{"id":6310,"date":"2012-05-21T00:15:36","date_gmt":"2012-05-20T22:15:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=6310"},"modified":"2012-05-21T00:16:45","modified_gmt":"2012-05-20T22:16:45","slug":"die-engine-out-capability","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2012\/05\/21\/die-engine-out-capability\/","title":{"rendered":"Die engine out capability"},"content":{"rendered":"<p>Also erst Mal einen Dank an ALDI und SpaceX &#8211; dank des Trekking\u00a0Fahrrades\u00a0im aktuellen ALDI\u00a0Prospekt\u00a0und des SpaceX Startversuchs wurde der Sonntag der bisher am\u00a0meisten\u00a0besuchte Tag des Blogs. Und SpaceX ist doch auch ein sch&ouml;nes Thema. \u00a0Zeit einmal die viel beschworene Engine-out capability zu beurteilen. Zum einen, was ist das und wie ist es n&uuml;tzlich.<\/p>\n<p>Es ist die F&auml;higkeit ein Triebwerk w&auml;hrend des Fluges abzuschalten und diesen Ausfall auch abzufangen. Das erste ist relativ gut beherrschbar. Heute kann man so viele Triebwerksdaten in so kurzer Zeit verarbeiten, dass man selbst bei gravierenden Ereignissen noch rechtzeitig die Ventile zu einem Triebwerk schlie&szlig;en kann. Als zus&auml;tzlichen Schutz kann man jedes Triebwerk durch einen Kevlarvorhang vor Splittern sch&uuml;tzen.<!--more--><\/p>\n<p>Das ist Punkt 1, schwieriger ist Punkt 2. Was passiert bei einem Triebwerksausfall? Der erste Punkt ist, der Schub f&auml;llt ab. Nehmen wir an, es ist recht sp&auml;t, dann ist die einfachste Folge, dass man einen h&ouml;heren Treibstoffverbrauch hat. Bei der ersten Stufe (die oberen Stufen haben meist weniger Triebwerke, sodass ein Ausfall kaum abfangbar ist) ist die Hauptaufgabe, eine Aufstiegsbahn zu erreichen die ihren Scheitelpunkt in der H&ouml;he des Orbits hat. Nur der Teil der Beschleunigung, der &uuml;ber 1 g hinaus geht, bewirkt eine Beschleunigung in der Vertikalen, also einer Aufstiegsbahn mit dem gew&uuml;nschten Scheitelpunkt (sp&auml;ter kann man noch einen Teil f&uuml;r den Aufbau der horizontalen Beschleunigung nutzen). F&auml;llt nun sp&auml;t ein Triebwerk aus, so fehlt Beschleunigung was sich in einem h&ouml;heren Treibstoffverbauch neiderschl&auml;gt, da nun die Erdgravitation l&auml;nger wirkt (die Brenndauer ist ja durch das ausgefallene Triebwerk verl&auml;ngert).<\/p>\n<p>Problematischer ist ein Ausfall sehr kurz nach dem Start. Die Falcon 9 der COTS Fl&uuml;ge wiegt rund 314 t nach SpaceX Presskit. (ich meine es sind mehr, da die Brenndauer der Stufen l&auml;nger als COTS 1 sind, die Tabelle aber vom ersten Presskit &uuml;bernommen wurde) Der Startschub betr&auml;gt 3.800 kN. Das entspricht einer Beschleunigung von 12,1 m\/s. Das ist auch die Minimalbeschleunigung die ein Tr&auml;ger aufweisen darf. Bei meinen Recherchen f&uuml;r die Saturn stolperte ich immer wieder &uuml;ber die Beschleunigung 1,25 g (12,26 m\/s) als Minimalwert. Darunter steigen die Gravitationsverluste stark an und auch die Steuerung ist schwieriger. Das letzte ist leicht nachvollziehbar. Eine Rakete die gerade mit 1 g beschleunigt also praktisch still steht ist nicht gerade stabil, eine Rakete die st&auml;ndig schneller wird, ist durch ihre Geschwindigkeit stabiler. Aus diesem Grunde musste bei der Saturn auch bei Ausfall eines Triebwerks eine Beschleunigung von mindestens 1,25 g gew&auml;hrleistet sein.<\/p>\n<p>&Uuml;bertr&auml;gt man dieses Kriterium auf die Falcon 9, so m&uuml;sste sie mit mehr als 13,7 m\/s beschleunigen um einen Triebwerksausfall direkt nach dem Start abzufangen. Sie startet aber mit 12,1 m\/s. So ist die Engine-out capability nicht nach dem Start gegeben.<\/p>\n<p>Das zweite Kriterium ist die Steuerbarkeit nach dem Ausfall. Es gibt hier zwei M&ouml;glichkeiten. Das eine ist es ein gegen&uuml;berliegendes Triebwerk abzuschalten und so die Schubsymmetrie aufrecht zu erhalten. Das ist die technisch einfachste L&ouml;sung, bedeutet aber dass man noch gr&ouml;&szlig;ere Reserven im Treibstoffvorrat und beim Startschub vorr&auml;tig halten muss. Das zweite ist die M&ouml;glichkeit die Triebwerke zu schwenken und so den asymmetrischen Schub aufzufangen. Bei den bei der Falcon eng zusammenliegenden D&uuml;sen erscheint es sehr schwer denkbar, dass sie so weit geschwenkt werden k&ouml;nnen um einen Ausfall aufzufangen.<\/p>\n<p>Immerhin gibt es hier einen Pr&auml;zedenzfall. Beim Arianestart V36 fiel ein Triebwerk nicht aus, aber der Brennkammerdruck betrug nur knapp die H&auml;lfte. Trotz acht Triebwerken in der ersten Stufe fiel es immer schwerer diesen asymmetrischen Schub (das Triebwerk hatte nun nur noch 50% seiner Leistung) auszugleichen. Nach 90 s standen die Triebwerke beim Maximalausschlag und konnten den asymmetrischen Schub nicht mehr kompensieren, die Rakete drehte sich und 11 s sp&auml;ter gab es Br&uuml;che in der Struktur, die das Selbstzerst&ouml;rungssystem ausl&ouml;sten.<\/p>\n<p>In diesem falle konnte also bei acht Triebwerken nicht der teilweise Ausfall eines Triebwerks kompensiert werden.<\/p>\n<p>Basierend auf diesen Daten kann man nun folgendes ableiten:<\/p>\n<table>\n<tbody>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td>Falcon 9 (Merlin 1C)<\/td>\n<td>Falcon 9 (Merlin 1D)<\/td>\n<td>Falcon Heavy<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Mittleres Triebwerk darf ausfallen nach<\/td>\n<td>44 s<\/td>\n<td>41 s<\/td>\n<td>10 s<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>&Auml;u&szlig;ere Triebwerke d&uuml;rfen ausfallen nach<\/td>\n<td>67 s<\/td>\n<td>65 s<\/td>\n<td>26 s<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>Die Daten beruhen auf der Annahme, dass die Beschleunigung nicht unter 1,25 g fallen darf und den von SpaceX angegebenen Werten f&uuml;r den Schub und Startmasse (Merlin 1C: 423 kN, Merlin 1D: 620 kN, Falcon 9: 314 und 4780 t, Falcon Heavy 1.400 t) sowie der Annahme, dass bei einem Ausfall eines &auml;u&szlig;eren Triebwerks zwei Triebwerke abgeschaltet werden m&uuml;ssen, w&auml;hrend beim mittleren Triebwerk die Symmetrie erhalten bleibt.<\/p>\n<p>Man sieht: die Falcon Heavy ist hier gutm&uuml;tiger, aber durch 27 Triebwerke ist ein Ausfall auch dreimal wahrscheinlicher.<\/p>\n<p>Schwer zu beziffern ist der erh&ouml;hte Treibstoffverbrauch. Man findet aber bei SpaceX keinerlei Angaben, dass es hier Reserven gibt um diesen aufzufangen. Dabei ist dieser unstriittig aufgrund der h&ouml;heren Gravitationsverluste. Im Extremfall (zwei Triebwerke werden nach 67 s abgeschaltet) m&uuml;ssten die verbliebenen Triebwerke 31,7 s l&auml;nger arbeiten, was bedeutet, dass die Erdbeschleunigung 31,7 s lang l&auml;nger auf den Tr&auml;ger winwirken kann. Das dies mit einem h&ouml;heren Treibstoffverbrauch einhergeht, d&uuml;rfte klar sein. Genaue Werte sind jedoch nur bei Kenntnis der Aufstiegsbahn ermittelbar.<\/p>\n<p>Nat&uuml;rlich, nur um dies noch zu erw&auml;hnen ist ein Ausfall bei der zweiten Stufe nicht abfangbar. Aufgrund dessen ist die Zuverl&auml;ssigkeit schwer direkt berechenbar. Ich habe daher eine Monte Carlo Simulation durchgef&uuml;hrt. Dreh- und Angelpunkt ist nat&uuml;rlich die unbekannte Zuverl&auml;ssigkeit eines Triebwerks. Das Vulcain 1 wurde f&uuml;r eine Zuverl&auml;ssigkeit von 0,9946 ausgelegt. Es wurde anders als die Merlin wirklich extensiv getestet. Nimmt man dieses Kriterium auch f&uuml;r die Merlin an, so ergibt sich f&uuml;r die Falcon 9 eine Zuverl&auml;ssigkeit von 0,977 und f&uuml;r die Falcon Heavy eine von 0,974. Das sind nat&uuml;rlich nur die Werte f&uuml;r die Triebwerke, andere Ereignisse die Katastrophal sein k&ouml;nnen (Stufentrennung, Steuerung, Avionik &#8230;) sind nicht ber&uuml;cksichtigt. Nimmt man nur 0,99 an, so sinkt die Zuverl&auml;ssigkeit schon auf 95,8% (Falcon 9) bzw. 95,3% (Falcon Heavy) ab.<\/p>\n<p>Doch man kann auch das vorliegende Datenmaterial nehmen. Bisher gab es f&uuml;nf Falcon 1 Starts und zwei Falcon 9 Starts. Beim ersten Falcon 1 Start fiel ein Merlin aus, und beim letzten Falcon 9 Start ebenso. Bei 25 eingesetzten Triebwerken sind dies zwei Ausf&auml;lle oder eine Zuverl&auml;ssigkeit von 23\/25 oder 0,92. Nimmt man dies als Vorgabe f&uuml;r die Simulation, so wird es wirklich &uuml;bel: 70,4% f&uuml;r eine Falcon 9 und 67,7% f&uuml;r eine Falcon Heavy. Das halte ich schon f&uuml;r zu gering. Doch irgendwo zwischen 0,985 und 0,99 w&uuml;rde ich die Triebwerke schon einsortieren. Das ergibt dann eine Zuverl&auml;ssigkeit der Rakete von 0,93 bis 0,958 je nach Konfiguration. Ariane 5 sollte 0,985 aufweisen.<\/p>\n<p>Die Zahl hat nicht nur akademische Bedeutung: Sollte die Versicherungspr&auml;mie um 5% h&ouml;her sein, so ist bei den typischen Kosten eines kommerziellen Starts dies mit Mehrkosten von rund 12,5 Millionen Dollar bei einem Falcon 9 Start verbunden, die nat&uuml;rlich den niedrigeren Startpreis der Rakete relativieren (oder sie um diesen Betrag teurer machen. Bei der Falcon Heavy w&auml;ren es wegen der teureren Satelliten (gr&ouml;&szlig;ere Nutzlast) rund 26 Millionen Dollar.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Also erst Mal einen Dank an ALDI und SpaceX &#8211; dank des Trekking\u00a0Fahrrades\u00a0im aktuellen ALDI\u00a0Prospekt\u00a0und des SpaceX Startversuchs wurde der Sonntag der bisher am\u00a0meisten\u00a0besuchte Tag des Blogs. Und SpaceX ist doch auch ein sch&ouml;nes Thema. \u00a0Zeit einmal die viel beschworene Engine-out capability zu beurteilen. Zum einen, was ist das und wie ist es n&uuml;tzlich. 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