{"id":7028,"date":"2012-09-09T00:27:25","date_gmt":"2012-09-08T22:27:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=7028"},"modified":"2012-09-07T22:28:51","modified_gmt":"2012-09-07T20:28:51","slug":"positive-und-negative-redundanz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2012\/09\/09\/positive-und-negative-redundanz\/","title":{"rendered":"Positive und negative Redundanz"},"content":{"rendered":"<p>Als sie Space Task Group (STG) gegr&uuml;ndet wurde, um das Mercury Programm zu imitieren war auch klar, dass man eine Tr&auml;gerrakete brauchte. F&uuml;r die orbitalen Fl&uuml;ge gab es nicht viel Auswahl, die einzige Tr&auml;gerrakete die daf&uuml;r geeignet war, war die Atlas, die 1958, als die Planung begann, selbst noch in der Erprobung war. Die Atlas war die neueste Interkontinentalrakete der US-Air Force und damit waren auch die Zust&auml;ndigkeiten gekl&auml;rt. Die USAF w&uuml;rde die Atlas stellen und auch starten. Sie wehrte sich dagegen, dass man ihren Tr&auml;ger modifizierte. Im Prinzip bekam die Atlas nur ein neues Lenksystem, das das autonome, aber fehleranf&auml;llige ersetzte. Dazu kam ein System zum Erkennen von Abweichungen, das bei Mercury aber noch nicht den Fluchtturm ausl&ouml;ste, sondern nur einen Fehler signalisierte. Man bef&uuml;rchtete, dass dieses System selbst nicht zuverl&auml;ssig genug sei und wollte die volle Kontrolle haben. Erst als sich bei den Fl&uuml;gen zeigte, dass die Atlas durchaus nicht die zuverl&auml;ssige Rakete war, welche die Air Force versprach, wurde nachgebessert. Intern rechnete man nur einer Zuverl&auml;ssigkeit von 0,75 Mitte 1961 und 86% ein Jahr sp&auml;ter. Trotzdem waren &Auml;nderungen nur nach Fehlstarts durchsetzbar.\u00a0 So scheiterte Mercury Atlas 1, als die obere Struktur nahe des Punktes der maximalen aerodynamischen Belastung kollabierte. Die folgenden erhielten zuerst eine Verst&auml;rkung im oberen Teil (belly Band), sp&auml;ter wurde die Struktur aller Atlas auch f&uuml;r unbemannte Programme verst&auml;rkt. MA-3 wurde gesprengt, weil sie ihr Rollprogramm nicht ausf&uuml;hrte. Der Fehler lag im Autopilot. Die genaue Fehlerursache wurde nie gefunden, aber erst jetzt wurde der Autopilot durch einen zweiten erg&auml;nzt um Redundanz zu haben.<!--more--><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"alignleft\" src=\"\/img\/mercury-redstone.jpg\" alt=\"MR-3\" align=\"left\" \/>W&auml;hrend die Space Task Group bei der Air Force keinerlei Befugnisse hatte, was zu &auml;ndern war, war das Verh&auml;ltnis zur Army Ballasitic Missle Agency (ABMA) eine andere. Diese war schon durch den Start von Explorer 1 und die ersten Mondsonden mit dem Weltraumprogramm verbunden. W&auml;hrend das Mercuryprogramm begann wurde beschlossen sie in die NASA zu integrieren, was am 21.10.1959\u00a0 auch abgeschlossen wurde. Damit war das nun in Marshall Space Flight Centre umbenannte Zentrum f&uuml;r Raketen- und Antriebentwicklung ein NASA-Zentrum bei dem die STG ihre W&uuml;nsche durchsetzen konnte. Zuerst war geplant zwei Tr&auml;ger einzusetzen, die Redstone und die Jupiter. Die Redstone sollte das Wiedereintrittssystem erproben und die Jupiter den Hitzeschutzschild, der bei der Redstone nur geringen Belastungen ausgesetzt wurde. Aus Budgetgr&uuml;nden wurden die lediglich zwei geplanten Fl&uuml;ge mit der Jupiter gestrichen. Blieb noch die Redstone. Damit diese auch die Jupitermissionen mit durchf&uuml;hrte wurde sie substanziell ge&auml;ndert. Was kam war nun eine Debatte, die bis heute anh&auml;lt.<\/p>\n<p>Die Position Wernher von Brauns und anderer Experten des ABMA war die: Wir haben die Redstone die seit 1952 entwickelt wurde, Sie hatte die meisten Fl&uuml;ge aller Tr&auml;gerraketen absolviert (60 bis Ende 1959, gegen&uuml;ber 30 bei der Atlas) und befand sich in der Produktion, w&auml;hrend die Atlas noch in der Entwicklung war. Wir nehmen diese zuverl&auml;ssige Tr&auml;gerrakete und erh&ouml;hen die Zuverl&auml;ssigkeit dadurch dass wir mehr Redundanzen einbauen, wo es nur geht. Das ist m&ouml;glich bei der Elektronik, Kabelb&auml;umen, Ventilen etc.. Diese Position erhielt sp&auml;ter den Titel: &#8222;positive Redundanz&#8220;.<\/p>\n<p>Die Space Task Group hatte eine andere, die gepr&auml;gt war, von den Erfahrungen beim Kapselbau. Dort war es so, dass aufgrund der vielen Fehlerm&ouml;glichkeiten bei diesem v&ouml;llig neuen Raumschiff man versuchte die Fehler zu eliminieren indem man &uuml;berfl&uuml;ssiges weglie&szlig;. Als Beispiel wurde vorgeschlagen eine LED zu installieren die rot, orange und gr&uuml;n leuchten konnte. Rot f&uuml;r Systemausfall, gelb, f&uuml;r abnormales Verhalten, aber noch kein Versagen, und Gr&uuml;n f&uuml;r normale Funktion. Als man das diskutierte stellte sich heraus, dass der orange Zustand dem Piloten nichts brachte, er h&auml;tte nichts machen k&ouml;nnen, w&auml;re nur beunruhigt. So entschied man sich f&uuml;r eine LED die nur rot leuchten konnte wenn es einen Fehler gab. Die Maxime war die: alles aus der Redstone, das nicht f&uuml;r Mercury ben&ouml;tigt wurde sollte raus. Was nicht da ist kann nicht ausfallen. Oder es sollte durch etwas ersetzt wenden, dass einfacher und zuverl&auml;ssiger ist. Diese Position wurde sp&auml;ter &#8222;negative Redundanz&#8220; genannt. Als Folge wurde neben den ben&ouml;tigten &Auml;nderungen f&uuml;r die Performance (siehe unten) noch zahlreiche Subsysteme ver&auml;ndert, und es gab in der Summe &uuml;ber 800 &Auml;nderungen.<\/p>\n<p>Die Mercury Redstone w&uuml;rde sich signifikant von den bisherigen Exemplaren unterscheiden. Die Redstone hatte in den Einsatzversionen zwei Triebwerke A-6 und A-7. Die f&uuml;r Satellitenstarts genutzte Jupiter-C setzte andere Treibstoffe ein und hatte verl&auml;ngerte Tanks. Man verwandte keine dieser Versionen. Die verl&auml;ngerten Tanks wurden nun f&uuml;r die Mercury-Redstone &uuml;bernommen, aber mit den alten, ungiftigen Treibstoffen (Kerosin und LOX) und als Triebwerk die letzte Einsatzversion des A-7, obwohl es noch nicht so ausgetestet wie das &auml;ltere A-6 war. Aber dieses war aus der Produktion. Teile wurden knapp. Die &Uuml;bergangssektion wurde durch einen 5 m langen Adapter ersetzt, es gab zus&auml;tzliche Tanks f&uuml;r Druckgas und Wasserstoffperoxid. Durch das Dr&auml;ngen der STG gab es weitere Ver&auml;nderungen wie ein vom Boden gesteuerter Autopilot anstatt einer Inertialplattform, die Entfernung der Trennung von Nase und Rumpf, gem&auml;&szlig; dem Paradigma, was man nicht braucht, kann auch nicht ausfallen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/0\/0f\/10073418.jpg\" alt=\"MR-1\" width=\"358\" height=\"480\" align=\"right\" \/>Als Folge musste man die Redstone praktisch neu qualifizieren. Der Zeitplan war nicht zu halten. Auch hier zeigten sich Unterschiede. W&auml;hrend die nun in Missionskontrolle umbenannte STG m&ouml;glichst schnell eine Kapsel starten wollte, auch wenn der Tr&auml;ger vielleicht noch Fehler hatte, man k&ouml;nnte dann ja das Abtrennungsysstem testen, wollten &#8222;die Deutschen&#8220; nur eine getestete und ausgereifte Rakete ausliefern. Zuverl&auml;ssigkeit erreiche man durch harte Arbeit, &Uuml;berpr&uuml;fungen und Tests.<\/p>\n<p>Schlie&szlig;lich musste man aber die Mercury-Redstone ausliefern. Es kam wie es nach 800 &Auml;nderungen kommen musste: es gab neue Fehler. <a href=\"http:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/mercury-redstone-mr1.shtml\">MR-1<\/a> hob nur um 10 cm ab, und wurde sp&auml;ter als MR-1A neu gestartet. Fehlerursache: Man hatte zwei Kabel f&uuml;r die Stromversorgung und Steuersignale durch neue ausgetauscht. Deren L&auml;nge war anders, wodurch die Abtrennreihenfolge umgekehrt wurde, was praktisch nach dem Abheben zur Triebwerksabschaltung f&uuml;hrte. Ein neuer Beschleunigungsmesser lieferte falsche Signale, als Folge erreichte MR-1A eine um 80 m\/s zu hohe Brennschlussgeschwindigkeit. Nun wurde ein zweiter, anderer Beschleunigungsmesser eingebaut und ein Timer der das Triebwerk nach 143 s abschaltete. MR-2 erreichte wieder eine zu hohe Geschwindigkeit, diesmal weil ein neues Ventil mehr Wasserdampf (aus Wasserstoffperoxid) f&uuml;r die Turbopumpe lieferte, die nun einen h&ouml;heren F&ouml;rderdruck erreichte, was mit einem h&ouml;heren Schub einher ging. Anstatt nach 143 s war der Treibstoff schon nach 132 s ersch&ouml;pft und durch die st&auml;rkere Beschleunigung landete die Kapsel 300 km vom Zielpunkt (684 km anstatt 370 km Weite) entfernt. Der STG war dies egal, der Hitzeschutzschild sollte ja einer R&uuml;ckkehr aus dem Orbit wiederstehen und das Wiedereintrittsprogramm funktionierte ordnungsgem&auml;&szlig;. Aber die Spitzenbeschleunigung erreichte &uuml;ber 12 g.\u00a0 Daher wollten &#8222;die Deutschen&#8220; noch eine Redstone starten. Die Missionskontrolle hatte kein Verst&auml;ndnis f&uuml;r diese in ihren Augen &uuml;bergr&uuml;ndliche und penible Vorgehensweise, schlie&szlig;lich wollte man vor den Russen im Weltall sein. So bekam der Start auch nicht die n&auml;chste Nummer sondern die Bezeichnung MR-BD &#8211; BD stand f&uuml;r &#8222;Booster Developmentt&#8220;. Robert Gillruth w&auml;hlte diese Bezeichnung er war gegen eine neue Nummer, er wollte damit zeigen, dass er den Flug f&uuml;r &uuml;berfl&uuml;ssig hielt. Er war reibungslos. Die einzige &Auml;nderung bei den folgenden bemannten Eins&auml;tzen war, dass nachdem man die Redstone verl&auml;ngert hatte starke Vibrationen auftraten. Man brachte im Adapter 154 kg Blei unter um diese zu reduzieren. Die h&ouml;here Performance erlaubte dieses Mehrgewicht. Nach MR-3 kamen weitere 46 kg Blei hinzu um die Vibrationen noch weiter zu reduzieren, nachdem Shepard &uuml;ber deutliche Vibrationen berichtet hatte.<\/p>\n<p>Die beiden bemannten Fl&uuml;ge, MR-3 und MR-4 verliefen dann auch reibungslos. Die Debatte um die Positionen &#8222;negative und positive Redundanz&#8220; gibt es aber bis heute. Ein recht junges Beispiel ist die Firma SpaceX. Deren erste Philosophie war die der negativen Redundanz. Allerdings setzte diese Firma auf negative Redundanz nicht wegen der Zuverl&auml;ssigkeit, sondern um Kosten zu sparen. Fehler bei den ersten drei Testfl&uuml;gen der Falcon 1 zeigten, dass diese Philosophie falsch war. Flug 2 scheiterte weil man es nicht f&uuml;r n&ouml;tig hielt Prallbleche in die Treibstofftanks einzubauen. Flug 3, weil man darauf vertraute, dass es ausreichte durch Federn die Stufen zu trennen, anstatt dazu Raketen zu benutzen die die Stufen auf Distanz bringen. So kollidierten erste und zweite Stufe. Inzwischen versucht es die Firma mit positiver Redundanz, so soll die Falcon 9 die <a href=\"http:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/engine-out-capability.shtml\">Engine-out capability<\/a> besitzen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als sie Space Task Group (STG) gegr&uuml;ndet wurde, um das Mercury Programm zu imitieren war auch klar, dass man eine Tr&auml;gerrakete brauchte. 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