{"id":673,"date":"2009-02-25T17:45:12","date_gmt":"2009-02-25T16:45:12","guid":{"rendered":"http:\/\/bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=673"},"modified":"2009-02-25T17:45:12","modified_gmt":"2009-02-25T16:45:12","slug":"quao-vadis-europa-teil-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2009\/02\/25\/quao-vadis-europa-teil-2\/","title":{"rendered":"Quao Vadis Europa? &#8211; Teil 2"},"content":{"rendered":"\n<p>Gestern habe ich meinen Senf zu den Forderungen gegeben, heute anzufangen &quot;unabh&auml;ngig&quot; bei der bemannten Raumfahrt zu sein (meiner Meinung nach ist das heute au&szlig;er den Chinesen wohl keiner mehr so richtig). Doch angenommen, Europa w&auml;re aus der ISS ausgestiegen &#8211; wann und wie w&auml;re es wohl am besten gewesen?<\/p>\n<p>Zuerst einmal: Es gab schon lange vor der ISS bei der ESA Pl&auml;ne f&uuml;r eigene Raumstationen. Als 1988 der Bau von Ariane 5 beschlossen wurde, sah dies auch als Nutzlast Hermes und Columbus (noch als unabh&auml;ngiges Labor) vor. Aus Kostengr&uuml;nden ist nichts daraus geworden. Und die Kosten sind auch heute der Knackpunkt. Also heute der Ansatz: Wie kann Europa eine eigene bemannte Raumfahrt m&ouml;glichst kosteng&uuml;nstig aufbauen?<\/p>\n<p>Nun in der j&uuml;ngsten Vergangenheit w&auml;re der ideale Zeitpunkt zum Ausstieg wohl 2003 gewesen &#8211; Schon 2002 wollten die USA den ISS Ausbau einstellen. Als die Columbia 2003 verloren ging war klar, dass sich der Ausbau um Jahre verz&ouml;gern w&uuml;rde. Ein Jahr sp&auml;ter wurde der Ausstieg aus dem Space Shuttle Programm beschlossen. Also ziehen wir Bilanz: Was entwickelte zu diesem Zeitpunkt die ESA f&uuml;r die ISS:<\/p>\n<p><!--more--> <\/p>\n<ul>\n<li>Das Raumlabor Columbus<\/li>\n<li>Die beiden Kopplungsknoten Node 2 und Node 3<\/li>\n<li>Die Cupola als Aussichtspunkt<\/li>\n<li>Den Roboterarm f&uuml;r das russische Raumsegment<\/li>\n<li>Das ATV<\/li>\n<\/ul>\n<p>Wie kann man damit eine eigene Raumstation aufbauen? Einen der Kopplungsknoten (mit 6 Anschl&uuml;ssen, 4 &uuml;ber dem Umfang im 90 Grad Winkel verteilt, 2 an den Enden) kann man unver&auml;ndert &uuml;bernehmen. Der andere ist als Kopplungsknoten &uuml;berfl&uuml;ssig. Da aber diese Kopplungsknoten aus derselben Struktur bestehen wie das Raumlabor Columbus, m&uuml;sste man beim zweiten (Node 3, der derzeit bei der NASA zum Start vorbereitet wird) nur die Kopplungsadapter entfernen und es innen einrichten. Aus Node 3 w&uuml;rde so ein Wohnquartier werden. Der Innenraum von Node 2 k&ouml;nnte als Lagerraum genutzt werden (wie dies auch heute der Fall ist).<\/p>\n<p>Damit hatte man ein Wohnquartier, ein Labor und einen Verbindungsknoten mit Lagerr&auml;umen. Die Cupola findet ihren Platz an einem der 6 Kopplungspunkte,&nbsp; zwei weitere belegen das Wohnquartier und Columbus. <\/p>\n<p>Wichtig ist aber f&uuml;r eine Raumstation ein Lebenserhaltungssystem und der bemannte Zugang. Anstatt hier nun alles neu zu entwickeln, w&uuml;rde ich bei beiden Dingen auf Russland zur&uuml;ckgreifen &#8211; Warum auch nicht &#8211; die USA tun es auch. Das Lebenserhaltungssystem der ISS ist bis Node 3 im Orbit ist, in Swesda. Dort sind auch die sanit&auml;ren Einrichtungen und Tanks f&uuml;r Treibstoff. Swesda wurde 1998 f&uuml;r 320 Millionen Dollar gebaut &#8211; billiger kann es die ESA auch nicht bauen. Warum sollte also die ESA nicht ein zweites FGB bei Russland bestellen?<\/p>\n<p>Swesda hat noch zwei andere Vorteile: Damit verf&uuml;gt die Station auch &uuml;ber Kopplungsadapter f&uuml;r das ATV und die Sojus, die je beide vom russischen Typ sind. Umger&uuml;stet m&uuml;sste der vordere Adapter werden, damit es an den Kopplungsknoten ankoppeln kann. Damit ist der vierte Ankopplungspunkt dessen belegt.<\/p>\n<p>Damit hat die Station alle grundlegenden Elemente die eine bemannte Raumstation braucht. Was fehlt ist noch eine ausreichende Stromversorgung. Diese kann man gew&auml;hrleisten, wenn alle zylindrischen Module mit Solarzellen ausger&uuml;stet werden. Das d&uuml;rfte keine gro&szlig;e &Auml;nderung sein. Es muss noch m&ouml;glich sein, die Station zu verlassen. Das durfte durch den Kopplungsknoten m&ouml;glich sein, doch erfordert das dann praktisch die einzelnen Sektionen abzuschotten. Einfacher ist es einen Nachbau des Pirs Moduls zu verwenden. Damit hat man alles was man braucht:<\/p>\n<ul>\n<li>Kopplungsm&ouml;glichkeiten f&uuml;r ATV und Sojus<\/li>\n<li>Lebenserhaltung<\/li>\n<li>Wohnm&ouml;glichkeit<\/li>\n<li>ein Labor<\/li>\n<li>Zwei freie Docking Adapter mit US-Anschl&uuml;ssen<\/li>\n<li>Zwei freie Docking Adapter mit russischen Anschl&uuml;ssen.<\/li>\n<\/ul>\n<h3>Abh&auml;ngigkeit von Russland?<\/h3>\n<p>Es ist immer interessant, wie vor allem in den USA davon gesprochen wird von Russland abh&auml;ngig zu sein. Fakt ist: Wenn Russland f&uuml;r Dienstleistungen bezahlt wird, dann erbringt sie diese. Das ist bei der NASA nicht immer der Fall. In jedem Fall gibt es die M&ouml;glichkeit erst den Swesda Nachbau und den Pirs Nachbau zu starten und dann die europ&auml;ischen Module (da diese keinen eigenen Antrieb haben, muss sowieso das Swesda Modul das erste im Orbit sein, um aktiv an diese anzukoppeln). Sojus Raumschiffe und Sojus Tr&auml;gerraketen kann man im 4 er Pack kaufen und einlagern und danach starten &#8211; bei zwei Besatzungswechseln pro Jahr reicht das f&uuml;r 42 Jahre &#8211; genug auch bei politischen Krisen diese zu kl&auml;ren. Die Startm&ouml;glichkeit f&uuml;r die Sojus gibt es ja ab 2009 in Kourou &#8211; so gesehen sind wir sogar unabh&auml;ngiger als die USA, die nicht die Sojus selbst starten k&ouml;nnen.<\/p>\n<h3>Wohin?<\/h3>\n<p>Die ISS Bahn ist ein Kompromiss. Die Bahnneigung ist vorgegeben durch Russland &#8211; kleinere Bahnneigungen als 52 Grad sind von Baikonur aus nicht m&ouml;glich. Die H&ouml;he ist durch den Space Shuttle vorgegeben &#8211; je h&ouml;her desto geringer ist dessen Nutzlast. F&uuml;r eine europ&auml;ische Station muss darauf nicht R&uuml;cksicht genommen werden. Die maximale Nutzlast hat man vom Start von Kourou aus bei 5-7 Grad Inklination. Um allerdings den Treibstoffverbrauch f&uuml;r die Bahn der Station zu minimiere,n sollte die Station einen h&ouml;heren Orbit von 450-500 km H&ouml;he aufweisen. Von Kourou aus ist wegen der Erdrotation die Nutzlast trotzdem h&ouml;her als zur ISS: Ein Hin- und R&uuml;ckflug in 450 km H&ouml;he braucht etwa 60 m\/s mehr Geschwindigkeit als einer zu 350 km. Der Gewinn durch die Erdrotation macht aber 175 m\/s aus. Bei einer Ariane 5 ES steigt so die Nutzlast von 20.75 auf 21.8 t an.&nbsp; Dies ist ausreichend um die Labors voll ausgestattet zu starten &#8211; Das schafft der Space Shuttle nicht, weshalb z.B. ein Teil der Racks von Columbus not einem zweiten Transport zur ISS kommen m&uuml;ssen.<\/p>\n<p>Eine Alternative w&auml;re Japan mit ins Boot zu holen &#8211; Das Kibo Labor k&ouml;nnte an einen der beiden US-Kopplungsadaptern andocken, das HTV an den anderen. Das w&uuml;rde dann auch die Kosten senken. Dann w&auml;re eine Bahn mit 37 Grad Bahnneigung notwendig, damit die H-2B die Station erreichen kann. Neben einer gr&ouml;&szlig;eren Station und geringeren Kosten f&uuml;r Europa h&auml;tte dies den Vorteil, dass ein HTV auch Racks transportieren kann &#8211; so hat man die M&ouml;glichkeit diese nach einigen Jahren dem neuesten technischen Stand anzupassen.<\/p>\n<h3>Kosten<\/h3>\n<p>Da sind wir bei dem Casus Knackses. Was kostet der Spa&szlig;? Nehmen wir an die Umr&uuml;stung der Knoten w&auml;re kostenneutral. (Schlie&szlig;lich wurde Columbus vor allem deswegen so teuer, weil es eigentlich schon 2003 im Orbit sein sollte und Raumlabore kosten auch wenn sie nur auf der Erde rumstehen &#8211; die Spezialisten die es bauen kann man schlecht entlassen bis es im Orbit ist). Dann fallen f&uuml;r den Aufbau der Station noch folgende Kosten an:<\/p>\n<ul>\n<li>Kauf eines Swesda Moduls (gesch&auml;tzt: 350 Millionen Euro)<\/li>\n<li>Kauf eines Pirs Moduls (gesch&auml;tzt: 100 Millionen Euro)<\/li>\n<li>Start der Module: 4 Ariane 5 Starts, 1 Sojus Start: 4 x 130 Millionen Euro + 1 x 35 Millionen Euro.<\/li>\n<li>Laufender Mannschaftstransport: 2 Sojus Fl&uuml;ge pro Jahr: Die NASA zahlt rund 16 Millionen Euro pro Sitzplatz an Roskomos &#8211; das macht rund 100 Millionen Euro pro Jahr bei 2 Sojus Starts.<\/li>\n<li>Laufende Versorgung: 1 ATV Flug pro Jahr: Rund 320 Millionen Euro\/Jahr.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Das w&auml;ren zus&auml;tzliche Investitionskosten von rund 1 Milliarden Euro und Kosten pro Jahr in der H&ouml;he von rund 420 Millionen Euro. Dem Gegen&uuml;ber stehen die bisherigen ESA Ausgaben f&uuml;r Columbus und die ISS mit 8 Milliarden Euro und alleine der deutsche Betrag f&uuml;r die n&auml;chsten Jahre von 562 Millionen Euro f&uuml;r den Betrieb der ISS und 146 Millionen Euro f&uuml;r das Forschungsprogramm. Es k&auml;me vielleicht noch etwas teurer, wenn man noch 2-3 Satelliten braucht um die Daten zur Erde zu &uuml;bertragen. Einen haben wir ja schon im Orbit &#8211; Artemis. Doch es w&uuml;rden sicher auch zwei 2 Nachrichtensatelliten ausreichen, die etwa 200-250 Millionen Euro pro St&uuml;ck kosten und dann f&uuml;r 10-15 Jahre zur Verf&uuml;gung stehen &#8211; ein Betrag der nichts ins Gewicht f&auml;llt.<\/p>\n<p>Doch anstatt 8 % der Astronautenzeit der ISS (oder rund einem halben Astronauten) h&auml;tte man 3 im Orbit. Dazu eine eigene Station mit rund 90 t Gewicht und rund 300 m? Volumen. Wenn Japan mit ins Boot k&auml;me w&auml;ren es 125-130 t und 420 m? und die Betriebskosten w&uuml;rden sich halbieren &#8211; bei trotzdem 6 mal mehr europ&auml;ischer Pr&auml;senz im Weltraum.<\/p>\n<p>Das w&auml;re vielleicht ein gangbarer Weg f&uuml;r Europa gewesen. Nur w&uuml;rde das voraussetzen, dass der Hauptfinanzier der bemannten Raumfahrt &#8211; Deutschland &#8211; auch auf Eigenst&auml;ndigkeit Wert legt. Doch daran ist nicht zu denken. Was dies angeht h&auml;ngt die deutsche Raumfahrtpolitik immer noch am Rockscho&szlig; der NASA. Der DLR Projektleiter f&uuml;r das ATV glaubt trotz ver&ouml;ffentlichter Langzeitplanung und gek&uuml;ndigten Zuliefervertr&auml;gen der NASA nicht einmal daran, dass die Space Shuttles 2010 ausgemustert werden. So viel Blau&auml;ugigkeit kostet dann schon mal die eine oder andere Milliarde&#8230;.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestern habe ich meinen Senf zu den Forderungen gegeben, heute anzufangen &quot;unabh&auml;ngig&quot; bei der bemannten Raumfahrt zu sein (meiner Meinung nach ist das heute au&szlig;er den Chinesen wohl keiner mehr so richtig). Doch angenommen, Europa w&auml;re aus der ISS ausgestiegen &#8211; wann und wie w&auml;re es wohl am besten gewesen? 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