{"id":6264,"date":"2012-05-09T00:24:35","date_gmt":"2012-05-08T22:24:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=6264"},"modified":"2012-05-08T19:25:58","modified_gmt":"2012-05-08T17:25:58","slug":"die-sache-mit-der-laktose","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2012\/05\/09\/die-sache-mit-der-laktose\/","title":{"rendered":"Die Sache mit der Laktose"},"content":{"rendered":"<p>Da in dem K&auml;se, den ich aktuell esse (wie viele Lebensmittelchemiker, habe ich die Angewohnheit beim Essen nebenbei die Verpackungen unter die Lupe zu nehmen) fett draufsteht &#8222;laktosefrei&#8220; wird es mal Zeit, die Laktose und ihre Unvertr&auml;glichkeit unter die Lupe zu nehmen.<\/p>\n<p>Zuerst einmal: Was ist Laktose? Laktose oder Milchzucker ist ein Disaccharid, also ein Zucker, der aus zwei Elementarzuckern aufgebaut ist, in diesem Falle einem Molek&uuml;l Glucose und einem Molek&uuml;l Galactose. Wer es genau wissen will: Aufgrund der Bindung zwischen dem ersten C-Atom der Galaktose und dem 4-ten der Glucose und lautet der chemische Name 4-(\u03b2-D-Galactopyranosyl)-D-glucopyranose. Die Laktose ist nach der Saccharose oder dem Rohr- und R&uuml;benzucker das zweith&auml;ufigste Disaccharid in der Nahrung. Sie kommt allerdings ausschlie&szlig;lich in Milch vor, wo sie das einzige Kohlenhydrat ist. Alle S&auml;ugetiere enthalten Laktose in der Milch. Bei Kuhmilch sind es rund 4,7%. Frauenmilch enth&auml;lt 7,1%. Die Milch der S&auml;ugetiere, die wir konsumieren, hat einen Laktosegehalt zwischen 2,8 und 7,4 % (Extreme: Rentier und Esel), wenn man sich auf die h&auml;ufigsten Milchsorten von Ziege, Schaf und Kuh beschr&auml;nkt, sind es nur rund 4,3 bis 4,8% in der Milch.<!--more--><\/p>\n<p>Der menschliche K&ouml;rper hat sich nicht auf viel Laktose eingestellt. S&auml;uglinge verf&uuml;gen &uuml;ber eine sehr aktive Laktase, das ist das Enzym, dass die Laktose in ihre beiden Bestandteile Galactose und Glucose spaltet. Beim Erwachsenen nimmt dieses Enzym an Aktivit&auml;t ab, sprich der K&ouml;rper produziert weniger davon. Das ist, wenn wir die Ern&auml;hrung betrachten wie sie bis vor 10.000 Jahren vorherrschte auch sinnvoll: Erwachsene ern&auml;hrten sich damals nur von Fleisch, gesammelten Fr&uuml;chten und Wildgem&uuml;se und es trifft auch auf die fr&uuml;hen Agrarkulturen zu, die dann Fleisch durch Getreideprodukte ersetzten. Die Folge: Wenn unser K&ouml;rper Nahrungsmittel mit viel Laktose aufnimmt, wie Milch oder bestimmte Milchprodukte, dann gelang sehr viel Laktose in den Dickdarm, nur ein Teil wird im D&uuml;nndarm gespaltet und resorbiert. Denn nur die Monosaccharide werden durch die D&uuml;nndarmwand aufgenommen.<\/p>\n<p>Die Laktose dient dann den Darmbakterien, die es im Dickdarm gibt, als Nahrung. Die sich dar&uuml;ber freuen, denn normalerweise kommt im Dickdarm nur das Zeug an, dass unser K&ouml;rper schwer abbauen kann wie Sehnen, unabbaubare St&auml;rke oder Ballaststoffe. Und die Darmbakterien verg&auml;ren den Zucker bei optimalen Wachstumsbedingungen sofort und erzeugen dabei viel Gas, was zu Bl&auml;hungen und Bauschmerzen f&uuml;hrt.<\/p>\n<p>Die Laktoseintoleranz hat nun verschiedene Gesichtspunkte. Der Erste ist, dass die Disaccharidspaltenden Enzyme in der Zellwand der Darmzellen untereinander konkurrieren. Das bedeutet, dass wenn selbst bei Personen die Laktose gut vertragen, es zu Problemen kommen kann, wenn die Nahrung gelichzeitig viel Saccharose enth&auml;lt. Dann wird diese bevorzugt aufgenommen und Laktose gelangt in die tieferen Darmabschnitte. Allerdings ist das selten, dies ist vielmehr die Ursache f&uuml;r Durchf&auml;lle, wenn man zu viele Zuckeraustauschstoffe zu sich nimmt, da diese noch schlechter gespalten und aufgenommen werden als die Laktose. Das System ist aber auch durch gen&uuml;gend hohe Mengen an Milchzucker &uuml;berforderbar, weshalb dieser auch als mildes Abf&uuml;hrmittel in reiner Form eingesetzt wird.<\/p>\n<p>Viel ausgepr&auml;gter ist, dass in gro&szlig;en Teilen der Bev&ouml;lkerung die Laktase nach dem S&auml;uglingsalter ihre Aktivit&auml;t stark absenkt und man nur geringe Mengen an Laktose spalten kann. Auch scheint die Laktoseunvertr&auml;glichkeit eine Sekund&auml;rfolge bei anderen Darmerkrankungen zu sein.<\/p>\n<p>Diese Nahrungsmittelunvertr&auml;glichkeit ist nicht nur die bekannteste Nahrungsmittelunvertr&auml;glichkeit (nicht wie manchmal gesagt wird, eine Allergie oder auch nur Pseudoallergie), sondern auch die am besten untersuchte. Das Gen auf dem Chromosom 1konnte inzwischen ermittelt werden und Untersuchungen an Skelettresten in ganz Mitteleuropa zeigten, dass sich die Laktosetoleranz (eigentlich ein Gendefekt) innerhalb von nur 40 Generationen von 5 auf 90% der Bev&ouml;lkerung anstieg. Dies wird mit der zunehmenden Nutzung von Rindern und Milch als Nahrungsquelle in Beziehung gebracht. Wer Milch vertrug, hatte einen Selektionsvorteil, denn er konnte eine zus&auml;tzliche Nahrungsquelle nutzen und hatte gr&ouml;&szlig;ere Chancen Nachkommen in die Welt zu setzen, die ebenfalls &uuml;ber diesen Selektionsvorteil verf&uuml;gten.<\/p>\n<p>Noch heute ist es so, dass es sehr gro&szlig;e geografische Unterschiede gibt:<\/p>\n<table width=\"434\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"2\">\n<colgroup>\n<col width=\"194\" \/>\n<col width=\"232\" \/> <\/colgroup>\n<tbody>\n<tr>\n<td bgcolor=\"#cccccc\" width=\"194\">Land<\/td>\n<td bgcolor=\"#cccccc\" width=\"232\">Anteil an der Bev&ouml;lkerung<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"194\">Schweden<\/td>\n<td width=\"232\">3%<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"194\">USA, Angloamerikaner<\/td>\n<td width=\"232\">6%<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"194\">Deutschland<\/td>\n<td width=\"232\">10-20%<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"194\">Schweiz<\/td>\n<td width=\"232\">17%<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"194\">England<\/td>\n<td width=\"232\">20-30%<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"194\">Frankreich<\/td>\n<td width=\"232\">40%<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"194\">USA, Afroamerikaner<\/td>\n<td width=\"232\">73%<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"194\">Japan<\/td>\n<td width=\"232\">fast 100%<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>Der urspr&uuml;ngliche Ursprung des Gendefektes konnte inzwischen im norddeutschen Raum rund um Hamburg-L&uuml;beck ausgemacht werden, innerhalb von Europa gibt es daher Abweichungen, wenn man sich geografisch von dieser Region entfernt. Die Mutation trat jedoch an vielen Orten auf. So haben Afrikaner und Asiaten aufgrund einer Ern&auml;hrungsweise, die nur wenige Milchprodukte beinhaltet, fast keine Laktosetoleranz, sie ist bei einzelnen Gruppen jedoch viel ausgepr&auml;gter. Die Vieh haltenden V&ouml;lker in Afrika, wie Massai oder Inder, die viel Viehzucht betreiben und K&uuml;he als Milchquelle nutzen, (und sie sogar als &#8222;heilig&#8220; ansehen) haben eine viel h&ouml;here Toleranz.<\/p>\n<p>Es ist aber auch so, dass Laktoseintolerante nicht automatisch keine Laktose vertragen. Es ist immer eine gewisse Restaktivit&auml;t vorhanden. 12 g Laktose, das ist in etwa die Menge, die in einem Glas Milch steckt, werden in der Regel gut vertragen. Dasselbe gilt f&uuml;r Sauermilchprodukte. Diese sind zwar in der Regel nur kaum laktosereduziert, doch man konsumiert von Sauermilchprodukten nicht gr&ouml;&szlig;ere Mengen. Joghurt oder Kefir enth&auml;lt fast genauso viel Laktose wie Milch, doch sind die Mengen, die man isst, kleiner. Fast laktosefrei sind gereifte K&auml;se, so wurde auch dieser beworben. Die Laktose dient den Bakterien, welche die Reifung durchf&uuml;hren als Nahrung und man isst noch weniger von dem K&auml;se, der ja nun viel mehr Fett beinhaltet. Das gilt f&uuml;r alle Schnittk&auml;se wie Gouda, Emmentaler oder Tilsiter aber auch Weichk&auml;se wie Camembert, Brie oder Gorgonzola.<\/p>\n<p>Problematisch ist vielmehr, das Milchzucker als Tr&auml;gerstoff f&uuml;r Zusatzstoffe und Aromen wie auch als geschmacks- und zuckerfreier F&uuml;llstoff inzwischen in vielen Lebensmitteln zugesetzt wird, so S&uuml;&szlig;speisen, Schokolade und Eis. (Es ist zwar ein Zucker, doch ist er kaum s&uuml;&szlig;. Seine S&uuml;&szlig;kraft betr&auml;gt nur 10-20% dessen von Haushaltszucker). Milchzucker bindet viel Wasser, er wird daher als billiger Stoff zugesetzt um eine cremige Konsistenz zu erreichen, so bei Cremes, Eis, Joghurt. Schokolade wird er zugesetzt, um Milchpulver einzusparen. Seit es fettreduzierte Produkte gibt, findet man ihn auch in diesen, wie Wurst, weil man so das Fett reduzieren kann, ohne dass sich Konsistenz und Volumen des Lebensmittels &auml;ndern.<\/p>\n<p>Problematisch ist, dass Milchzucker trotz dieser Verwendung nicht als Zusatzstoff gilt, sondern als Lebensmittel. Auch gibt es keinen Warnhinweis, wie dies bei echten Lebensmittelallergien der Fall ist (z.B. gegen N&uuml;sse, &Auml;pfel oder Soja). Bei diesen sind entsprechende Warnhinweise Pflicht. Das ist um so bedenklicher, weil Milchzucker sich inzwischen in vielen Lebensmitteln findet, die ohne Milch hergestellt werden, bei denen man also keinen Milchzucker vermutet wie z.B. Wurst.<\/p>\n<p>In den USA, wo es viel mehr Laktoseinterolante gibt, gibt es seit einigen Jahrzehnten daher laktosefreie Milch und Produkte zu beziehen. Bei diesen wird ein entsprechendes Enzym zudosiert, das dann die Laktose spaltet. Bekannt ist dies vor allem bei Milch. Es gibt dort auch das Enzym isoliert zu kaufen, um dies selbst durchzuf&uuml;hren, doch das ist praktisch nur bei Frischmilchprodukten praktikabel, gegen Milchzucker, der in Fertigprodukten zugesetzt wurde, hilft dies nichts, weil das Enzym Zeit zum Wirken braucht und eine w&auml;ssrige L&ouml;sung vorliegen muss. Auch darf man das Lebensmittel erst erhitzen, wenn das Enzym wirken konnte, da es durch Hitze deaktiviert wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Da in dem K&auml;se, den ich aktuell esse (wie viele Lebensmittelchemiker, habe ich die Angewohnheit beim Essen nebenbei die Verpackungen unter die Lupe zu nehmen) fett draufsteht &#8222;laktosefrei&#8220; wird es mal Zeit, die Laktose und ihre Unvertr&auml;glichkeit unter die Lupe zu nehmen. Zuerst einmal: Was ist Laktose? 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