{"id":594,"date":"2009-01-26T15:12:58","date_gmt":"2009-01-26T14:12:58","guid":{"rendered":"http:\/\/bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=594"},"modified":"2012-06-28T19:04:48","modified_gmt":"2012-06-28T17:04:48","slug":"die-sache-mit-dem-melamin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2009\/01\/26\/die-sache-mit-dem-melamin\/","title":{"rendered":"Die Sache mit dem Melamin"},"content":{"rendered":"<p>Vor einigen Tagen wurden in China die Verantwortlichen des Milchpanschskandales zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt. Wie vielleicht dem einen oder anderen bekannt, hatten diese Melamin der Milch zugesetzt um einen h&ouml;heren Eiwei&szlig;gehalt vorzut&auml;uschen. Es ist mal an der Zeit sich dem anzunehmen. Zuerst einmal: Warum Melamin? Ich denke es hat mit der Analysenmethode zu tun. Eine der &auml;ltesten Analysenmethoden ist die Bestimmung des Gesamtstickstoffs nach Kjehldahl. Wie der Name sagt, ist es keine spezifische Analysenmethode. Sie wird aber auch bei uns noch durchgef&uuml;hrt und ist zwar etwas arbeitsintensiv, aber apparativ sehr einfach und der Arbeitsaufwand ist f&uuml;r viele Proben nicht viel gr&ouml;&szlig;er als f&uuml;r eine einzelne Probe. Die Methode beruht darauf, dass jede Stickstoffverbindung durch konzentrierte Schwefels&auml;ure zerst&ouml;rt wird und mit einem Katalysator, egal in welcher Oxidationsstufe er vorliegt, zu Ammonium reduziert. Dieses wird dann durch Destillation ausgetrieben und aufgefangen und bestimmt wird.<\/p>\n<p>Eiwei&szlig; wird so nicht bestimmt. Es wird berechnet. Das basiert darauf dass im Mittel Eiwei&szlig; einen Stickstoffanteil von 16 % hat. Der Anteil variiert je nach Zusammensetzung. Wei&szlig; man welches Lebensmittel man untersucht, so kann man den genauen Multiplikationsfaktor einsetzen. (er betr&auml;gt z.B. bei Weizeneiwei&szlig; 5.7 anstatt 6.25) Es spricht viel daf&uuml;r dass in China diese einfache Summenbestimmung verwendet wird.&nbsp; Melamin hat nun gar nichts mit Eiwei&szlig; zu tun. Es ist ein Monomer f&uuml;r die Kunststoffherstellung. Seine Summenformel ist C<sub>3<\/sub>H<sub>6<\/sub>N<sub>6<\/sub>. Das bedeutet, dass 66.7 % der Molek&uuml;lmasse vom Stickstoff gebildet werden. Es enth&auml;lt also etwa 4 mal mehr Stickstoff als Protein. 1 g Melamin kann also (wenn nur der Stickstoff bestimmt wird), die Anwesenheit von 4 g Eiwei&szlig; vort&auml;uschen.<\/p>\n<p><!--more--> <\/p>\n<p>Allerdings ist Melamin giftig. die letale Dosis ist zwar recht hoch, doch es f&uuml;hrt auch, wenn die Kinder nicht direkt an dem Melamin sterben zu Nierensteinen und Nierenversagen. Egal ob dies der\/die Verantwortliche wussten: Sie haben Melamin zugesetzt weil sie einen hohen Eiwei&szlig;gehalt vort&auml;uschen mussten. Sie wussten also wie Stickstoff bestimmt wird und dass Melamin viel Stickstoff enth&auml;lt, aber nichts aber auch gar nichts mit Eiwei&szlig; zu tun hat. Das ist schon eine ziemliche kriminelle Energie. wobei ich vermute, dass dies nur eine Manipulation ist. Der Eiwei&szlig;gehalt von Milch ist relativ konstant. Schwankend ist eigentlich der Fettgehalt, der stark vom Futter abh&auml;ngt. Da es unwahrscheinlich ist, dass die Milch nur auf Eiwei&szlig; untersucht wird, m&uuml;sste eine Manipulation leicht auffallen. Ich vermute sehr stark, dass in analoger Weise auch der Milchzuckergehalt und Fettgehalt manipuliert wurde z.B. durch Zusatz von R&uuml;benzucker und Fett (wegen der Summenbestimmung bei Fett vermute ich, d&uuml;rfte wohl eher Paraffin als Pflanzen&ouml;l zugesetzt werden).<\/p>\n<p>Woraus das Milchpulver dann wirklich besteht kann man nur mutma&szlig;en. Es gibt leider auch bei uns viele Schlupfl&ouml;cher. Die Frage die sich nicht stellt, ist die ob es nicht m&ouml;glich ist bestimmte Verf&auml;lschungen nicht nachzuweisen. &Uuml;ber Isotopenanalyse ist es z.b. heute m&ouml;glich festzustellen aus welcher Region ein Lebensmittel stammt. Ob Spargel also aus Griechenland oder Deutschland stammt ist nachpr&uuml;fbar. Genauso ist nachpr&uuml;fbar ob ein Whiskey tats&auml;chlich 30 Jahre alt ist oder nur Stoffe zugesetzt wurden, die dies vort&auml;uschen sollen. Dabei handelt es sich nicht einmal um Fremdstoffe sondern der Verbraucher wird nur pekuni&auml;r gesch&auml;digt, indem er f&uuml;r ein Produkt einen hohen Preis zahlt, aber es in Wirklichkeit ein viel billigeres ist. Das Problem ist, dass diese Untersuchungen sehr aufwendig sind und nur stichprobenartig durchgef&uuml;hrt werden. Das gilt f&uuml;r viele Bestimmungen, sei es auf R&uuml;ckst&auml;nde wie auf besondere Inhaltsstoffe. Diese einfachen Summenbestimmungen wie Stickstoff nach Kjehldahl oder Fett durch Extraktion, werden heute ja noch durchgef&uuml;hrt, weil sie sich gut f&uuml;r die Verarbeitung von vielen Proben eignen. Die Chancen, dass jemand davon kommt sind also auch bei uns gegeben.<\/p>\n<p>Ein Missverst&auml;ndnis, das ich oft h&ouml;re ist dass, das man eine Probe nur in ein Ger&auml;t geben muss, das dann die Zusammensetzung raus spuckt. Leider ist dem nicht so. Die Aufarbeitung h&auml;ngt bei vielen Verfahren von der Matrix ab, also dem konkreten Lebensmittel. Das n&auml;chste ist, dass es zwar eine Menge Tests gibt, aber nur wenige Analysenverfahren sich dazu eignen, verschiedene Substanzen parallel zu bestimmen. Gaschromatographen k&ouml;nnen z.B. ein Substanzgemisch auftrennen und die einzelnen Substanzen k&ouml;nnen dann &uuml;ber ein Massenspektrometer detektiert werden. Doch bei Substanzen die nicht leicht verdampfbar sind &#8211; und das sind die meisten die es gibt, kann man diese Methode nicht einsetzen oder muss die Substanzen erst isolieren und dann chemisch umsetzen. So kann man z.B. die Zusammensetzung von Fett analysieren &#8211; aber erst nachdem das Fett isoliert, in Fetts&auml;uren aufgespalten und diese zu Methylestern umgesetzt wurden.<\/p>\n<p>Aber das ist auch gut so, denn sonst br&auml;uchte man keine Lebensmittelchemiker und es w&uuml;rden sich auch in dieser Zunft selbsternannte Experten herumtreiben, so wie dies schon bei der Ern&auml;hrungslehre der Fall ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor einigen Tagen wurden in China die Verantwortlichen des Milchpanschskandales zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt. Wie vielleicht dem einen oder anderen bekannt, hatten diese Melamin der Milch zugesetzt um einen h&ouml;heren Eiwei&szlig;gehalt vorzut&auml;uschen. Es ist mal an der Zeit sich dem anzunehmen. 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