{"id":5440,"date":"2011-10-15T00:54:41","date_gmt":"2011-10-14T22:54:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=5440"},"modified":"2011-10-13T19:56:33","modified_gmt":"2011-10-13T17:56:33","slug":"das-iss-gewurstel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2011\/10\/15\/das-iss-gewurstel\/","title":{"rendered":"Das ISS Gewurstel"},"content":{"rendered":"<p>Eigentlich sollte man annehmen, wenn man 20 Jahre an einem Projekt plant. Dann wird das auch was. Doch bei der ISS gilt wohl eher ein anderes Motto: zu viele K&ouml;che verderben den Brei.<\/p>\n<p>Mal eine kleine Zusammenfassung. Das was wir heute als ISS kennen, wurde 1984 aus der Taufe gehoben. Das Shuttle war nun operationell geworden, es konnte an das n&auml;chste Projekt gehen, einer amerikanischen Raumstation. Doch sehr bald geriet &#8222;Freedom&#8220;, wie das Projekt im kalten Krieg hie&szlig;, in Schieflage. Zuerst war der urspr&uuml;ngliche Plan nach dem Challengerungl&uuml;ck nicht zu halten. Er setzte zahlreiche Montagevorg&auml;nge im All voraus und diese erschienen nun als zu riskant.<!--more--><\/p>\n<p>Dann wurde die Station zu teuer und es stand mehrmals auf der Kippe. Die Wende kam, als man bei der NASA auf den Dreh kam die Russen mit ins Boot zu holen. Zwei russische Module sollten ein Antriebsmodul und Wohnmodul der USA ersetzen. Da diese auch Finanzn&ouml;te hatten, war dies die M&ouml;glichkeit ihre Mir-2 fertigzustellen. So wurde daraus eine US-russische Raumstation. Drei Jahre sp&auml;ter kamen dann noch Japan und Europa dazu, die sich schon an Freedom beteiligen wollten. W&auml;hrend die Zusammenarbeit bei der Konzeption der Station mit Japan und der ESA noch gut lief &#8211; sie stellten Elemente f&uuml;r die Station als Kompensation f&uuml;r den Transport der Labore mit dem Shuttle her, gab es von Anfang an einen Sollbruchpunkt bei Russland. Die Raumstation ist n&auml;mlich nicht so sehr international, sondern eher eine Verbindung einer russischen Raumstation mit einem westlichen Teil. Russland hat eine eigene Ausstiegslucke, eigene Ankopplungspunkte, und sie sollen es nat&uuml;rlich selbst ausbauen. Sie haben auch das Recht auf ihrer Station und Wohnkabinen f&uuml;r ihre zwei Astronauten &#8211; und nutzten das auch aus, um Weltraumtouristen zu bef&ouml;rdern, welche die NASA nicht auf der ISS haben wollte.<\/p>\n<p>Das es mit Russland nicht richtig lief zeigte sich schon w&auml;hrend noch an der Station gebaut wurde. Die NASA musste Gelder zuschie&szlig;en, damit das zweite Modul rechtzeitig fertig wurde. Die russischen Module wurden nach und nach gestrichen und auf eines reduziert, das nun 15 Jahre nach dem restlichen endlich ins All gebracht werden soll. Doch sollte sich die NASA nicht beschweren, denn schon vor Columbia dachte sie selbst schon wegen den explodierenden Kosten die Station nur im Kern fertigzustellen und als die Columbia verloren ging, wurden ein Forschungsmodul, das einzige reine Wohnmodul und das Gef&auml;hrt zur Rettung der Crew gestrichen.<\/p>\n<p>Genauso wenig stimmte man sich bei den Transporten ab. Im Prinzip war klar, dass Russland ihre Sojus\/Progress einsetzen w&uuml;rde und die USA ihre Shuttles, die ja neben der Mannschaft auch bis zu 17 t Fracht zur Station bringen konnten. Sie existierten und waren erprobt. Die anderen beiden Juniorpartner bekamen dann nur die Vorgaben, was sie bringen sollten &#8211; und jeder entwickelte einen eigenen Transporter. Sinnvoll w&auml;re wohl eher eine Zusammenarbeit und ein gemeinsamer Transporter. Vor allem weil f&uuml;r Europa und Japan ja die Zahl ihrer Fl&uuml;ge begrenzt ist.<\/p>\n<p>Als die Columbia vergl&uuml;hte, w&auml;re erneut Gelegenheit gewesen, das Transportsystem zu &uuml;berdenken, denn nun fiel ja das Space Shuttle aus. Das hei&szlig;t auch, die USA ben&ouml;tigten einen eigenen Transporter. Man sollte nun annehmen, dass die ISS als 100 Milliarden Euro Projekt wichtig genug ist, als dass man diese Frage nicht auf die lange Bank schiebt und vor allem damit auch jemanden betraut, der sein Gesch&auml;ft versteht. Doch was macht die NASA? Anstatt Lockheed-Martin und Boeing zu beauftragen, welche den (zumindest in meinen Augen nicht ganz unsinnigen Vorschlag) hatten, einfach angepasste Versionen des ATV und HTV mit US-Tr&auml;gern zu starten, also schon existierende und verf&uuml;gbare Transporter und Tr&auml;ger zu nutzen, gibt man erstmals zwei Entwicklungsauftr&auml;ge an zwei Firmen, die bis dahin im Raumfahrtgesch&auml;ft noch nichts bewegt hatten: SpaceX und Rocketplane-Kistler. Sie hatten beide weder einen verf&uuml;gbaren Transportern noch eine Tr&auml;gerrakete. Bis die NASA nach einigen Monaten merkte, das Rocketplane-Kistler pleite war und sie dann ein Jahr sp&auml;ter den Auftrag nochmals an OSC vergab. Das war &uuml;brigens 2006, also gute drei Jahre nachdem die Columbia verloren ging &#8211; Fehler Nummer zwei, dadurch verliert man wertvolle Zeit.<\/p>\n<p>Erst kurz vor Jahresende 2008, also nochmals einige Jahre sp&auml;ter wurden dann die eigentlichen Transportvertr&auml;ge vergeben (vorher waren es ja nur Entwicklungsauftrage). Nat&uuml;rlich an dieselben Firmen &#8211; das wundert nun sicher keinen mehr. Was man in der Summe hat ist eine Reduktion der Versorgung von 4 Shuttlefl&uuml;gen pro Jahr (jeweils f&uuml;r &uuml;ber 10 t Nettofracht gut) auf 5-6 Versorgungsfl&uuml;ge von OSC und SpaceX pro Jahr mit einer Gesamtkapazit&auml;t von 8 t, also weniger als einem Shuttletransport. Was dann passiert, wenn eine der beiden Firmen ausf&auml;llt kann man sich ja denken.<\/p>\n<p>Noch lustiger ist, dass bisher das kommerzielle Crew Transportprogramm, das nochmals zwei Jahre sp&auml;ter initiiert wurde, bisher nur Auftr&auml;ge f&uuml;r Vorentwicklungen vergab, aber noch keinen f&uuml;r ein Raumfahrzeug. Rechnet man optimistisch mit einer Vergabe 2012 und einen realistischen Rahmen von mindestens 5-6 Jahren f&uuml;r die Entwicklung eines Raumfahrzeugs, so wird es nicht vor 2017\/18 zur Verf&uuml;gung stehen, wenn sich selbst die verl&auml;ngerte Betriebsdauer der ISS zum Ende neigt. Aber die Orion, an der man seit 2006 arbeitet, darf nicht zur ISS.<\/p>\n<p>Kalt erwischt hat die Verl&auml;ngerung auch die ESA, die nicht mehr ATV bestellt hat als die bis 2015 ben&ouml;tigte, aber auch verzichtete Vorzusorgen, dass man weitere bauen kann. Dazu kommt, dass die NASA nun wegen einer h&ouml;heren Umlaufbahn weniger Treibstoff ben&ouml;tigt, der Hauptfracht des ATV, also auch so ein Problem sich ergibt. Die einzigen Profiteure sind die Russen, die nun Sojusfl&uuml;ge anbieten k&ouml;nnen und damit gutes Geld verdienen.<\/p>\n<p>Die Betriebszeit der ISS wurde verl&auml;ngert, bis 2020, manche planen sogar bis 2028, doch daf&uuml;r gibt es keine Langzeitplanungen. Doch was ich vermisse: Wie sieht es mit Ersatz aus? Ersatz f&uuml;r Systeme die defekt sind, bis hin zu Modulen die ja auch ausfallen k&ouml;nnen (siehe Mir). Schlussendlich wird die Station l&auml;nger betrieben werden als jede vor ihr. Geplant war mal ein Betrieb bis 2015, was 17 Jahre f&uuml;r das &auml;lteste Modul sind, schon ein Jahr mehr als bei Mir. Nun werden es 22 Jahre sein. Mal sehen, was passiert wenn ein wirklich wichtiges System ausf&auml;llt&#8230;.<\/p>\n<p>Zum letzten Teil: wer hat was von der ISS. Nat&uuml;rlich kann man philosophieren &uuml;ber den Nutzen in der &Ouml;ffentlichkeitsarbeit. Doch quantifizieren kann man sicher nur den wirtschaftlichen und Forschungsnutzen. Den letzteren weniger in Ergebnissen als vielmehr Auslastung. Ein wirtschaftlicher Nutzen ist f&uuml;r Russland gegeben. Alleine die Zahlungen der USA f&uuml;r den Transport von Astronauten und Fracht sind so hoch, wie 40% des nationalen Weltraumetats. Geforscht wird dagegen auf dem russischen Teil kaum. Das einzige Forschungsmodul (dass aber hinsichtlich Volumen und Masse auch nicht mit den westlichen Labors vergleichbar ist) wird erst noch gestartet. Japan hat das gr&ouml;&szlig;te Labor an Bord, aber es wurde aus genau diesem Grund auch ohne Ausr&uuml;stung gestartet, sonst w&auml;re es zu schwer gewesen. So bringt nun jedes HTV ein weiteres Rack an Bord. Die USA nutzen nicht einmal ihr eigenes Labor komplett aus, geschweige denn die vertraglich zugesichten Nutzungsrechte bei Kibo und Columbus. Konkret ist wenig &uuml;ber die Nutzung zu erfahren, weil die einzelnen Racks weitgehend weiter an Universit&auml;tsinstitute abgegeben wurden. Bislang ist das die ESA, die Raumfahrtagentur die sowohl ihr Labor weitgehend ausgestattet hat, wie auch europ&auml;ische Racks im US-.Labor stehen.<\/p>\n<p>Nur haben sowohl Japan wie auch ESA nun Probleme, Astronauten zur Station zu bringen. Es sollten mal sieben Personen dauerhaft an Bord sein, alle 90 Tage ausgewechselt. W&auml;hrend ein Shuttle ankoppelt k&ouml;nnen weitere Personen kurzzeitig f&uuml;r 1-2 Wochen mitarbeiten. Nun f&auml;llt dies weg und es sind nur noch 6 Personen die im 180 Tages Rhythmus ausgetauscht werden &#8211; die beiden kleinen Partner haben daher einige Probleme einen Astronauten an Bord zu bekommen. Konkret steht der ESA ein Astronaut alle zwei Jahre f&uuml;r sechs Monate zu. Daf&uuml;r bezahlt sie rund 400 Millionen Euro pro Jahr plus ein ATV jedes Jahr &#8211; viel Geld. Zuviel Geld?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eigentlich sollte man annehmen, wenn man 20 Jahre an einem Projekt plant. Dann wird das auch was. Doch bei der ISS gilt wohl eher ein anderes Motto: zu viele K&ouml;che verderben den Brei. Mal eine kleine Zusammenfassung. Das was wir heute als ISS kennen, wurde 1984 aus der Taufe gehoben. 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