{"id":6716,"date":"2012-07-12T00:41:41","date_gmt":"2012-07-11T22:41:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=6716"},"modified":"2012-07-12T07:53:32","modified_gmt":"2012-07-12T05:53:32","slug":"gibt-es-eine-optimale-ausstromgeschwindigkeit-fur-ionentriebwerke","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2012\/07\/12\/gibt-es-eine-optimale-ausstromgeschwindigkeit-fur-ionentriebwerke\/","title":{"rendered":"Gibt es eine optimale Ausstr&ouml;mgeschwindigkeit f&uuml;r Ionentriebwerke?"},"content":{"rendered":"<p>Die Frage klingt paradox, aber sie ist nicht unbegr&uuml;ndet. Fangen wir aber mal mit den chemischen Antrieben an. Dort gilt recht einfach: Je h&ouml;her der spezifische Impuls desto besser. Nur mit LOX\/LH2 k&ouml;nnen wir &uuml;berhaupt mit einer stufe einen Orbit erreichen. Bei LOX\/LH2 erreicht man mit zwei Stufen rund 7-8% Nutzlast, mit LOX\/RP-1 trotz g&uuml;nstiger Strukturfaktoren nur etwa 3,3%.<\/p>\n<p>Ionentriebwerke haben einen zehnmal h&ouml;heren spezifischen Impuls. Doch auch hier gilt: je h&ouml;her er ist, desto weniger Treibstoff braucht man. Da durch die geringen Schubkr&auml;fte der Geschwindigkeitsbedarf aber h&ouml;her ist sollte man auch hier auf eine hohe Ausstr&ouml;mgeschwindigkeit setzen.<!--more--><\/p>\n<p>Praktisch hat man heute mit Ionentriebwerken rund 50 km\/s erreicht. Theoretisch kann die Ausstr&ouml;mgeschwindigkeit fast Lichtgeschwindigkeit erreichen, praktisch scheinen heute 200 km\/s erreichbar (man ben&ouml;tigt eine sehr hohe Spannung f&uuml;r hohe Geschwindigkeiten, diese muss man &uuml;ber sehr lange Zeit zuverl&auml;ssig erzeugen k&ouml;nnen und auch das Triebwerk\u00a0 wird gr&ouml;&szlig;er bei hoher Ausstromgeschwindigkeit, das limitiert den praktischen Einsatz).<\/p>\n<p>Warum sollte man also nicht die 200 km\/s anstreben, ja zumindest die 50 km\/s die heute erprobt sind (es gibt auch Triebwerke die nur 10-20 km\/s erreichen). Nun anders als bei chemischen Treibstoffen muss man die Energie erst aufwenden und diese Fundamentgleichung zeigt die Problematik:<\/p>\n<p>c = w * 2L \/ S<\/p>\n<p>c: Ausstr&ouml;mgeschwindigkeit in m\/s<br \/>\nw: Wirkungsgrad (0&#8230;1)<br \/>\nL: Leistung in Watt<br \/>\nS: Schub in N<\/p>\n<p>Oder formulieren sie mal auf den Schub um:<\/p>\n<p>S = w*2L \/ c<\/p>\n<p>Hoher Schub und Ausstr&ouml;mgechwindigkeit schlie&szlig;en sich also gegenseitig aus. Der Schub ist aber auch wichtig, denn wir haben eine nur begrenzte Zeit. Wenn wir sagen wir mal 100 Tage Zeit haben um eine bestimmte Geschwindigkeit zu erreichen, wird bei doppelt so hoher Ausstr&ouml;mgeschwindigkeit der Schub halbiert sein. Solange nicht so viel Treibstoff ben&ouml;tigt wird, dass die Startmasse sich bei hoher Ausstr&ouml;mgeschwindigkeit halbiert, wird man eine kleinere Nutzlast starten k&ouml;nnen.<\/p>\n<p>Oder man sieht es von der Warte der Energieversorgung, denn da gilt: E=1\/2*mv\u00b2 \u2019 f&uuml;r eine vorgegebene Treibstoffmenge und Ausstr&ouml;mgeschwindigkeit brauche ich quadratisch mehr Energie, die ja eine Stromversorgung liefern muss, und die wiegt heute noch mehr als Treibstoff und Triebwerke. Es reduziert sich zwar auch der Treibstoffbedarf, doch dies kann nicht den quadratischen Anstieg des Energiebedarfs kompensieren.<\/p>\n<h3>Ein Praktisches Beispiel:<\/h3>\n<p>Eine Raumsonde soll zum Mars fliegen, dort in eine Umlaufbahn einschwenken, Bodenproben von einem Lander aufnehmen und zur&uuml;ck zur Erde fliegen. Ber&uuml;cksichtigt soll nur die Geschwindigkeit &uuml;ber der Fluchtgeschwindigkeit der Erde sein, dass hei&szlig;t wir starten nicht von einer niedrigen Erdumlaufbahn aus und bremsen nicht wieder in eine ab. Das entspricht dem Vorgehen das heute wohl am wahrscheinlichsten ist.<\/p>\n<p>Der Geschwindigkeitsbedarf soll daf&uuml;r 10 km\/s betragen. Wir genehmigen uns insgesamt 10.000 Stunden Betriebszeit (das ist die Testzeit einiger eingesetzter Triebwerke) und wir setzen normale Solararrays mit 80 W\/kg ein. Der Antrieb selbst soll rund 100 kg wiegen und die Tanks f&uuml;r das Xenon ein F&uuml;nftel des Inhalts. Wie sieht nun die Rechnung f&uuml;r eine konstante Startmasse bei unterschiedlichen Geschwindigkeiten aus?<\/p>\n<table>\n<tbody>\n<tr>\n<th>Ausstr&ouml;mgeschwindigkeit<\/th>\n<th>Schub<\/th>\n<th>Strombedarf<\/th>\n<th>Nutzlast<\/th>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>10.000 m\/s<\/td>\n<td>0,35 N<\/td>\n<td>2.500 W<\/td>\n<td>340 kg<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>15.000 m\/s<\/td>\n<td>0,41 N<\/td>\n<td>4.900 W<\/td>\n<td>660 kg<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>20.000 m\/s<\/td>\n<td>0,45 N<\/td>\n<td>6.700 W<\/td>\n<td>860 kg<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>25.000 m\/s<\/td>\n<td>0,46 N<\/td>\n<td>8.300 W<\/td>\n<td>990 kg<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>30.000 m\/s<\/td>\n<td>0,50 N<\/td>\n<td>10.800 W<\/td>\n<td>1.050 kg<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>35.000 m\/s<\/td>\n<td>0,50 N<\/td>\n<td>12.500 W<\/td>\n<td>1.120 kg<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>40.000 m\/s<\/td>\n<td>0,5 N<\/td>\n<td>14.300 W<\/td>\n<td>1.160 kg<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>45.000 m\/s<\/td>\n<td>0,50 N<\/td>\n<td>16.400 W<\/td>\n<td>1.180 kg<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>50.000 m\/s<\/td>\n<td>0,5 N<\/td>\n<td>19.400 W<\/td>\n<td>1.200 kg<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>75.000 m\/s<\/td>\n<td>0,5 N<\/td>\n<td>30.000 W<\/td>\n<td>1.170 kg<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>100.000 m\/s<\/td>\n<td>0,55 N<\/td>\n<td>40.000 W<\/td>\n<td>1.100 kg<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>150.000 m\/s<\/td>\n<td>0,55 N<\/td>\n<td>60.000 W<\/td>\n<td>900 kg<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>200.000 m\/s<\/td>\n<td>0,55 N<\/td>\n<td>80.000 W<\/td>\n<td>700 kg<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft\" src=\"\/img\/elektrische-triebweerk-nutzlast-geschwindigkeit.png\" alt=\"\" width=\"672\" height=\"362\" align=\"left\" \/>Der Effekt ist deutlich zu sehen: Die Nutzlast nimmt zuerst stark zu, dann immer weniger. Sie nimmt dann wieder ab, weil die Stromversorgung immer mehr wiegt. Hier w&auml;re die ideale Geschwindigkeit bei ungef&auml;hr 55.000 bis 60.000 m\/s.<\/p>\n<p>In der Literatur findet man den Therm<\/p>\n<p>c<sub>opt<\/sub>\u00a0= Sqrt(2* t \/ 1000 * a<sub>0<\/sub>) [km\/s]<\/p>\n<p>mit<\/p>\n<p>c<sub style=\"color: #000000; font-family: Arial; font-style: normal; font-variant: normal; font-weight: normal; letter-spacing: normal; line-height: 24.799999237060547px; orphans: 2; text-align: justify; text-indent: 0px; text-transform: none; white-space: normal; widows: 2; word-spacing: 0px; -webkit-text-size-adjust: auto; -webkit-text-stroke-width: 0px; background-color: #eeeeee;\">opt<\/sub>: optimale Ausstr&ouml;mgeschwindigkeit in m\/s<\/p>\n<p>t: gesamte Antriebsdauer in s<\/p>\n<p>a<sub style=\"color: #000000; font-family: Arial; font-style: normal; font-variant: normal; font-weight: normal; letter-spacing: normal; line-height: 24.799999237060547px; orphans: 2; text-align: justify; text-indent: 0px; text-transform: none; white-space: normal; widows: 2; word-spacing: 0px; -webkit-text-size-adjust: auto; -webkit-text-stroke-width: 0px; background-color: #eeeeee;\">0<\/sub>: Koeffizient aus Sondengewicht in kg und Leistung in kW: a<sub style=\"color: #000000; font-family: Arial; font-style: normal; font-variant: normal; font-weight: normal; letter-spacing: normal; line-height: 24.799999237060547px; orphans: 2; text-align: justify; text-indent: 0px; text-transform: none; white-space: normal; widows: 2; word-spacing: 0px; -webkit-text-size-adjust: auto; -webkit-text-stroke-width: 0px; background-color: #eeeeee;\">0<\/sub>\u00a0= Sondengewicht [kg]\/ Leistung [kW]<\/p>\n<p>Da wie die Stromversorgung laufend anpassen, ist dieser jedoch nur bedingt anwendbar (die Startmasse von 2 t bleibt gleich, jedoch die Stromversorgung betr&auml;gt zwischen 2,5 und 80 kW). Bei 200 m\/s erhalten wie eine c<sub style=\"color: #000000; font-family: Arial; font-style: normal; font-variant: normal; font-weight: normal; letter-spacing: normal; line-height: 24.799999237060547px; orphans: 2; text-align: justify; text-indent: 0px; text-transform: none; white-space: normal; widows: 2; word-spacing: 0px; -webkit-text-size-adjust: auto; -webkit-text-stroke-width: 0px; background-color: #eeeeee;\">opt<\/sub> von 53 km\/s, bei 50 km\/s eine von 26,4 km\/s und bei 10 km\/s eine von 9,4 km\/s.<\/p>\n<p>Was klar ist, ist das Optimum auch von der Stromversorgung abh&auml;ngig ist: Bei 10 km\/s macht diese nur 32 kg aus, bei 200 km\/s dagegen 1000 kg. Kann man die Leistung pro Kilogramm Masse erh&ouml;hen, so verschiebt sich das Optimum weiter nach rechts.<\/p>\n<p>Man erkennt aber auch, dass bei den heutigen Solargeneratoren die 60-80 W\/kg wiegen, die heutigen Triebwerke mit maximalen spezifischen Impulsen von 30-45 km\/s nahe am Optimum sind.<\/p>\n<p>Es ist auch klar, dass wenn ich die Forderung nach hohem Schub habe, ich einen kleineren spezifischen Impuls anstreben sollte. Das kann z.B. der Fall sein wenn das Ionentriebwerk Bestandteil des Systems f&uuml;r Lage&auml;nderungen oder Bahn&auml;nderungen eines Kommunikationssatelliten ist, weil dieser ja m&ouml;glichst\u00a0 ohne l&auml;ngere Unterbrechung einsatzbereit sein sollte. Selbst wenn es den betrieb nicht beeinflusst, so ist der Stromverbauch doch zu ber&uuml;cksichtigen &#8211; h&ouml;herer spezifischer Impuls, h&ouml;herer Stromverbrauch. Da wir bei Kommunikationssatelliten aber nur von einer &uuml;ber die Lebensdauer akkumulierten Gesamt&auml;nderung von 1-2 km\/s reden, ist klar, dass wir hier keine sehr effizienten Triebwerke brauchen.<\/p>\n<p>Zuletzt noch eine Bemerkung zum Schub: Dieser steigt in der Tabelle erst steil, dann langsam an. Der Grund ist, dass bei viel Treibstoff die mittlere Masse, die bewegt wird kleiner ist. Bei 10 km\/s entfallen 1250 kg auf den Treibstoff und die mittlere Masse (also mit 50% des Treibstoffs) ist so geringer als wenn es nur 100 kg wie bei 200 km\/s sind. Bei 0% Treibstoff betr&auml;gt der ben&ouml;tigte Schub 0,5555 N.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Frage klingt paradox, aber sie ist nicht unbegr&uuml;ndet. Fangen wir aber mal mit den chemischen Antrieben an. Dort gilt recht einfach: Je h&ouml;her der spezifische Impuls desto besser. Nur mit LOX\/LH2 k&ouml;nnen wir &uuml;berhaupt mit einer stufe einen Orbit erreichen. Bei LOX\/LH2 erreicht man mit zwei Stufen rund 7-8% Nutzlast, mit LOX\/RP-1 trotz g&uuml;nstiger [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":169,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[2711,321,2710,2709],"class_list":["post-6716","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-raumfahrt","tag-austromgeschwindigkeit","tag-ionentriebwerke","tag-stromversorgung","tag-triebstoff","entry"],"a3_pvc":{"activated":false,"total_views":232,"today_views":0},"jetpack-related-posts":[{"id":18847,"url":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2026\/08\/21\/raumfahrtgrundlagen-fuer-dummys-die-raketengrundgleichung-2\/","url_meta":{"origin":6716,"position":0},"title":"Raumfahrtgrundlagen f&uuml;r Dummys \u2013 Die Raketengrundgleichung (2)","author":"Bernd Leitenberger","date":"21.08.2026","format":false,"excerpt":"Der heutige Grundlagenartikel f\u00fcr \u201eDummys\u201c (nicht ganz w\u00f6rtlich zu nehmen \u2013 echte Dummk\u00f6pfe steuern den Blog ohnehin nicht an, daf\u00fcr sind sie zu dumm \u2026) besch\u00e4ftigt sich erneut mit der Raketengrundgleichung. 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