{"id":2381,"date":"2010-03-20T12:50:36","date_gmt":"2010-03-20T11:50:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=2381"},"modified":"2010-03-20T12:50:36","modified_gmt":"2010-03-20T11:50:36","slug":"chemischer-antrieb-und-ionentriebwerke-ein-vergleich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2010\/03\/20\/chemischer-antrieb-und-ionentriebwerke-ein-vergleich\/","title":{"rendered":"Chemischer Antrieb und Ionentriebwerke &#8211; Ein Vergleich"},"content":{"rendered":"<p>Der eine oder andere hat es vielleicht schon gemerkt: Ich bin ein Fan von Ionentriebwerken. Sie erlauben es den Treibstoffverbrauch radikal zu reduzieren wenn man erst einmal eine Erdumlaufbahn erreicht hat. Ich habe mir heute mal eine Beispielsrechnung ausgedacht wo ich beide Konzepte &#8211; chemischer und Ionenantrieb vergleichen will. Es soll nicht um eine konkrete Mission gehen, sondern ein grundlegendes Rechenbeispiel.<\/p>\n<p>Damit man beides Vergleichen kann, muss man die Bedingungen festklopfen. Die Mission soll eine hypothetische Raumsonde sein. Sie fliegt von der Erde zum Mars. Gelangt dort in eine Umlaufbahn, passt diese zuerst so an, dass sie Phobos erreicht, dann setzt sie dort einen Lander aus, der Bodenproben entnimmt und fliegt dann zu Deimos, wiederholt dort das Spiel und fliegt mit den Bodenproben zur&uuml;ck zur Erde. Eine Abbremsung in einen Orbit um die Erde ist nicht vorgesehen.<\/p>\n<p>Die Sonde mit dem chemischen Antrieb gibt die Bedingungen vor. Sie soll mit einer Sojus 2 gestartet werden (Startgewicht: 1.600 kg zum Mars). Die wichtigste Rahmenbedingung, die die Sonde mit chemischen Antrieb vorgeben kann, ist die Reisedauer: Bei chemischen Antrieben liegt sie aufgrund der Himmelsmechanik fest: Der R&uuml;ckstart muss 1 Marsjahr nach dem Start erfolgen. Zusammen mit der Reisedauer in einer Hohmannbahn kommt man so auf eine Gesamtreisedauer von 32-34 Monaten. Bei Ionentriebwerken kann man in Ma&szlig;en Gewicht durch l&auml;ngere Reisedauern erkaufen. Daher soll am Mars jeweils bei Deimos und Phobos eine minimale Aufenthaltsdauer von 3 Monaten m&ouml;glich sein.<\/p>\n<p>Zur Vereinfachung der Rechnung sollen die Man&ouml;ver bei Phobos und Deimos nicht einbezogen werden, auch soll die zus&auml;tzlich mitgef&uuml;hrte Nutzlast (Bodenproben) und der Verbrauch an Treibstoff zur Landung genau entsprechen.? Aerobraking, sofern m&ouml;glich wird genutzt (in meiner Rechnung habe ich das aber nur bei dem chemischen Antrieb gemacht, da Ionentriebwerke nicht so lange brauchen wie das Aerobraking dauern w&uuml;rde.<!--more--><\/p>\n<h3>Chemischer Antrieb<\/h3>\n<p>Beim Mars muss um 800 m\/s abgebremst werden um eine elliptische &Uuml;bergangsbahn zu erreichen. Diese wird dann durch Aerobraking abgebremst bis ein 200 x 6000 km Orbit erreicht ist (Umlaufbahn von Phobos). dann wird chemisch der marsfernste Punkt angehoben. Es folgt eine Beobachtung von Phobos und danach eine Wechsel auf einen 20.000 km hohen Orbit von Deimos (im Zweiimpulstransfer). Von dort aus kehrt die Sonde dann zur&uuml;ck zur Erde. Das f&uuml;hrt zu folgender Geschwindigkeitsbilanz in Hohmann Bahnen (mittlere Marsentfernung von 227 Millionen km angenommen)<\/p>\n<table>\n<tbody>\n<tr>\n<th>Bahn<\/th>\n<th>Geschwindigkeits&auml;nderung<\/th>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>interplanetar -&gt; Mars<\/td>\n<td class=\"style1\">800 m\/s<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Aerobraking 200 x 79.000 km ? 200 x 6.000 km<\/td>\n<td class=\"style1\">&#8211;<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>200 x 6.000 km ? 6.300 km kreisf&ouml;rmig<\/td>\n<td class=\"style1\">556 m\/s<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>6.300 km kreisf&ouml;rmig ? 6.300 km x 20.000 km<\/td>\n<td class=\"style1\">395 m\/s<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>6.300 km x 20.000 km ? 20.000 km kreisf&ouml;rmig<\/td>\n<td class=\"style1\">318 m\/s<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>20.000 km kreisf&ouml;rmig ? Fluchtkurs zur Erde<\/td>\n<td class=\"style1\">1915 m\/s<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Summe:<\/td>\n<td class=\"style1\">3.984 m\/s<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>Wenn beim chemischen Antrieb von einem Voll\/Leermasseverh&auml;ltnis von 7 und einem spezifischen Impuls von 3.180 m\/s (typische Werte f&uuml;r Satellitenantriebe) ausgegangen wird, dann kommen noch 457 kg bei der Erde an, von denen 190 kg auf den Antrieb entfallen. Also nur noch 267 kg f&uuml;r die Nutzlast entfallen. Selbst bei einer zweistufigen L&ouml;sung (die zweite Stufe f&uuml;hrt die R&uuml;ckkehr vom Mars aus durch) w&auml;ren es nur 334 kg.<\/p>\n<h3>Ionenantrieb<\/h3>\n<p>Auch hier einige Nebenbedingungen. Ich habe als Energieversorgung Solarkonzentratorarrays mit einer Leistungsdichte von 180 W\/kg gew&auml;hlt. Von diesen existieren Prototypen. Das gew&auml;hlte Triebwerk ist das RIT-XT. Zu den Triebwerken sollen noch 200 kg f&uuml;r Strukturen, Spannungswandler etc. kommen. Das Voll\/Leermasseverh&auml;ltnis der Hochdrucktanks f&uuml;r das Xenon soll 7 zu 1 betragen. Die aufzubringende Geschwindigkeit ist deutlich h&ouml;her als beim chemischen Antrieb. Beim herauf spiralen aus der Erdumlaufbahn (Ausgangsh&ouml;he: 500 km) habe ich als Ansatzpunkt &#8222;Hohmann + 20 %&#8220; genommen. Bei den Umlaufbahnen zum Mars, beim Mars und zur&uuml;ck jeweils die Geschwindigkeitsdifferenzen der Bahnen.<\/p>\n<table>\n<tbody>\n<tr>\n<th>Bahn<\/th>\n<th>Geschwindigkeits&auml;nderung<\/th>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Erde 500 km ? Sonnenumlaufbahn<\/td>\n<td class=\"style1\">3.784 m\/s<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"height: 21px;\">Sonnenumlaufbahn ? Marstransferbahn<\/td>\n<td class=\"style1\" style=\"height: 21px;\">2.918 m\/s<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"height: 21px;\">Marstransferbahn ? Mars 200 x 79.000 km<\/td>\n<td class=\"style1\" style=\"height: 21px;\">2.730 m\/s<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>200 x 79.000 km ? 6.300 km kreisf&ouml;rmig<\/td>\n<td class=\"style1\">1.398 m\/s<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>6.300 km kreisf&ouml;rmig ? 20.000 km kreisf&ouml;rmig<\/td>\n<td class=\"style1\">759 m\/s<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>20.000 km kreisf&ouml;rmig ? Fluchtkurs zur Erde<\/td>\n<td class=\"style1\">2.627 m\/s<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Summe:<\/td>\n<td class=\"style1\">14.266 m\/s<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>Das sieht auf den ersten Blick wesentlich schlechter aus. Selbst wenn als Trost uns eine Sojus 2 nun 8.000 kg in eine 500 km hohe &auml;quatoriale Kreisbahn absetzt. Abz&uuml;glich der beiden Hohmannbahnen (mit jeweils 8 Monaten Flugzeit) und 6 Monaten an den Monden bleiben so insgesamt 12 Monaten f&uuml;r Flugman&ouml;ver mit dem Ionentriebwerk. Ich habe ein bisschen mit den Zahlen gespielt und hier die Ausgabe meines Programms f&uuml;r die Berechnung:<\/p>\n<p>Ionentriebwerk:<br \/>\nSpezifischer Impuls: 44130 m\/s<br \/>\nStromverbrauch 5000 W<br \/>\nSchub 0,15 N<br \/>\nWirkungsgrad 66 Prozent<br \/>\nGewicht eines Triebwerks 7 kg<br \/>\nTreibstoffverbrauch 3,4 mg<br \/>\nGewichtsbilanz:<br \/>\nStrukturgewicht: 200 kg<br \/>\nTreibstoff: 2163 kg<br \/>\nTankgewicht: 361 kg<br \/>\nTriebwerkszahl 33<br \/>\nTriebwerksgewicht: 231 kg<br \/>\nNutzlast: 4000 kg<br \/>\nStartgewicht: 7855 kg<br \/>\nSolargenerator:<br \/>\nLeistung: 180 W\/kg<br \/>\nGewicht: 900 kg<br \/>\nMittlere Distanz zur Sonne: 227,0 Mill km<br \/>\nLeistung bei der Distanz 78 W\/kg<br \/>\nBahndaten:<br \/>\nGeschwindigkeit um die Erde zu verlassen: 6702 m\/s<br \/>\nGeschwindigkeit um zum Planeten zu gelangen: 7516 m\/s<br \/>\nGesamte Geschwindigkeit: 14218 m\/s<br \/>\nGesamte Reisedauer: 355 Tage<br \/>\nDavon in der Erdumlaufbahn (12 h\/d) 228 Tage<br \/>\nDavon in der Sonnenumlaufbahn (24 h\/d) 127 Tage<\/p>\n<p>Die wichtigste Angabe ist die Nutzlast: 4.000 kg. So viel kommt noch bei der Erde an! Selbst wenn man das Solar Array von Dawn nimmt (80 W\/m?) sind es noch 3.200 kg. Das bedeutet dass man eine Leistungssteigerung um den Faktor 10-15 gegen&uuml;ber dem chemischen Antrieb hat, oder man auf eine kleinere Tr&auml;gerrakete bei gleicher Nutzlast ausweichen k&ouml;nnte: F&uuml;r SpaceX Fans: Eine Falcon 1e m&uuml;sste vollkommen ausreichen.<\/p>\n<p>Ich gebe zu, das ist eine Idealkonfiguration, da sie praktisch nur mittels Ionenantrieb zur&uuml;ckgelegt werden kann. Bei einer Mars Sampling and Return Mission geht das schon nicht mehr. Vom Mars kommt man nur mit chemischen Antrieb weg und wegen der abnehmenden Effizienz im &auml;u&szlig;eren Sonnensystem wird man auch bei den &auml;u&szlig;eren Planeten zum Einschwenken in den Orbit nicht auf den chemischen Antrieb verzichten k&ouml;nnen. Es zeigt aber das Potential &#8211; wenn dies nicht schon Dawn derzeit macht. Leider wurde die Sonde noch konventionell auf eine Fluchtbahn gebracht: Genauso gut h&auml;tte sie sich auch von einem 500-700 km hohen Orbit hinauf spiralen k&ouml;nnen. Doch da die Amis keine preiswerte Alternative im Nutzlastbereich unter der Delta hatten, stand dies wohl nie zur Disposition. Meine Meinung nach sollte es von einer Erdumlaufbahn ausgehen. Schon beim Erreichen der Fluchtbahn geht die Nutzlast bei fast allen Tr&auml;gern auf Werte von einem Drittel bis einem Virtel derer f&uuml;r eine erdnahe Umlaufbahn zur&uuml;ck. Das es machbar ist bewies Smart-1 &#8211; Nachahmung wird empfohlen!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der eine oder andere hat es vielleicht schon gemerkt: Ich bin ein Fan von Ionentriebwerken. Sie erlauben es den Treibstoffverbrauch radikal zu reduzieren wenn man erst einmal eine Erdumlaufbahn erreicht hat. 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