{"id":6521,"date":"2012-06-30T00:56:03","date_gmt":"2012-06-29T22:56:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=6521"},"modified":"2012-06-28T16:57:03","modified_gmt":"2012-06-28T14:57:03","slug":"wird-man-von-selbstgebranntem-blind","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2012\/06\/30\/wird-man-von-selbstgebranntem-blind\/","title":{"rendered":"Wird man von Selbstgebranntem blind?"},"content":{"rendered":"<p>Sch&ouml;n w&auml;re es, wenn die alkoholische G&auml;rung immer genau so verlaufen w&uuml;rde, wie wir sie wollen. Wenn wir von Alkohol reden, so meinen wir den Ethylalkohol, chemisch Ethanol genannt. Er ist das prim&auml;re Abbauprodukt von Zucker. Er ist jedoch nicht das Einzige. Die Hefen bilden in weiteren Reaktionen aus dem Alkohol weitere Verbindungen, sie verg&auml;ren aber nicht nur den Zucker. Sie bauen auch Eiwei&szlig; ab und auch Kohlenhydrate, die f&uuml;r uns unverdaulich sind, wie z.B. das Pektin. Es entstehen zahlreiche fl&uuml;chtige Verbindungen, die charakteristisch f&uuml;r das Aroma sind und von Spirituose zu Spirituose schwanken. Manche dieser Verbindungen kann man daher auch nutzen, um die Lagerzeit oder Verf&auml;lschungen festzustellen. Besonders arm an fl&uuml;chtigen Verbindungen sind Getreidebranntweine und besonders reich sind Obstbranntweine. Diese fl&uuml;chtigen Verbindungen kommen bei den prim&auml;ren G&auml;rungsprodukten vor (Wein, Bier, Maische), aber sie reichern sich bei der Destillation an.<!--more--><\/p>\n<p>Die meisten Nebenprodukte sind auch in h&ouml;herer Konzentration harmlos. Die toxischen Wirkungen beschr&auml;nken sich zumeist auf einen Brummsch&auml;del, da unser K&ouml;rper zuerst den Ethylalkohol entgiftet und solange dieser nicht vollst&auml;ndig abgebaut ist, k&ouml;nnen diese G&auml;rungsnebenprodukte wegen ihrer Fettl&ouml;slichkeit durch die Blut\/Hirnschranke diffundieren und dort als L&ouml;sungsmittel die Nervenleitung durcheinanderbringen.<\/p>\n<p>Eine Sonderrolle nimmt der Methanol ein. Dieser einfachste Alkohol erzeugt beim Abbau den Formaldehyd, der stark toxisch ist. Er denaturiert Eiwei&szlig; und wirkt so akut toxisch in der Leber, wo die Entgiftung erfolgt. Die Erblindung und bei gr&ouml;&szlig;eren Mengen auch der Tod kommt jedoch durch die aus dem Formaldehyd gebildete Ameisens&auml;ure zustande. Der Mensch kann Ameisens&auml;ure nur sehr langsam abbauen. Es kommt zu einer Azidose, einer lebensbedrohlichen Verschiebung des pH-Wertes von K&ouml;rperfl&uuml;ssigkeiten wie dem Blut ins Saure. Am empfindlichsten reagieren die Nerven auf die Azidose. Daher als erste Symptome Kopfschmerzen, dann Erblindung durch Zerst&ouml;rung des Sehnervs. Der Tod kommt dann durch eine Ateml&auml;hmung zustande, wenn diese Nerven ausfallen.<\/p>\n<p>Methanol wirkt ab 0,1 g\/kg K&ouml;rpergewicht toxisch, mehr als 1 g\/kg (entsprechend 6 g bzw. 60 g bei einer 60 kg schweren Frau) sind t&ouml;dlich. Die meisten Branntweine enthalten kaum Methanol. Eine Ausnahme sind Branntweine aus Kernobst, bei dem die Maische gr&ouml;&szlig;ere Mengen an Zellbestandteilen enth&auml;lt, wie bei der Herstellung von Apfelbranntwein, Cidre oder Birnenbranntwein. Das Methanol entsteht durch die Spaltung und Verg&auml;rung des Pektins. Wird die Maische vor dem Brennen filtriert, sodass sie kaum Zellw&auml;nde enth&auml;lt, so sind die Br&auml;nde arm an Methanol. F&uuml;r Spirituosen, die im Handel sind, gibt es eine Obergrenze von 10-13,5 g Methanol\/l Ethanol. Isoliert betrachtet w&auml;ren diese Grenzen schon so hoch, dass man sich damit vergiften k&ouml;nnte. Da aber gleichzeitig immer Ethanol aufgenommen wird, bewirkt dieser durch die Hemmung des Methanolabbaus das diese Menge vertragen wird.<\/p>\n<p>Anders sieht dies bei selbst gebranntem aus. Methanol siedet bei 65\u00b0C, Ethanol bei 78\u00b0C. Wird die Destillation langsam durchgef&uuml;hrt, so wird man im Vorlauf zuerst eine stark methanolhaltige Fraktion erhalten, die man verwerfen sollte, dann den eigentlichen trinkbaren Teil und im Nachlauf dann weitere h&ouml;here Alkohole und h&ouml;here Ester mit noch h&ouml;heren Siedepunkten. Auch den Nachlauf verwirft man. Beachtet man dies nicht, entweder aus Nichtwissen oder aus Gewinnmaximierung, dann enth&auml;lt der Schnaps viel Methanol. Auch bei der Behandlung der Maische kann man die Bildung des Methanols reduzieren.<\/p>\n<p>Was kann man tun, wenn man den Verdacht hat, dass eine Vergiftung vorliegt? Nun, wenn man erst blind ist, dann ist es zu sp&auml;t, aber vorher gibt es die M&ouml;glichkeit den Abbau zu verz&ouml;gern. Dazu m&uuml;ssen die Betroffenen reinen Ethanol zu sich nehmen (oder ein Getr&auml;nk das kaum Methanol enth&auml;lt wie z.B. Wodka). Vorgeschlagen werden 0,7 g Ethanol\/kg K&ouml;rpergewicht, was bei einer 60 kg schweren Frau etwa f&uuml;nf bis sechs Schnapsgl&auml;sern Wodka entspricht. Dieser Pegel muss dann &uuml;ber Tage aufrechterhalten werden. Der Ethanol genie&szlig;t Vorrang beim Abbau, das bedeutet der Methanol wird langsam abgebaut was dem K&ouml;rper Zeit gibt die Ameisens&auml;ure abzubauen. Den Abbau der Ameisens&auml;ure kann man durch die Zugabe des Vitamins Fols&auml;ure steigern. Gegen die Azidose kann die Aufnahme einer Natriumhydrogencarbonatl&ouml;sung (Infusion) helfen, bei starken Vergiftungssymptomen hilft allerdings meist nur eine Dialyse.<\/p>\n<p>Der K&ouml;rper kommt mit kleineren Mengen an Methanol sehr gut zurecht, so entsteht im Stoffwechsel z.B. t&auml;glich zwischen 300 und 600 mg Methanol und kleinere Mengen an Methanol sind auch in Fruchts&auml;ften und -nektaren enthalten, hier durch Enzyme die zugesetzt werden um die Zellw&auml;nde aufzuspalten und die Saftausbeute zu erh&ouml;hen. Fruchtsaft enth&auml;lt bis zu 200 mg Methanol\/l (Mittelwert 40 mg\/l). Bei Wein sind es 180 mg\/l (Mittelwert 80 mg\/l) und bei Lik&ouml;ren 220 mg\/l (Mittelwert 107 mg\/l). Das ergab die Auswertung von &uuml;ber 200 Proben durch die Landesuntersuchungs&auml;mter in Baden-W&uuml;rttemberg 2009.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sch&ouml;n w&auml;re es, wenn die alkoholische G&auml;rung immer genau so verlaufen w&uuml;rde, wie wir sie wollen. 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