{"id":5933,"date":"2012-02-17T00:46:29","date_gmt":"2012-02-16T23:46:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=5933"},"modified":"2021-05-08T08:24:36","modified_gmt":"2021-05-08T06:24:36","slug":"bahnberechnungen-teil-1-inklinationsanderungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2012\/02\/17\/bahnberechnungen-teil-1-inklinationsanderungen\/","title":{"rendered":"Bahnberechnungen Teil 1: Inklinations&auml;nderungen"},"content":{"rendered":"<p>Nun geht es im zweiten Teil um Inklinations&auml;nderungen, etwas was offensichtlich auch Experten ein R&auml;tsel ist. Diesen Eindruck hatte ich zumindest, als die Columbia verlorenging und dort einige &#8222;Experten&#8220; vorschlugen, man h&auml;tte die Raumf&auml;hre doch an die ISS andocken und evakuieren k&ouml;nnen &#8211; dumm nur wenn das aufgrund 20 Grad Inklinationsunterschied physikalisch nicht geht.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/94651cc4464c476f8bd6caa35dd6ec7b\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><br \/>\nAn und f&uuml;r sich ist die Tatsache recht einfach: auf einer niedrigen Erdumlaufbahn bewegt sich eine Satellit mit 7,5 km\/s auf einer Bahn mit einer bestimmten Neigung zum &Auml;quator. Diese h&auml;ngt vom Startort ab. Da der Startort beim ersten Umlauf wieder &uuml;berflogen wird, kann Inklination nicht kleiner als die geographische Breite sein, zumindest nicht viel kleiner (die Rakete bewegt sich s&uuml;dw&auml;rts und damit findet ein Teil der Brennphase bei einem niedrigen Breitengrad statt, wodurch die Inklination sinkt). Eine h&ouml;here Inklination ist immer m&ouml;glich, wenn man Richtung n&ouml;rdlich oder s&uuml;dlich startet.<!--more--><\/p>\n<p>Wenn die Bahn erreicht ist, dann ist eine Inklination schwer zu &auml;ndern. Diese Tatsache beruht darauf, dass man dazu die Richtung der Geschwindigkeit ver&auml;ndern muss. Mein Paradebeispiel, f&uuml;r allem die das nicht glauben ist einfach: Mal auf der Autobahn mit 200 km\/h fahren und schauen was passiert, wenn man das Lenkrad pl&ouml;tzlich um 90 Grad dreht. Dann muss man nur das erlebte (und &uuml;berlebte?) auf 28.000 km\/h &uuml;bertragen.<\/p>\n<p>Wers berechnen will:<\/p>\n<p><strong>vd= 2\u00d7 sin(Winkel \u00f7 2) \u00d7 v<\/strong><\/p>\n<p>vd: Betrag um die Inklination zu &auml;ndern<\/p>\n<p>Winkel: Winkeldifferenz in Grad<\/p>\n<p>v: momentane Bahngeschwindigkeit<\/p>\n<p>Also rechnen wir mal f&uuml;r Columbia: v = 7600 m\/s, Winkeldifferenz=21 Grad, so erhalten wir dass dazu 2770 m\/s n&ouml;tig sind, was die rund 300 m\/s maximale Korrekturkapazit&auml;t von Columbia weit &uuml;berfordern w&uuml;rde.<\/p>\n<p>De Fakto &uuml;bersteigen schon kleine Winkel&auml;nderungen daher die verf&uuml;gbaren Treibstoffvorr&auml;te. Das ist im Normalfall kein Problem, weil in der Regel der Satellit gleich in den Orbit mit der gew&uuml;nschten Inklination gestartet wird. Es scheitert nur, wenn die Inklination kleiner als die geographische Breite sein soll. Das ist in der Praxis bei GTO\/GSO Bahnen der Fall. Dann gibt es mehrere Strategien.<\/p>\n<p>Wenn die Zielbahn sowieso in einem Zweiimpulstransfer erreicht werden soll, dann gibt es die Option, zuerst nur eine Parkbahn zu erreichen, die stabil ist, und dann am &Auml;quator die n&auml;chste Z&uuml;ndung durchzuf&uuml;hren. Diese Geschwindigkeit wird dann bei 0 Grad Breite addiert und dadurch sinkt die Inklination der &Uuml;bergangsbahn ab. Diese Strategie setzt eine wiederz&uuml;ndbare Oberstufe voraus und wird z.B. bei der Centaur so durchgef&uuml;hrt. Schlussendlich muss die Inklination aber irgendwann doch abgebaut werden. Sieht man sich die obige Formel an, so kann man leicht erkennen, dass man dies dann macht, wenn die Geschwindigkeit v minimal ist. Also bei einem &Uuml;bergang in den GSO zweckm&auml;&szlig;ig nicht im Perig&auml;um bei rund 10,2 km\/s sondern im Apog&auml;um bei nur 1,5 km\/s Geschwindigkeit.<\/p>\n<p>Trotzdem ben&ouml;tigt man nat&uuml;rlich mehr Treibstoff wenn man von einer h&ouml;heren Inklination aus startet. Da der Transfer vom GTO in den GSO vom Satelliten mit seinem eigenen Antrieb durchgef&uuml;hrt wird (zumindest bei zivilen Satelliten, beim Milit&auml;r ist es sowohl in Russland wie auch den USA die Oberstufe die das durchf&uuml;hrt) geht das von dem Treibstoffvorrat ab, der sp&auml;ter zur Verf&uuml;gung steht und der letztendlich heute die Lebensdauer eines Kommunikationssatelliten limitiert.<\/p>\n<p>Da dieser Treibstoffvorrat fest ist, gibt es, wenn der Kommunikationssatellit selbst leichter ist, als die m&ouml;gliche Nutzlast der Tr&auml;gerrakete verschiedene Strategien den Treibstoffvorrat der nach dem Erreichen des GSO noch verbleibt. Bei US-Tr&auml;gern ist es der supersynchrone GTO. Der supersynchrone GTO ist eine Bahn, dessen Apog&auml;um h&ouml;her als beim GTO liegt. Im Folgenden will ich mal zeigen wo die Unterschiede liegen:<\/p>\n<table style=\"width: 100%;\">\n<tbody>\n<tr>\n<th><\/th>\n<th>GTO<\/th>\n<th>supersynchroner GTO<\/th>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Perig&auml;um<\/td>\n<td>200 km<\/td>\n<td>200 km<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Apog&auml;um<\/td>\n<td>35943 km<\/td>\n<td>66.000 km<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Geschwindigkeit im Perig&auml;um<\/td>\n<td>10242 m\/s<\/td>\n<td>10540 m\/s<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Geschwindigkeit im Apog&auml;um<\/td>\n<td>1592 m\/s<\/td>\n<td>958 m\/s<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Inklinations&auml;nderung von 28 Grad auf 0 Grad im Apog&auml;um<\/td>\n<td>770 m\/s<\/td>\n<td>463 m\/s<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Absenkung des Apog&auml;ums auf<\/td>\n<td><\/td>\n<td>379 m\/s<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>In der Praxis ist es etwas komplizierter, weil im Apog&auml;um ja auch die Anhebung des Perig&auml;ums erfolgt und dann sich Geschwindigkeitvektoren addieren. Beim supersynchronen hebt man das Perig&auml;um auf 35943 km an, und senkt dann das Apog&auml;um ab. F&uuml;r diese Bahn ben&ouml;tigt man zuerst 958 m\/s um das Perig&auml;um anzuheben, dann 378 m\/s um das Apog&auml;um abzusenken. Schon diese Summe ist kleiner als die beim &Uuml;bergang vom GTO in den GSO n&ouml;tigen 1477 m\/s. Dazu kommt dann noch dass man bei Angleichung der Inklination etwas weniger Energie aufbringen muss.<\/p>\n<p>In der Gesamtsumme sind nat&uuml;rlich die rund 300 m\/s miteinzubeziehen, welche die Tr&auml;gerrakete zus&auml;tzlich f&uuml;r das h&ouml;here Apog&auml;um aufbringen muss, sodass die Gesamtbilanz eher schlechter ist. Der supersynchrone Orbit ist eine L&ouml;sung wenn die Tr&auml;gerrakete Reserven hat, also die Nutzlast kleiner ist als die maximal m&ouml;gliche, aber da der Satellit nur vorgegebene Treibstoffvorr&auml;te hat, kann er nicht schwerer werden.<\/p>\n<p>Eine zweite Praxis setzen die Russen bei der Breeze-M auf der Proton ein. Hier wird die Oberstufe mehrmals im Perig&auml;um gez&uuml;ndet und dabei dieses angehoben. Bis zu f&uuml;nf Z&uuml;ndungen sind m&ouml;glich. Das Anheben des Perig&auml;ums reduziert zwar nicht die Inklination, aber es reduziert die Geschwindigkeit die der Satellit aufbringen muss wenn er den GTO erreicht. Eine weitere M&ouml;glichkeit ist es mit der Breeze-M die Inklination im Apog&auml;um abzubauen und gleichzeitig das Apog&auml;um anzuheben.<\/p>\n<p>Beim letzten Start von Asiasat 7 wurde das Perig&auml;um in zwei Stufen angehoben. Beim letzten Schritt wird im Apog&auml;um nochmals das Perig&auml;um angehoben und gleichzeitig die Inklination reduziert. Diese aufwendige Vorgehensweise ergibt Transferorbits die durch das angehobene Perig&auml;um noch weniger Treibstoff vom Satelliten erfordern um den GSO zu erreichen. Wenn wie beim letzten Start Asiasat 7 nur 3.800 kg wiegt, die Proton aber 6.300 kg transportieren kann wird so ein GTO von 13386 x 35586 x 0 Grad erreicht. der Satellit ben&ouml;tigt dann nur noch 620 m\/s um den GSO zu erreichen, anstatt 1477 m\/s. Der Preis ist allerdings auch hoch: Denn um 1500 m\/s gegen&uuml;ber einem konventionellen Orbit einzusparen wird die Nutzlast um 40% reduziert. Diese Vorgehensweise geht auch nur, weil die Breeze-M mit lagerf&auml;higen Treibstoffen arbeitet, denn die letzte Z&uuml;ndung findet erst 10 Stunden nach dem Start statt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nun geht es im zweiten Teil um Inklinations&auml;nderungen, etwas was offensichtlich auch Experten ein R&auml;tsel ist. 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