{"id":5411,"date":"2011-10-10T00:41:36","date_gmt":"2011-10-09T22:41:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=5411"},"modified":"2011-10-09T11:06:44","modified_gmt":"2011-10-09T09:06:44","slug":"kleinvieh-macht-auch-mist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2011\/10\/10\/kleinvieh-macht-auch-mist\/","title":{"rendered":"Kleinvieh macht auch Mist"},"content":{"rendered":"<p>Ihr wisst ja, ich bin ein Ionentriebwerk-Fan. Ich denke pragmatisch und sie sind verf&uuml;gbar, haben das Potential viel Treibstoff einzusparen und sie teilen etwas mit Unix\/Linux: Sie sind die Triebwerke\/das Betriebssystem der Zukunft &#8211; und das schon seit 40 Jahren &#8230;.<\/p>\n<p>Also Zeit sie behutsam einzuf&uuml;hren. Da fiel mir wieder etwas ein. Heutige Planetensonden haben eine sehr gro&szlig;z&uuml;gige Stromversorgung. Sie muss dem Rechnung tragen, dass alle Systeme zur Stromversorgung im Laufe der Zeit weniger Leistung liefern und vor allem alle F&auml;lle abgedeckt werden m&uuml;ssen, also z.B. der Betrieb mehrerer Instrumente zur gleichen Zeit und eine Dehnung des K&ouml;rpers. W&auml;hrend des Flugs zum Planeten ist eine Raumsonde aber weitgehend inaktiv und die Instrumente abgeschaltet und es gibt kaum Kommunikation mit der Erde &#8211; die nicht ben&ouml;tigte Leistung liegt brach.<!--more--><\/p>\n<p>Warum nicht diese f&uuml;r ein Ionentriebwerk nutzen? Sicher ist es nicht viel f&uuml;r diese stromhungrigen Triebwerke, aber die Reisezeiten k&ouml;nnen Jahre betragen. &Uuml;ber Jahre hinweg macht ein kleiner Schub auch einen gro&szlig;en Impuls. Warum nicht diese &uuml;bersch&uuml;ssige Leistung nutzen. Also mal einen Fall durchspielen.<\/p>\n<p>New Horizons ben&ouml;tigt 9,5 Jahre um von der erde zu Pluto zu kommen. Die Startgeschwindigkeit von der Erde betrug sensationelle 16,9 km\/s, was schon ohne die Passage von Jupiter &uuml;ber der Fluchtgeschwindigkeit des Sonnensystems liegt. Daf&uuml;r wiegt die Sonde aber auch weniger als 500 kg. Die Atlas 551 h&auml;tte &uuml;ber 20 t in eine LEO Bahn bef&ouml;rdern k&ouml;nnen.<\/p>\n<p>Hier nun ein Plan f&uuml;r &#8222;Ionentriebwerke im Kleinen&#8220;. Die Idee ist ganz einfach: Ein Ionentriebwerk wird dauernd betrieben. Aber nur mit dem Strom, der w&auml;hrend der Reise zur Verf&uuml;gung steht. New Horizons startet mit einer Anfangsleistung von 245,7 Watt die bis Pluto auf 202 Watt sinkt. Im Mittel stehen also 224 Watt zur Verf&uuml;gung. Sie ben&ouml;tigt w&auml;hrend der Cruise Phase rund 155 Watt. Rechnen wir 159 Watt, da diese auch ab und an von Kommunikationssessions unterbrochen ist. So werden 65 Watt an Leistung zur Verf&uuml;gung stehen. Das ist nicht viel. Es ist weitaus weniger als die kleinsten Ionentriebwerke ben&ouml;tigen. Doch man kann auf Basis eines existierenden Triebwerks ein neues konstruieren:<\/p>\n<table class=\"style1\">\n<tbody>\n<tr>\n<th>Bezeiechnung<\/th>\n<th>RIT-10 (existent)<\/th>\n<th>RIT-4 (hypothetisch)<\/th>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Gewicht:<\/td>\n<td>1,2 kg<\/td>\n<td>0,5 kg<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Leistungsaufnahme<\/td>\n<td>275 Watt<\/td>\n<td>&lt;65 Watt<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Schub:<\/td>\n<td>0,01 N<\/td>\n<td>&lt;0,0023 N<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Ausstr&ouml;mgeschwindigkeit<\/td>\n<td>38.500 m\/s<\/td>\n<td>38.500 m\/s<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Treibstoffverbrauch:<\/td>\n<td>0,32 mg\/s<\/td>\n<td>0,075 mg\/s<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dieses Triebwerk wird wenn es neun Jahre lang betrieben wird nur rund 21,2 kg Treibstoff verbrauchen. Sehr wenig. Doch wenn man f&uuml;r das ganze System (mit Treibstofftanks, Spannungskonverter etc.) 30 kg rechnet und so von einer beim Start 508 kg schweren Raumsonde ausgeht, so sind dies einer Geschwindigkeitssteigerung um 1.600 m\/s. Das bedeutet, dass man entweder eine kleinere Tr&auml;gerrakete ben&ouml;tigt (die kleinste Version der Atlas V (401) h&auml;tte ausgereicht), oder man die Reisedauer bedeutend absenken kann.<\/p>\n<p>Warum macht man es nicht? Nun neben der der Raumfahrt inh&auml;renten Beharrlichkeit und des konservativen Denkens, ist es auch nicht ohne Risiko. Beim chemischen Antrieb ist es relativ einfach. Nach wenigen Stunden steht die Bahn fest. Sie kann vorausberechnet werden und Abweichungen k&ouml;nnen durch kleine Korrekturen vorgenommen werden. Dagegen ver&auml;ndert ein Ionentriebwerk dauernd den Kurs. Wenn es kurzzeitig ausf&auml;llt oder pausieren muss, so muss man dies kompensieren. Ansonsten ist der Pluto wenn seine Bahn kreuzt wird nicht dort wo er sein sollte. Doch auch daf&uuml;r gibt es L&ouml;sungen. Man setzt eben einfach nur einen Teil der Zeit die zur Verf&uuml;gung steht f&uuml;r den Betrieb an, also z.B. nur 7 von 8 Jahren. Wenn alles erfolgreich lief, so verzichtet man einfach auf ein Jahr Betriebszeit. Ansonsten nutzt man das letzte Jahr. Nat&uuml;rlich ist dies sehr vereinfachend dargestellt, da in der Praxis sich laufend Geschwindigkeit und Ort &auml;ndern und man so den Kurs laufend neu berechnen muss, doch genauso ist man auch bei Dawn verfahren. Als die Raumsonde startete gab man als Ankunftsdatum bei Vesta den August 2011 an. Tats&auml;chlich erreichte die Raumsonde schon am 15.7.2011 den Planetoiden. Das Triebwerk konnte also den Ankunftszeitraum verschieben und erlaubt so auch ein sp&auml;teres Verlassen von Vesta (Juli 2012 anstatt Mai 2012).<\/p>\n<p>Es ist also Stand der Technik. Einsetzbar w&auml;re es bei allen Missionen bei denen sehr lange Reisezeiten vorliegen wie ins &auml;u&szlig;ere Sonnensystem oder zu Merkur. Auch f&uuml;r Messenger w&auml;re es eine Option gewesen, ja dort angesichts der nahe der Sonne schnell zunehmenden Leistung der Solarzellen sogar noch effektiver. Wegen des nur geringen Geschgwindigkeitsbedarfs f&uuml;r Venus und Mars ist es dort sinnlos, aber man kann ein Ionentriebwerk nutzen um den sonnenn&auml;chsten Punkt anzuheben (Mars) oder den sonnenfernsten Punt abzusenken (Venus), w&auml;hrend man zum Planeten fliegt. Der Nutzen liegt dann darin, dass die Differenzgeschwindigkeit um in einen Orbit einzuschwenken dann kleiner ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ihr wisst ja, ich bin ein Ionentriebwerk-Fan. Ich denke pragmatisch und sie sind verf&uuml;gbar, haben das Potential viel Treibstoff einzusparen und sie teilen etwas mit Unix\/Linux: Sie sind die Triebwerke\/das Betriebssystem der Zukunft &#8211; und das schon seit 40 Jahren &#8230;. Also Zeit sie behutsam einzuf&uuml;hren. Da fiel mir wieder etwas ein. 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