{"id":6159,"date":"2012-04-09T00:03:22","date_gmt":"2012-04-08T22:03:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=6159"},"modified":"2012-06-29T00:22:01","modified_gmt":"2012-06-28T22:22:01","slug":"deutschland-der-weltraumzwerg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2012\/04\/09\/deutschland-der-weltraumzwerg\/","title":{"rendered":"Deutschland, der Weltraumzwerg"},"content":{"rendered":"<p>Der erste Schritt in den Weltraum ist immer noch eine eigene Tr&auml;gerrakete, und von einer Weltraummacht spricht man wenn ein Land mit einer eigenen Tr&auml;gerrakete den Orbit erreicht. Ein zweiter Club der gr&ouml;&szlig;er ist ist der der Nationen die eigene Satelliten bauen und von anderen Starten lassen. Fr&uuml;her exklusiver, aber inzwischen genauso gro&szlig; ist. ist der der Astronuten. Noch wirklich exklusiv ist der Club der Nationen die Astronauten selbst in den Orbit bringen k&ouml;nnen.<\/p>\n<p>Bald wird Nordkorea wieder einen Startversuch unternehmen. (Geplant f&uuml;r den 12-16.4) Es gab ja schon einige. Und wie immer wie auch beim Iran vor einigen Jahren gibt es die Drohungen seitens der USA und die Angst, weil nat&uuml;rlich jede Tr&auml;gerrakete auch milit&auml;risch nutzbar ist.<!--more--><\/p>\n<p>Obwohl eigentlich die Entwicklung eines komplexen Satelliten, der &uuml;ber Jahre hinweg erheblich funktioniert aufwendiger ist, was man auch daran sehen kann, dass Russland seine Kommunikationssatelliten in Europa bauen l&auml;sst und es mit den Raumsonden nicht so richtig klappt, au&szlig;er sie sollen in einer Atmosph&auml;re mit Fl&uuml;ssigkeitseigenschaften aufsetzen, gilt die Entwicklung einer eigenen Rakete doch als die Eintrittskarte bei den Weltraumnationen. Es gibt nur so wenige L&auml;nder, im Vergleich zu denen die Satelliten bauen, die auch eine Tr&auml;gerrakete entwickeln. Das ist einfach erkl&auml;rbar: Das bedeutet gr&ouml;&szlig;ere Investitionen und bei den wenigen einzelnen Starts die man durchf&uuml;hrt ist jeder auch unverh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig teuer. Das ist wie wenn sie f&uuml;r 3-4 mal Verreisen pro Jahr ich ein eigenes Auto anschaffen.<\/p>\n<p>Seit Februar kann sich auch Italien zu den Nationen rechnen die zumindest eine Rakete starten k&ouml;nnten, wenn sie w&ouml;llten. Da erfolgte der Jungfernflug der Vega. Klar: In Europa haben wir nun mit der ESA gemeinsame Tr&auml;gerraketen, aber die Vega ist zu zwei Dritteln italienisch und zwei Stufen werden komplett in Italien gebaut. Italien k&ouml;nnte eine eigene Tr&auml;gerrakete auf Basis der Zefiro 9\/17\/23 Stufen bauen welche schon existieren.<\/p>\n<p>Doch wie sieht es in Deutschland aus? Leider sehr sehr Mau. Wir sind zwar seit Jahrzehnten zwischen 20 und 30% bei der Europa 1-2, Ariane 1-5 Entwicklung und Bau beteiligt, aber das man sich wirklich mal was technologisch herausragendes besorgt oder zumindest etwas wo man sich weiter entwickelt, dazu hat es nicht gereicht. Nehmen wir es mal genauer unter die Lupe:<\/p>\n<ul>\n<li>Bei der Europa 1+2 wurde die dritte Stufe von ERNO entwickelt. Das war eine Stufe mit lagerf&auml;higen Treibstoffen. Die Masse betrug 3,5 t. Sie war druckgef&ouml;rdert mit einem Schub von 22,5 kN.<\/li>\n<li>Bei Ariane 1-4 war es die Systemf&uuml;hrerschaft bei der zweiten Stufe und sp&auml;ter bei den Boostern. Sie wurden wieder von ERNO zusammengebaut. Die Triebwerke stammten aber von SNECMA. MBB entwickelte die Brennkammer f&uuml;r die dritte Stufe.<\/li>\n<li>Bei Ariane 5 sind es bei Astrium Bremen (Nachfolger von ERNO) die EPS Stufe, wiederum mit lagerf&auml;higen Treibstoffen, bei MT Aerospace (fr&uuml;her MAN) die Boosterh&uuml;lsen, Hydraulik und Tankdome. Die Brennkammer des Vulcain kommt von dem Nachfolger von MBB, damals Daimler, heute auch EADS Astrium.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Was Deutschland vor allem bisher gebaut hat sind Low-Technology Teile. Bei den Boostern die Stahlh&uuml;llen, aber nicht die den hohen Temperaturen ausgesetzten, aber trotzdem flexiblen D&uuml;sen. Bei den Oberstufen ist es Systemintegration: Also man baut das zusammen was andere entwickelt haben. Okay, das machen heute auch andere, selbst Automobilfirmen, aber die fertigen wenigstens noch den Motor selbst und das ist das Herzst&uuml;ck. Und das machen nach wie vor die Franzosen. Die sind ja nicht so bl&ouml;d wie unsere Bundesregierung.<\/p>\n<p>Was hat man von den Milliarden die der deutsche Steuerzahler bisher f&uuml;r die Raketenentwicklung zahlte? In Bremen kann man Oberstufen bauen die lagerf&auml;hige Treibstoffe einsetzen und (Tada!) in 40 Jahren konnte man den Schub von 22,5 auf 28,4 kN steigern! Wau, hat sich echt gelohnt. Man kann noch Brennkammern fertigen, Die sind zwar ein Kernst&uuml;ck eines Triebwerks, aber nicht besonders anspruchsvoll. Es gibt keine mechanische Teile, sie werden durch den Treibstoff gek&uuml;hlt. Wenns Probleme gibt treten die oft schon beim Bodenversuch auf. Wenn es Instabilit&auml;ten gibt dann oft durch den Injektor oder die Kavitation in den Leitungen, doch mit so was muss man sich als Hersteller der Brennkammer nicht herumschlagen. Geschweige denn dass man Turbopumpen oder Turbinen entwickelt.<\/p>\n<p>Schlimmer noch: daran wird sich auch nichts &auml;ndern. Wenn die ESC-B kommt, dann wird wieder das Triebwerk von SNECMA stammen. Vor allem habe ich inzwischen ernsthafte Zweifel an der Kompetenz von Astrium Bremen. Bei der ESC-A brachte es die Firma fertig die massivste Oberstufe der Welt zu konstruieren: Voll\/Leermasseanteil: 4,25. Schlimmer noch: bei der ESC-B ist es nicht viel besser: 5,4 bis 5,7 (so genaue Daten gibt es nicht).<\/p>\n<p>Der Grund ist relativ einfach wenn man sich die Konstruktion ansieht. Bei der ESC-A verbinden massive Streben den Sauerstofftreibstofftank der alten H10 mit dem neu konstruierten. Vor allem dieser ist aber sehr schwer. Er ist sehr massiv. Technologien die woanders &uuml;blich sind um die Trockenmasse zu reduzieren wie Innendruckstabilisierung oder die modernere Legierung Al2195 wurden nicht eingesetzt. Und weils so gut klappt macht man es bei der ESC-B auch nicht. Man m&uuml;sste ja sonst mal nach 40 Jahren was neues entwickeln.<\/p>\n<p>Auch das DLR erlebte so &Uuml;berraschungen als ihre eigenen Studien f&uuml;r eine Oberstufe f&uuml;r die Vega recht gut aussahen, und man dann an EADS eine weitergehende Studie vergab. Sie erraten es. In Bremen arbeitete man weiter an einem neuen Rekord f&uuml;r Strukturfaktoren und kam sogar bei einer LOX\/LH2 Stufe nun zu Voll\/Leermasse von 3,4 &#8230; Das Resultat: W&uuml;rde man Astrium Bremen einen Auftrag f&uuml;r eine neue Oberstufe f&uuml;r die Vega vergeben, die Nutzlast w&uuml;rde <strong>sinken<\/strong>&#8230;<\/p>\n<p>Machen wir uns nichts vor: Deutschland k&ouml;nnte heute keine eigene Rakete entwickeln, zumindest nicht wenn man nicht weiter schreitet zu neuen Technologien und sich auch nicht mit der Entwicklung von unwichtigen Systemen abspeisen l&auml;sst, wird sich daran nichts &auml;ndern.<\/p>\n<p>Viel trennt uns nicht mehr von Gro&szlig;britannien: Dort entwickelte man in den sechziger Jahren eine eigene Tr&auml;gerrakete und beschloss schon vor dem ersten gegl&uuml;ckten Start die Entwicklung einzustellen. Was gibt es heute an Raumfahrttechnik in Gro&szlig;britannien und wie weit sind sie im Tr&auml;gerbau?<\/p>\n<p>Aber freuen wir uns: Deutschland hat genauso viel in die bemannte Raumfahrt investiert wie Frankreich in die Tr&auml;gerentwicklung. Daf&uuml;r wird dort der Gro&szlig;teil der Ariane gebaut, die technologische Kompetenz wurde sich dort erarbeitet und was haben wir: Etwa ein Dutzend Deutsche d&uuml;rften mit anderen L&auml;ndern als Passagiere ins All fliegen. Jau, das hat sich gelohnt. Und dies ist nicht satirisch gemeint, denn f&uuml;r einen Politiker der ja &uuml;ber die Beteiligung entscheidet ist es viel besser einen Interviewtermin mit einem Astronauten bei einem DLR Besuch zu haben, als dass man vor einer Ariane 5 sich positionieren kann&#8230;.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der erste Schritt in den Weltraum ist immer noch eine eigene Tr&auml;gerrakete, und von einer Weltraummacht spricht man wenn ein Land mit einer eigenen Tr&auml;gerrakete den Orbit erreicht. Ein zweiter Club der gr&ouml;&szlig;er ist ist der der Nationen die eigene Satelliten bauen und von anderen Starten lassen. 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