{"id":402,"date":"2008-10-17T10:33:38","date_gmt":"2008-10-17T08:33:38","guid":{"rendered":"http:\/\/bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=402"},"modified":"2008-10-17T10:34:11","modified_gmt":"2008-10-17T08:34:11","slug":"die-crux-mit-der-wiederverwendung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2008\/10\/17\/die-crux-mit-der-wiederverwendung\/","title":{"rendered":"Die Crux mit der Wiederverwendung"},"content":{"rendered":"\n<p>Warum gibt es heute noch keine wiederverwendbare Rakete? Sind die Startkosten doch immer noch hoch und Wiederverwendung k&ouml;nnte sie doch entscheidend senken. Die einzigen die es versuchen sind (neben dem Space Shuttle) sind zwei Startups. <a href=\"\/kistler.shtml\">Kistler<\/a>, nun Kistler-Rocketplane wollte beide Stufen bergen und ist bankrott gegangen vor dem ersten Start und bei SpaceX hat es in 4 Versuchen noch nicht geklappt, obwohl dort nur die erste Stufe geborgen werden sollte.<\/p>\n<p>Ich will mal erkl&auml;ren, warum es so problematisch ist. Nehmen wir mal eine normale Rakete und zwar, damit es etwas einfacher ist, eine zweistufige. Um einen Orbit zu erreichen, muss man etwa eine Geschwindigkeit von 9500 m\/s erreichen. Das ist mehr als die 7800 m\/s im Orbit und umfasst auch Hubarbeit, Luftwiederstand, Steuerungsaufwand etc. Die Geschwindigkeit einer Stufe ist berechenbar nach der Raketengrundgleichung:<\/p>\n<p>v = v<sub>gas<\/sub> * ln (Startgewicht\/Gewicht ohne Treibstoff)<\/p>\n<p>vgas ist die Ausst&ouml;mungsgeschwindigkeit des Gasas an der D&uuml;senm&uuml;ndung. Diese ist abh&auml;ngig von der Treibstoffkombination und der Triebwerkskonstruktion. <\/p>\n<p>Das Startgewicht ist das Gewicht, dass die Rakete bei der Z&uuml;ndung hat und das Gewicht ohne Treibstoff bei Brennschluss. Das ist bei der ersten Stufe z.B. das Leergewicht der ersten Stufe + das Gewicht der zweiten Stufe + die Nutzlast.<\/p>\n<p>ln ist der nat&uuml;rliche Logarithmus zur Basis e = 2,71828182845905 (ln(2,71828182845905)=1)<\/p>\n<p> <!--more--><\/p>\n<p>Wenn ich aus Kostengr&uuml;nden zwei Treibstoffkombinationen w&auml;hlen muss, z.B. Kerosin\/Sauerstoff und Wasserstoff\/Sauerstoff, dann sollte ich aufgrund dieser Gleichung die Oberstufe mit der energiereicheren Kombination best&uuml;cken. <\/p>\n<h3>&nbsp;Warum?<\/h3>\n<p>Nun: Bei gleichem Verh&auml;ltnis von Start\/Leergewicht unterscheiden sich die erreichten Geschwindigkeiten nur durch die Ausstr&ouml;mungsgeschwindigkeit v<sub>gas<\/sub> und diese ist bei energiereichen Treibstoffen h&ouml;her. Also wenn beide Stufen hinsichtlich des Voll\/Leergewichtes gleich sind, so spare ich Geld wenn ich die kleinere Stufe mit dem Treibstoff h&ouml;herer Energie best&uuml;cke (der meist auch h&ouml;here Fertigungskosten verursacht). <\/p>\n<p>Normalerweise aber m&uuml;ssen Satelliten auch in h&ouml;heren Bahnen oder sogar auf Fluchtbahnen und diese unterscheiden sich in der Geschwindigkeit. Dann muss die Nutzlast kleiner werden. F&uuml;r die erste Stufe hat diese kleine &Auml;nderung kaum Auswirkungen, weil zum eigenen Leergewicht ja noch die gesamte zweite Stufe kommt. Bei der zweiten Stufe ver&auml;ndert sich dass Voll\/Leermasseverh&auml;ltnis viel st&auml;rker. Um nun die gleiche Geschwindigkeit zu erreichen muss sich dieses bei einem niedrigeren Wert f&uuml;r v<sub>gas<\/sub> st&auml;rker &auml;ndern als bei einem h&ouml;heren. Daf&uuml;r sorgt die Logarithmus Funktion.<\/p>\n<p>Das ist der Grund warum Wasserstoff in den meisten Oberstufen als Treibstoff benutzt wird. Das ist auch der Grund, warum die Nutzlast der Ariane 5 durch Austausch der EPS zur ESC-A so gravierend ansteigt.<\/p>\n<p>Aus technischer Sicht wird man bei nicht wieder verwendbaren Raketen also die erste Stufe mit dem niedrig energetischen Treibstoff ausstatten. Bei einer wiederverwendbaren Rakete steigt der Aufwand f&uuml;r die Bergung nun rapide an, wenn, je h&ouml;her die Geschwindigkeit ist. Bei einer Rakete mit fl&uuml;ssigen Treibstoffen will man diese ja m&ouml;glichst &quot;weich&quot; landen. Idealerweise also wie ein Gleitflugzeug. Eine Bergung nach einer Fallschirmlandung auf dem Meer ist riskanter, einfach weil die Ersch&uuml;tterungen st&auml;rker sind und zudem durch den Kontakt mit dem kalten Wasser starker Temperaturstress bei den noch gl&uuml;henden Teilen der D&uuml;se und des Triebwerks auftreten k&ouml;nnen.<\/p>\n<p>Die erste Stufe hat bei nicht so hoher Abtrennungsgeschwindigkeit noch meist eine Aufstiegsbahn mit geringer horizontaler Geschwindigkeit, da zuerst die Rakete vertikal beschleunigt. Es ist dann m&ouml;glich nach dem Scheitelpunkt die Stufe zu drehen und nahe des Startplates zu landen. Bei h&ouml;herer Geschwindigkeit ist die Stufe am Scheitellpunkt ihres Aufstiegs weiter von der Basis entfernt. Ein Gleitflug zu einem Landeplatz in Richtung der Flugbahn w&auml;re m&ouml;glich &#8211; doch existiert ein solcher bei einem Start in Richtung freies Meer? Eine zweite Problematik ist die h&ouml;here Geschwindigkeit, die dann auch erheblich h&ouml;heren Aufwand bedeutet um die Stufe vor der nun st&auml;rkeren Reibungshitze zu sch&uuml;tzen.<\/p>\n<p>Wir haben also das Paradoxon zu l&ouml;sen, dass:<\/p>\n<ul>\n<li>Bei Wiederverwendung der ersten Stufe mit niedrig energetischen Treibstoffen dies technisch einfacher ist, aber finanziell unattraktiv<\/li>\n<li>Die Wiederverwendung der ersten Stufe mit h&ouml;her energetischen Treibstoffen ist finanziell lohnender, aber technisch erheblich schwieriger.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Nun die zweite Stufe. Bei dieser wird es noch komplexer. Die Oberstufe erreicht einen Orbit. Beim Wiedereintritt hat man nun zwar die Wahl des Landeorts, aber es muss auch die gesamte Energie abgebaut werden, die ein Raumschiff im Orbit hat. Das erfordert eine dicken Hitzeschutzschild. Es wird Treibstoff ben&ouml;tigt, um die Stufe zu deorbitieren. Dabei sollte die Oberstufe m&ouml;glichst leicht sein, um die Nutzlast zu maximieren &#8211; vor allem f&uuml;r den wichtigsten Orbit, den geostation&auml;ren &Uuml;bergangsorbit, der nochmals 2500 m\/s mehr Geschwindigkeit erfordert.<\/p>\n<p>Die Frage ist daher ob man die Oberstufe &uuml;berhaupt deorbitieren sollte, oder der Aufwand die Stufe nur verteuert, aber durch die Nutzlastabnahme, jede Einsparung durch die Bergung zunichte gemacht wird.<\/p>\n<p>So konzentrieren sich heute die Bestrebungen die erste Stufe zu bergen. Entweder durch <a href=\"http:\/\/www.la.dlr.de\/ra\/sart\/projects\/lfbb\/lfbb-astra.php\"> Modifikation bestehender Stufen<\/a>, wie der EPC170 oder durch einen neuen Gleiter wie Phoenix. Das erste soll die Startkosten um ein Drittel senken, das zweite halbieren. Trotzdem ist die Entscheidung nicht so leicht. Zum einen ist die Modifikation der bestehenden Stufen billiger und einfacher zu machen als eine Neuentwicklung wie Phoenix und zum zweiten ist Phoenix nur f&uuml;r erdnahe Orbits gedacht. Die im Nutzlastraum platzierte Oberstufe, kann nicht sehr gro&szlig; sein. F&uuml;r GTO Starts ist er so kaum geeignet.<\/p>\n<p>Vom operativen Aspekt her hat Russland hier Vorteile: Starts von Baikonur aus f&uuml;hren &uuml;ber fast die gesamte Aufstiegsbahn &uuml;ber russisches Gebiet. Es ist so einfacher die Stufe auf einem Flugplatz weich zu landen. So verwundert es nicht, dass viele Ideen zur Bergung von Stufen auch aus Russland kommen. Man denke hier an die Booster der Energija oder die Baikal Version der Angara. Dummerweise sind die Fertigungskosten in Russland so niedrig, dass sich eine bergung weitaus weniger lohnt als im Westen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Warum gibt es heute noch keine wiederverwendbare Rakete? 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