{"id":4705,"date":"2011-05-02T00:01:13","date_gmt":"2011-05-01T22:01:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=4705"},"modified":"2011-05-01T14:15:59","modified_gmt":"2011-05-01T12:15:59","slug":"vor-45-jahren-strato-jump-iii","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2011\/05\/02\/vor-45-jahren-strato-jump-iii\/","title":{"rendered":"Vor 45 Jahren: Strato-Jump III"},"content":{"rendered":"<p>Aus aktuellem Anlass ruht heute meine kleine Ballonserie und ich schreibe &uuml;ber ein Projekt, welches heute fast vergessen ist: <em>Project Strato-Jump<\/em>. Es waren die drei letzten Ballonfahrten, bei denen ein Mensch in die Stratosph&auml;re gelangt ist, und gleichzeitig das erste Mal, dass kein Milit&auml;rpilot oder Wissenschaftler diese Reise angetreten hat. Es war der aus New Jersey stammende LKW-Fahrer und leidenschaftliche Fallschirmspringer <a title=\"Nick\" href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Nick_Piantanida\" target=\"_blank\">Nick Piantanida<\/a>. Die dritte Fahrt j&auml;hrt sich heute zum 45. Mal.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><strong>Die Anf&auml;nge<\/strong><\/p>\n<p>Der wohl bekannteste Stratosph&auml;renfahrer ist Joe Kittinger. Der USAF-Pilot stieg 1959 und 1960 insgesamt drei Mal im Rahmen des Projekts <em>Excelsior<\/em> mit einem Ballon auf, um zweimal aus 22 km und beim dritten Mal aus 30 km H&ouml;he abzuspringen. Dabei sollte ein neuartiger, mehrstufiger Fallschirm getestet werden, der von Piloten benutzt werden k&ouml;nnte, wenn sie ihr Flugzeug in gro&szlig;er H&ouml;he verlassen m&uuml;ssten. Dabei w&uuml;rde zun&auml;chst bei Erreichen der Endgeschwindigkeit, ein paar Sekunden nach dem Ausstieg, ein kleiner Stabilisierungsschirm ge&ouml;ffnet werden. Damit w&uuml;rde die Person mit den F&uuml;&szlig;en nach unten zur Erde absteigen. In einer H&ouml;he von 2.000 Metern wurde dann der Hauptfallschirm ge&ouml;ffnet. Kittinger war trotz einer gef&auml;hrlichen Situation bei <em>Excelsior I<\/em> und eines defekten Handschuhs seines Druckanzuges bei <em>Excelsior III<\/em> erfolgreich. Bei letzterem Aufstieg am 16. August 1960 sprang er aus 31.333 Metern H&ouml;he ab. Aufgrund des Stabilisierungsschirms wurde der Sprung aber nicht als Weltrekord f&uuml;r den h&ouml;chsten Fallschirmabsprung gewertet, denn daf&uuml;r h&auml;tte Kittinger frei fallen m&uuml;ssen. Die USAF war aber der Meinung, dass sich eine Person ohne einen solchen Schirm schnell drehen w&uuml;rde, was schlussendlich zum Tod f&uuml;hren w&uuml;rde.<\/p>\n<p>Piantanida wollte beweisen, dass man mit Hilfe von Skydiving diese Rotation &uuml;berleben k&ouml;nnte. Als er h&ouml;rte, dass auf einem sowjetischen Ballon namens <em>Volga<\/em> die Piloten Andreyew und Dolgov am 1. November 1962 aus 25,5 km und 28,6 km H&ouml;he absprangen, und Andreyew damit den Weltrekord f&uuml;r den l&auml;ngsten freien Fall holte (24.250 m), nahm Piantanida sich vor, den Rekord zur&uuml;ck in die USA zu holen. <em>Volga<\/em> war &uuml;brigens daf&uuml;r konzipiert worden, die Fallschirme und den Schleudersitz f&uuml;r Wostok zu testen. Andreyew wurde in einer mechanischen Version des Schleudersitzes aus der Kapsel katapultiert, w&auml;hrend Dolgov versuchen sollte, seinen Fallschirm m&ouml;glichst hoch zu &ouml;ffnen, um einen langen Abstieg zu erreichen. Er landete nach 37 Minuten, aber er starb w&auml;hrend des Abstiegs, da sein Druckanzug versagte.<\/p>\n<p><strong>Vorbereitungen und <em>Strato-Jump I<\/em><em>: Frustrations End<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Piantanida schaffte es nach langem Wirren, Geld und Ausr&uuml;stung f&uuml;r sein Projekt zusammenzubekommen. Das schwierigste Teil war dabei der Raumanzug, denn Mitte der 60er Jahre wurden Raumanz&uuml;ge nur f&uuml;r das Milit&auml;r, bzw. die NASA gefertigt. Die NASA selbst interessierte sich nicht f&uuml;r <em>Strato-Jump<\/em> und Joe Kittinger wollte sich nicht an dem Projekt beteiligen, weil er es nur f&uuml;r unn&ouml;tig gef&auml;hrlich hielt. Schlie&szlig;lich hatte er alle Teile zusammen und erhielt eine Lektion in der Benutzung seines Anzuges in einer Unterdruckkammer. Bei diesem Training sollte er auch, einmal in 12 und dann wieder in 15 km H&ouml;he, seinen Helm kurz &ouml;ffnen, um die Effekte der Hypoxia zu erfahren, damit er diese bei seinem Flug kennen w&uuml;rde.<\/p>\n<p>Donald Piccard (der Onkel 2. Grades des bekannten Bertrand Piccard, der gerade versucht, ein Solarflugzeug zu bauen), half Piantanida bei der Auswahl eines Ballons. Weil die Firma Schjeldahl f&uuml;r einen verst&auml;rkten Mylarballon mehr Geld haben wollte als Litton Industries f&uuml;r einen Ballon aus PE, entschied sich Piantanida f&uuml;r Litton. Piccard versuchte ihn dazu zu bringen, den Ballon von Schjeldahl zu nehmen, aber Piantanida nahm lieber das g&uuml;nstigere Angebot. Litton war dann auch f&uuml;r die Vorbereitung und F&uuml;llung des Ballons zust&auml;ndig.<\/p>\n<p>Der Ballon hatte als Besonderheit kein Ventil in seinem Scheitelpunkt. Es erscheint auch unn&ouml;tig, sollen doch Pilot und Kapsel an ihren eigenen Fallschirmen zur&uuml;ck zur Erde kommen. Aber ein zu schneller Aufstieg kann den Ballon auch besch&auml;digen oder sogar zerst&ouml;ren. Als die Techniker am 22. Oktober 1965 den <em>Strato-Jump I<\/em> vorbereiteten, kam es auch dazu, dass zu viel Helium in den Ballon gef&uuml;llt wurde. Da der Ballon nach dem Start zu schnell stieg als geplant und auch kein Ballast abgeworfen wurde, konnte dies nur an einer &Uuml;berf&uuml;llung liegen. Als der Ballon (der, wegen der langen und harten Vorbereitung auf den Namen <em>Frustrations End<\/em> getauft wurde) sich der Tropopause n&auml;herte, kam er in die schnellen Winde des Jetstreams. Dort wurde der obere Teil des Ballons den Scherkr&auml;ften ausgesetzt, die von diesen Winden verursacht wurden, was dazu f&uuml;hrte, dass der Ballon aufriss. Piantanida fiel aus einer H&ouml;he von 7.000 Metern wieder zur Erde zur&uuml;ck, stieg bei etwa 3.000 Metern aus der Kapsel aus und landete sicher auf einer M&uuml;lldeponie in der N&auml;he von St. Paul, Minnesota.<\/p>\n<p><strong><em>Strato-Jump II: Second Chance<br \/>\n<\/em><\/strong><\/p>\n<p>In den n&auml;chsten Monaten und nach viel Streit mit Litton Industries war ein neuer Ballon, gebaut von Raven Industries, fertig. Am 2. Februar 1966 hob <em>Strato-Jump II<\/em> ab (dieses Mal vom Joe Foss Field bei Sioux Falls in South Dakota). Der Aufstieg verlief ohne Schwierigkeiten und Piantanida stieg bis auf eine H&ouml;he von 37.490 Metern. Die h&ouml;chste Ballonfahrt war bisher der Aufstieg von Malcolm Ross und Victor Prather im Ballon <em>Strato-Lab V<\/em> gewesen: Sie stiegen am 4. Mai 1961 auf 34.668 Meter H&ouml;he.<\/p>\n<p>Nun sollte Piantanida aus der Kapsel <em>Second Chance<\/em> springen. Dies ging aber nicht, weil ein spezielles Ventil in der Sauerstoffleitung zur Kapsel sich nicht l&ouml;sen lassen wollte. Man hielt es f&uuml;r zu gef&auml;hrlich, die Leitung einfach durchzuschneiden oder abzurei&szlig;en, sodass Piantanida in der Kapsel zur Erde zur&uuml;ckkehrte. Er landete weniger als eine Stunde sp&auml;ter in einem Erdbeerfeld, wo er dem Besitzer aufgrund seines Auftretens einen Herzinfarkt bescherte.<\/p>\n<p><strong><em>Strato-Jump III: JADODIDE<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Piantanida bekam noch einen weiteren Ballon von Raven. Er plante auch schon voraus, welche M&ouml;glichkeiten er h&auml;tte, nachdem <em>Strato-Jump<\/em> Erfolg gehabt h&auml;tte. Er plante zum Beispiel einen &auml;hnlichen Sprung bei Nacht. Am 1. Mai 1966 war es dann soweit: <em>Strato-Jump III<\/em> wurde mit Helium gef&uuml;llt und Piantanida nahm in der Kapsel <em>JADODIDE<\/em> Platz (dies waren die Anfangbuchstaben der Namen seiner Frau und seiner drei T&ouml;chter). Der Ballon stieg normal auf, bis in einer H&ouml;he 17.374 Metern von Piantanida folgender Funkspruch kam: &#8222;<strong><em>Emergen&#8230;<\/em><\/strong>&#8222;. Danach brach der Sprechfunkkontakt ab. Die Techniker am Boden trennten sofort Kapsel und Ballon, aber wegen des gro&szlig;en Kapselfallschirms brauchte die Kapsel 26 Minuten bis zur Landung. Am Landeplatz wurde Piantanida sofort per Hubschrauber aufgenommen und in ein Krankenhaus gebracht. Am selben Tag wurde Joe Kittinger dann &uuml;brigens die Nachricht &uuml;berbracht, dass die F&uuml;hrung der USAF ihm danke, dass er sie aus diesem Vorfall herausgehalten hatte, indem er es seinerzeit ablehnte, mit Piantanida zu kooperieren!<\/p>\n<p><strong>Das Ende<\/strong><\/p>\n<p>Die Frage, was passiert war, war f&uuml;r viele Jahre unbeantwortet. Die wahrscheinlichste M&ouml;glichkeit ist folgende: Wenn das &#8222;Voratmen&#8220; mit reinem Sauerstoff zu kurz ist, verbleibt Stickstoff im Blut. Sinkt der Au&szlig;endruck, kann es dazu kommen, dass Arme und Gesicht zu kribbeln anfangen. Da Piantanida wusste, dass Hypoxia im Anfangsstadium das Befinden verbessert, k&ouml;nnte folgendes passiert sein: Ein am Boden gedrehter Film zeigt, dass Piantanida mit <em>offenem<\/em> Helm herumlief und auch so in der Kapsel Platz nahm. Ein paar Minuten sp&auml;ter erfolgte der Start. Der Startplan hatte eigentlich vorgesehen, dass Piantanida 90 Minuten zuvor in der Kapsel sitzen und Sauerstoff atmen sollte. Weil dies nicht erfolgt war, k&ouml;nnte das Kribbeln aufgetreten sein. Piantanida k&ouml;nnte dann sein Visier ge&ouml;ffnet haben, um mit Hilfe der Hypoxia dies zu kompensieren. Als n&auml;chstes h&auml;tte er dann den Helm nicht mehr richtig schlie&szlig;en k&ouml;nnen. In Panik versuchte er, aus der Kapsel auszusteigen, und zog dabei das Kabel zum Funkger&auml;t, weshalb sein letztes Wort abgeschnitten wurde. Der niedrige Druck &uuml;bermannt ihn und er schafft den Absprung nicht.<\/p>\n<p>Diese Theorie klingt plausibel, vor allem, weil der Druckanzug in einer sp&auml;teren Untersuchung absolut dicht war. Eine andere Idee war gewesen, dass Piantanida vielleicht aus Versehen anstatt der Einstellung der Sonnenblende auf der linken Seite des Helmes die des Druckvisiers auf der rechten Seite bet&auml;tigt haben k&ouml;nnte. Diese Idee wurde aber verworfen, weil man als Argument gab, dass Piantanida sicher nicht die Seiten des Helms verwechseln w&uuml;rde.<\/p>\n<p>Was auch immer passiert war: Es hatte Piantanidas Gesundheit schwer besch&auml;digt. Nick Piantanida starb am 29. August 1966 an den Folgen der Dekompression, die er in 17 Kilometern H&ouml;he erfahren hatte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus aktuellem Anlass ruht heute meine kleine Ballonserie und ich schreibe &uuml;ber ein Projekt, welches heute fast vergessen ist: Project Strato-Jump. 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