{"id":6902,"date":"2012-08-14T00:57:48","date_gmt":"2012-08-13T22:57:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=6902"},"modified":"2012-08-14T08:34:42","modified_gmt":"2012-08-14T06:34:42","slug":"der-galileo-telekommunikationsorbiter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2012\/08\/14\/der-galileo-telekommunikationsorbiter\/","title":{"rendered":"Der Galileo Telekommunikationsorbiter"},"content":{"rendered":"<p>Wie sich vielleicht der eine oder andere erinnert, klappte bei Galileo nicht das <a href=\"\/galileo-mission2.shtml\">Entfalten der Hauptantenne<\/a>. Galileo setzte wie die erste TDRS-Generation eine Antenne bestehend aus CFK-Streben und einem Drahtgeflecht ein. Die Technologie daf&uuml;r war damals ganz neu, vom Satelliten ATS-6 erprobt worden (dort sogar mit einer 9,14 m gro&szlig;en Antenne, einem Rekord, der bis heute nicht &uuml;berboten wurde) und sie sparte Platz beim Transport und Gewicht. Die Antennen von TDRS wogen nur 24 kg.<\/p>\n<p>Doch da Galileo wegen des verschobenen Starts mehrmals mit dem Truck zum JPL und Kennedy Space Center transportiert wurde muss bei einer der streben Schmier&ouml;l ausgetreten sein, denn sie lies sich nicht entfalten und die Antenne blieb halb ge&ouml;ffnet und war so nutzlos. Der Rest ist bekannt &#8211; Galileo konnte &uuml;ber die Niedriggewinnantenne nur mit 10-40 Bit\/s kommunizieren und trotz Einf&uuml;hrung der JPEG Komprimierung gab es nur wenige Bilder. Andere Experimente mussten komplette entfallen, wie die Plasmauntersuchungen die genauso viel Daten lieferten, die man aber nicht JPEG-Komprimieren konnte.<!--more--><\/p>\n<p>Die entfaltbaren Antennen wurden nie wieder eingesetzt. Offen ist ob dies an diesem Vorfall lag (er hat ja mit der Konstruktion an sich nichts zu tun) oder eher daran, das es heute mit CFK-Werkstpoffen m&ouml;glich ist &auml;hnlich gro&szlig;e Antennen ohne Streben genauso leicht zu fertigen. Damit entf&auml;llt das Entfalten als riskanter Vorgang und die Oberfl&auml;chengenauigkeit (wichtig beim &Uuml;bergang in h&ouml;here Frequenzb&auml;nder) ist h&ouml;her. Auch die aktuellen <a href=\"\/tdrsss.shtml\">TDRS<\/a> Satelliten haben Antennen mit 4,8 m Durchmesser, aber sie sind aus einem St&uuml;ck.<\/p>\n<p>Damals gab es auch das Angebot Russlands, einen Telekommunikationsorbiter nach zu starten, also einen Satelliten der die Signale Galileos empf&auml;ngt und zur Erde sendet. Ich will heute mal untersuchen wie praktikabel dies ist.<\/p>\n<p>Fangen wir mit einer Zeitabsch&auml;tzung an. Entdeckt wurde das Problem mit der Antenne am 11.4.1991. Galileo sollte am 5.12.1995 in den Orbit einschwenken. Das l&auml;sst also viereinhalb Jahre Zeit. Allerdings geht davon die Reisezeit eines Orbiters ab. Sie betr&auml;gt maximal 27 Monate, es geht auch schneller, aber auf Kosten der Nutzlast &#8211; man braucht eine h&ouml;here Startgeschwindigkeit und mehr Treibstoff zum Erreichen des Orbits. Eine Verk&uuml;rzung auf 19 bis 21 Monate wie bei Pioneer und Voyager w&auml;re bei Einbu&szlig;en auf der Nutzlast noch praktikabel.<\/p>\n<p>Das l&auml;sst gerade mal zwei Jahre f&uuml;r die Durchf&uuml;hrung. Das ist verdammt knapp.<\/p>\n<p>Fangen wir zuerst mal an die Optionen hinsichtlich der Nutzlast abzuklappern. Ein Start mit dem Shuttle scheidet aus. Ohne geeignete Oberstufe h&auml;tte man einen Kurs wie Galileo einschlagen m&uuml;ssen, also viel zu sp&auml;t ankommen. Ein direkter Flug erfordert eine Startgeschwindigkeit von mindestens 14150 m\/s.<\/p>\n<p>Die neue <a href=\"\/titan34.shtml\" target=\"_blank\">Titan 4<\/a> h&auml;tte in der 401 Konfiguration (mit Centaur Oberstufe) 1.450 kg zum Jupiter bef&ouml;rdern k&ouml;nnen. H&auml;tte man wie bei Voyager und Pioneer 10+11 sie mit einer weiteren Oberstufe ausger&uuml;stet (hier: PAM-D mit dem Star 48B Antrieb) dann steigt sie auf 1.870 kg.<\/p>\n<p>Russland bot auch eine Proton an. Die damalige <a href=\"\/proton.shtml\" target=\"_blank\">Proton DM-2<\/a> w&auml;re aber ohne Oberstufe nicht f&auml;hig gewesen eine Nutzlast zum Jupiter zu bef&ouml;rdern. Mit einer <a href=\"\/shuttle-oberstufen.shtml\">PAM-D<\/a> w&auml;ren es 1.250 kg gewesen, mit einer Kombination von PAM-D und Star 37 steigt sie auf 1.440 kg. Sie w&auml;re zumindest schneller verf&uuml;gbar gewesen. Eine Titan hatte eine Bauzeit von 30 Monaten.<\/p>\n<p>Damit haben wir eine Absch&auml;tzung wie schwer die Raumsonde sein darf: irgend etwas zwischen 1.250 und 1.870 kg. Galileo wog beim Start ohne Atmosph&auml;rensonde 1.884 kg und davon waren 962 kg Treibstoff.\u00a0 Davon gehen dann noch 118 kg Experimente ab. Auch der Treibstoffvorrat kann kleiner sein, denn es entfallen zahlreiche Kurskorrekturen w&auml;hrend des Flugs zum Jupiter und das Orbit Deflektion Man&ouml;ver. F&uuml;r diese Man&ouml;ver wurden alleine 360 kg verbraucht. Urspr&uuml;nglich, vor der &Auml;nderung der Missionsplanung, sollte Galileo 850 kg Treibstoff mitf&uuml;hren. Schon wenn man nur dies ber&uuml;cksichtigt sinkt die Startmasse auf 1.772 kg. Damit w&auml;re ein Nachbau von Galileo mit einer Titan 401 \/ PAM-D direkt zum Jupiter entsendbar gewesen.<\/p>\n<p>Das w&auml;re wohl die beste L&ouml;sung gewesen, w&uuml;rde man &uuml;ber ein entsprechendes Reserveexemplar verf&uuml;gen. Das ist normalerweise gegeben, es wird neben dem Flugexemplar immer ein Ingenieursexemplar gebaut. Manchmal fliegen diese auch in den Orbit (wie Meteosat P2 oder teilweise bei Cluster). In diesem Fall h&auml;tte die original Galileo nur die Atmosph&auml;rensonde abgesetzt und &#8222;Galileo 2&#8220; h&auml;tte, da sie ja komplett instrumentiert ist die Orbitmission durchgef&uuml;hrt.<\/p>\n<p>Das zweite was m&ouml;glich w&auml;re, w&auml;re der Verzicht auch auf die Instrumente. Da Galileo nun noch leichter ist, braucht sie auch weniger Treibstoff und k&auml;me mit 1546 kg Startmasse aus, allerdings ist dies immer noch zu hoch f&uuml;r die anderen Optionen und der Nutzen ist fraglich, denn nun m&uuml;sste man beide Sonden parallel betreiben.<\/p>\n<p>Bleibt noch ein dezidierter Kommunikationsorbiter. Die Konstruktion von <a href=\"\/galileo-orbiter.shtml\">Galileo<\/a> ist ja sehr aufwendig gewesen. So verf&uuml;gte die Sonde &uuml;ber einen spinnstabilsierten Teil und einen dreiachsenstabilsierten Teil, als letzte ihrer Art &uuml;ber einen schwenkbaren Instrumentenausleger etc. Ein Kommunikationsorbiter muss einfach nur eine Hauptantenne haben und zweimal am Tag sie drehen &#8211; einmal zur Erde hin und einmal zu Galileo.<\/p>\n<p>Nimmt man als Basis einen der Kommunikationssatelliten der vorletzten Generation, wie sie damals noch in der Delta Klasse gestartet wurden, so wiegen diese rund 600 kg trocken und rund 1.200 kg beim Start. Der Geschwindigkeitsbedarf von Galileo ist mit 1612 m\/s sogar kleiner als diese Satelliten vom Cape aus ben&ouml;tigen um in den GEO Orbit zu erreichen (1800 m\/s) und dann kommen ja noch Treibstoffreserven f&uuml;r den Betrieb dazu. Umgekehrt braucht man mindestens einen, wenn nicht zwei <a href=\"\/cassini-rtg.shtml\">GPHS Module<\/a> (je 57 kg) als Stromversorgung und die HGA (24 kg). Geht man von einem Startgewicht von 738 kg trocken aus (600 kg + 2 x 57 kg + 24 kg), so kommt man bei der f&uuml;r die Mission n&ouml;tigen Treibstoffzuladung auf eine Startmasse von 1.271 kg. Damit w&auml;re dieser Telekommunikationsorbiter kompatibel zu jeder Startoption.<\/p>\n<p>Wie w&uuml;rde die Mission aussehen? Nun die Raumsonde m&uuml;sste Galileo wirklich nachfliegen um eine hohe Datenrate zu erreichen. Der Grund liegt in der Signalabschw&auml;chung. Zwischen Erde und Jupiter liegen je nach Stellung zwischen 630 und 780 Millionen km. Wir haben f&uuml;r den Empfang 70 m Antennen und selbst diese k&ouml;nnen nur 40 Bit\/s empfangen wenn Galileo &uuml;ber die Rundstrahlantenne sendet. Will man die urspr&uuml;ngliche Datenrate von 134.400 Bit\/s erreichen, so muss die Telekommunikationssonde n&auml;her ran, auch weil sie keine 70 m sondern nur eine 4,7 m gro&szlig;e Antenne hat. Eine Dreisatzberechnung ergibt rund 730.000 bis 900.000 km maximaler Abstand zu Galileo, wenn dieser Orbiter die 134.4 kbit\/s erreichen soll.<\/p>\n<p>Nun hat Galileo aber eine sehr langgestreckte und varibale Bahn um den Jupiter. Er entfernt sich beim ersten Orbit bis zu 20 Millionen km vom Riesenplaneten. bei den folgenden sind es dann bis zu 7 Millionen km. F&uuml;r einen Kommunikationsorbiter, der nun nicht wie Galileo strahlengeh&auml;rtete Elektronik hat, wird dies problematisch. F&uuml;r ihn w&auml;re es besser nach dem Einschwenken einen sicheren Orbit anzustreben, durch Vorbeifl&uuml;ge an Ganymed und Kallisto einen dessen jupitern&auml;chster Punkt relativ hoch ist mindestens zwischen Europa und Ganymed, besser noch h&ouml;her. Dann w&auml;re aber Galileo bis zu mehrere Millionen km von diesem Orbiter entfernt. Bei 4 Millionen km mittlerem Abstand k&ouml;nnte man dann auch nur 6,8 bis 10 Kbit\/s &uuml;bertragen.<\/p>\n<p>Das Nachfliegen der Route ist kein sehr gro&szlig;es Problem, denn sowohl Galileo wie auch der Kommunikationsorbiter haben Treibstoff um kleine Abweichungen zu korrigieren, sonst w&uuml;rde schon bei Galileo das orbitale Ballett nicht funktionieren. Doch dann m&uuml;sste der Telekommunkationsorbiter genauso strahlenresistent wie Galileo sein, und das war durchaus eine gro&szlig;e Herausforderung. Schwer denkbar, dass man dies in zwei Jahren mit einem anderen Raumfahrzeug stemmt.<\/p>\n<p>Was bleibt? Meiner Ansicht nach w&auml;re die technisch optimale L&ouml;sung gewesen, wenn man ein Reserveexemplar von Galileo gehabt h&auml;tte, dass man es mit einer PAM-D zum Jupiter schickt. Galileo 1 h&auml;tte dann die Atmosph&auml;rensonde abgeworfen und deren Daten &uuml;bertragen. Mehr h&auml;tte diese Sonde nicht leisten m&uuml;ssen. Sofern ein zweites Exemplar verf&uuml;gbar gewesen w&auml;re, w&auml;re dies ein praktikabler und finanzierbarer Weg gewesen. Alles andere w&auml;re wohl extrem aufwendig oder im Zeitrahmen unm&ouml;glich gewesen. Dann w&auml;re man auch zeitlich entkoppelt gewesen von Galileo 1. Man h&auml;tte es starten k&ouml;nnen, wenn man fertig w&auml;re, denn es h&auml;tte &#8222;Galileo 1&#8220; ersetzt und w&auml;re nicht ihm hinterher geflogen.<\/p>\n<p>So ist es nicht verwunderlich, dass die NASA keinen Telekommunikationsorbiter Galileo nachschickte. Unverst&auml;ndlich ist allerdings, warum sie nicht die Optionen des Nachbaus untersuchte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie sich vielleicht der eine oder andere erinnert, klappte bei Galileo nicht das Entfalten der Hauptantenne. Galileo setzte wie die erste TDRS-Generation eine Antenne bestehend aus CFK-Streben und einem Drahtgeflecht ein. 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