{"id":6467,"date":"2012-06-25T00:09:08","date_gmt":"2012-06-24T22:09:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=6467"},"modified":"2012-06-23T11:16:25","modified_gmt":"2012-06-23T09:16:25","slug":"uran-oder-wie-man-sich-einen-skandal-bastelt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2012\/06\/25\/uran-oder-wie-man-sich-einen-skandal-bastelt\/","title":{"rendered":"Uran, oder wie man sich einen Skandal bastelt"},"content":{"rendered":"<p>Ich habe f&uuml;r die Frage nach toxischen Elementen in Wasser mich schlaugemacht. Vieles was ich kannte ist besser geworden, so hat die Bleibelastung durch alte Leitungen abgenommen, einfach weil sie seit 1970 nicht mehr verlegt werden d&uuml;rfen, daf&uuml;r gibt es nun Blei aus Mischbatterien. Ganz neu einlesen musste ich mich wegen Uran im Trinkwasser. Das war kein Thema, als ich studiert habe. C&auml;sium und Strontium, ja wegen Tschernobyl und der leichten Wasserl&ouml;slichkeit, aber Uran?<!--more--><\/p>\n<p>Ich dachte mir. Na klar, nach Fukoshima will man nat&uuml;rlich nichts Radioaktives im Wasser haben, egal wie gef&auml;hrlich es ist (bei einer Halbwertszeit von 4,5 Milliarden Jahren ist die Strahlung von U-238 nat&uuml;rlich viel geringer als die der bei Kernreaktionen entstehenden kurzlebigen Isotope.<\/p>\n<p>Okay, nun gibt es auch daf&uuml;r einen Grenzwert von 10 \u00b5g\/l. Also eine typische Politikreaktion auf die Angst nach Strahlung. Doch wie gef&auml;hrlich ist Uran? Tippt man \u201eUran Trinkwasser\u201c bei Google ein, so kommt ein alter Bekannter an der ersten Stelle: Food Watch, die stolz drauf sind einen Grenzwert durchgesetzt zu haben als eine ihrer \u201eKampagnen\u201c und sogar einen von 2 \u00b5g\/l haben wollen.<\/p>\n<h2>Wie wird ein Grenzwert ermittelt?<\/h2>\n<p>Zeit nachzufragen, wie gef&auml;hrlich Uran denn so ist, und dann wird es doch mit der Faktenlage recht lau. Es gibt eine Reihe von Grenzwerten, doch die sind so breit gestreut, dass man daraus nichts ableiten kann. Doch netterweise liefert Food Watch genau das Gegenargument f&uuml;r ihre eigenen Argumente. N&auml;mlich eine <a href=\"http:\/\/www.efsa.europa.eu\/en\/efsajournal\/doc\/1018.pdf\">Stellungnahme der EFSA<\/a>, der europ&auml;ischen Beh&ouml;rde f&uuml;r Lebensmittelsicherheit. Eine Studie &uuml;ber die Gefahr von Nitrat, man muss sie n&auml;mlich nur vollst&auml;ndig lesen. Die Giftigkeit wird wie bei anderen Stoffen im Tierversuch untersucht, und die niedrigsten Werte, die man dort fand, bei der es keinerlei Auswirkung gab (No Effekt Level = NOEL Wert) lag bei 0,05 mg\/kg K&ouml;rpergewicht. Daraus hat die WHO einen Grenzwert von 0,015 mg\/l abgeleitet. Das ist nichts Besonderes, so wird jeder Grenzwert ermittelt: Man schaut, wie viel Uran man so gefahrlos nach dem NOEL-Wert aufnehmen darf (Basis: 60 kg schwerer Mensch), das w&auml;ren 0,05 mg*60 = 3 mg und teilt das durch 100 als Sicherheitsfaktor und die t&auml;gliche Aufnahmemenge des Lebensmittels (hier Wasser: 2 l\/tag) also durch 200 und kommt so zu 15 \u00b5g\/l. Dies ist ein typischer ADI-Wert (acceptable Daily intake). So werden diese f&uuml;r giftige Stoffe, aber auch Zusatzstoffe festgelegt.<\/p>\n<p>F&uuml;r den Menschen gibt es recht wenige Daten &uuml;ber die Langzeittoxizit&auml;t, immerhin, auch hier wird man in dem EFSA-Papier f&uuml;ndig. Bei 98 Personen die 16 Jahre lang uranhaltiges Trinkwasser (mittlere Konzentration 25 \u00b5g\/l) aufnahmen, konnte man keinerlei Ver&auml;nderungen von Nierenparametern feststellen. Die Nierensch&auml;digung ist die bekannteste Giftwirkung von Uran. Es wirkt als Schwermetall, die Radioaktivit&auml;t hat keinerlei Bedeutung.<\/p>\n<p>Wie kommt man nun zu dem Grenzwert von 10 \u00b5g\/l in Deutschland? Nun nicht anders als, wie der Grenzwert in den USA zustande kam (30 \u00b5g\/l), oder Bulgarien (60 \u00b5g\/l) oder in Finnland (100 \u00b5g\/l) oder in der Tschechei (964 \u00b5g\/l). Sie staunen? Sind die Tschechen rund 90-mal unempfindlicher als wir? Nein. Die prim&auml;re Quelle f&uuml;r Uran ist immer noch der Gehalt des Gesteins, wo es vergesellschaftet mit anderen Schwermetallen vorkommt, und wenn man zuf&auml;lligerweise da wohnt, wo Urangestein vorhanden ist, ist eben mehr im Wasser. De fakto will und kann heute keiner Uran aus dem Wasser entfernen. Das kann sich keiner leisten. Man m&uuml;sste riesige Ionenaustauscher anlegen, die wegen der chemischen Natur auch viele andere Schwermetalle ausfiltern w&uuml;rden und die w&auml;ren dann Atomm&uuml;ll. Wer soll dessen Entsorgung zahlen? Also legt man &uuml;berall auf der Welt die Grenzwerte so fest, dass man den Grenzwert einhalten kann, indem man belastetes Wasser mit Frischem mischt. In der EFSA-Studie lag der h&ouml;chste von Deutschland gemeldete Wert bei 10,6 \u00b5g\/kg. Ein Schelm, der Arges denkt, wenn man den Grenzwert dann auf 10 \u00b5g\/l festlegt.<\/p>\n<p>Deswegen fordert Food Watch auch einen Grenzwert von 2 \u00b5g\/l, das ist der Grenzwert f&uuml;r Mineralwasser, das f&uuml;r Kinderern&auml;hrung zugelassen ist. Ist das nun sicherer? Sie ahnen es: dasselbe Spiel: Auch hier wird der Grenzwert national festgelegt. Er sollte niedriger als der normale Trinkwasserwert sein, da S&auml;uglinge empfindlicher sind. Doch auch hier richtet man sich nach dem Gehalt im Wasser. Auch Mineralwasser wird ja aus dem belasteten Gestein gewonnen und schaut man sich das EFSA-Dokument an, so gibt es bei uns einen von 2 \u00b5g\/l, in der Slowakei 161 \u00b5g\/l, und in Tschechien 402 \u00b5g\/l.<\/p>\n<p>Das ist &uuml;brigens nicht der Rekord. Brunnenwasser aus Finnland weist 1920 \u00b5g\/l auf, also rund das 200fache des deutschen Grenzwertes auf. Trotzdem wurde dort nicht mehr Nierenkranke gefunden.<\/p>\n<h2>Gefahr Phosphatd&uuml;nger<\/h2>\n<p>Zuletzt noch die Einbringen von Uran durch Phosphat. Uran ist nat&uuml;rlicherweise in Phosphat enthalten. Zwei Dokus, die ich bei der Recherche sah, suggerierten, dass nun mehr Uran durch die D&uuml;ngung eingebracht wird. Nun das Phosphatd&uuml;nger Uran enth&auml;lt ist unstrittig. Es ist ein Begleitelement des Phosphates. Eine andere Frage ist, ob das Element in gro&szlig;en Mengen ins Grundwasser gelangt oder von Tonmineralien gebunden wird, wie wir es bei anderen Schwermetallen kennen (sonst w&uuml;rden wir ja auch das ganze Blei aus dem verbleiten Benzin das schon auf den &Auml;ckern ist und das Arsen als Begleitelement der Kohle, die verbrannt wird im Grundwasser finden). Noch immer ist es so, dass die h&ouml;chsten Werte dort vorkommen, wo Gestein uranhaltig ist. Niedrig belastet sind dagegen die stark landwirtschaftlich genutzten Fl&auml;chen in Norddeutschland, wo man ja durch den D&uuml;ngereintrag das Gegenteil vermuten sollte.<\/p>\n<p>Dann wird schon mal falsch gerechnet, um die Gefahr aufzubauschen. So findet sich sogar in der Wikipedia die falsche Angabe von 160 t Uran, die nach einer NDR-Doku j&auml;hrlich ausgebracht wird. Uran ist nach eigenen NDR-Recherchen in f&uuml;nf D&uuml;ngern zwischen 4,27, 82,331 und 402 \u00b5g\/kg enthalten \u2013 das gleiche Bild wie bei den Grenzwerten, es kommt schlicht und einfach drauf an, woher das Phosphat stammt. Aber: Blaukorn besteht nur zu einem kleinen Prozentsatz aus Phosphat. Ich habe mal bei meinem D&uuml;nger (Blaukorn Volld&uuml;nger) nachgesehen, da sind es 6,5%, das sind also selbst im schlimmsten Falle nur 26 mg\/kg. Nun redet die Dokumentation von 265.000 t D&uuml;nger, die j&auml;hrlich in der BRD ausgebracht werden, also 265 Millionen kg * 26 mg = 6,89 t. Wenn sie den Analysenmittelwert ihrer Proben nehmen, dann sind es nur 2,9 t. Gut, wenn Redakteure nicht rechnen k&ouml;nnen Um auf die 160 t zu kommen m&uuml;sste es reiner Phosphatd&uuml;nger sein und dieser einen Gehalt von 600 \u00b5g\/kg aufweisen, also mehr als die eigenen Analysewerte hergeben.<\/p>\n<h2>Die Gefahr die von Uran ausgeht<\/h2>\n<p>Wie gef&auml;hrlich ist Uran nun wirklich? Nun anders als bei anderen Schwermetallen wie Arsen, Cadmium oder Quecksilber sind kaum akute Vergiftungen bekannt. Das man das Element &uuml;berhaupt untersucht ist recht neu, w&auml;hrend man andere Umweltbelastungen recht intensiv untersucht hat. Was die Sache noch erschwert ist, dass die Resorption von Uran zwa sehr gering ist, aber stark individuell schwankend. Werte zwischen 0,1 und 6% werden in der Literatur genannt. Aufgenommenes Uran akkumuliert sich in den Knochen aber auch Organen, das wurde zumindest bei hohen Dosen beobachtet. Bei geringen Dosen (und das liegt im Trinkwasser vor) ist dieser Punkt zu vernachl&auml;ssigen.<\/p>\n<p>Die toxische Dosis f&uuml;r den Menschen betr&auml;gt 5 g. Bei dieser Dosis sterben etwa 50% der Probanden. Es gibt dann Nierensch&auml;digungen die auch f&uuml;r die chronische Toxizit&auml;t verantwortlich sind. Doch davon sind die Werte im Trinkwasser weit entfernt. Um 5 g aufzunehmen m&uuml;sste man 2500 l des hochbelasteten finnischen Trinkwassers oder 500 m\u00b3 des deutschen Trinkwassers auf einmal aufnehmen.<\/p>\n<p>Wor&uuml;ber man nun redet ist aber die chronische Toxizit&auml;t. Nach dem Tierversuch stehen auch hier Nierensch&auml;digungen im Vordergrund. Doch die ETFA zitiert in allen aufgef&uuml;hrten Studien nur einen Fall wo es einen signifikanten Effekt gab (keine Sch&auml;digung, aber ein Absinken des Spiegels an &szlig;<sub>2<\/sub>-Microglobulin um 52%. Dies war bei einer Familie die hoch belastetes Brunnenwasser seit der Geburt trank. Beim j&uuml;ngsten Kind im Alter von 3 Jahren wurde dies beobachtet. Schon beim n&auml;chst &auml;lteren von 5 Jahren war der Spiegel normal. Diese Familie nahm immerhin 1000 \u00b5g\/l aus dem Wasser auf.<\/p>\n<p>Als Summe wird als Minimallevel das eine chronische Sch&auml;digung der Niere verursacht eine Aufnahme von 3 \u00b5g\/g Niere, also im Falle von Erwachsenen (2 x 150 g) angesetzt, das sind rund 900 \u00b5g pro Tag, also weit oberhalb des deutschen Grenzwerts im Wasser.<\/p>\n<p>Genauso ist die Lage im Tierversuch sehr unterschiedlich. Bei Ratten wurden No Effekt Level von 5 und 40 mg\/kg K&ouml;rpergewicht, entsprechend 300 und 2400 mg pro Person (60 kg) beobachtet. Die niedrigsten Level mit einer Sch&auml;digung streuten genauso zwischen 5 und 80 mg. Dies ist neben den Bedingungen (Dauer der Exposition) und der Darreichungsform (im Futter oder Wasser, Art des Uransalzes) auch der wahrscheinlich beim Tier unterschiedlichen Resorption geschuldet.<\/p>\n<p>In allen F&auml;llen reden wir aber hier von der Aufnahme von mehreren Hundert Milligramm pro Tag, w&auml;hrend die Konzentration im Trinkwasser bei 10 Mikrogramm liegt, also um den Faktor 10000 geringer.<\/p>\n<p>So gesehen ist nat&uuml;rlich es wissenschaftlich nicht vertretbar einen neuen Grenzwert von 2 \u00b5g\/l zu fordern, wenn es Untersuchungen gibt, dass selbst der lebenslange Konsum von Wasser das 10 bis 100 mal h&ouml;her belastet ist keine Sch&auml;digung verursacht.<\/p>\n<h2>In der Summe<\/h2>\n<p>Nun gibt es einen neuen Grenzwert &#8211; leben wir daher ges&uuml;nder? Nun nat&uuml;rlich nicht. Es ist das gleiche Spiel wie beim Nitrat. Auch hier wurden die Grenzwerte so festgelegt, dass sie die Wasserwerke auch in Problemzonen wo viel ged&uuml;ngt wird und dieser D&uuml;nger schnell ins Grundwasser gelangt einhalten kann. Dann empfehlen nat&uuml;rlich Verbraucherverb&auml;nde wegen der Gefahr der Reduktion zu Nitrit f&uuml;r S&auml;uglingsnahrung Mineralwasser zu nehmen. Doch selbst dann ist der Grenzwert immer noch jenseits dessen was man durch die Nahrung aufnimmt (das gilt auch f&uuml;r Pestizide und andere R&uuml;ckst&auml;nde). So ist selbst bei &ouml;kologischem Anbau in dem Gem&uuml;se der Bereichen viel mehr Nitrat enthalten. Geringe Werte liegen dort bei einigen 100 mg\/kg, normales ged&uuml;ngtes Gem&uuml;se erreicht sogar mehrere g pro Kilogramm. Das zeigt worum es geht. Weil es das Wasser ist, fordert man maximale Anstrengungen um die Belastung zu reduzieren, w&auml;hrend man andere Lebensmittel bei den gleichen Grenzwerten v&ouml;llig vom Markt nehmen m&uuml;sste und dort keiner &uuml;ber die Grenzwerte spricht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich habe f&uuml;r die Frage nach toxischen Elementen in Wasser mich schlaugemacht. Vieles was ich kannte ist besser geworden, so hat die Bleibelastung durch alte Leitungen abgenommen, einfach weil sie seit 1970 nicht mehr verlegt werden d&uuml;rfen, daf&uuml;r gibt es nun Blei aus Mischbatterien. Ganz neu einlesen musste ich mich wegen Uran im Trinkwasser. 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