{"id":4871,"date":"2011-06-04T00:03:56","date_gmt":"2011-06-03T22:03:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=4871"},"modified":"2011-06-03T01:06:40","modified_gmt":"2011-06-02T23:06:40","slug":"die-tropische-venus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2011\/06\/04\/die-tropische-venus\/","title":{"rendered":"Die tropische Venus"},"content":{"rendered":"<p>Eines was mir auch Svens Buch auffiel ist, dass er zwar sehr ausf&uuml;hrlich auf die Geschichte der Astronomie einging, aber die durchaus am&uuml;sante Geschichte der Irrt&uuml;mer oder Vorstellungen &uuml;ber Leben in unserem Sonnensystem oder auch nur die Bedingungen auf den Planeten fehlte. Zeit das an dieser Stelle nachzuholen.<\/p>\n<p>Das die Venus vollst&auml;ndig von Wolken bedeckt war, dar&uuml;ber war man sich schon vor etwa 2-3 Jahrhunderten sicher. Auch wenn die Teleskope sehr nicht so leistungsf&auml;hig wie heute waren, so war die Venus immer vollkommen strukturlos, ohne jedes wiederholbare Oberfl&auml;chenmerkmal. Wenn die Venus sich bedingt durch die N&auml;he zur Sonne langsam zur Sichel formte konnte man auch ein Ph&auml;nomen beobachten, das es nur bei einer dichten Atmosph&auml;re gibt &#8211; das Licht wird &uuml;ber den Bogen hinaus gestreut. Erstmals wurde das Ph&auml;nomen 1711 von Lomonossow beschrieben. Ohne Details der Oberfl&auml;che war auch die Rotationsperiode nicht bestimmbar. Der erste Wert von Cassini aus dem Jahr 1667 betrug 23 Tage. Genauso schwierig war es so, die Rotationsachse zu bestimmen &#8211; man fand praktisch alle Werte zwischen 5 und 90 Grad, die meisten sahen aber schwache helle flecken an den Polen und meinten 5 grad w&auml;re wohl richtig. Nur wenige hinterfragten diese Ansichten. So f&uuml;hrte der deutsche Astronom W. Villiger einen Versuch durch: Er beobachtete durch ein 120 mm Fernrohr kleine Gipskugeln aus rund 430 m Entfernung und lies Zeichnungen anfertigen. Obwohl diese keinerlei Struktur aufweisen, zeigten die meisten Zeichnungen helle Polkappen. Das er damit beweisen hatte, das viele Beobachtungen nichts anderes als optische T&auml;uschungen waren, wurde allerdings nie allgemein akzeptiert.<!--more--><\/p>\n<p>Immerhin gab es gegen Ende des letzten Jahrhunderts zwei Konzepte, wie es auf der Venus aussehen w&uuml;rde. Die Tatsachen die man kannte waren:<\/p>\n<ul>\n<li>Die Venus ist in etwa genauso gro&szlig; wie die Erde, wahrscheinlich auch vergleichbar in Masse und Schwerkraft<\/li>\n<li>Sie besitzt eine dichte Atmosph&auml;re, die keinerlei Wolkenl&uuml;cken aufweist &#8211; zumindest hatte man in 2 Jahrhunderten keine entdeckt<\/li>\n<li>Die Venus ist n&auml;her der Sonne als die Erde. W&uuml;rde man einen Planeten ohne Atmosph&auml;re in die Entfernung der Venus platzieren, so w&uuml;rde er eine Temperatur von +38?C aufweisen. (zum Vergleich: Erdentfernung: -6?C).<\/li>\n<\/ul>\n<p>Die dichte Atmosph&auml;re, so nahm man an, best&auml;nde aus Wasserdampf wie irdische Wolken. Da es keine L&uuml;cken gibt, so postulierten die einen keine gr&ouml;&szlig;eren Landmassen, allerh&ouml;chstens Inselgruppen. Land, das kennt man von der Erde, f&uuml;hrt zum Aufrei&szlig;en von Wolken. Vom Land verdampft kein Wasser, es regnet auf das Land. Da man auch die Erde mit einer 3 km hohen Wasserschicht &uuml;berziehen k&ouml;nnte, wenn man die Ozeane gleichm&auml;&szlig;ig verteilt, erschien dies eine m&ouml;gliche L&ouml;sung des Wolkenproblems.<\/p>\n<p>Die zweite war die genaue gegenteilige Behauptung &#8211; es gibt &uuml;berhaupt keine Ozeane, nur Land, aber es ist dort extrem feucht. S&uuml;mpfe pr&auml;gen die Landschaft. Auch diese Landschaft w&uuml;rde viel Wasser verdampfen lassen und eine geschlossene Wolkenschicht bilden, wie sie heute &uuml;ber dem Regenwald zumindest zeitweise existiert. Viele sahen Parallelen zum Zeitalter des Karbons, bei dem auf der Erde gerade solche Bedingungen herrschten. Sie waren also nicht unm&ouml;glich. Dies war das weitaus popul&auml;rere Modell der Venus. Manche Abbildungen aus dieser Zeit zeigten sogar eine subtropische Welt auf der Venus.<\/p>\n<p>Manche verstiegen sich sogar in weitergehenden Behauptungen. So wurde in einem Abstand von 76 Venusjahren ein Ph&auml;nomen beschrieben, dass man als &#8222;aschgraues Licht&#8220; bezeichnete. Franz von Paula Gruithuisen interpretierte es als ein Ergebnis eines religi&ouml;sen Kultes, der die Wolkendecke aufhellte. Daraus wurde eine Regierungszeit des Venusk&ouml;nigs von 76 Venusjahren und eine Lebenszeit von 130 Venusjahren (46 und 80 Erdjahre) abgeleitet. Andere postulierten ein f&uuml;nfmal gr&ouml;&szlig;eres Magnetfeld als das der Erde. Sonst m&uuml;ssten die energiereichen Teilchen des Sonnenwindes die Atmosph&auml;re langsam abtragen.<\/p>\n<p>Um 1920 kam Bewegung in die seit 2 Jahrhunderten feststeckenden Beobachtungen. Es entstanden die ersten Spektrographen, welche das Licht der Venus aufspalteten. Der erste Befund war, dass die Wolken nicht aus Wasser waren. Doch aus was dann? Eine Vermutung war Formaldehyd, der sich unter UV-Strahlung zu einem Polymer verbindet. Das k&ouml;nnte die dichte Weise Schicht erkl&auml;ren. Doch man fand keine Spektrallinien von Formaldehyd. 1929 wurde Kohlendioxid entdeckt und erstmals kam die Idee des Treibhauseffektes auf. Svante Arrhenius postulierte damals dass die Eiszeiten auf der Erde aufgrund eines Mangels an Kohlendioxid in der Atmosph&auml;re entstanden. 1955 ergaben Messungen der Temperatur eine von -33?C bei der beleuchteten und -38?C bei der unbeleuchteten Seite. Das war die Temperatur der Wolkenobergrenze und sie passten noch zu der Vorstellung eines tropischen Klimas. Zwar mochte das Kohlendioxid einen Treibhauseffekt verursachen, doch die Wolken reflektieren einen Gro&szlig;teil der Strahlung.<\/p>\n<p>Die neu eingef&uuml;hrte Radioastronomie f&uuml;hrten dann Ende der f&uuml;nfziger Jahre zu neuen Erkenntnissen. 1956 wurde Strahlung von der Venus mit einer Wellenl&auml;nge von 10 GHz, entsprechend 3,15 cm Wellenl&auml;nge registriert. Die Intensit&auml;t lies auf eine Oberfl&auml;chentemperatur zwischen 300 und 400?C schlie&szlig;en. Die Vermessung der Dopplergeschwindigkeit ergab eines sehr langsame Rotation gegen die Bahnrichtung (retrograd). Dagegen wies Strahlung, die von den Wolken stammte, eine Rotationsrate von 4 Tagen auf. Die Venus rotierte also selbst langsam, die Atmosph&auml;re schnell.<\/p>\n<p>Das war der Start vor dem Raumfahrtzeitalter. Da schlie&szlig;e ich morgen an.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eines was mir auch Svens Buch auffiel ist, dass er zwar sehr ausf&uuml;hrlich auf die Geschichte der Astronomie einging, aber die durchaus am&uuml;sante Geschichte der Irrt&uuml;mer oder Vorstellungen &uuml;ber Leben in unserem Sonnensystem oder auch nur die Bedingungen auf den Planeten fehlte. Zeit das an dieser Stelle nachzuholen. 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