{"id":314,"date":"2008-09-10T08:43:00","date_gmt":"2008-09-10T06:43:00","guid":{"rendered":"http:\/\/bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=314"},"modified":"2008-09-10T09:00:41","modified_gmt":"2008-09-10T07:00:41","slug":"weltraummull","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2008\/09\/10\/weltraummull\/","title":{"rendered":"Weltraumm&uuml;ll"},"content":{"rendered":"\n<p> <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"Geschwindigkeit\" src=\"\/img\/muell.gif\" width=\"546\" height=\"387\" class=\"links\"\/>Heute will ich mal die Frage von Chris im <a href= \"http:\/\/bernd-leitenberger.de\/blog\/eine-frage\/#comment-3756\">Blog<\/a> aufgreifen: <\/p>\n<p> <em>&#8222;Hallo Bernd, <\/p>\n<p> durch die momentane Berichterstattung zur HST Servicemission stellte sich mir die Frage, warum der &#8220;Weltraumschrott&#8221; eine solch hohe Differenzgeschwindigkeit zu anderen Objekten im gleichen Orbit hat. <br \/> (lt. Wikipedia immerhin 10km\/s) <br \/> Sollten sich denn nicht alle Objekte auf einem Orbit mit der gleichen Geschwindigkeit bewegen? <br \/> Wo ist mein Denkfehler?&#8220;<\/em> <\/p>\n<p> Also <\/p>\n<p><!--more--> <\/p>\n<p> Es geht immer um Relativgeschwindigkeiten: Die Absolutgeschwindigkeit zur Erde ist belanglos, was mich auch immer &auml;rgert bei Kommentaren zu EVA (Extravehicular Activity) &#8222;Der Astronaut bewegt sich mit 28000 km\/h um die Erde&#8220; &#8211; Ja aber relativ zur Raumstation bewegt er sich vielleicht mit einigen Zentimetern pro Sekunde. <\/p>\n<p> Wie schon in einer Vorabantwort bemerkt: Die hohen Geschwindigkeiten kommen durch die unterschiedlichen Bahnneigungen von Satelliten. Oder zum Berechnen: <\/p>\n<p> v = v <sub>abs<\/sub> * 2 * sin(Winkel\/2) <\/p>\n<p> f&uuml;r zwei Objekte auf Kreisbahnen mit derselben Geschwindigkeit v<sub>abs<\/sub>. Bei einem Winkel von 0 Grad ist die Geschwindigkeit nat&uuml;rlich 0. Wie die Grafik links verr&auml;t, nimmt die relative Geschwindigkeit immer weiter zu, bis sie bei 180 Grad ein Maximum (doppelte Bahngeschwindigkeit) erreicht um dann wieder abzunehmen. 360 Grad entsprechen einer vollen Drehung also dem Winkel 0 Grad. Das &#8222;Worst Case&#8220; Szenario von 180 Grad winkeln kann durchaus vorkommen, wenn z.B. ein von Vandenberg gestarteter Satellit in den sonnensynchronen Orbit auf einen von Plessezk aus gestarteten trifft: Bei nahezu gleicher Bahnneigung finden Starts von Vandenberg aus in Nord-S&uuml;drichtung statt und von Plessezk aus von S&uuml;den nach Norden. <\/p>\n<p> Elliptische Umlaufbahnen k&ouml;nnen noch etwas mehr bringen, da die Geschwindigkeit noch h&ouml;her ist. Allerdings gibt es wenige Satelliten in elliptischen Umlaufbahnen. Sie ist meist nur ein &Uuml;bergangsorbit zwischen zwei Kreisbahnen. <\/p>\n<p> Verursacher des Weltraumm&uuml;lls sind viele Nationen. Bei einigen Raketen und L&auml;ndern ist man bestrebt den M&uuml;ll zu vermeiden, so achtet Europa z.b. darauf, dass die EPC der Ariane 5 keinen Orbit erreicht (das ATV h&auml;tte man auch nur mit der EPC starten k&ouml;nnen) und man bei den Oberstufen darauf achtet, dass diese so schnell wie m&ouml;glich vergl&uuml;hen. entweder indem man sie deorbitiert (wie beim ATV Start geschehen) oder indem man den Resttreibstoff gegen die Flugrichtung abl&auml;sst, um das Perig&auml;um abzusenken. <\/p>\n<p> Die Oberstufen der meisten Tr&auml;ger Russlands und aller chinesischen Tr&auml;ger kennen solche Passivierungsmethoden nicht, dann kann nach Monaten oder Jahren eine Tankwand rei&szlig;en und die Oberstufe in Tausende von Teilen zersprengt werden wenn der Resttreibstoff explodiert. <\/p>\n<p> Aber auch die USA sind nicht ganz unschuldig: Die Feststoffantriebe der Delta 2 PAM-D hinterlassen entlang ihrer Flugbahn eine Spur von Aluminiumoxidpartikeln von Sandkorngr&ouml;&szlig;e bis Zentimetergr&ouml;&szlig;e die zumindest optische Oberfl&auml;chen stark besch&auml;digen k&ouml;nnen und durch die Zerst&ouml;rung eines Spionagesatelliten ist auch viel neuer M&uuml;ll entstanden. <\/p>\n<p> F&uuml;r den Schaden findet man oft richtig sinnige Angaben wie &#8222;Das entspricht dem Aufprall eines VW K&auml;fer mit x km&#8220;. Das ist nat&uuml;rlich v&ouml;lliger Bl&ouml;dsinn, weil der Schaden neben den (unterschiedlichen) Materialeigenschaften und Form von der Gr&ouml;&szlig;e des Partikels abh&auml;ngt. Ich will daher einmal einen Vergleich mit einem Geschoss machen. Nach der Wikipedia hat ein Geschoss des Kaliber 7.92 mm x 57 mm &#8211; Die Patrone des recht weit verbreiteten Karabiners 98K &#8211; eine Energie von 3600-4100 J <\/p>\n<p> Die h&auml;ufigsten Partikel, die bei Hubbles Orbit von 28.45 Grad Bahnneigung auftreffen d&uuml;rften stammen wahrscheinlich von sonnensynchronen Satelliten mit einer Inklination von etwa 98 Grad. Bei einem Differenzwinkel von 70 Grad und 7600 m\/s typischer Kreisbahngeschwindigkeit hat ein Partikel dann eine relative Geschwindigkeit von 8.7 km\/s. Nach <\/p>\n<p> E=? mv? <\/p>\n<p> entsprechen 4100 J bei 8700 m\/s Aufprallgeschwindigkeit einem Gewicht von nur 0.11 g (Die Gewehrpatrone wiegt 8.1 bis 14.26 g und wird bei 750-795 m\/s verschossen) <\/p>\n<p> 0.11 g, das ist ein massives Aluminiumteilchen von 0.34 cm Gr&ouml;&szlig;e (Quader). <\/p>\n<p> In Wirklichkeit ist es Gott sei dank nicht so schlimm, und zwar deswegen weil in der Raumfahrt Leichtbauweise vorherrscht. Tr&uuml;mmer der Strukturen von Satelliten sind nicht massive Teile. Selbst tragende Strukturen bestehen aus hohlen Strukturen in Sandwich oder Honigwabenbauweise. Gegen diese kann man sich bedingt sch&uuml;tzen. Das ATV hat z.B. einen klassischen Mikrometeoritenschutzschild, der auch gegen Weltraumm&uuml;ll sch&uuml;tzt: Hinter einer Aluminiumplatte ist ein Zwischenraum und dann folgt ein Auffanggwebe aus Nextel und Kevlar. Ein nicht massives Teilchen wird bei dem Passieren der Platte zusammengedr&uuml;ckt und zerplatzt dann, wenn der Druck beim Passieren nachl&auml;sst. Die viel kleineren St&uuml;cke k&ouml;nnen dann von der Kevlar\/Nextel Schicht aufgefangen werden: Kevlar wird auch f&uuml;r kugelsichere Westen eingesetzt und Nextel ist ein extrem dichtes Gewebe, &auml;hnlich Wildleder, das auch kleinste Teilchen auff&auml;ngt (mehr dar&uuml;ber in dem bald erscheinenden Buch &uuml;ber das ATV). <\/p>\n<p> Nun zur Anschlussfrage von &#8222;der K.&#8220;: <\/p>\n<p> <em>&#8222;Was mich beim diesbez&uuml;glichen SPIEGEL ONLINE Artikel heute wunderte, ist, dass die NASA angeblich mit einer Wahrscheinlichkeit eines Totalverlusts der Atlantis von 1:60 rechnet, jedoch nur mit einer Trefferwahrscheinlichkeit durch einen Mikrometeoriten von 1:185. Vermutet h&auml;tte ich hingegen, dass die Trefferwahrscheinlichkeit wesentlich h&ouml;her liegt als die eines Totalverlusts. <\/p>\n<p> Abgesehen davon wundern mich diese Werte. Ist es nicht erstaunlich, dass die NASA eine viele Millionen Dollar teure Raumf&auml;hre und 7 hochqualifizierte US-Amerikaner ins All schickt, wenn die Wahrscheinlichkeit eines Totalverlusts bei 1:60 liegt?&#8220;<\/em> <\/p>\n<p> Es empfiehlt sich IMMER Originalquellen zu konsultieren und nicht Spiegel oder andere Sekund&auml;rquellen. Also erst mal zur <a href= \"http:\/\/seattletimes.nwsource.com\/html\/businesstechnology\/2008158489_apspaceshuttle.html?syndication=\">Originalquelle<\/a>: Da findet man mehrere Interessante Dinge: Die Trefferwahrscheinlichkeit ist mit <sup>1<\/sup><sub>\/185<\/sub> h&ouml;her als bei ISS Missionen (<sup>1<\/sup>\/<sub>\/300<\/sub>). Das ist einfach zu erkl&auml;ren: Schrott wird noch besser abgebremst als Satelliten, da das Oberfl&auml;chen zu Volumen Verh&auml;ltnis gr&ouml;&szlig;er ist. Es gibt daher mehr Schrott in h&ouml;heren Umlaufbahnen als in tieferen, weil er dort schneller vergl&uuml;ht. Das Maximum wird zwischen 800-1200 km erreicht, weil kaum Satelliten kreisf&ouml;rmige h&ouml;here Umlaufbahnen haben (vom Schrott in geostation&auml;rer Umlaufbahn wei&szlig; man relativ wenig, weil es schwierig ist mit Radar in diesen Entfernungen kleinste Teilchen zu orten). <\/p>\n<p> Das Risiko ist so gering weil das Shuttle nur ein paar Tage im Orbit ist. Die ISS selbst ist schon einige Male getroffen worden. Ein Treffen hei&szlig;t aber keinen Totalverlust des Shuttles. Getroffen werden kann das Shuttle eigentlich nur von kleinen Teilchen, die Bahnen der gro&szlig;en sind alle bekannt und ein kleines Teilchen kann das Shuttle nur stark besch&auml;digen wenn es bestimmte Systeme trifft. Eine durchl&ouml;cherte Tragfl&auml;che oder ein Loch im Nutzlastraum macht wenig aus, aber ein Treffen der Kabine oder der Treibstoftanks schon.\/p&gt; <\/p>\n<p> ZZum Verlustrisiko ist es vielleicht besser die originale Aussage zu lesen: <\/p>\n<p> <em>&#8222;Overall, NASA uts the odds of a catastrophic loss of a space shuttle during a mission at about 1-in-80. Shannon noted that history has shown the odds to be about 1-in-60.&#8220;<\/em> <\/p>\n<p> KKurzum: Shannon teilt nur die Anzahl der geflogenen Missionen durch die beiden verlorenen Shuttles. Die Zahl der NASA ist eine Berechnung. Statistik ist geduldig, wie auch NASA Administrator Griffin in einem Interview sagte: <\/p>\n<p> <em>&#8222;Q: You decided early on to have a second shuttle ready to take off on a rescue mission if something happened to the Hubble crew&#8217;s orbiter. In hindsight, now that you have tested heat shield inspection and repair techniques in hand, was that overkill? Do you really need that capability? <br \/> Griffin: Statistically speaking, even then, we knew and I knew that it is not necessary. In fact, the odds that we have are higher than 1-in-400. So 1-in-400 and some that we would have a problem on the Hubble shuttle that another shuttle could save you from, whereas the overall odds on the loss of crew on the shuttle are something like 1-in-75 to 1-in-80 is our best estimate currently. If you were to launch 400 and some Hubble missions, once in every six failures would be a failure that the rescue shuttle could save you from. You with me on that? OK, so that&#8217;s what the statistics mean.&#8220;<\/em> <\/p>\n<p> Oder verglichen mit &auml;lteren Zahlen, zum Biespiel <a href= \"http:\/\/query.nytimes.com\/gst\/fullpage.html?res=9D04E3DF143CF932A25751C0A96E958260&amp;sec=&amp;spon=&amp;pagewanted=2\"> diesen<\/a>: <em>&#8222;In 1995, a detailed NASA study by Science Applications International Corporation put the chance of a catastrophe during the ascent at 1 in 248. The risk for the whole flight was judged to be 1 in 145.&#8220;<\/em> ist das Space Shuttle durch die Sicherheitsma&szlig;nahmen nach Columbia offensichtlich wesentlich unsicherer geworden. <\/p>\n<p>Passend zum Thema mal wieder ein Musiktipp:<\/p>\n<p><object width=\"425\" height=\"344\"><param name=\"movie\" value=\"http:\/\/www.youtube.com\/v\/KoidJVAMAVE&#038;hl=en&#038;fs=1&#038;fmt=18\"><\/param><param name=\"allowFullScreen\" value=\"true\"><\/param><\/object>      <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute will ich mal die Frage von Chris im Blog aufgreifen: &#8222;Hallo Bernd, durch die momentane Berichterstattung zur HST Servicemission stellte sich mir die Frage, warum der &#8220;Weltraumschrott&#8221; eine solch hohe Differenzgeschwindigkeit zu anderen Objekten im gleichen Orbit hat. (lt. 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