten Kommentare haben mich bewegt dem aktuelln Blog doch eine Erkl&auml;rung voranzustellen. Ich habe ja im letzten Blog auf einen Thread im Raumfahrer.net Forum bezug genommen. Wie schon erl&auml;utert, verkehre ich nicht in Foren, ich habe das vor drei Jahren mal gemacht und erkannt, dass man damit viel Zeit verbraten kann, Zeit die ich lieber f&uuml;r andere Dinge nutze. H&auml;tte ich nicht den Link von Vineyard in einem Kommentar gesehen, w&auml;re mir dieser Thread auch wohl entgangen.<\/p>\n<p>Ich habe allerdings auch ein Menschenbild, und das ist das, dass man sich informiert und kundig macht. Nicht jeder kann sich die Zeit nehmen, alles zu &uuml;berpr&uuml;fen. Daher war meine Intention des letzten Artikels an nur einem konkreten Beispiel die Personen, die von sich sagen sie k&ouml;nnten den technischen Aspekt nicht beurteilen zu zeugen, dass hier einiges im Argen ist und ich mir das nicht aus den Fingern sauge. Wenn ich also schreibe &#8222;ohne Raumfahrtvorkenntnisse&#8220;, dann ist dies bezogen auf diese Personen, nicht das ganze Forum und es ist hilfreich gemeint, denn man sollte nicht alles kritiklos lesen, sondern nachfragen. Wer sich an dem Ausdruck &#8222;f&uuml;r Dummies&#8220; st&ouml;&szlig;t, sollte mal einen Ausflug in die n&auml;chste B&uuml;cherei machen: Diese Formulierung ist &auml;u&szlig;erst popul&auml;r und zahlreiche sich gut verkaufende B&uuml;cher enden mit<a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/s\/ref=nb_ss?__mk_de_DE=%C5M%C5Z%D5%D1&amp;url=search-alias%3Daps&amp;field-keywords=%22f%FCr+Dummies%22&amp;x=0&amp;y=0\"> &#8222;f&uuml;r Dummies&#8220;<\/a>. Ich hatte die Vorstellung das es vielleicht auch einige gibt, die mein Blogeintrag dazu bringt kritischer zu sein, sich mehr zu informieren und Fakten zu hinterfragen. Wenn diese Aufforderung zu Kritik in der Form wie ich es getan habe, falsch verstanden wurde, so tut mir das leid. Ich m&ouml;chte aber darauf hinweisen, dass dies ein Blog ist (kein Artikel und keine Nachrichtenagentur) und ich sehr gerne spitz formuliere, und nicht nur zum Thema SpaceX. Auch die NASA, ESA und andere haben hier ihr Fett schon weg bekommen.<\/p>\n<p>Aufgrund der bisher vorliegenden harten Fakten &#8211; absolvierte Starts, Erfolge, Ver&auml;nderung der Nutzlastangaben und Preise, sehe ich die Angaben von SpaceX offensichtlich viel kritischer als einige (Betonung auf einige) Forumsmitglieder in obigem Forum.<\/p>\n<p>So nun zu etwas komplett anderem. Es wird mal Zeit fl&uuml;ssiges Fluor als Oxidator zu beleuchten. In den 60 er Jahren gab es zahlreiche Ideen f&uuml;r dessen Einsatz, warum ist es so still darum geworden. Fangen wir erst mal an mit den Vor- und Nachteilen. Alle Daten sind mit dem NASA Programm FCEA 2 berechnet (Herunterladbar unter <a href=\"http:\/\/www.grc.nasa.gov\/WWW\/CEAWeb\/ceaguiDownload-win.htm\"> http:\/\/www.grc.nasa.gov\/WWW\/CEAWeb\/ceaguiDownload-win.htm<\/a>, allerdings ist der Server seit einigen Tagen down, wer Interesse hat dem kann ich es per Mail zuschicken.<\/p>\n<h3>Vorteil 1: Ein? hoher spezifischer Impuls<\/h3>\n<p>Vielleicht erinnert sich noch einer an seinen Oberstufen Chemiekurs und den Begriff der Elektronegativit&auml;t. Das ist ein k&uuml;nstlicher Begriff um auszudr&uuml;cken wie sehr ein Stoff gerne Elektronen haben m&ouml;chte. Verbindungen mit einer hohen Elektronegativit&auml;t nehmen gerne anderen die Elektronen weg, Stoffe mit einer geringen Elektronegativit&auml;t geben sie dagegen ab. In der Raketensprache sind die ersten gute Oxidatoren, die anderen gute Verbrennungstr&auml;ger. Fluor hat von allen Elementen die h&ouml;chste und reagiert sogar mit einigen Edelgasen. Daher k&ouml;nnen wir bei der Umsetzung h&ouml;here spezifische Impulse erwarten als mit Sauerstoff. Das ist auch gegeben. Ob Verbrennung mit Kerosin, Hydrazin oder Wasserstoff &#8211; &uuml;berall ist der spezifische Impuls h&ouml;her als bei der Umsetzung mit Sauerstoff. Allerdings ist der Vorteil bei Wasserstoff geringer als bei anderen Elementen, weil das Reaktionsprodukt Fluorwasserstoff eine Atommasse von 20 u hat &#8211; Wasser dagegen eine von 18. Da diese auch wichtig f&uuml;r den spezifischen Impuls ist, ist der Vorteil nicht so hoch.<!--more--><\/p>\n<h3>Vorteil 2: Man ben&ouml;tigt weniger Wasserstoff<\/h3>\n<p>Bei der st&ouml;chiometrischen Verbrennung von Sauerstoff und Wasserstoff m&uuml;ssen diese ein Mischungsverh&auml;ltnis von 8 zu 1 aufweisen, da ein Sauerstoffatom 16 u wiegt, ein Wasserstoffatom 1 u und beide zusammen zu H2O reagieren, also 2 Wasserstoffatome involviert sind. Ein Fluoratom wiegt 19 u und reagiert mit nur einem Wasserstoffatom zu HF (Fluorwasserstoff). Das bedeutet: Es wird nur 45 % der Wasserstoffmenge ben&ouml;tigt wie bei der Verbrennung von Sauerstoff. Eine Rakete mit 200 t Treibstoff w&uuml;rde bei der st&ouml;chiometrischen Verbrennung mit Sauerstoff z.B. 22.2 t Wasserstoff mitf&uuml;hren, bei der Verbrennung mit Fluor dagegen nur 10 t. Da die Wasserstofftanks viel gr&ouml;&szlig;er sind als die Sauerstofftanks wiegen sie auch mehr. Beim Shuttle Tank wiegt z.B. der Sauerstofftank der rund 600 t fasst 4,5 t, der nur 100 t fassende Wasserstofftank dagegen 13,1 t. Seine Ma&szlig;e liesse sich um 45 % reduzieren &#8211; das macht eine Menge aus. Bei Stufen mit massiver Konstruktion ist das Verh&auml;ltnis noch schlimmer, so macht z.B. der Wasserstofftank der ESC-A mit 1,98 t rund 60 % der Stufenleermasse aus.<\/p>\n<h3>Vorteil 3: Keine Z&uuml;ndvorrichtung notwendig<\/h3>\n<p>Fluor reagiert hypergol mit allen organischen Substanzen und mit Wasserstoff. Das vereinfacht es, denn nun ist ein hypergoler Antrieb mit Wasserstoff m&ouml;glich. Diese sind nicht umsonst so beliebt. Es gibt bei diesen keine Probleme mit ausbleibenden oder verz&ouml;gerten Z&uuml;ndungen oder der Bildung explosiver Gase &#8211; zweimal scheiterte die Z&uuml;ndung einer HM-7 B Stufe aus diesem Grund.<\/p>\n<h3>Nachteil 1: Fluor ist giftig<\/h3>\n<p>Das ist der wichtigste Nachteil, und zwar sind auch die Verbrennungsabgase giftig. Daher scheidet der Einsatz als Erststufenantrieb aus. Doch genauso wie heute noch Hydrazine in Oberstufen ihren Dienst tun sollte dies auch f&uuml;r Fluor m&ouml;glich sein.<\/p>\n<h3>Nachteil 2: Fluor ist reaktiv<\/h3>\n<p>Fluor reagiert mit fast allem, &auml;tzt sogar Glas an. Es kann aber problemlos in Edelstahlbeh&auml;ltern gelagert werden, da es einen &Uuml;berzug mit einer festanhaftenden Fluroidschicht bildet, vor allem wenn der Stahl nickelhaltig ist. Die Aggressivit&auml;t teilt es aber mit anderen Stoffen wie z.B. der in der Agena &uuml;ber Jahrzehnte eingesetzten Salpeters&auml;ure. Solange (und dies ist gegeben) alles im Raketenbau was mit Treibstoff in Ber&uuml;hrung kommt, aus Metallen besteht mit denen Fluor feste Fluoride bildet, gibt es keine Probleme. Ausscheiden durfte aber Aluminium als Werkstoff. Doch das sehe ich nicht als Hindernis an &#8211; die Reduktion der Tankmasse kompensiert dies leicht. Schlussendlich ist auch die Centaur aus Edelstahl gefertigt und weist eines der besten Voll\/Leergewichte in ihrer Klasse auf. Auch ausscheiden tun CFK Werkstoffe f&uuml;r Tanks, Leitungen und Turbine &#8211; aber das ist auch so oder so gegeben, denn fl&uuml;ssiger Wasserstoff w&uuml;rde sie verspr&ouml;den und zerbrechlich wie Glas machen.<\/p>\n<h3><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft\" src=\"\/img\/lf2-lox.png\" alt=\"Vergleich LOX\/LH2\" width=\"772\" height=\"471\" \/>Was ist m&ouml;glich?<\/h3>\n<p>Es gibt zwei M&ouml;glichkeiten. Das eine ist es den hohen spezifischen Impuls auszunutzen und noch h&ouml;here Leistungen aus einer Oberstufe herauszuholen. Die folgende Grafik zeigt den spezifischen Impuls der Kombination LOX\/LH2 und LF2\/LH2. Dazu zwei Erkl&auml;rungen: Das st&ouml;chiometrische Verh&auml;ltnis von LOX\/Lh2 liegt bei 8, bei LF2\/LH2 dagegen bei 19 zu 1. Beide Kurven haben ihr Maximum aber bei einem niedrigeren Verh&auml;ltnis. Der Grund: Es tragen auch die ungebrannten und radikalischen Molek&uuml;le H2, H,F und OH zum spezifischen Impuls bei. Bei 8:! gibt es keinerlei ungebrannten Wasserstoff mehr der eine 18 mal kleinere Atommasse als das Verbrennungsprodukt Wasser aufweist. Dieser Effekt ist wirksamer als die durch die vollst&auml;ndige Verbrennung entstehende Hitze. So erh&auml;lt man den h&ouml;chsten spezifischen Impuls nicht bei 8:1 sondern bei 6:1 bei LOX\/LH2. Bei Fluor gibt es den gleichen Effekt, hier wird der h&ouml;chste Wert bei 16:1 erreicht und nicht bei 19:1. Fluor h&auml;lt ein Plateau von 4940 m\/s zwischen 14 und 18 zu 1. Dies ist beim Sauerstoff nicht so ausgepr&auml;gt.<\/p>\n<p>Die Daten sind ideale Werte f&uuml;r einen Brennkammerdruck von 60 bar und ein Expansionsverh&auml;ltnis von 240. Das sind die Werte von Vinci. Dieses erreicht real bei LOX\/LH2 von 6:1 einen Wert von 4560, theoretisch w&auml;ren nach dem NASA Programm FCEA2 4723 m&ouml;glich. (Kein Triebwerk wird den idealen Wert erreichen, weil der Wirkungsgrad keine 100 % betr&auml;gt, er liegt aber mit 93 % um einiges besser als bei einem Otto-Motor)? Zieht man diese 170 m\/s Differenz vom idealen Wert von Fluor (4944 m\/s) ab, so kommt man immer noch auf 4780 m\/s. Das w&uuml;rde bei der Ariane 5 ESC-B die Nutzlast um rund 900 kg erh&ouml;hen. Ber&uuml;cksichtigt man den kleineren Wasserstofftank, so m&uuml;sste bei analoger Konstruktion wie die ESC-A auch noch etwas mehr Nutzlast dazu kommen: Der Wasserstofftank sollte auch hier f&uuml;r gut die H&auml;lfte des Stufengewichts gut sein.<\/p>\n<h3>Viel interessanter finde ich aber die Low Cost Alternative<\/h3>\n<p>Mit Fluor gibt es einen hypergolen Oxidator zusammen mit Wasserstoff. Er hat einen h&ouml;heren spezifischen Impuls als LOX\/LH2. Das erlaubt es auf Turbopumpen zu verzichten und einfach? die Treibstoffe durch Druck zu f&ouml;rdern &#8211; sie entz&uuml;nden sich ja von selbst. Man kann so auch einfach die Stufe wiederz&uuml;nden. Nimmt man einen Brennkammerdruck von 10 bar &#8211; einem typischen Wert von druckgef&ouml;rderten Antrieben, so sinkt der spezifische Impuls nur leicht auf 4928 ab (von 4944 bei 16:1). Mehr noch: Selbst mit einer Expansionsd&uuml;se von einem Fl&auml;chenverh&auml;ltnis von 60 liegt er bei 4771 m\/s, also h&ouml;her als beim Vinci. Es w&auml;ren so druckgef&ouml;rderte Antriebsstufen mit kleinem Schub (maximal 30 kN) m&ouml;glich, welche vor allem die Leistung kleiner Tr&auml;gerraketen (Rockot, Vega, Dnepr&#8230;.) steigern k&ouml;nnten, die zu klein f&uuml;r eine gro&szlig;e Oberstufe sind. Oder es w&auml;re m&ouml;glich diesen Antrieb als Apog&auml;umsantrieb f&uuml;r Satelliten zu nutzen: Oder eine zus&auml;tzliche Oberstufe f&uuml;r die Ariane 5 und andere gr&ouml;&szlig;ere Tr&auml;ger? Die M&ouml;glichkeiten sind faszinierend&#8230;.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die letzten Kommentare haben mich bewegt dem aktuelln Blog doch eine Erkl&auml;rung voranzustellen. Ich habe ja im letzten Blog auf einen Thread im Raumfahrer.net Forum bezug genommen. 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