{"id":5366,"date":"2011-09-30T00:01:52","date_gmt":"2011-09-29T22:01:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=5366"},"modified":"2011-09-18T10:50:34","modified_gmt":"2011-09-18T08:50:34","slug":"atommullentsorgung-im-weltall-wohin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2011\/09\/30\/atommullentsorgung-im-weltall-wohin\/","title":{"rendered":"Atomm&uuml;llentsorgung im Weltall &#8211; wohin?"},"content":{"rendered":"<p>Ich habe mich ja schon mal mit dem <a href=\"http:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2009\/10\/15\/atommuellentsorgung-im-all\/\" target=\"_blank\">Thema <\/a>besch&auml;ftigt, mehr von einem praktischen Gesichtspunkt aus. Heute ein mehr theoretischer Exkurs. Die Idee Atomm&uuml;ll im Weltraum zu entsorgen ist ja nicht neu. Es gab sie schon in den Siebzigern. Damals ging man sogar davon aus, dass es sich lohnt. Das ist nat&uuml;rlich begrenzt auf den richtig hochradiokativen Atomm&uuml;ll, also abgebrannte Brennst&auml;be, die aufgearbeitet wurden und eben das Material das dann noch &uuml;blich bleibt. Also das was bei uns auch im Endlager lagern soll. Das sind in Deutschland rund 16 t pro Jahr, also eine Menge die wir heute mit Tr&auml;gerraketen ins All bringen k&ouml;nnen. Der gesamte leichtradioaktive und mittelradioaktive Abfall m&uuml;sste zuerst aufgearbeitet und konzentriert werden. Das ist wahrscheinlich nicht lohnend und seine Radioaktivit&auml;t ist auch deutlich geringer.<\/p>\n<p>Neben der Menge ist ein wichtiges Kriterium, wie lange man es lagern muss. Die h&auml;ufigste Zeit die ich vernommen habe sind 240.000 Jahre, das sind 10 Halbwertszeiten des langlebigsten Isotops im M&uuml;ll, Plutonium-239 von 24110 Jahren, bei dem die Radioaktivit&auml;t auf ein Tausendestel (genau <sup>1<\/sup>\/<sub>2<\/sub><sup>10<\/sup>\u00a0 = <sup>1<\/sup>\/<sub>1024<\/sub>) absinkt. Jede L&ouml;sung im All muss also mindestens &uuml;ber diese Zeit stabil sein, sprich es muss gew&auml;hrleistet sein, dass in dieser Zeit der M&uuml;ll nicht mehr zur Erde zur&uuml;ckkommt.<!--more--><\/p>\n<p>Prinzipiell gibt es drei L&ouml;sungen:<\/p>\n<ul>\n<li>Wir lagern es in Umlaufbahnen um die Erde oder Sonne, die &uuml;ber diese Zeit stabil sind<\/li>\n<li>Wir lassen es hart auf einem Himmelsk&ouml;rper aufschlagen, der weit genug von uns weg ist.<\/li>\n<li>Wir bringen es auf einen Kurs bei dem es nie mehr zu uns zur&uuml;ckkommt.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Fangen wir mal mit dem ersten an. Das naheliegendes sind Erdumlaufbahnen. Ganz nahe Erdumlaufbahnen sind nicht gut geeignet. Die Atmosph&auml;re bremst hier alles in auch f&uuml;r menschliche Ma&szlig;st&auml;be kurzer Zeit ab. So wurde z.B. ROSAT 1990 in eine 580 km hohe Umlaufbahn gestartet. Ohne Korrekturm&ouml;glichkeiten sank er langsam immer weiter ab und steht nun 21 Jahre sp&auml;ter vor dem Wiedereintritt. Allerdings nimmt die Dichte der Atmosph&auml;re und damit ihr Abbremseffekt schnell ab, wenn man sich weiter von der Erde entfernt. Der passive Erdvermessungssatellit Lageos wurde bewusst in eine Umlaufbahn gestartet, die sehr geringen St&ouml;rungen unterworfen ist, weil man durch Vermessung der Signallaufzeit von Laserstrahlen die Erdgestalt genau vermessen wollte. Seine Bahnh&ouml;he von 6.000 km sollte &uuml;ber 8 Millionen Jahre stabil sein, wesentlich l&auml;nger als die 240.000 Jahre die gefordert sind.<\/p>\n<p>Entfernt man sich noch weiter von der Erde, so wird ihr Einfluss kleiner und andere St&ouml;reinfl&uuml;sse, wie die von Mond und Sonne nehmen zu und die Lebensdauer nimmt wieder ab.<\/p>\n<p>In den siebziger Jahren erschienen niedrige Umlaufbahnen als eine tolle L&ouml;sung, denn sie sind mit geringem Geschwindigkeitsbedarf erreichbar (f&uuml;r eine 6.000 km h&ouml;he Kreisbahn ben&ouml;tigt man aus einem 200 km Orbit nur zwei Man&ouml;ver mit zusammen 2,1 km\/s zus&auml;tzlicher Geschwindigkeit) und das noch schnell. Damals waren das Vorteile, denn wer wei&szlig; ob der heutige Atomm&uuml;ll dann nicht ein wertvoller Rohstoff ist (schon heute kann man ja in schnellen Br&uuml;tern aus Abfall Energie gewinnen, nur ist diese Technologie doch recht umstritten). Heute spricht die zunehmende Verschmutzung des Weltraums mit Schrott gegen diese &Uuml;berlegungen. Die NASA hatte diese M&ouml;glichkeit bei einer Studie daher auch nur auf Platz 5 gesetzt, wobei sie bewusst eine h&ouml;here Umlaufbahn in 55.000 km (jenseits der Umlaufbahn von GEO-Satelliten) als Ziel ansetzte.<\/p>\n<p>Die Alternative sind Sonnenumlaufbahnen. Sofern diese die Erdbahn nicht kreuzen, besteht keine Kollisionsgefahr, jedoch ver&auml;ndern dann auch die anderen Planeten die Umlaufbahn &uuml;ber geologische Zeitr&auml;ume. Die NASA hielt eine Umlaufbahn zwischen Erde und Venus f&uuml;r eine gute L&ouml;sung. Erde und Venus sind ungef&auml;hr gleich schwer, ihr Einfluss ist also bei gleichem Abstand gleich gro&szlig;, was diese Umlaufbahn stabilisieren sollte. Bei einer Bahn zwischen Erde und Mars muss diese deutlich n&auml;her beim Mars liegen und bedingt durch die schweren Planeten jenseits von Mars besteht dann eher die M&ouml;glichkeit, dass der M&uuml;ll auf den Mars auftrifft. Die NASA Referenzbahn in 0,85 AE Entfernung w&auml;re &uuml;ber mindestens 1 Million Jahre stabil und erfordert einen Energieaufwand von 4,6 km\/s zur Shuttle Umlaufbahn (3,3 km\/s um die Erde zu verlassen und 1,3 km\/s um die Bahn zu zirkularisieren). Das ist nicht viel mehr als f&uuml;r eine 55.000 km hohe Erdumlaufbahn (4 km\/s), allerdings kommt man nun nicht mehr so einfach an den M&uuml;ll heran. Er w&auml;re dann wirklich f&uuml;r immer weg. Sie war der Sieger der NASA Selektion bei den M&ouml;glichkeiten.<\/p>\n<p>Platz 4 der NASA Untersuchung war eine Mondumlaufbahn, die etwas h&ouml;here Geschwindigkeiten (4,25 km\/s), mindestens drei Schubman&ouml;ver erfordert und bei der es Bedenken hinsichtlich der Langzeitstabilit&auml;t gab.<\/p>\n<p>Das leitet &uuml;ber zu den zweiten M&ouml;glichkeiten. Er entspricht so dem menschlichen Prinzip den M&uuml;ll woanders (Wald, Nachbarn) einzuladen. Das naheliegendste ist der Mond. Mit 3,1 km\/s mehr zur Erdumlaufbahn bringt man M&uuml;ll auf einen Kollisionskurs. Er schl&auml;gt drei Tage sp&auml;ter mit rund 2,5 km\/s auf dem Mond auf. Das Problem ist dabei, dass Teile davon auch die Mondfluchtgeschwindigkeit erreichen und wieder auf der Erde landen k&ouml;nnen. So kamen wir auch zu Meteoriten vom Mond. Also m&uuml;sste man es weich landen, wobei man das dann besser auf der R&uuml;ckseite macht, dann treffen uns nicht mal die Strahlen und wenn er durch Meteoriten besch&auml;digt wird, ist die Gefahr auch geringer. Dazu ben&ouml;tigt man rund 6,1 km\/s und es sind mindestens f&uuml;nf Man&ouml;ver n&ouml;tig. Bei den anderen M&ouml;glichkeiten waren es nur zwei. Zudem ist es organisatorisch sehr aufwendig: Auf der Mondr&uuml;ckseite hat man keinen direkten Funkkontakt. Die NASA Studie sie auf Platz 2 ein. Das Depot w&auml;re dann in ferner Zukunft leicht erreichbar und man k&ouml;nnte den M&uuml;ll leicht wieder bergen.<\/p>\n<p>Die Gefahr das was bei einer direkten Kollision zur&uuml;ckkommt besteht auch beim Mars. Bei der Venus ist sie durch die dichte Atmosph&auml;re nicht gegeben. Dorthin ben&ouml;tigt man nur 3,5 km\/s, aber damit man sie gezielt erreicht, muss man die Bahn aktiv ver&auml;ndern. Die anderen Planeten (Jupiter, Saturn, Uranus und Neptun) erfordern noch h&ouml;here Geschwindigkeiten und auch Reisezeiten und auch hier muss die Bahn &uuml;ber Jahre aktiv kontrolliert werden.<\/p>\n<p>Die Kollision mit der Sonne selbst erfordert noch deutlich h&ouml;here Geschwindigkeiten und eine gute Abschirmung, schlie&szlig;lich will man verhindern, dass der Atomm&uuml;ll vorher verdampft und in einer Umlaufbahn welche die Erde streift, wieder auskristallisiert. Die 24 km\/s die man heute ben&ouml;tigt, sind heute technisch nicht erreichbar. Daf&uuml;r w&auml;re nur ein Schubman&ouml;ver n&ouml;tig. M&ouml;glich ist der Umweg &uuml;ber Jupiter, also Jupiter lenkt die Bahn so um, dass der M&uuml;ll in die Sonne st&uuml;rzt. Nur kann man ihn dann auch gleich in den Jupiter st&uuml;rzen lassen. Zum Jupiter ben&ouml;tigt man rund 6,6 km\/s relativ zu einer niedrigen Erdumlaufbahn. Der direkte Sturz in die Sonne kam so nur auf Platz 6 bei der erw&auml;hnten NASA Untersuchung.<\/p>\n<p>Das letzte ist der Weg auf Nimmerwiedersehen. Wir kennen das ja auch auf der Erde. Einfach den M&uuml;ll auf hoher See mal kurz auskippen&#8230;. Damit dies klappt, muss man nicht nur die Fluchtgeschwindigkeit der Erde &uuml;berwinden (sonst erreicht man nur eine Sonnenumlaufbahn, welche regelm&auml;&szlig;ig die Erdbahn kreuzt), sondern die Fluchtgeschwindigkeit aus dem Sonnensystem. Das sind rund 8,8 km\/s relativ zur Erde. Dann verschwindet der M&uuml;ll wirklich f&uuml;r immer, vielleicht landet er mal auf einem anderen Stern, aber viel wahrscheinlicher ist, dass er seine Runde um das Zentrum der Galaxis zieht. Der Riesenvorteil dieses Konzepts, ist das nur ein Schubman&ouml;ver n&ouml;tig ist also, die Z&uuml;ndung in der Erdumlaufbahn. Eine einfache Raketenstufe reicht aus, w&auml;hrend bei allen anderen Man&ouml;vern mindestens eine weitere Z&uuml;ndung nach Stunden bis Monaten erforderlich ist. Das vereinfacht vieles und macht es auch billiger und zuverl&auml;ssiger. Diese M&ouml;glichkeit kam auf Platz 3 bei den NASA Untersuchungen.<\/p>\n<p>Hier nochmal eine Zusammenfassung der M&ouml;glichkeiten. Zu den Geschwindigkeiten ist zu sagen, dass 4 km\/s in etwa einer Reduktion der Nutzlast auf ein Viertel entspricht. Entsprechend sinkt sie bei h&ouml;heren Geschwindigkeiten leicht exponentiell ab. Die bisher h&ouml;chste Geschwindigkeit die eine Raumsonde direkt von der Erde aus erreichte waren 16,9 km\/s bei New Horizons. Das sind 9,1 km\/s mehr in einer Erdumlaufbahn. Die Nutzlast der Atlas 551 nahm dabei von 20.520 kg in eine Erdumlaufbahn auf rund 490 kg ab.<\/p>\n<table class=\"style5\" cellpadding=\"2\">\n<tbody>\n<tr>\n<th class=\"style4\">Beschreibung<\/th>\n<th class=\"style4\">Platz<\/th>\n<th class=\"style4\">Geschwindigkeit<\/th>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Sonnenumlaufbahn zwischen Erde und Venus in 127,2 Millionen km Entfernung<\/td>\n<td>1<\/td>\n<td class=\"style3\">4,60 km\/s<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Depot auf der abgewandten Mondoberfl&auml;che<\/td>\n<td>2<\/td>\n<td class=\"style3\">6,05 km\/s<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Fluchtgeschwindigkeit aus dem Sonnenumlaufbahn<\/td>\n<td>3<\/td>\n<td class=\"style3\">8,80 km\/s<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Mondumlaufbahn<\/td>\n<td>4<\/td>\n<td class=\"style3\">4,25 km\/s<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Erdumlaufbahn in 55.000 km H&ouml;he<\/td>\n<td>5<\/td>\n<td class=\"style3\">4,00 km\/s<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Direkter Sturz in die Sonne<\/td>\n<td>6<\/td>\n<td class=\"style3\">24,00 km\/s<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p class=\"style2\">Quelle: \u00a0<a class=\"style1\" href=\"http:\/\/ntrs.nasa.gov\/search.jsp?R=19820004016&amp;hterms=nuclear+waste&amp;qs=Ntx%3Dmode%2520matchall%26Ntk%3DTitle%26Ns%3DLoaded-Date%7C1%26N%3D4294129243%26Ntt%3D%2522nuclear%2520waste%2522\" rel=\"nofollow\">Analysis of space systems study for the space disposal of\u00a0nuclear\u00a0waste\u00a0study report.<\/a> (mehrere B&auml;nde)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich habe mich ja schon mal mit dem Thema besch&auml;ftigt, mehr von einem praktischen Gesichtspunkt aus. 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