{"id":3518,"date":"2010-09-28T06:56:28","date_gmt":"2010-09-28T04:56:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=3518"},"modified":"2010-09-27T15:59:52","modified_gmt":"2010-09-27T13:59:52","slug":"der-vierstufenplan-fuer-ionentriebwerke","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2010\/09\/28\/der-vierstufenplan-fuer-ionentriebwerke\/","title":{"rendered":"Der Vierstufenplan f&uuml;r Ionentriebwerke"},"content":{"rendered":"<p>Wie wahrscheinlich die meisten Blogleser wissen, bin ich Fan von Ionentriebwerken &#8211; oder besser gesagt ich bin ein Fan von Effizienz. Maximale Nutzlast um die Kosten zu reduzieren. Ab dem Erdorbit ben&ouml;tigt man keinen chemischen Antrieb mehr und Ionentriebwerke k&ouml;nnen im erdnahen Sonnensystem die Nutzlast gravierend erh&ouml;hen. Man k&ouml;nnte sie auch f&uuml;r Fluchttrajektorien einsetzen. Nach dem derzeitigen Stand aber fehlt noch eine leistungsf&auml;hige Stromversorgung um bei den &auml;u&szlig;eren Planeten in einen Orbit einzuschwenken.<\/p>\n<p>Was wurde seit den ersten Tests in den sechziger Jahren erreicht? Ionentriebwerke sind dem Labor entwachsen. Sie werden schon in Kommunikationssatelliten als Unterst&uuml;tzung der Lageregelung eingesetzt, mindestens drei Raumsonden nutzten sie als prim&auml;ren Antrieb. Fast alle gr&ouml;&szlig;eren Raumfahrtfirmen haben mindestens einen Antrieb im Angebot und diese sind auch erprobt mit mehreren Tausend Stunden Testbetrieb.<!--more--><\/p>\n<p>Doch wohin k&ouml;nnte man kommen? Ionentriebwerke k&ouml;nnten chemische Antriebe nach und nach erg&auml;nzen und sp&auml;ter ersetzen und die Nutzlast erh&ouml;hen. Sp&auml;ter w&auml;re mit Ihnen auch eine Mars- oder Mondexpedition mit einer deutlich kleineren und preiswerteren Tr&auml;gerrakete m&ouml;glich. Bei vertretbaren Reisezeiten kann ein Ionenantrieb zirka die H&auml;lfte der Nutzlast des LEO Orbits in den GEO Orbit transportieren &#8211; verglichen mit weniger als einem Drittel bei einem chemischen Antrieb. Noch gr&ouml;&szlig;er wird der Vorteil bei interplanetaren Bahnen, weil hier immer mehr Energie ben&ouml;tigt wird und so die Nutzlast beim chemischen Antrieb deutlich absinkt.<\/p>\n<p>Doch es ist noch viel zu tun. Mal einige Einschr&auml;nkungen oder Dinge die getestet werden m&uuml;ssen:<\/p>\n<ul>\n<li>Sowohl bei Fluchtkurs wie auch beim Transfer in den GEO Orbit muss der Van Allen G&uuml;rtel durchflogen werden, zudem &auml;ndert sich vor allem in einer niedrigen Erdumlaufbahn dauernd Sonneneinstrahlung und Schubrichtung. Es muss erprobt werden wie dies steuerungstechnisch gel&ouml;st werden kann und wie die Strahlung sich auf die Elektronik auswirkt.<\/li>\n<li>Bisher wurden maximal f&uuml;nf Triebwerke mit einer Leistung bei Dawn eingesetzt. Will man den chemischen Antrieb ersetzen und auch gr&ouml;&szlig;ere Satelliten schnell transportieren so ben&ouml;tigt man deutlich gr&ouml;&szlig;ere Triebwerke oder viel mehr davon. Dasselbe gilt bei der elektrischen Leistung. Dawn hatte 10,5 kW Leistung. F&uuml;r Satellitentransporte (im ereich der Masse heutiger Kommunikationssatelliten) braucht man 5-10 mal mehr, f&uuml;r bemannte Missionen etwa hundertmal mehr.<\/li>\n<li>Das macht einige Spr&uuml;nge notwendig. Die Triebwerke m&uuml;ssen gr&ouml;&szlig;er und &#8211; das ist mindestens genauso wichtig: sie m&uuml;ssen effizient sein. Ionenantriebe haben einen Wirkungsgrad von 60-70%. Das bedeutet, dass z.B. bei bemannten Missionen mit 1 MW Leistung etwa 300-400 kW thermische Abw&auml;rme entstehen. Jedes Prozent h&ouml;herer Wirkungsgrad z&auml;hlt also.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Das gleiche gilt f&uuml;r die Solarzellen. Inzwischen haben sie Kernreaktoren als effizienteste Energiequelle abgel&ouml;st: Die NASA hoffte im Projekt Prometheus bis auf 15 W\/kg zu gelangen. Solarzellen offerieren heute 80 W\/kg, Technologiedemonstrationen (Ultra-Flex 175 bei der Sonde ST-8) sollen 175 W\/kg erreichen. Damit k&ouml;nnen vor allem die Reisezeiten reduziert werden oder alternativ die Nutzlast gesteigert. (Man darf nicht vergessen, dass selbst bei 175 W\/kg die Solarzellen f&uuml;r die Energieversorgung eines Triebwerk noch viermal mehr wiegen als das Triebwerk selbst). Auch hier: Nicht nur die Effizienz z&auml;hlt sondern auch das Handling &#8211; kann man Solarzellen mit Hunderten von kW Leistung gut im Raum entfalten? Wie arbeitet man mit dem Effekt des solaren Strahlungsdrucks, der dann einen Schub aus&uuml;bt.<\/p>\n<p>Kurz: Es gibt viel zu tun. Packen wir&#8217;s an. Hier mal einen Vorschlag wie man es angehen k&ouml;nnte. Dabei sollte die &#8222;Nutzlast&#8220;, sowohl die bef&ouml;rderte Endnutzlast (Raumsonde, Satellit) wie auch der Antrieb und seine Stromversorgung schrittweise gr&ouml;&szlig;er werden. Als Beispiel nehme ich mal als Tr&auml;gerraketen die Reihe Vega &#8211; Sojus &#8211; Ariane 5.<\/p>\n<ul>\n<li>Stufe 1: Start einer Sonde mit der Vega aus dem Erdorbit heraus. Diese Mission soll eine 800-1000 kg schwere Sonde zu einem planetaren Ziel, z.B. Mond, Mars, Venus, Asteroiden bringen. Die Nutzlast und die Anforderungen an Antrieb und Energieversorgung sind mit Dawn vergleichbar. Nur starten wir eben aus dem Erdorbit heraus &#8211; wir ersetzen hier den chemischen Antrieb und k&ouml;nnen so eine kleinere Rakete verwenden (2.200 anstatt 6.000 kg LEO Nutzlast). Dies dient zum Erproben des Navigierens im Erdnahen Raum. Wenn man erst mal alles auf Fluchtgeschwindigkeit bef&ouml;rdert reduziert man schon die Nutzlast auf ein Drittel!<\/li>\n<li>Stufe 2: Start einer Sonde mit der Sojus aus dem Erdorbit heraus &#8211; Diese Mission w&uuml;rde 3000 &#8211; 4000 kg zum Ziel (nicht Fluchtgeschwindigkeit, sondern Umlaufbahn um den Himmelsk&ouml;rper) bringen. Das ist in etwa so viel wie die leistungsf&auml;higsten chemischen Antriebe heute leisten und k&ouml;nnte diese ersetzen (Mars Labor, Juno). Der Sprung der Nutzlast um den Faktor 4 sollte auch in Weiterentwicklungen der Solarzellen und Triebwerke korrespondieren.<\/li>\n<li>Stufe 3: Start mit einer Ariane 5 vom Erdorbit aus. Diese Mission w&auml;re mit 8.000 &#8211; 10.000 kg reine Nutzlast (bei derzeitigen Technologien) in eine Marsumlaufbahn oder Mondumlaufbahn bringen. Das entspricht einer Tr&auml;gerrakete die etwa 40-50 t in einen LEO Orbit bringen kann, also deutlich &uuml;ber dem was heute f&uuml;r unbemannte Missionen ben&ouml;tigt wird. Denkbar w&auml;re es z.B. damit Bodenproben vom Mars zu gewinnen und zur Erde zur&uuml;ckzubringen, wobei damit auch die Marsexpedition unbemannt vorerprobt werden k&ouml;nnte,<\/li>\n<li>Stufe 4: Wird erst angegangen werden, wenn es wirklich ein Marsprogramm gibt. Nochmals muss die Nutzlast um den Faktor vier gesteigert werden. Doch mit den Erfahrungen aus Stufe 3 ist dieser Sprung angehbar, dass es nun keiner um den Faktor 100 mehr ist.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Wahrscheinlich wird es zuerst nicht billiger werden. Die Entwicklungskosten, die zus&auml;tzlichen Kosten f&uuml;r Solarzellen, Triebwerke d&uuml;rften die Kostenersparnis bei der Tr&auml;gerrakete auffressen, vielleicht sogar teurer werden. Doch wenn &uuml;bergegangen wird zu standardisierten Modulen, mit w&auml;hlbarer Anzahl an Triebwerken, variabler F&uuml;llung der Treibstofftanks und Leistung des Solargenerators, k&ouml;nnen wie bei anderen Projekten, die Kosten gesenkt werden durch Serienfertigung und Wegfall der Entwicklungskosten. Bedingt durch die hohe Treibstoffeffizienz w&auml;re im Erdorbit auch eine mehrfache Verwendung einer Transferstufe denkbar. Bei Kommunikationssatelliten die heute schon 50-60% nur aus Treibstoff bestehen, k&ouml;nnte die verl&auml;ngerte Nutzungsdauer und die viel h&ouml;here Nettonutzlast ebenfalls die Kostenrechnung deutlich g&uuml;nstiger machen.<\/p>\n<p>Wahrscheinlich muss eben erst mal einer es vormachen. Vielleicht sollte die ESA es in Angriff nehmen. Wie w&auml;re es Bepi-colombo nicht erst im Sonnenorbit mit einem Ionenantrieb zu beschleunigen, sondern schon im Erdorbit und daf&uuml;r wieder auf die Sojus zur&uuml;ckzugreifen. Die ESA finanziert ja auch sonst technologische Weiterentwicklungen um die europ&auml;ische Satellitenindustrie zu st&auml;rken wie OTS, Olympus, Artemis und nun Alphasat\/Alphabus. Warum ist letzterer noch immer auf den chemischen Antrieb ausgelegt? Es ist Zeit f&uuml;r neue Ideen. Wiederholungen (Stichwort Constellation) gibt es schon genug!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie wahrscheinlich die meisten Blogleser wissen, bin ich Fan von Ionentriebwerken &#8211; oder besser gesagt ich bin ein Fan von Effizienz. Maximale Nutzlast um die Kosten zu reduzieren. Ab dem Erdorbit ben&ouml;tigt man keinen chemischen Antrieb mehr und Ionentriebwerke k&ouml;nnen im erdnahen Sonnensystem die Nutzlast gravierend erh&ouml;hen. Man k&ouml;nnte sie auch f&uuml;r Fluchttrajektorien einsetzen. 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