{"id":5589,"date":"2011-11-26T00:50:29","date_gmt":"2011-11-25T22:50:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=5589"},"modified":"2011-11-15T12:51:51","modified_gmt":"2011-11-15T10:51:51","slug":"phobos-grunt-und-die-misere-der-russischen-raumfahrt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2011\/11\/26\/phobos-grunt-und-die-misere-der-russischen-raumfahrt\/","title":{"rendered":"Phobos-Grunt und die Misere der russischen Raumfahrt"},"content":{"rendered":"\n<dl>\n<dd>\n<p>Am 8.11.2011 um 21:16 mitteleurop&auml;ischer Zeit hob die Zenit mit der Raumsonde Phobos-Grunt ab. Die Zenit setzte die Raumsonde mitsamt der Fregat-Oberstufe auch in dem Orbit ab. Mit dem Erreichen des 207 x 346 km hohen Parkorbits war die Mission de Zenit beendet. Danach war Phobos-Grunt alleine f&uuml;r den weiteren Ablauf verantwortlich. Die Integration der Fregatoberstufe in die Raumsonde erm&ouml;glichte zwar den leichten Umzug von der Sojus auf die Zenit, aber damit war nun auch die Raumsonde f&uuml;r die Z&uuml;ndung der Fregat zust&auml;ndig und dies r&auml;chte sich nun. Die erste Z&uuml;ndung sollte nach 1,7 Uml&auml;ufen um 23:55 erfolgen. 10 Minuten lang sollte das Haupttriebwerk der Fregat arbeiten. Danach hat sie en Treibstoff des Zusatztanks verbraucht, welche diese Version von der Oberstufe der Sojus unterscheidet. Dieser Zusatztank ist dann &uuml;berfl&uuml;ssig und sollte um Gewicht sparen zu k&ouml;nnen dann abgeworfen werden. Diese erste Z&uuml;ndung sollte Fobos-Grunt auf eine elliptische Erdumlaufbahn von 250 bis 4150 km H&ouml;he bringen. Die zweite Z&uuml;ndung die nun 18 Minuten dauert, erfolgt einen Umlauf sp&auml;ter. Nach den Pl&auml;nen um 2:02 am 9.11.2011. Sie sollte die Raumsonde auf einen Fluchtkurs bringen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Alle Man&ouml;ver werden von der Raumsonde autonom durchgef&uuml;hrt. Eine Steuerung vom Boden aus war nicht vorgesehen. Doch die Z&uuml;ndung blieb aus. Danach gab es von Russland nur wenige Daten. Es wurde eigentlich nur bekannt gegeben, dass die Z&uuml;ndung ausblieb und man sich bem&uuml;he, die Raumsonde zu kontaktieren. Einen Tag sp&auml;ter wurde bekannt gegeben, dass die beim Start &uuml;bermittelten Daten ein normales Aussetzen der Raumsonde signalisierten und es auch Telemetrie der Raumsonde w&auml;hrend des ersten Umlaufs gab. Sie zeigte, dass Phobos-Grunt ordnungsgem&auml;&szlig; auf die Sonne ausgerichtet war und seine Solarpaneele entfaltet hatte.<\/p>\n<p>Die folgenden Tage versuchte die Raumfahrtagentur Roskosmos die Sonde zu kontaktieren, die Sicherungsprogramme des Bordcomputers zu &uuml;bergehen und die Z&uuml;ndung so zu bewerkstelligen. Ursache soll sein, dass ein Sensor, der Daten &uuml;ber die Ausrichtung der Raumsonde relativ zu den Sternen und der Sonne ein fehlerhaftes Signal liefert. Das sollte durch ein Softwareupdate l&ouml;sbar sein.<\/p>\n<p>Doch alle Versuche den Roboter zu kontaktieren scheiterten. Es gab auch keine Telemetrie mehr. Auch Hilfestellungen seitens der ESA halfen nichts. Vorgesehen war ein Kontrakt w&auml;hrend dieser Missionsphase nicht. Die Raumsonde ist zu nah an der Erde und bewegt sich zu schnell &uuml;ber den Horizont, sodass es schwierig ist sie anzufunken und rechtzeitig, bevor sie &uuml;ber das Firmament gezogen ist, Daten zu senden oder zu empfangen.<\/p>\n<p>Der Verlust von Phobos Grunt ist nicht der einzige der im russischen Raumfahrtprogramm zu beklagen ist. Die neue Version der Proton, die Proton M hat bei 50 Starts nur eine Zuverl&auml;ssigkeit von 90% erreicht, ein f&uuml;r heutige Verh&auml;ltnisse sehr schlechter Wert, vor allem bei einem Modell, das schon seit &uuml;ber 40 Jahren im Einsatz steht. Dann gingen dieses Jahr Satelliten auf der Rockot, einer neuen Tr&auml;gerrakete verloren und ein Versorgungsflug zur ISS scheiterte &ndash; der Erste in der Geschichte der Progressraumschiffe. Anatoly Zak, der die als recht zuverl&auml;ssig eingestufte Website russianspaceweb.com betreibt, berichtete von einem Ausbluten der russischen Raumfahrt, die als gemeinsame Ursache f&uuml;r alle diese Fehlstarts infrage kommen k&ouml;nnte. Demnach verlie&szlig;en viele j&uuml;ngere Ingenieure und Wissenschaftler als das russische Raumfahrtprogramm Anfang der neunziger Jahre zusammenbrach dieses. Sie wanderten aus nach Europa und in die USA, wo sie mit ihrer Qualifikation gesuchte Mitarbeiter waren. Die nationale Raumfahrt war lange Zeit ein Prestigeprogramm f&uuml;r die Sowjetunion. Die Mitarbeiter waren hoch qualifiziert und genossen Privilegien und eine au&szlig;ergew&ouml;hnlich hohe Bezahlung. Der Zerfall der Sowjetunion ging einher mit einem wirtschaftlichen Niedergang, der zu diesem Exodus f&uuml;hrte. &Uuml;brig blieben die &auml;lteren Mitarbeiter, die entweder nicht in den Westen abwandern wollten, weil sie famili&auml;r gebunden waren oder keinen Job bekamen. Die steigenden Einnahmen durch &Ouml;l- und Gasexporte bewirken zwar nun einen Aufschwung im russischen Raumfahrtprogramm. Neben den obligaten milit&auml;rischen Missionen und den prestigetr&auml;chtigen bemannten Fl&uuml;gen, gibt es nun erstmals seit mehr als 10 Jahren wieder neue wissenschaftliche Missionen, wie eben Phobos Grunt. Doch fehlen nun die qualifizierten Mitarbeiter. Die L&uuml;cken wurden mit jungen Anf&auml;ngern gef&uuml;llt und angesichts dessen, dass ein Ingenieur bei den Staatsunternehmen nur etwa die H&auml;lfte eines Handyverk&auml;ufers in Moskau verdient, gewinnt man sicher nicht das qualifizierteste Personal. Nun gingen in den letzten Jahren auch noch die meisten alten Mitarbeiter in Rente und die Folgen sind so noch gravierender: es fehlt an Know-How. Weiterhin soll die Technologie kaum weiterentwickelt worden sein. Russische Firmen verdienen sehr gut mit der Vermarktung von Tr&auml;gerraketen, die seit Jahrzehnten unver&auml;ndert produziert wurden wie der Sojus, Proton oder Zenit. Die einzige noch verbliebende Neuentwicklung, die Angara liegt drei Jahre hinter dem Zeitplan zur&uuml;ck und eine modifizierte Angara Stufe, welche bei der koreanischen KSLV eingesetzt wurde, hatte auch einen Fehlstart. Alle anderen projektierten neuen Projekte wie der Raumgleiter Kliper, die gefl&uuml;gelte wiederverwendbare Version der Angara, die Baikal und die &uuml;berschwere Tr&auml;gerrakete Rus-M, wurden eingestellt. Das russische Weltraumprogramm soll nach Zaks Angaben daher sich auf veraltete Technologie st&uuml;tzen und den Anschluss an den Stand der Technik verloren haben. So reiht sich der Verlust von Phobos Grunt nur ein, in eine Liste zahlreicher anderer Fehlschl&auml;ge der letzten Zeit.<\/p>\n<p>In dieselbe Kerbe schl&auml;gt folgender von news.ru ver&ouml;ffentlichter Brief:<\/p>\n<p>Offener Brief eines f&uuml;hrenden Spezialisten der wissenschaftlichen Produktionsvereinigung Lawotschkin (ver&ouml;ffentlicht ein halbes Jahr vor dem Start von Fobos-Grunt)<br \/> An den Vizepremier Sergej Borisowitsch Iwanow<\/p>\n<p>Sehr geehrter Sergej Borisowtisch,<\/p>\n<p>Vor kurzem wurde in den Medien ihr Auftritt vor Roskosmos-Kollegium gezeigt, in dem sie sich sehr kritisch zu dem gegenw&auml;rtigen Zustand des Industriezweiges &auml;u&szlig;ern, der unter ihrer Aufsicht steht. Nat&uuml;rlich kann ich meinen Kenntnisstand nicht mit dem Ihrigen vergleichen, aber ich war bis vor Kurzem einer der f&uuml;hrenden Spezialisten im Versuchskonstruktionsb&uuml;ro des Staatsbetriebes Lawotschkin. Nach meiner Einsch&auml;tzung ist die tats&auml;chliche Lage beim Bau von Raumfahrttechnik noch schlechter als es scheinen mag.&nbsp; Da ich unmittelbar mit der Entwicklung von Baugruppen, die auf Raumfahrzeugen installiert werden, besch&auml;ftigt war, kann ich wagen, diese pessimistische Einsch&auml;tzung beizubehalten. Hier einige Beispiele, wie die Entwicklung neuer Technik in der Firma Lawotschkin gehandhabt wird.<\/p>\n<p>Vor Kurzem, im Januar 2011, wurde nach vielen Verz&ouml;gerungen der Satellit &bdquo;Elektro-L&ldquo; gestartet. Den Antrieb der schwenkbaren Antennen auf diesem Satelliten habe ich projektiert.&nbsp; Dieselben Baugruppen werden (mit einigen &Auml;nderungen) auch auf dem Satelliten &bdquo;Spektr&ldquo; und einem Satelliten f&uuml;r besondere Aufgaben verwendet.&nbsp; Die Projektierung dieser wichtigen Baugruppe wurde ohne technische Projektierung, lediglich auf Grundlage von m&uuml;ndlichen Anweisungen, die sich oft noch widersprachen, durchgef&uuml;hrt.&nbsp; Erst, als die Baugruppen bereits hergestellt waren, folgte die technische Projektierung zu ihrer Herstellung. Im Falle der Antennen erfolgte sie noch sp&auml;ter.&nbsp; In diesem Beispiel geht es noch um relativ einfache Baugruppen &ndash; tats&auml;chlich ist dieses Vorgehen allgemein g&auml;ngige Praxis in der Firma Lawotschkin.&nbsp; Eine solche Arbeitsweise d&uuml;rfte uns auch in der Zukunft weitere Schwierigkeiten bereiten.<\/p>\n<p>Ein weiteres Beispiel. Es fehlen theoretische Untersuchungen zu den gew&auml;hlten technischen L&ouml;sungen, die eigentlich erforderlich sind, bevor die Arbeitsdokumentationen erstellt werden k&ouml;nnen. Die gew&auml;hlten Kriterien beruhen nicht auf wissenschaftlichen Argumenten, sondern darauf, was dem Chef der Konstruktionsabteilung gef&auml;llt oder nicht.<\/p>\n<p>Es wird einfach nach &auml;sthetischen Gesichtspunkten entschieden. Eine technische Debatte auf der Basis rationaler ingenieurtechnischer L&ouml;sungen findet nicht statt. Der Chef ordnet an: Ich bin der Chef &ndash; du ein Narr.&nbsp; Appelle an die Notwendigkeit klarer Anweisungen gehen ins Leere &ndash; das ist ein leeres Blatt Papier, in meinem Fall (als leitender Spezialist) noch nicht einmal das.<\/p>\n<p>Besonders unehrlich ist die Firmenleitung bei ihren Angaben zur Zuverl&auml;ssigkeit (die Zuverl&auml;ssigkeit unter realen Bedingungen, nicht die unter formalen, als theoretischen).<br \/> Auf meinen Hinweis, dass die Zuverl&auml;ssigkeit das entscheidende Kriterium in der Raumfahrttechnik ist, antwortete ein nicht unbedeutender Manager scherzhaft: &bdquo;Zuverl&auml;ssigkeit &ndash; das ist eine Hure des Imperialismus. ICH muss dem Direktor eine Zahl nennen, und er schreibt dann die H&ouml;he der Zuverl&auml;ssigkeit auf, die gebraucht wird.&ldquo;<br \/> Im Grunde genommen l&auml;uft es immer so ab, auch mit den Berichten an das ZNIIMasch. Formal werden also alle Bedingungen korrekt erf&uuml;llt. Erst der Einsatz zeigt, was funktioniert und was nicht.<\/p>\n<p>Wie sich der Fehlschlag von Phobos-Grunt auf das zweite Raumsondenprojekt Russlands, die Venussonde &bdquo;Venera D&ldquo; auswirkt ist offen. Diese sollte dieselbe Methode und ebenfalls die modifizierte Fregatstufe einsetzen, um zur Venus zu gelangen und dort in eine Umlaufbahn einzuschwenken.<\/p<\/p>\n<\/dd>\n<\/dl>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 8.11.2011 um 21:16 mitteleurop&auml;ischer Zeit hob die Zenit mit der Raumsonde Phobos-Grunt ab. Die Zenit setzte die Raumsonde mitsamt der Fregat-Oberstufe auch in dem Orbit ab. Mit dem Erreichen des 207 x 346 km hohen Parkorbits war die Mission de Zenit beendet. Danach war Phobos-Grunt alleine f&uuml;r den weiteren Ablauf verantwortlich. 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