{"id":681,"date":"2009-02-27T13:37:39","date_gmt":"2009-02-27T12:37:39","guid":{"rendered":"http:\/\/bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=681"},"modified":"2012-06-28T19:06:15","modified_gmt":"2012-06-28T17:06:15","slug":"kohleverfluessigung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2009\/02\/27\/kohleverfluessigung\/","title":{"rendered":"Kohleverfl&uuml;ssigung"},"content":{"rendered":"\n<p>Ich habe das Thema mal vor einiger Zeit (ich denke so vor einem Jahr oder so) angesprochen und ich denke es ist schwer im Kommen: Die Produktion von synthetischem Erd&ouml;l durch Kohleverfl&uuml;ssigung. Ich denke auch dass man nicht wird drauf verzichten k&ouml;nnen, zumindest einen Teil des Erd&ouml;ls (den man f&uuml;r die gesamte Petrochemische Industrie braucht, also nicht als Treibstoff) synthetisch herzustellen, aber ich bef&uuml;rchte es wird mehr werden. Denn wenn es erst mal wirtschaftlich ist, dann wird man versuchen auf diesem Wege einen bequemen Ausweg f&uuml;r die Abh&auml;ngigkeit von Kohlenwasserstoffen zu haben. Also es geht um die Herstellung von Kohlenwasserstoffen aus Kohle, die in wesentlich gr&ouml;&szlig;erer Menge (f&uuml;r mindestens 400 anstatt 40-50 Jahre bei Erd&ouml;l) verf&uuml;gbar ist.<\/p>\n<p> <!--more--><\/p>\n<p>Was passiert? Es sind mehrere Prozesse die nacheinander geschaltet sind, in ihren Grundlagen aber nichts neues sind, sondern teilweise schon vor 100 Jahren bekannt sind.<\/p>\n<p>Der erste ist die Synthese von <strong>Wassergas<\/strong>. Dazu wird Wasser &uuml;ber 1000 ?C hei&szlig;en Koks geleitet. Koks wiederum ist Kohle die unter Luftabschluss erhitzt wurde. Dabei werden die fl&uuml;chten Verbindungen abgetrennt und teilweise pyrolisiert, man erh&auml;lt por&ouml;sen Koks, fast reiner Graphit mit einer gro&szlig;en Oberfl&auml;che.<\/p>\n<p>Im Normalfall kann man den Sauerstoff aus dem Wasser nicht so ohne weiteres freisetzen, zumal der Kohlenstoff eine geringere Affinit&auml;t zum Sauerstoff hat, erkennbar an der h&ouml;heren Elektronegativit&auml;t von 2.5 gegen&uuml;ber 2.1 beim Wasserstoff. Doch hier nutzt man die klassischen Methoden um eine Reaktion in die Richtung zu bringen die man m&ouml;chte: <\/p>\n<p>Temperaturerh&ouml;hung: Die Reaktion l&auml;uft unter Energieaufnahme ab. Bei hoher Temperatur ist die Reaktion in die Richtung forciert, die Energie aufnimmt.<\/p>\n<p>&Uuml;berschuss: Der Koks liegt im &Uuml;berschuss vor, w&auml;hrend das erzeugte Gas dauernd abgepumpt wird. So hat es keine Gelegenheit zur&uuml;ck zu reagieren.<\/p>\n<p>Was passiert: Kohlenstoff und Wasser reagieren zu Wasserstoff und Kohlenmonoxid:<\/p>\n<p>C + H<sub>2<\/sub>0 <span class=\"style1\">&#8594;<\/span> CO + H<sub>2<\/sub> +131 kJ<\/p>\n<p>das &quot;+&quot; an der Reaktionsenergie zeigt, das die Reaktion endotherm ist, also Energie n&ouml;tig ist um sie durchzuf&uuml;hren. Das Gegenteil ist exotherm, also die Energiefreisetzung. Dann ist die Reaktionsenergie negativ. Das gebildete Kohlenmonoxid kann bei niedrigeren Temperaturen auch mit Wasser reagieren. Dabei wird Energie frei:<\/p>\n<p>CO + H<sub>2<\/sub>0 <span class=\"style1\">&#8594;<\/span> CO<sub>2<\/sub> + H<sub>2<\/sub>&nbsp; -41 KJ<\/p>\n<p>In der Summe findet also folgende Reaktion statt:<\/p>\n<p>C + 2 H<sub>2<\/sub>O <span class=\"style1\">&#8594;<\/span> CO<sub>2<\/sub> + 2 H<sub>2<\/sub> +90 KJ<\/p>\n<p>Da beide Reaktionen gleichzeitig stattfinden bekommt man niemals nur ein Produkt, sondern je nach Produktionsverfahren (hohe oder niedrige Temperatur, kontinuierlich oder diskontinuierlich) ein Gasgemisch. Ein typisches Gemisch bei kontinuierlicher Reaktionsf&uuml;hrung besteht z.B. aus 5 % Stickstoff, 40 % Kohlenmonoxid, 50 % Wasserstoff und 5 % Kohlendioxid.<\/p>\n<p>Der zweite ist die Synthese von <strong>Generatorgas<\/strong>. Dazu wird Koks&nbsp;erhitzt und Luft dar&uuml;ber geleitet: In einem ersten Schritt verbrennt der Koks zu Kohlendioxid und erhitzt sich auf &uuml;ber 1000 ?C:<\/p>\n<p>C + O<sub>2<\/sub> <span class=\"style1\">&#8594;<\/span> CO<sub>2<\/sub> -392 kJ<\/p>\n<p>Das Kohlendioxid str&ouml;mt nun durch den erhitzten Koks und irgendwann ist die Luft verbraucht. Nun reagiert ein Teil des Kohlendioxids mit dem Koks zu Kohlenmonoxid. Diese Reaktion ist endotherm, verbraucht also Energie und liefert keine (zu erkennen am positiven Vorzeichen)<\/p>\n<p>CO<sub>2<\/sub> + C <span class=\"style1\">&#8594;<\/span> 2 CO +173 kJ<\/p>\n<p>und in der Summe:<\/p>\n<p>2C + O2 -&gt; 2 CO -221 kJ<\/p>\n<p>Man erh&auml;lt so bei Einsatz von Luft ein Gasgemisch (70 % Stickstoff, 25 % Kohlenmonoxid, 4 % Kohlendioxid und 1 % Wasserstoff) das brennbar ist. Wassergas und Generatorgas wurden beide fr&uuml;her so zur Gasbefeuerung und Beleuchtung erzeugt. Heute ist weniger weit verbreitet, weil es durch den Kohlenmonoxid-Anteil erstickend ist. Die Mischung dieser beiden Gase nennen man Synthesegas, denn man kann unter bestimmten Bedingungen daraus Kohlenwasserstoffe oder andere Kohlenstoffverbindungen erzeugen. Die einfachste Synthese ist die von <strong>Methanol<\/strong>: Bei 20 Bar Druck, 350 ?C und einem Zink-Chrom Katalysator enth&auml;lt man nahezu ausschlie&szlig;lich Methanol:<\/p>\n<p>CO + 2 H<sub>2<\/sub> <span class=\"style1\">&#8594;<\/span> CH<sub>3<\/sub>OH&nbsp; +128 kJ<\/p>\n<p>Der Druck und die Temperatur zwingt die endotherme Reaktion in die gew&uuml;nschte Richtung, denn dann kondensiert der fl&uuml;ssige Methanol leichter aus.<\/p>\n<p>Die Kohleverfl&uuml;ssigung nach Fischer-Tropsch wurde Ende der 20 er Jahre entwickelt und bew&auml;hrte sich w&auml;hrend des zweiten Weltkriegs. (Das die deutsche Armee am Schluss keinen Treibstoff mehr hatte, lag nicht an der Effizienz des Verfahrens, sondern der Tatsache, dass die Alliierten die Anlagen bombardierten). Bei 180 ?C und normalem Druck wird das Gasgemisch mit Eisen\/Kobalt\/Nickelkatalysatoren umgesetzt. Es entsteht ein Kohlenwasserstoffgemisch:<\/p>\n<p>nCO + (2n+1) H<sub>2<\/sub> <span class=\"style1\">&#8594;<\/span> C<sub>n<\/sub>H<sub>2n<\/sub>+2 + n H<sub>2<\/sub>O<\/p>\n<p>&Uuml;blich ist z.B. ein Anteil von 20 % Methan, 10 % leichte Kohlenwasserstoffe (Propan-Butan\/en) und 40 % bis 200?C siedende Kohlenwasserstoffe (&quot;Benzin&quot;), 20 % bis 320 ?C siedende Kohlenwasserstoffe (&quot;Diesel&quot;) und 10 % feste Kohlenwasserstoffe (&quot;Paraffin&quot;).Auch daf&uuml;r ist Energie notwendig. Bei Methan l&auml;uft die Reaktion z.B. wie folgt ab:<\/p>\n<p>CO + 3 H<sub>2<\/sub> <span class=\"style1\">&#8594;<\/span> CH<sub>4<\/sub> + H<sub>2<\/sub>O + 206 kJ<\/p>\n<p>Je nach Katalysator, Druck und Temperaturbedingungen kann die Synthese so optimiert werden, dass man eine bestimmte Fraktion in gr&ouml;&szlig;erer Menge erh&auml;lt. Neben der Fischer-Tropsch Synthese gibt es auch das &auml;ltere Verfahren mit der direkten Hydrierung von Kohle nach dem Bergius-Pier Verfahren. (Nobelpreis 1931) Bei diesem wird aber Wasserstoff ben&ouml;tigt, der heute zumeist aus Erdgas und Erd&ouml;l stammt. <\/p>\n<p>Ist damit das Problem gel&ouml;st? Nein. nat&uuml;rlich nicht. Es gibt zwei wesentliche Kritikpunkte. Das eine ist, das Kohle nat&uuml;rlich auch nicht eine regenerativ Ressource ist. Kohlendioxid wird auch so freigesetzt. Es wird sogar mehr freigesetzt, weil nat&uuml;rlich die meisten Teilreaktionen endotherm sind: Das bedeutet, dass die nur bei hohen Temperaturen und Druck ablaufen. Es ist daher n&ouml;tig einen Teil der Kohle zu verbrennen um diese Energie aufzubringen, dar&uuml;ber reagiert das Kohlenmonoxid nicht vollst&auml;ndig und andere Stoffe und es wird Kohlendioxid als Nebenprodukt erzeugt. Beim schon 1913 entwickelten Bergius Verfahren und mit am wenigsten Teilschritten auskam erzeugt man aus 100 kg Kohle, 40 kg Schwer&ouml;l und 5 kg Wasserstoff insgesamt 50 kg Schwer&ouml;l, 30 kg Leicht&ouml;l und 20 kg Gas. Von den 50 kg Schwer&ouml;l gehen 40 kg in die Verfl&uuml;ssigung zur&uuml;ck, so dass in der Summe erzeugt werden:<\/p>\n<p>100 kg Steinkohle + 5 kg Wasserstoff <span class=\"style1\">&#8594;<\/span> 30 kg Leicht&ouml;l, 20 kg Gas und 10 kg Schwer&ouml;l. Aus 105 kg eingesetzten Rohstoffen erh&auml;lt man also 60 kg Produkte. Der Rest geht f&uuml;r die Synthese drauf. Eine Chinesische Gro&szlig;anlage nach der Fischer-Tropsch Synthese wird aus 9.7 Millionen Tonnen Steinkohle 5 Millionen Tonnen Kohlenwasserstoffe pro Jahr herstellen. Bei einem Brennwert von durchschnittlich 35000 kJ\/kg f&uuml;r 1 Kilo Kohle und durchschnittlich 46000 kJ\/kg f&uuml;r 1 kg Kohlenwasserstoffe landen also nur 67 % der Prim&auml;renergie in dem Produkt.<\/p>\n<p>Paradoxerweise ist Erd&ouml;l durch die Spekulation (weniger durch die F&ouml;rderungskosten) so teuer geworden, dass mittlerweile das Verfahren wirtschaftlich ist. Ab einem &Ouml;lpreis von 40-50 Dollar pro Barrel soll es sich lohnen. So gesehen gibt es vielleicht Entwarnung f&uuml;r die Autofahrer, aber gut f&uuml;r das Klima ist es wirklich nicht.<\/p>\n<p>Ach ja noch ein Video, was w&uuml;rde heute zum Thema besser passen als Falco &#8222;Der Mann mit dem Koks ist da&#8220; \ud83d\ude09<\/p>\n<p> <object width=\"425\" height=\"344\"><param name=\"movie\" value=\"http:\/\/www.youtube.com\/v\/fsaEcr7wmBE&#038;hl=de&#038;fs=1\"><\/param><param name=\"allowFullScreen\" value=\"true\"><\/param><param name=\"allowscriptaccess\" value=\"always\"><\/param><\/object> <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich habe das Thema mal vor einiger Zeit (ich denke so vor einem Jahr oder so) angesprochen und ich denke es ist schwer im Kommen: Die Produktion von synthetischem Erd&ouml;l durch Kohleverfl&uuml;ssigung. 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