{"id":5558,"date":"2011-11-09T00:10:26","date_gmt":"2011-11-08T22:10:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=5558"},"modified":"2011-11-07T23:30:13","modified_gmt":"2011-11-07T21:30:13","slug":"hintergrunde-der-haverie-der-mv-rena","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2011\/11\/09\/hintergrunde-der-haverie-der-mv-rena\/","title":{"rendered":"Hintergr&uuml;nde der Haverie der MV Rena"},"content":{"rendered":"<p>Heute ein Gastbeitrag von Johan:<\/p>\n<p>Mittlerweile ist die Havarie der Rena ein bisschen aus dem Fokus der &Ouml;ffentlichkeit ger&uuml;ckt, weshalb ich den aktuellen Stand der Bergungsarbeiten darstelle: Bis zum 31.10.2011 gelang es 1000t Schwer&ouml;l abzupumpen, damit verbleibt ein Rest von 350t. Angesichts der Schwierigkeiten halte ich dies f&uuml;r einen gro&szlig;en Erfolg. Anlass f&uuml;r meinen Gastbeitrag war die Frage, warum sich das Bergen des Treibstoffes als so schwierig gestaltet. Meiner Meinung spielen mehrere Faktoren eine wichtige Rolle. Immer wieder mussten die Bergungsarbeiten wegen schlechten Wetter mit hohem Wellengang unterbrochen werden, au&szlig;erdem verursachen Ebbe und Flut zus&auml;tzliche Bewegungen des Schiffsk&ouml;rpers. Auf Bildern ist zu sehen, wie au&szlig;enbords insgesamt vier Plattformen angebracht wurden. Auf diesen Plattformen sind die Pumpen angebracht, sowie L&uuml;ftungsanlagen, die die Arbeitsumgebung der Bergungsleute gasfrei, sprich frei von giftigen gasf&ouml;rmigen Substanzen halten sollen. Die Erhaltung der Arbeitssicherheit der Arbeiter ist sicher mit ein Grund f&uuml;r manche Verz&ouml;gerungen. Durch die Kr&auml;ngung des Schiffes sind mittlerweile 88 Container &uuml;ber Bord gegangen, was die Arbeit nicht ungef&auml;hrlicher macht.<!--more--><\/p>\n<dl>\n<dt>Ein weiterer Faktor ist der schwierige Zugang zu den Tanks. Sie befinden sich unterhalb der Wasserlinie, so dass in Zusammenarbeit mit Tauchern erst einmal ein geeigneter Ansetzpunkt errichtet werden musste. Einen nicht zu verachtender Faktor bildet der Bunkertreibstoff selber. Schwer&ouml;l besitzt bei Raumtemperatur eine zu hohe Viskosit&auml;t um &uuml;berhaupt gef&ouml;rdert werden zu k&ouml;nnen. Auf einem Schiff ist deshalb ein gewisser technischer Einsatz notwendig, um den Treibstoff so aufzubereiten, dass er in die Zylinder eingespritzt werden kann. Eines der wichtigsten Nebenaggregate an Bord ist der Dampfboiler. Der Dampf wird vielseitig eingesetzt. Unter anderen dient es zum Erhitzen des Gebrauchswassers, z.b. f&uuml;r die Duschen der Crew. W&auml;hrend der Hafenaufenthalte wird das K&uuml;hlwasser vorgew&auml;rmt um die Hauptmaschine nicht ausk&uuml;hlen zu lassen. Die Schwer&ouml;ltanks sind nicht einfache kubische R&auml;ume wo Schwer&ouml;l gelagert wird. Im unteren Drittel des Tanks verlaufen spiralf&ouml;rmig Dampfleitungen. Durch das Erhitzen des Bunkers wird er erst pumpf&auml;hig. Umgangssprachlich ist Schwer&ouml;l eigentlich ein R&uuml;ckstands&ouml;l aus der Erd&ouml;lproduktion. Entsprechend ist es mit Fremdstoffen wie Partikeln und Wasser kontaminiert. Aus diesen sogenannten storage tanks gelangt der Treibstoff zu settling tanks. Dies ist die erste Reinigungsstufe. Bei diesen Schwerkrafttanks sammelt sich wegen der unterschiedlichen Dichten der gr&ouml;bste Schmutz ab und wird zur Zwischenlagerung in sludge tanks geschafft, wo sie bis zur Land&uuml;bergabe verbleiben. Der Sludge ist &uuml;brigens ein beliebter Nebenerwerb der Maschinencrew, da er gewinnbringend verkauft werden kann. Wird das Geld nicht in die eigene Tasche gesteckt, flie&szlig;t es in eine Kasse von der besondere Ausgaben get&auml;tigt werden k&ouml;nnen. Danach wird der Treibstoff in Separatoren von fl&uuml;ssigen Fremdstoffen getrennt. Separatoren arbeiten wie gro&szlig;e Zentrifugen und wiederum durch Dichteunterschiede der Fl&uuml;ssigkeiten, wird das Wasser entfernt. So aufbereitet gelangt es in den Tagestank. Dort wird die t&auml;glich gebrauchte Menge an Schwer&ouml;l gelagert, und weiter aufgeheizt. Je nach Leistung der Hauptmaschine k&ouml;nnen das 200t sein. Das Ziel ist es eine bestimmte Viskosit&auml;t herzustellen. Dieser Wert ist vom Hersteller der Hauptmaschine vorgeschrieben, und wird technisch &uuml;berwacht. Ist die Viskosit&auml;t zu hoch, so kann das Einspritzsystem besch&auml;digt werden. Letztendlich gelangt der Treibstoff mit etwa 160\u00b0C in die Hauptmaschine. Auf See wird der Boiler &uuml;ber einen sog. Economiser betrieben. Im Grunde ein einfacher W&auml;rmetauscher, der die Abgastemperatur nutzt. Im Hafen &uuml;bernimmt ein &Ouml;lbrenner die Erhitzung des Speisewassers. Meinen Recherchen nach sind an Bord alle Systeme mittlerweile au&szlig;er Betrieb, das &Ouml;l wird also mittlerweile kalt sein. Die hohe Viskosit&auml;t wird also ein weiteres Problem sein. Zurzeit wird das Schwer&ouml;l &uuml;ber einen 150m langen Schlauch mit einem Durchmesser von legedlich 8 Zentimetern abgepumpt. Angesichts der Durchflussmenge kann man sich ausrechnen wie lange die Operation selbst bei gutem Wetter hinziehen wird. Zum Pumpen selbst wurden Schraubenpumpen in die Tanks hinein gebracht. Soweit zur meiner Einsch&auml;tzung aus der Ferne. Desweiteren m&ouml;chte ich einige rechtliche Aspekte zu Verschmutzungsunf&auml;llen hinzuf&uuml;gen.<\/dt>\n<\/dl>\n<p>Als Folge von Tankerungl&uuml;cken mit massiven Umweltverschmutzungen durch ausgelaufenes Roh&ouml;l beschloss die IMO (International Maritime Organisation; Sonderorganisation der UN) das int. &Uuml;bereinkommen von 1973 zur Verh&uuml;tung der Meeresverschmutzung durch Schiffe (MARPOL). Das &Uuml;bereinkommen enth&auml;lt Regelungen zum Bau und zur Ausr&uuml;stung von Schiffen. Betriebsvorschriften f&uuml;r die Schiffsleitung bez&uuml;glich der Einleitung bzw. Einleitungsverbote sollen einen umweltfreundlichen Schiffsbetrieb garantieren. Dar&uuml;ber hinaus gibt es ein internationales &Uuml;bereinkommen &uuml;ber die zivilrechtliche Haftung f&uuml;r Bunker&ouml;lverschmutzungssch&auml;den. In Kraft seit 21.11.2008; Gem&auml;&szlig; des &Uuml;bereinkommens m&uuml;ssen alle Schiffe &gt; 1000BRZ ( Rena 37209BRZ) eine Bescheinigung &uuml;ber die Versicherung oder sonstige finanzielle Sicherheit f&uuml;r die zivilrechtliche Haftung von Bunker&ouml;lverschmutzungssch&auml;den mit sich f&uuml;hren. F&uuml;r die Ausstellung muss eine Versicherungsbest&auml;tigung oder eine andere finanzielle Sicherheit nachgewiesen werden.<\/p>\n<p>Ich m&ouml;chte hier nur auf die Regel 37 MARPOL Anlage 1 eingehen. Sie besagt das jedes Schiff &gt;400BRZ und jedes Tankschiff &gt; 150BRZ einen nach den Richtlinien der IMO erstellten und vom Flaggenstaat genehmigten Notfallplan f&uuml;r &Ouml;lverschmutzungen mit sich f&uuml;hren. Im Englischen wird er SOPEP genannt (Shipboard Oil Pollution Emergency Plan). Es sind j&auml;hrlich mehrere SOPEP-&Uuml;bungen vorgeschrieben, wo Unf&auml;lle simuliert werden. Das Ziel ist es die Besatzung zu bef&auml;higen die an Bord vorgeschrieben vorhandenen Ger&auml;tschaften wie &Ouml;lbindemittel, mobile Pumpen etc. effizient einsetzen zu k&ouml;nnen, und die Organisationsstruktur mit deren vorgeschriebenen Abl&auml;ufen zu verinnerlichen.<\/p>\n<p>In der Praxis sind diese &Uuml;bungen wie alle anderen eher ungeliebt. Sie finden meist am Wochenende auf See statt, wenn die Decksbesatzung normalerweise nur halbtags arbeitet. Die Qualit&auml;t der Durchf&uuml;hrung steht und f&auml;llt mit der Einstellung der Schiffsf&uuml;hrung zu diesem Thema. Da gibt es je nach Mentalit&auml;t, sprich also auch Nationalit&auml;t des Kapit&auml;ns leider Unterschiede. Ich will und kann die Effizienz des Notfallmanagements der Schiffsf&uuml;hrung nicht beurteilen. Unwiderruflich steht aber fest, dass alle Besatzungsmitglieder das Ungl&uuml;ck &uuml;berlebt haben, ein v&ouml;lliges Versagen kann also ausgeschlossen werden. Durch die Verh&ouml;re der Offiziere ist durchgesickert, dass der Kapit&auml;n eine Abk&uuml;rzung fahren wollte. Er ist dabei vom der geplanten Route abgewichen, und durch hat den Kurvenradius scheinbar untersch&auml;tzt, so dass das Schiff letztendlich aufs Riff gefahren ist. Die ausgefeilsten Gesetze und Ma&szlig;nahmen helfen nat&uuml;rlich nicht, wenn an Bord nicht nach guter Seemannschaft gehandelt wird.<\/p>\n<p>Wer wie f&uuml;r die an Bord vorhandene Ladung haftet ist in den jeweiligen Seefrachtvertr&auml;gen festgehalten. Um die Im Fall der Rena ist von einer sog. Haverie-Grosse auszugehen. Sie regelt im Grundsatz die Verteilung von au&szlig;ergew&ouml;hnlichen Kosten zwischen Schiff und Ladung, die durch Rettung aus gemeinsamer Gefahr anfallen. Damit diese Regeln wirksam werden k&ouml;nnen, m&uuml;ssen u.a. folgende Bedingungen erf&uuml;llt sein:<\/p>\n<ul>\n<li>Eine gegenw&auml;rtige oder unmittelbare bevorstehende erhebliche Gefahr bedroht Schiff und Ladung gemeinsam (Strandung oder Strandungsgefahr, Brandausbruch)<\/li>\n<li>Schiff und Ladung m&uuml;ssen jeweils ganz oder teilweise gerettet worden sein. Gehen Schiff ODER Ladung vollst&auml;ndig verloren, ist die Haverie-Grosse ausgeschlossen<\/li>\n<\/ul>\n<p>Die den Notfall ausl&ouml;senden Ursachen spielen &uuml;brigens keine Rolle, also auch nicht, wenn die Ursache wie in dem Fall der Rena in einem Verschulden Beteiligter lag.<\/p>\n<p>Liegen alle Voraussetzungen vor, m&uuml;ssen die durch Aufopferung entstandenen Sch&auml;den ermittelt und auf die Beteiligten im Verh&auml;ltnis ihrer geretteten Werte aufgeteilt werden. Fachleute, die Dispacheure erstellen den Verteilungsplan, die sog. Dispache. Dieser komplexe Vorgang dauert aufgrund der Vielzahl von Ladungseigent&uuml;mern in der Regel mehrere Jahre.<\/p>\n<p>Die Haftung durch die &Ouml;lverschmutzung regelt das Internationalen &Uuml;bereinkommen von 2001 &uuml;ber die zivilrechtliche Haftung f&uuml;r Bunker&ouml;lverschmutzungssch&auml;den (Bunker&ouml;l-&Uuml;bereinkommen). Der Schiffseigent&uuml;mer haftet im Zeitpunkt des Ereignisses f&uuml;r Verschmutzungssch&auml;den, die durch an Bord befindliches oder von dem Schiff stammendes Bunker&ouml;l verursacht werden; besteht ein Ereignis aus einer Reihe von Vorf&auml;llen gleichen Ursprungs, so haftet der Schiffseigent&uuml;mer im Zeitpunkt des ersten Vorfalls. Weist der Schiffseigent&uuml;mer nach, dass die Verschmutzungssch&auml;den ganz oder teilweise entweder auf eine in Sch&auml;digungsabsicht begangene Handlung oder Unterlassung der gesch&auml;digten Person oder auf deren Fahrl&auml;ssigkeit zur&uuml;ckzuf&uuml;hren sind, so kann er von seiner Haftung gegen&uuml;ber dieser Person ganz oder teilweise befreit werden. [<span style=\"font-family: HelveticaNeue-Roman;\"><span style=\"font-size: x-small;\">Bundesgesetzblatt Jahrgang 2006 Teil II Nr. 18, ausgegeben zu Bonn am 12. Juli 2006] <\/span><\/span><\/p>\n<p>Wie bereits beschrieben, muss der Schiffseigent&uuml;mer eine Bescheinigung &uuml;ber eine Versicherung oder eine andere finanzielle Sicherheit nachweisen k&ouml;nnen, die auch an Bord mitgef&uuml;hrt werden muss. Der Staat wird also durch die Auszahlung der Versicherungssumme entsch&auml;digt.<\/p>\n<p>Ein weiterer interessanter Aspekt ist, dass das Schiff am 21.7.2011 in Freemantle nach einer Haafenstaatskontrolle f&uuml;r einen Tag Auslaufverbot aufgrund von technischen M&auml;ngeln erhielt. Als Hauptmangel wurden schadhafte und korrodierte Lukendeckel, sowie eine regelwidrige Stauung der Container festgestellt. Der Satz \u201eVessel has not been maintained between surveys.\u201c sagt diplomatisch aus, dass kein Geld und Aufwand in die Wartung des Schiffes gesteckt wurde. Das Schiff durfte nach Auflagen &uuml;ber Reparaturfristen wieder auslaufen. Ein typisches Beispiel wie ein an sich solides Schiff kaputt gefahren wird. Es ist l&auml;ngst abbezahlt, und soll so viel Geld wie m&ouml;glich verdienen, anstatt auch in eine gute Crew und einem Minimum an Instandhaltung zu investieren.<\/p>\n<p>Ich hoffe, dass ich einen kleinen Einblick in die rechtlichen und technischen Gegebenheiten dieses Ungl&uuml;cksfalles geben konnte. F&uuml;r Kritik und Anregungen bin ich nat&uuml;rlich stets offen, und freue mich auf die Diskussionen.<\/p>\n<p>Johan<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute ein Gastbeitrag von Johan: Mittlerweile ist die Havarie der Rena ein bisschen aus dem Fokus der &Ouml;ffentlichkeit ger&uuml;ckt, weshalb ich den aktuellen Stand der Bergungsarbeiten darstelle: Bis zum 31.10.2011 gelang es 1000t Schwer&ouml;l abzupumpen, damit verbleibt ein Rest von 350t. Angesichts der Schwierigkeiten halte ich dies f&uuml;r einen gro&szlig;en Erfolg. 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