{"id":5261,"date":"2011-08-21T00:15:18","date_gmt":"2011-08-20T22:15:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=5261"},"modified":"2011-08-20T18:16:36","modified_gmt":"2011-08-20T16:16:36","slug":"warum-ich-gegen-das-jwst-bin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2011\/08\/21\/warum-ich-gegen-das-jwst-bin\/","title":{"rendered":"Warum ich gegen das JWST bin"},"content":{"rendered":"<p>Das James Web Space Telescope (JWST) wird das teuerste unbemannte Weltraumprojekt &uuml;berhaupt werden, teurer als Cassini, Viking, Galileo oder das Mars Science Laboratory &#8211; nicht nur absolut (mit derzeit auf 7,8 Milliarden Dollar Gesamtkosten) als auch inflationskorrigiert. Doch lohnt es sich?<\/p>\n<p>Was der Knackpunkt ist, sind nat&uuml;rlich die Kosten. 7,8 Milliarden Dollar ist wirklich viel Geld. Es kostet damit so viel wie 4 Jahre ISS Betrieb oder 2-3 Jahre Space Shuttle Betrieb. Bei dem Vergleich mit unbemannten Projekten wird es sogar noch auff&auml;lliger. Das n&auml;chst kleinere Projekt ist das 2,5 Milliarden Dollar teure MSL, das um den Faktor 3 kleiner ist.\u00a0 Neue Missionen zum Mars d&uuml;rfen maximal 480 Millionen Dollar ohne Tr&auml;gerrakete kosten. Das ist auch in etwa das Preisetikett eines anspruchsvolleren Forschungssatelliten.<!--more--><\/p>\n<p>Nun existieren auch unbemannte Raumfahrtprojekte nicht im Vakuum. Ihre Kosten m&uuml;ssen gerechtfertigt sein. Und da hapert es. Astronomische Satelliten k&ouml;nnen zwei Vorteile aus dem Weltraum ziehen:<\/p>\n<ul>\n<li>Sie k&ouml;nnen au&szlig;erhalb der Erdatmosph&auml;re Vorteile daraus ziehen dass deren abschirmende Wirkung fehlt<\/li>\n<li>Sie k&ouml;nnen einen Vorteil daraus ziehen, dass die Luftunruhe wegf&auml;llt und es keinen Tag gibt (l&auml;ngere Beobachtungszeit)<\/li>\n<\/ul>\n<p>Die Satelliten die Prinzip 1 ausnutzen sind ohne Alternative. Wer den Weltraum im Bereich der UV-, R&ouml;ntgen- und Gammastrahlen, aber auch im Infraroten beobachten will muss die Erde verlassen. Alle Strahlen mit einer Wellenl&auml;nge kleiner als des sichtbaren Lichts werden absorbiert &#8211; zum Gl&uuml;ck f&uuml;r uns, denn sonst g&auml;be es kein Leben auf der Erde. Das zweite sind die Infrarotstrahlen. Hier gibt es einige Fenster in denen man auch auf der Erde beobachten kann. Aber auch hier absorbieren Spurengase in der Atmosph&auml;re und beim langwelligen Infrarot gibt es das Problem, dass man Strahlung von Objekten misst, die so warm sind wie die Teleskope. Es ist auf der Erde m&ouml;glich zwar die Detektoren zu k&uuml;hlen, aber nicht die ganzen Teleskope. Daher m&uuml;ssen auch Infrarotteleskope ab einer bestimmten Wellenl&auml;nge ins All ausweichen.<\/p>\n<p>Das zweite sind die Teleskope, die im sichtbaren Licht arbeiten. Hier gab es schon Vorl&auml;ufer. In den sechziger Jahren die OAO Serie und seit 1990 Hubble. Auch die Vorg&auml;nger waren nicht billig. Die drei OAO kosteten damals 200 Millionen Dollar, vor allem wegen der hohen Anforderungen an die Genauigkeit der Lageregelung. Hubble wurde noch teurer. Im Januar 1977 fiel der Startschuss f&uuml;r das Projekt. Urspr&uuml;nglich 450 Millionen Dollar teuer gab es zuerst Probleme bei der Entwicklung und sp&auml;ter durch den versp&auml;teten Start der Shuttles, welche die Projektkosten explodieren lie&szlig;en. Obwohl der Teleskopdurchmesser von 3,05 auf 2,38 m geschrumpft war, kostete Hubble bis zum Start viermal so teuer wie geplant. Beim Start prangte ein Preisetikett von 2 Milliarden Dollar auf dem Weltraumteleskop. Davon 1,5 Milliarden f&uuml;r das Teleskop, der Rest f&uuml;r den Start.<\/p>\n<p>Wie bekannt, zeigte sich dann dort ein Konstruktionsfehler, der zu einer Anpassung der Servicemissionen f&uuml;hrte. Die Servicemissionen, das waren die eigentlichen Neuigkeiten bei Hubble. Hubble sollte 10 bis 15 Jahre lang betrieben werden. Das ist ein Zeitraum, in dem es laufend verbesserte Instrumente gibt. Sie sollten gew&auml;hrleisten dass Hubble laufend dem aktuellen technischen Stand angepasst werden konnte und das Raumteleskop wurde f&uuml;r eine Wartung ausgelegt. Die erste Servicemission wurde nun vorgezogen und neben anderen Arbeiten wurde eine Korrekturoptik eingebaut. Sie kostete 674 Millionen Dollar, davon nur 100 Millionen f&uuml;r die Korrekturoptik. Das zeigte auch die Kehrseite: mit den Shuttles waren die Servicemissionen teurer. Es folgten weitere. 1997 die 795 Millionen Dollar teurere SM-2. Die Servicemission 3A, die nur Teile austauschen sollte, kostete dann 95 Millionen Dollar f&uuml;r diese, plus die Shuttle Missionskosten. Da in diesem Jahr nur drei Shuttlemissionen stattfanden, addiert das weitere 999 Millionen Dollar.<\/p>\n<p>Die Kosten f&uuml;r die Servicemission 3B habe ich nicht gefunden. Doch die letzte wurde richtig teuer, weil alleine die Rettungsm&ouml;glichkeiten die NASA 553 bis 636 Millionen Dollar kosteten, was die Gesamtkosten f&uuml;r diese Mission auf 1104 bis 1176 Millionen Dollar katapultierte, davon nur 475 Millionen Dollar f&uuml;r die Instrumente. Insgesamt kostete Hubble die USA nach der letzten Servicemission 9,6 Milliarden Dollar, die ESA weitere 593 Millionen Euro. Etwa ein Viertel der Summe entf&auml;llt auf den Betrieb, ein Drittel auf den Bau des Teleskops und neue Instrumente. der Rest auf die Durchf&uuml;hrung der Servicemissionen. So gab es nicht wenige Vorschl&auml;ge, anstatt der letzten Servicemission, deren Preisschild die NASA anfangs noch mit 1,7 bis 2,3 Milliarden Dollar angab, einfach ein nachgebautes Hubble Teleskop mit einer Atlas oder Delta zu starten, das w&auml;re immer noch billiger.<\/p>\n<p>Das James Webb Teleskope wird nicht gewartet werden. Das Konzept hat sich als zu kostspielig erwiesen. Es ist auch nicht direkt mit Hubble vergleichbar. Das JWST wird im nahen Infrarot, also dem Spektralbereich forschen, der an das sichtbare Licht angrenzt. Da nun die W&auml;rmestrahlung von K&ouml;rpern mit Zimmertemperatur stark st&ouml;rt, wird nicht nur das ganze Teleskop von einem entfaltbaren Sonnenschirm gesch&uuml;tzt werden. Es kann auch nicht in einer Erdumlaufbahn betrieben werden, bei der die Erde fast die H&auml;lfte des Himmels bedeckt und ihre W&auml;rme das Teleskop aufheizen w&uuml;rde. Daher wird es von einer Ariane 5 in einen Librationspunkt entfernt von der Erde gestartet.<\/p>\n<p>Doch es ist in seiner Auslegung auch extrem anspruchsvoll. Der Nutzlastraum der Ariane 5 ist nicht gr&ouml;&szlig;er als der des Space Shuttles. Doch der Hauptspiegel des JWST wird 6,5 m Durchmesser haben (geplant waren mal 8 m, auch diese Reduktion eine Parallele zu Hubble) anstatt 2,4 m bei Hubble &#8211; damit passt es nicht mehr in den verf&uuml;gbaren Platz. Also besteht der Hauptspiegel aus 18 Segmenten von 1,3 m Durchmesser. Der entfaltbare Sonnenschild ist sogar 12 x 22 m gro&szlig;. Gerade diese Herausforderungen machen, es aber auch so teuer und die Gefahr, dass beim Entfalten etwas schief geht &#8211; optische Instrumente m&uuml;ssen bis auf Mikrometer genau einer vorgegebenen Form folgen &#8211; bei Hubble betrug die Abweichung des Spiegels von der Idealform nur 2 \u00b5m! ist nat&uuml;rlich gro&szlig;.<\/p>\n<p>Das Problem eines optischen Weltraumteleskops ist die Konkurrenz auf der Erde. Als die ersten Weltraumteleskope starteten, war die Welt noch in Ordnung: Die gr&ouml;&szlig;ten Teleskope auf der Erde hatten Durchmesser von 2,5 bis 5 m. Ein 6 m Teleskop Russlands blieb hinter den Erwartungen zur&uuml;ck, weil nun so gro&szlig;e Spiegel massive Probleme machten. Sie wurden schwer, Glas verformte sich unter dem Eigengewicht. Bis 1990 baute keiner ein gr&ouml;&szlig;eres Teleskop als das 5 m Teleskop von Mount Palomar, weil es unwirtschaftlich war. Neue Teleskope lagen eher in der 3 bis 4 m Klasse. Bewegung kam durch die Erfindung des CCD. Nicht nur war es um den Faktor 10-20 empfindlicher als Film. Es erm&ouml;glichte auch die Echtzeitverarbeitung und damit hatte man eine M&ouml;glichkeit die Luftunruhe, den Hauptfeind der Astronomen zu begegnen. In den achtziger Jahren erprobte man adaptive Optiken. Das Prinzip: Die Luftunruhe welche die Aufl&ouml;sung der Teleskope begrenzt, wird bestimmt und die Teleskopspeigel durch mechanische Elemente so verformt, das wieder ein besseres Bild resultiert. Das wurde in den achtziger Jahren bei kleineren Teleskopen erprobt und in den neunziger Jahren entstanden neue Teleskope welche auf dieser Technik basierten, wie das VLT und die Spiegeldurchmesser stiegen an. Innerhalb von wenigen Jahren wurden 12 m erreicht. Das sie sich verformen war nun sogar erw&uuml;nscht &#8211; denn das sollten die Aktoren ja gerade tun und damit wurden sie auch d&uuml;nner und leichter. Seit dem Keck Teleskop wei&szlig; man auch, dass man ein gro&szlig;es Teleskop aus vielen Einzelspiegeln aufbauen kann, so wie dies auch beim JWST geplant ist.<\/p>\n<p>Das Problem: Als Hubble 1990 startete es das 22. gr&ouml;&szlig;te auf der Welt. Heute ist es das 54.ste. Wenn das JWST 2018 startet, wird es zwar auch nach dem heutigen Stand die Nummer 20 sein. Aber der Unterschied ist gr&ouml;&szlig;er. 1990 hatte das gr&ouml;&szlig;te Teleskop, das brauchbare Bilder lieferte, 5 m Durchmesser. Hubble war halb so gro&szlig;. 2018 werden drei Teleskope von 21,4, 30 und 39,3 m Durchmesser ihren Betrieb aufnehmen. Sie sind die ersten einer neuen Generation, bei der bis zu 100 m Durchmesser geplant ist. Dagegen wirkt JWST wie ein Zwerg und trotzdem sind die Baukosten dieser &uuml;berschaubar. Das gr&ouml;&szlig;te, das European Extreme Large Teleskope wird 1,04 Milliarden Euro kosten &#8211; einen Bruchteil der Kosten des JWST. Bodengebundene Teleskope haben seit 1990 dramatische Fortschritte gemacht. Sie wurden auch mit immer leistungsf&auml;higeren Kameras und Instrumenten ausgestattet. Auch das wird beim JWST ausbleiben. Es kann nicht modernisiert werden, weil wir es nicht erreichen k&ouml;nnen, wenn es einmal 1,5 Millionen km von der Erde entfernt ist. Wir werden auch nichts reparieren k&ouml;nnen, wenn es Probleme beim Entfalten des segmentierten Spiegels oder des Sonnenschildes gibt, ohne das das Teleskop viel zu warm sein wird.<\/p>\n<p>Daher bin ich gegen dieses Projekt. Gemessen an den Kosten ist der Nutzen recht gering. Es steht zu erwarten, dass man bald die gleiche Leistung auf der Erde f&uuml;r einen Bruchteil der Kosten erh&auml;lt. So, da dies ein sehr langer Blogeintrag war gibt es ausnahmsweise mal einen Tag Pause, damit ihr nicht &uuml;berfordert werdet&#8230;.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das James Web Space Telescope (JWST) wird das teuerste unbemannte Weltraumprojekt &uuml;berhaupt werden, teurer als Cassini, Viking, Galileo oder das Mars Science Laboratory &#8211; nicht nur absolut (mit derzeit auf 7,8 Milliarden Dollar Gesamtkosten) als auch inflationskorrigiert. Doch lohnt es sich? 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