{"id":2042,"date":"2009-12-07T11:22:32","date_gmt":"2009-12-07T10:22:32","guid":{"rendered":"http:\/\/bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=2042"},"modified":"2009-12-07T11:22:32","modified_gmt":"2009-12-07T10:22:32","slug":"ein-vernuenftiges-unbemanntes-planetenforschungsprogramm-teil-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2009\/12\/07\/ein-vernuenftiges-unbemanntes-planetenforschungsprogramm-teil-2\/","title":{"rendered":"Ein vern&uuml;nftiges unbemanntes Planetenforschungsprogramm &#8211; Teil 2"},"content":{"rendered":"<p>Nachdem es in Teil 1 darum ging die Kosten zu minimieren, indem Serienbauweise und Adaption an neue Bed&uuml;rfnisse, anstatt Neukonstruktion die Missionen dominieren und auch ein Forschungsprogramm verl&auml;sslich sein muss &#8211; in dem Sinne, das es eine langfristige Planungssicherheit geben muss, geht es heute darum den Nutzen der Missionen zu maximieren und mehr durch stufenweise Einf&uuml;hrung neuer Techniken herauszuholen.<\/p>\n<h3>Reduktion der Startkosten<\/h3>\n<p>Dieses Thema ist nicht so neu. In der Tat wird das seit Jahrzehnten schon angestrebt. Anders als bei Satelliten ist es aber schon heute m&ouml;glich, bei Raumsonden die Startkosten zu reduzieren. Das liegt daran, dass es, sobald die Nutzlast einen niedrigen Erdorbit erreicht hat Alternativen zum klassischen chemischen Antrieb gibt. Als ich mich vor kurzer Zeit nach einigen Jahren Pause erneut mit Ionenantrieben befasst habe, stellte ich mit &Uuml;berraschung fest, dass die Entwicklung von Solarlinsearrays (SLA) gro&szlig;e Fortschritte gemacht hat und diese nun schon 180 W\/kg liefern &#8211; deutlich mehr als die rund 60 W\/kg die heute gr&ouml;&szlig;ere Solarzellen bei Satelliten liefern und 300 W\/kg in einigen Jahren m&ouml;glich sein sollen.<!--more--><\/p>\n<p>Ionentriebwerke haben einen gro&szlig;en Strombedarf. Daher dominieren heute bei einem Antrieb die Solarzellen das Gewicht. Die eigentlichen Ionentriebwerke und der Treibstoff wiegen vergleichsweise wenig. So hat ein typisches Exemplar im Leistungsbereich von rund 5 kW ein Gewicht von 7 kg &#8211; selbst bei 180 W\/kg wiegen die SLA aber dann noch rund 30 kg. Immerhin ist damit, wie ich schon mal ausgerechnet haben von einer niedrigen Erdumlaufbahn aus bei rund 50 % Nutzlastanteil im Erdorbit in wenigen Monaten Fluchtgeschwindigkeit erreicht und zum Mars dauert es nicht viel l&auml;nger. Dort angekommen braucht eine Raumsonde auch nicht l&auml;nger um solarelektrisch eine Endumlaufbahn zu erreichen, als mit chemischen Treibstoff: Es wird aber eine viel kleinere Tr&auml;gerrakete ben&ouml;tigt. So wiegt Mars Express trocken nur etwa 600-700 kg, die Sojus k&ouml;nnte aber rund 7000 kg in eine niedrige Erdumlaufbahn bef&ouml;rdern. Ionentriebwerke versprechen rund 50 % der Startmasse in einem niedrigen Erdorbit auch am Zielorbit. Bei konventionellen Raketen ist es meist nur ein Zehntel. Ehrlich gesagt: Bei Reisezeiten von einigen Monaten zum Tiel verstehe ich nicht warum man nicht schon heute darauf &uuml;bergegangen ist.<\/p>\n<p>Diese Technologie sollte mittelfristig den chemischen Antrieb ersetzen wo immer es geht. Anfangen w&uuml;rde man mit Missionen im inneren Sonnensystem &#8211; Venus und Mars. Doch auch ins &auml;u&szlig;ere Sonnensystem w&auml;ren Missionen m&ouml;glich, hier gibt es nat&uuml;rlich die Problem, dass zum einen die Geschwindigkeit die erreicht werden muss h&ouml;her ist und zum anderen die Beschleunigung bei steigendem Sonnenabstand rasch kleiner wird. Doch mit ausreichend leistungsf&auml;higen SLA, kombiniert mit einem Vorbeiflug an der Venus m&uuml;sste es gehen.<\/p>\n<p>In der zweiten Phase sollte auch leistungsf&auml;higere Ionentriebwerke entwickelt werden &#8211; hier gibt es sogar Synergien mit bemannten Missionen. Bei Ionentriebwerken steigt der Schub quadratisch mit dem Durchmesser, das Gewicht aber in der dritten Potenz. Das bedeutet, dass ein hoher Schub entweder viele kleine Triebwerke ben&ouml;tigt oder wenige gro&szlig;e Triebwerke sehr schwer sind. Auch hier wurde an einem experimentellen Prototyp gearbeitet, der zwei Beschleunigungsstrecken kombiniert und damit bezogen auf das Gewicht eine viel h&ouml;here Leistung aufweist. Wenn man daran denkt Raumsonden von mehreren Tonnen Gewicht zu bef&ouml;rdern, k&ouml;nnte es an der Zeit sein, diesen Antrieb zu erproben. F&uuml;r noch schwerere bemannte Missionen wird er in jedem Fall ben&ouml;tigt.<\/p>\n<p>Eine zweite Alternative sind Sonnensegel. Derzeit sind sie noch Ionentriebwerken unterlegen und die Anforderungen um von kleinen Segeln auf gro&szlig;e &uuml;berzugehen mit den Problemen sie zu entfalten und leichtgewichtig herzustellen. Doch haben sie den Vorteil, dass die Endgeschwindigkeit unbegrenzt ist. Sie k&ouml;nnten bei Missionen ins innerste Sonnensystem (n&auml;her als Venus) eine Alternative sein, oder wenn eine Raumsonde viele Asteroiden besuchen soll. Anfangen k&ouml;nnte man mit Missionen im Erdorbit. So gibt es den Vorschlag f&uuml;r einen Satelliten der relativ zur Sonne immer die gleiche Position im Erdmagnetfeld beh&auml;lt &#8211; da sich die Erde um die Sonne dreht muss sich die Bahnebene pro Jahr um 360 Grad drehen &#8211; das geht auch mit Ionentriebwerken, doch deren Treibstoff ist irgendwann einmal ersch&ouml;pft. Weiterhin kann ein Satellit kleiner als eine Raumsonde sein, da er n&auml;her an der Erde ist und so die Funkverbindung besser und leichter ist.<\/p>\n<h3>Bessere Kommunikation<\/h3>\n<p>Schon heute betrieben wird der langsame Umstieg auf das X-Band ins K Band. Aufgrund der vierfach h&ouml;heren Sendefrequenzen verspricht diese Technologie eine Erh&ouml;hung der Datenrate um das zehnfache. Doch es geht viel zu langsam. In einer &Uuml;bergangszeit sollten alle Raumsonden einfach jeweils einen K-Band Sender zus&auml;tzlich mitf&uuml;hren und die Daten damit zus&auml;tzlich senden. wenn es gen&uuml;gend Erfahrungen gibt sollte das K-Band als Ersatz f&uuml;r das X-Band fungieren und dieses nur noch f&uuml;r Notf&auml;lle genutzt werden.<\/p>\n<p>Ebenfalls erprobt wird die Kommunikation per Laser. Im Erdorbit verspricht sie erheblich h&ouml;here Datenraten zwischen erdnahem Orbit und geostation&auml;ren Orbit. Die Ergebnisse bei der Kommunikation mit der Erde sind nicht so gut, weil hier die Atmosph&auml;re den Lichtstrahl streut und Wolken und Tag den Empfang verhindern. Zudem ist es kein Problem auf der Erde gro&szlig;e Empfangsantennen zu bauen, w&auml;hrend dies im Orbit nicht m&ouml;glich ist.<\/p>\n<p>Probeweise sollte sie aber auch bei Tiefenraumsonden erprobt werden, auch wenn ich denke dass es hier mehr eingesetzt wird zwischen der Kommunikation von Landern und Orbitern oder Subsatelliten und Relais (z.B. bei Jupiter: Hauptsatellit au&szlig;erhalb des Magnetosph&auml;reng&uuml;rtels, Subsatellit innerhalb des Strahlungsg&uuml;rtels).<\/p>\n<p>F&uuml;r normale Kommunikation sollten wieder Faltantennen erprobt werden. Seit diese bei ATS-6 und TDRSS eingesetzt wurden ist es still um sie geworden, wahrscheinlich weil das Entfalten bei Galileo scheiterte. Aber sie sind praktisch die einzige M&ouml;glichkeit Antennen mit einem Durchmesser gr&ouml;&szlig;er als die Nutzlastverkleidung zu bauen und sie sind viel leichter. (Die 4,9 m Antennen von TDRSS wiegen nur 24 kg).<\/p>\n<h3>Verbesserung der RTG<\/h3>\n<p>Die meisten Ziele von denen wir heute noch wenig wissen liegen heute im &auml;u&szlig;eren Sonnensystem. Die &auml;u&szlig;eren vier Planeten, etwa 20 gr&ouml;&szlig;ere Monde und mindestens ein Dutzend gr&ouml;&szlig;ere Planetoiden. Ohne nukleare Energieversorgung geht es in diesen Entfernungen nicht. Kernreaktoren scheiden aus: Sie m&uuml;ssen eine Mindestgr&ouml;&szlig;e f&uuml;r den Kern aufweisen, dazu kommt er K&uuml;hlmittelkreislauf und die Abschirmung. Zusammen sind sie bei Leistungen von wenigen Kilowatt so schwer, dass die Leistungsdaten miserabel werden. Erst im Bereich von hunderten kW oder MW erreichen sie Leistungsdaten von Solarzellen.<\/p>\n<p>RTG sind dagegen extrem teuer. F&uuml;r einen neuen GPHS RTG sind rund 90 Millionen Dollar f&auml;llig &#8211; f&uuml;r eine Energiequelle von 560 W Leistung. Der Grund ist die Herstellung. Die RTG entstehen aus Neptunium 237, das in Kernreaktoren aus frischen Kernbrennst&auml;ben entstehen. Nach kurzer Zeit entsteht dort Np-237. Wird der Kernbrennstab wie bei normalen Kernreaktoren l&auml;nger im Reaktor gelassen, wird das Neptunium wieder abgebaut. Daher wird der Kernbrennstab nach kurzer Zeit entnommen und das NP-237 abgetrennt. Es kommt dann nochmals in einen Brutreaktor wo es durch Neutroneneinfang zum Pu-238 wird.<\/p>\n<p>Es entsteht also viel radioaktiver M&uuml;ll aus kurzstrahlenden Isotopen und es ist ineffektiv. Warum war es fr&uuml;her kein Problem? Weil es noch einen zweites Isotop gibt, das auf demselben Weg gewonnen wird. Das Pu-239, das f&uuml;r Atombomben ben&ouml;tigt wird auf demselben Weg erzeugt. Daher waren die RTG zu Zeiten von Viking und Voyager als noch kr&auml;ftig aufger&uuml;stet wurde, erheblich preiswerter (vergleichen mit den Missionskosten) als heute. Richtig billig waren sie allerdings nie.<\/p>\n<p>Daran kann man nichts &auml;ndern &#8211; aber an der Energieausbeute. Bei der Benutzung des thermoelektrischen Effekts ist die Energieausbeute niedrig und liegt bei nur 7 %. Schon in der Entwicklung sind welche mit Nutzung von Stirling Motoren, die wesentlich weniger Plutonium ben&ouml;tigen. Noch mehr sollten typische thermodynamische Kreisl&auml;ufe wie der Rankine Kreislauf mit 30-40 % Effektivit&auml;t liefern. Hier ist Forschungsarbeit notwendig, da diese Elemente f&uuml;r viele Missionen ben&ouml;tigt werden. Eventuell kann man auch mehrere Kreisl&auml;ufe nacheinander schalten. Bei Kosten von 90 Millionen Dollar f&uuml;r einen GPHS-RTG kann man sich leicht errechnen, dass weniger Plutonium sie schnell deutlich billiger machen &#8211; selbst wenn dann die Tr&auml;gerrakete teurer wird, weil der Gesamt-RTG bei mehreren Kreisl&auml;ufen schwerer wird kann im Endeffekt noch ein Plus bleiben.<\/p>\n<h3>RTG kombiniert mit Ionenantrieben<\/h3>\n<p>RTG sollen f&uuml;r kleine Raumsonden ausreichen als Stromquelle f&uuml;r Ionenantriebe. Das ergaben zumindest einige NASA Studien &#8211; man sollte es mal ausprobieren. Kombiniert mit SLA sollte es zumindest bei Jupiter eine Chance, danach k&ouml;nnte man zu &auml;u&szlig;eren Planeten aufbrechen. Wenn&#8217;s nicht klappt &#8211; okay, aber wenn es klappt ist es wohl die einzige M&ouml;glichkeit die es heute gibt die &auml;u&szlig;eren Planeten mit Orbitern zu erreichen.<\/p>\n<h3>Senkung der Missionskosten<\/h3>\n<p>Trotz Fortschritten in der Computertechnik werden Raumsonden heute noch so gesteuert wie vor 30 Jahren &#8211; es werden ihnen Kommandos gesendet, heute zusammengefasst zu Me&szlig;programmen, die einige Stunden bis Tage abdecken. Bei Orbitern ist das noch tragbar, doch mehr und mehr verbringen Missionen Jahre in Phasen in denen sie erst das Ziel erreichen &#8211; lange Reisezeiten durch gro&szlig;e Distanzen oder Flybys.<\/p>\n<p>Zumindest in diesen Zeiten sollten Raumsonden heute &uuml;ber Monate autonom arbeiten &#8211; die Betonung liegt auf arbeiten und nicht wie heute schon m&ouml;glich schlafen. Sie sollten Messdaten des interplanetaren Mediums sammeln und dies auch intelligent: Wenn die Strahlungsaktivit&auml;t ansteigt und es so einen Anstieg von Teilchenschauern gibt, dann sollte die die Me&szlig;frequenz angepasst werden. Das sollte von allen Punkten am einfachsten m&ouml;glich sein &#8211; die dazu ben&ouml;tigten Computer sind auf jeden Fall verf&uuml;gbar.<\/p>\n<p>Soviel f&uuml;r heute &#8211; es kommt noch ein Teil 3 &#8211; mit Vorschl&auml;gen f&uuml;r konkrete Missionen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nachdem es in Teil 1 darum ging die Kosten zu minimieren, indem Serienbauweise und Adaption an neue Bed&uuml;rfnisse, anstatt Neukonstruktion die Missionen dominieren und auch ein Forschungsprogramm verl&auml;sslich sein muss &#8211; in dem Sinne, das es eine langfristige Planungssicherheit geben muss, geht es heute darum den Nutzen der Missionen zu maximieren und mehr durch stufenweise [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":169,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[435,648,629,349,577],"class_list":["post-2042","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-raumfahrt","tag-ionentreibwerke","tag-kommunikation","tag-planetenforschung","tag-rtg","tag-sla","entry"],"a3_pvc":{"activated":false,"total_views":728,"today_views":0},"jetpack_featured_media_url":"","jetpack-related-posts":[{"id":18385,"url":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2025\/09\/07\/spacex-splitter\/","url_meta":{"origin":2042,"position":0},"title":"SpaceX-Splitter","author":"Bernd Leitenberger","date":"7. 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