{"id":4600,"date":"2011-04-09T00:19:58","date_gmt":"2011-04-08T22:19:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=4600"},"modified":"2011-04-09T09:06:03","modified_gmt":"2011-04-09T07:06:03","slug":"stochiometrie-bei-raketen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2011\/04\/09\/stochiometrie-bei-raketen\/","title":{"rendered":"St&ouml;chiometrie bei Raketen"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft\" src=\"\/img\/stoechiemetrie.gif\" alt=\"\" width=\"453\" height=\"255\" \/>Fangen wir mal an zuerst mal das b&ouml;se Fremdwort zu erkl&auml;ren: <strong>St&ouml;chiometrie<\/strong>. Gemeint ist damit die Berechnung der Verh&auml;ltnisse der bei einer Reaktion beteiligten Substanzen, damit diese vollst&auml;ndig umgesetzt werden. Nehmen wir mal die Verbrennung von Wasserstoff und Sauerstoff als ganz einfaches Beispiel. Die Reaktionsgleichung lautet:<\/p>\n<p>2 H<sub>2<\/sub> + O<sub>2<\/sub> ? 2 H<sub>2<\/sub>O.<\/p>\n<p>Ein Mol Wasserstoffmolek&uuml;l (H<sub>2<\/sub>) wiegt 2 x 1 g, ein Mol Sauerstoff (O<sub>2<\/sub>) 2 x 16 g. Das Verh&auml;ltnis f&uuml;r eine vollst&auml;ndige Umsetzung liegt also bei 4 zu 32 oder 1 zu 8. Liegt es h&ouml;her, z.B. bei 10 zu 1 so wird ein Teil des Sauerstoffs nicht umgesetzt. Ist es niedriger z.B. bei 6 zu 1, so wird ein Teil des Wasserstoffs nicht umgesetzt.<!--more--><\/p>\n<p>In Raketen ist es immer so, dass von dem Verbrennungstr&auml;ger (hier der Wasserstoff, andere Verbrennungstr&auml;ger sind Kerosin, Hydrazinderivate, Aluminium) im &Uuml;berschuss vorliegt und der Oxidator (hier Sauerstoff. andere Oxidatoren sind Stickstofftetroxid, Salpeters&auml;ure oder Ammoniumperchlorat) nicht ausreicht den gesamten Treibstoff zu oxidieren.<\/p>\n<p>Warum?<\/p>\n<p>Nun, bei den Antrieben die nach dem Nebenstromverfahren arbeiten, wird ein Teil des Treibstoffs f&uuml;r den Gasgenerator ben&ouml;tigt. Dort wird der Oxidator im extremen Unterschuss verbrennt, damit die Gastemperaturen nicht so hoch sind. Das erzeugte Gas muss n&auml;mlich dann noch eine Turbine antreiben und da sollte es vielleicht nicht 3000?C sondern nur 600?C hei&szlig; sein. Der &Uuml;berschuss an Verbrennungstr&auml;ger wirkt praktisch als K&uuml;hlmittel. Bei Nebenstromantrieben wird dieser Anteil nicht in die Brennkammer eingespritzt, sodass er automatisch die Gesamtmischung &auml;rmer an Oxidator macht. Desgleichen kann es sein dass andere Str&ouml;me (je nach Treibstoffart) benutzt werden, um die Tanks zu druckbeaufschlagen oder Verniertriebwerke anzutreiben.<\/p>\n<p>Es gibt aber auch andere Gr&uuml;nde. Zum einen gibt es Triebwerkstypen, die einen Teil des Treibstoffs zur Film- oder Schwitzk&uuml;hlung ben&ouml;tigen. Dieser tritt durch die Brennkammerwand ein und verdampft und k&uuml;hlt so die Wand. Obwohl dies zwar prinzipiell mit dem Oxidator und dem Verbrennungstr&auml;ger geht, w&auml;hlt man fast immer den Verbrennungstr&auml;ger, da die meisten Oxidatoren bei hohen Temperaturen auch Metalle angreifen. Auch bei der Verbrennung hilft ein &Uuml;berschuss an Verbrennungstr&auml;ger einen lokalen Oxidator&uuml;berschuss und damit eine Oxidation der Brennkammer zu vermeiden.<\/p>\n<p>Eine st&ouml;chiometrische Verbrennung liefert die h&ouml;chsten Verbrennungstemperaturen und damit meist die h&ouml;chste Ausstr&ouml;mgeschwindigkeit, die ja auch von der Gastemperatur abh&auml;ngt. Trotzdem arbeiten die meisten mit Verbrennungstr&auml;ger&uuml;berschuss. Warum? Nun eine zweite Rolle spielt auch die Molmasse der Abgase. Bei Wasserstoff\/Sauerstoff verbleibt ungebrannter Wasserstoff, der mit einer Atommasse von 2 viel leichter als das Wasser mit 18 ist. Bei gleicher Temperatur weist daher das leichtere Molek&uuml;l eine h&ouml;herer Geschwindigkeit auf (Mit gleicher Muskelkraft kann man einen Handball viel st&auml;rker beschleunigen, als einen Basketball). Bei anderen Treibstoffen kommt noch dazu, dass es zum Teil noch Nebenreaktionsprodukte gibt die eine geringere Molek&uuml;lmasse haben. Bei der Verbrennung von NTO mit UDMH entstehen bei st&ouml;chiometrischer Verbrennung als Reaktionsprodukte Wasser, Kohlendioxid, Stickstoff. Liegt UDMH im &Uuml;berschuss vor, so k&ouml;nnen auch Stickoxid (NO), Lachgas (N<sub>2<\/sub>O), Kohlenmonoxid (CO) und andere Verbindungen entstehen.<\/p>\n<p>Der Effekt ist, das die unvollst&auml;ndige Verbrennung energetisch g&uuml;nstiger sein kann, da die Molmasse des Abgases sinkt. On dies der Fall ist h&auml;ngt sehr stark von dem Raketentriebwerk ab. Die erste Abbildung links ist die Simulation f&uuml;r ein typisches Erststufentriebwerk. Das st&ouml;chiometrische Verh&auml;ltnis von NTO\/UDMH betr&auml;gt 3,06 f&uuml;r LOX\/RP-1 liegt es bei 3,4 und bei LOX\/LH2 ist es 8,0.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft\" src=\"\/img\/stoechionetrie2.gif\" alt=\"\" width=\"453\" height=\"255\" \/>Diagramm 1 zeigt die typischen Umst&auml;nde bei einem Erststufentriebwerk (40 Bar, Expansionsverh&auml;ltnis 15 und zwar f&uuml;r den Bodenimpuls). Deutlich ist, dass die unterst&ouml;chiometrische Verbrennung bessere spezifische Impulse liefert. Das &auml;ndert sich wenn man eine gr&ouml;&szlig;ere Expansionsd&uuml;se einsetzt (entsprechend niedrigeren Gastemperaturen am D&uuml;senende &#8211; nun k&ouml;nnen weitere Reaktionen bei niedrigeren Temperaturen stattfinden. Sie liefern weitere Energie und bilden leichtere Endprodukte. Die zweite Abbildung zeigt den Vakuumimpuls bei einer D&uuml;se mit einem Expansionsverh&auml;ltnis von 240 (alles theoretische Werte, berechnet mit FCEA). Deutlich ist, dass nun der h&ouml;chste spezifische Impuls bei LOX\/RP-1 und UDMH\/NTO nahe des st&ouml;chiometrischen Verh&auml;ltnisses vorliegt. Lediglich bei LOX\/LH2 ist der Einfluss der neunmal niedrigeren Atommasse von molekularem, ungebranntem Wasserstoff so gro&szlig;, dass der h&ouml;chste Wert bei 5,5:1 erreicht wird, allerdings mit einem starken Plateau zwischen 4,5 und 6,5.<\/p>\n<p>In den letzten Jahrzehnten ging der Trend zu h&ouml;heren Mischungsverh&auml;ltnissen. Die alten RL-10 arbeiteten bei 5:1. Die neuen und das Shuttle SSME bei 6:1. Beim Vulcain 2 betr&auml;gt es schon 6,8 zu f&uuml;r die Brennkammer. Der Grund daf&uuml;r liegt in dem gro&szlig;en Volumen dass der Wasserstoff ben&ouml;tigt. Seine Dichte ist 16-mal kleiner als beim Sauerstoff. Selbst bei einem Verh&auml;ltnis von 5:1 ist so der Wasserstofftank dreimal volumin&ouml;ser als der Sauerstofftank. &Auml;hnliche Tendenzen sieht man auch bei LOX\/Kerosin. Die Thor verwandte noch ein Mischungsverh&auml;ltnis von 2,1 zu 1 und das RD-180 liegt bei 2,7 zu 1.<\/p>\n<p>So damit entlasse ich euch in eine blogarme Zeit. Ich bin bis zum 20.4 in Nesselwang um nach dem Rechten zu sehen, Gro&szlig;putz zu machen etc. Wer mal wissen will wie es dort aussieht, kann dies <a href=\"http:\/\/www.ferienlandhaus.de\/deu\/index.shtml\">hier<\/a> tun. Ich habe einen Blog zum 12.4. erstellt zum 50.sten von Gagarins Flug. Von Frank kommt ein Blog am 13\/15. Vielleicht nutzen thomas und Kevin ihren Zugang zum blog um auch noch einen zu verfassen. Ansonsten sehen wir uns am 20 oder 21.sten wieder.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fangen wir mal an zuerst mal das b&ouml;se Fremdwort zu erkl&auml;ren: St&ouml;chiometrie. Gemeint ist damit die Berechnung der Verh&auml;ltnisse der bei einer Reaktion beteiligten Substanzen, damit diese vollst&auml;ndig umgesetzt werden. 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