{"id":5357,"date":"2011-09-16T00:01:03","date_gmt":"2011-09-15T22:01:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=5357"},"modified":"2011-09-15T17:56:20","modified_gmt":"2011-09-15T15:56:20","slug":"im-visier-der-grizzly-giganten-zdf-oder-andreas-kieling-45-meter-gros","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2011\/09\/16\/im-visier-der-grizzly-giganten-zdf-oder-andreas-kieling-45-meter-gros\/","title":{"rendered":"\u201eIm Visier der Grizzly-Giganten\u201c, ZDF &#8211; oder  Andreas Kieling &#8211; 4,5 Meter gro&szlig;"},"content":{"rendered":"<p align=\"CENTER\"><span class=\"Apple-style-span\" style=\"font-size: medium;\"><em>Ein Essay von Francesco Lupo<\/em><\/span><\/p>\n<p>\u00a0Das ZDF hatte viel versprochen f&uuml;r diesen Abend. 4,5 Meter gro&szlig;e B&auml;ren wollten sie uns zeigen, 1300 kg schwer. Eine ansehnliche Hypothek, eingedenk der Tatsache, da&szlig; Ursus arctos, auch wenn er ausnahmsweise zu den Riesen zu z&auml;hlen ist, kaum 3 Meter mi&szlig;t. Kodiakb&auml;r vielleicht 700, Eisb&auml;r mit Winterspeck auch mal 1000 kg schwer. Aber 4,5 Meter? Und 1300 kg? Na, wir werden ja sehen.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Sonntagabend, 19 Uhr 30. Wir sahen! Den Tierfilmer Andreas Kieling, ein Narzi&szlig;, der uns in die Wildnis Alaskas entf&uuml;hrte und alle sofort verzauberte. Er versprach Abenteuer pur, Luft, die nach Salz schmeckt, Gefahr hinter jeder Brombeerhecke. Und jede Menge B&auml;ren.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Wer mag sie nicht, diese zotteligen Fellkn&auml;uel? Hineinw&uuml;hlen m&ouml;chte man sich, kraulen, streicheln. Da sehen wir Herrn Kieling im Flu&szlig; stehen, man f&uuml;hlt die Spannung k&ouml;rperlich, Gro&szlig;aufnahme, toll. Einen Moment sp&auml;ter sehen wir \u2013 ihn &#8211; hinter der Kamera, Gro&szlig;aufnahme, s a g e n h a f t. Ich liebe Tierfilme. Schnitt.<!--more--><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Herr K. im Boot, Herr K. beim Klettern, Herr K. tr&auml;gt ein Stativ, wir sind einfach weg vor Begeisterung. Pl&ouml;tzlich k&auml;mpfen W&ouml;lfe gegen ein Karibu, das Karibu gewinnt, die W&ouml;lfe humpeln von dannen. Ich mu&szlig; einr&auml;umen, der Kampf war unfair. Das blutr&uuml;nstige Karibu trug ein Geweih; die W&ouml;lfe nicht.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Wieder Herr Kieling, diesmal auf Skiern. Danach beim Filmen, Herr K. vorne, Herr K. hinten. Wie hei&szlig;t doch gleich die Sendung? Im Visier der Grizzly-Giganten! Wer war bisher im Visier? Herr Kieling mit seiner Ausr&uuml;stung. Er versteht es wie kein zweiter, Spannung aufzubauen; eben baut er schon mal die Kamera auf. Und mu&szlig; sogleich eine wilde Flucht vor eifers&uuml;chtigen Elchen ergreifen, die sich erdreisten, sich zwischen ihn und sein Arbeitsger&auml;t zu zw&auml;ngen. B&auml;ren hatten wir erwartet, keine Elche!<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Die ersten 10 Minuten sind vor&uuml;ber. Herr Kieling beim Positionieren des GPS; hat er sich jetzt verlaufen? Hoffentlich ist das auch im Kasten! Nun winkt Herr K. v&ouml;llig au&szlig;er Atem, und schon sitzt er im Flugzeug, Gro&szlig;aufnahme. Von der Landschaft, von B&auml;ren? Nein, vorerst leider nur von Herrn K.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Mit einemmal ist f&uuml;r 20 Sekunden ein B&auml;r im Bild! Niemand ist mehr &uuml;berrascht als Herr K. Das war nicht geplant, zur Strafe sofort wieder jede Menge Kieling. Er schaut durch ein Fernglas. Sind die B&auml;ren am Ende vielleicht doch etwas kleiner geraten? Jetzt erblickt man ihn zusammen mit einem Schwarzb&auml;ren, der &#8211; im Hintergrund, versteht sich \u2013 etwas scheu vor&uuml;berschleicht. Eine Gro&szlig;aufnahme hatte der nicht im Vertrag; die ist heute nur Herrn Kieling vorbehalten.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Und wieder der Tierfilmer beim Fischen, sein Begleiter Craig nickt stumm, w&auml;hrend Kieling starrt, Gro&szlig;aufnahme. K. beim Grillen, er und sein Freund Craig beim Essen. K. erkl&auml;rt der Kamera, wie gef&auml;hrlich das alles ist, sein Arbeitsger&auml;t ist schwer beeindruckt. Wie war doch noch mal der Titel: Grizzly-Giganten? Wieso regt sich der Zuschauer &uuml;berhaupt auf? F&uuml;r l&auml;cherliche 200.- Euro GEZ-Geb&uuml;hr im Jahr (400.- DM!) wird er doch nicht so naiv sein und erwarten, das zu sehen, was im Programm blumenreich angepriesen wird, oder doch?<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Endlich &#8211; f&uuml;r ein paar Sekunden &#8211; B&auml;ren beim Fischen, dann sogleich ein brachialer Schnitt auf Kieling im Segelboot, w&auml;hrend er uns Geographieunterricht erteilt. Daf&uuml;r sind wir ihm unendlich dankbar, hatten wir doch zuvor keine Ahnung, wo die Insel Kodiak liegen k&ouml;nnte. Wir assoziierten bei dem Namen eher Kleinbildfilme. Dabei spielt es auch keine gro&szlig;e Rolle, da&szlig;<em> <\/em>es, wie Eingeweihte glaubhaft versichern, auf Kodiak gar keine Grizzlies gibt.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">20 Minuten sind bereits vorbei. Kieling k&auml;mpft mit Wetter, Sturm, Wellen und seiner Eitelkeit. Wo <em>sind <\/em>denn nun die Riesen-B&auml;ren? Dort sind sie doch! Etwas schwer zu erkennen, weil Kieling und Craig uns dummerweise die Sicht versperren, indem sie im Vordergrund vor&uuml;berpaddeln \u2026<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Dieser Tierfilmer scheint ein bi&szlig;chen ungeschickt, denn bei den meisten Aufnahmen verdeckt er leider seine Motive mit seinem eigenen Konterfei. Welches Motiv Craig hatte, wissen wir nicht, denn er reist ab; der Tierfilmer bleibt allein zur&uuml;ck. Jetzt wird es ihm doch endlich gelingen, sein Versprechen einzul&ouml;sen und uns die ersehnten 4,5 Meter B&auml;ren zu zeigen. Schon geht es los. K. im Schlauchboot. Der Titel dieses Filmes k&ouml;nnte auch lauten: \u201aBewegliches Stilleben\u2019 mit Kieling!<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Wiederholt pirscht er sich an. Die Gefahr, in die er sich begibt, l&auml;&szlig;t uns bis in die Unterw&auml;sche erzittern.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Da! Die Sensation! Ein B&auml;r! Dahinter K., der jetzt mit F&uuml;chsen spielt. Nein, es sind keine 4,5 Meter F&uuml;chse, jammerschade. Die sind auch eher selten. Nicht so rar dagegen sind neuerdings Tierfilmer, die angesichts der eigenen Kamera v&ouml;llig vergessen, zu welchem Zweck sie diesen Beruf ergriffen haben&#8230;<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">K. steht auf einem Gipfel und sp&auml;ht &uuml;ber eine Bucht, was dem Szenario einen idyllischen Anstrich verpa&szlig;t. Sind sie dort, die 4,5 Meter B&auml;ren? Noch nicht, aber gleich. Erst steht K. noch im Wasser herum und repariert ein Segelboot. Wie hie&szlig; sie noch gleich, die Sendung? Das Boot? Und der Regisseur Wolfgang Petersen?<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Endlich Dramatik pur: K. i&szlig;t aus einem Topf Tomatensuppe! Danach philosophiert er direkt in die Kamera, wobei er mit dem einen Auge nach Norden blickt, w&auml;hrend sein anders den S&uuml;dpol zu erhaschen sucht.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">30 Minuten sind jetzt verstrichen. K. in Gro&szlig;aufnahme. Da! Ein Grizzly, der Muscheln i&szlig;t. Oder war\u2019s doch ein Kodiakb&auml;r? Weil er uns dar&uuml;ber, wie &uuml;ber vieles andere auch, im Unklaren l&auml;&szlig;t, ist die Spannung kaum mehr zu ertragen. Im Vordergrund sprich K. mit leiser Stimme. Pl&ouml;tzlich sind f&uuml;nf B&auml;ren im Bild. <strong>Ohne Kieling!<\/strong> Was ist geschehen? Haben sie ihn etwa \u2026? Sie kauen etwas. Aber das hat Gott sei Dank keine Hosen an. Sondern Schuppen. Die B&auml;ren essen Lachse. Unglaublich.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Gro&szlig;aufnahme: Nat&uuml;rlich K, jetzt <em>erz&auml;hlt<\/em> er von B&auml;ren. Wie sie aussehen, was sie so treiben. Warum nur <em>zeigt<\/em> er sie uns nicht, wie versprochen? Dabei schleppt er ein Stativ. Was auch sonst? Ich meine, das Zubeh&ouml;r eines Tierfilmers ist begrenzt. Und tr&auml;te er ohne ein Utensil vor seine Kamera, k&ouml;nnte ihn der eine oder andere kritische Zeitgenosse f&uuml;r einen rothaarigen gnadenlos rampengeilen Selbstdarsteller halten.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Das aber kann man so nicht stehen lassen; schlie&szlig;lich ist er dunkelblond! Und hat laut ZDF nur eines im Sinn: Uns mit au&szlig;ergew&ouml;hnlichen Tieraufnahmen zu begl&uuml;cken. Vielleicht gelingt ihm das. Eines Tages. In ferner Zukunft.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Schon wieder Kieling. beim Filmen, <em>dahinter<\/em> eine B&auml;rin mit vier Jungen. Im Verh&auml;ltnis zu K. sind die B&auml;ren winzig, was die Anspannung ins Unertr&auml;gliche schraubt. K. verspricht eine Sensation und zeigt: Sich! Beim Sonnenuntergang. Pl&ouml;tzlich jede Menge B&auml;ren, f&uuml;r Sekunden nur, dann ein abrupter Schnitt: K. im Zelt. Die Dramatik nimmt weiter zu. Ich meine, was ist schon ein banaler Filmausschnitt eines 4,5 Meter B&auml;ren gegen einen Herrn Kieling in Gro&szlig;aufnahme?<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">K. im Flu&szlig;. K. am Kadaver eines B&auml;ren, er fragt uns, was diesen B&auml;ren get&ouml;tet haben k&ouml;nnte. Er fragt <em>uns<\/em>! Ich empfinde das als albern, schlie&szlig;lich sind nicht wir, sondern Herr Kieling ist auf Kodiak, wie wir im Verlaufe des heutigen Abends schon ein oder zwei Mal \u2013 ansatzweise &#8211; sehen mu&szlig;ten. In Gro&szlig;aufnahme.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Kieling erkl&auml;rt mit ernster Miene, was ohnehin jeder wei&szlig;: Da&szlig; B&auml;ren gef&auml;hrlich sind und man sich ihnen nicht n&auml;hern soll. Er aber tut es. Immer wieder, immer n&auml;her. Als der Kolo&szlig; schlie&szlig;lich genervt angreift, rennt K. um sein bi&szlig;chen Leben und versucht, den B&auml;r auf amerikanisch zu vertreiben; Kodiak ist eine US- amerikanische Insel, wie wir erfahren durften. Als das nicht fruchtet, versucht er es auf deutsch. Dabei verdeckt er \u2013 rein zuf&auml;llig &#8211; das, weswegen wir heute abend den Fernseher eingeschaltet haben. Denn jener B&auml;r, den Kieling vielsprachig zu verjagen hofft, ist kaum zu erkennen. Blo&szlig; etwas Fell. Vielleicht sollten wir Herrn K. einmal verraten, wo sich bei einer Kamera Okular und Objektiv befinden?<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Wieder Nahaufnahme von K. Endlich steht er den z&auml;hnefletschenden Giganten gegen&uuml;ber. 4,5 Meter messen sie zwar nicht ganz, auch wiegen sie keine 1,3 Tonnen. Leider. Im Vertrauen: Es sind exakt jene B&auml;ren, die wir schon hundertmal gesehen haben, in anderen, in besseren, spannenden &#8211; in <strong>richtigen<\/strong> Tierfilmen. Aufgerichtet etwas &uuml;ber 2,5 Meter hoch, 300 kg schwer. Aber verraten wir es dem Kieling nicht, der glaubt n&auml;mlich allen Ernstes, er sei der erste, der sie auf Zelluloid bannt. Um korrekt zu sein: Der sich selber filmt und ihnen gestattet, hinter ihm vor&uuml;berzuziehen. Und das \u201aein&auml;ugige\u2019 ZDF hat uns eine glatte Tonne B&auml;r unterschlagen.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Immerhin ist Herr K. jetzt volle 1 \u00bd Minuten am St&uuml;ck nicht zu sehen! Eine Erholung. Dann ist der Film aus. Halt, noch nicht ganz. K. l&auml;uft noch einmal auf Skiern durchs Bild, ganz nah kommt er uns. Am Ende einer jeden Sendung von &#8211; und vor allem <strong>mit<\/strong> &#8211; Andreas Kieling wissen wir &uuml;ber den Tierfilmer alles, kennen die Poren in seinem ger&ouml;teten Gesicht und seine Vorlieben in Sachen Verpflegung, w&auml;hrend wir &uuml;ber die Objekte unserer Begierde weiterhin im Ungewissen bleiben m&uuml;ssen.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Unwillk&uuml;rlich denken wir an den ungl&uuml;cklichen Steve Irwin, der den Preis f&uuml;r sein unvorsichtiges Handeln bezahlen mu&szlig;te, indem er bei einer seiner zahllosen Selbstdarstellungen von einem Stachelrochen aufgespie&szlig;t wurde.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Da der Zuschauer mit Sendungen wie z. B. dem gro&szlig;artigen Sechsteiler der ARD ,<em><strong>Erlebnis Erde\u2019<\/strong><\/em> &#8211; dessen qualifizierte Tierfilmer uns Tiere und Landschaft zeigen, <span style=\"text-decoration: underline;\"><strong>sonst nichts<\/strong><\/span> &#8211; nur sp&auml;rlich verw&ouml;hnt wird, wollen wir nur hoffen, da&szlig; der n&auml;chste Tierfilm aus Alaska oder von der Insel Kodiak nicht von einem B&auml;ren gedreht werden mu&szlig;; weil jener, dem die Ausr&uuml;stung zu Lebzeiten geh&ouml;rte, verhindert ist \u2026<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Seine Fans w&auml;ren traurig. Alle beide.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">\n<p align=\"JUSTIFY\">\n<p align=\"JUSTIFY\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Essay von Francesco Lupo \u00a0Das ZDF hatte viel versprochen f&uuml;r diesen Abend. 4,5 Meter gro&szlig;e B&auml;ren wollten sie uns zeigen, 1300 kg schwer. 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