{"id":7041,"date":"2012-09-13T00:02:28","date_gmt":"2012-09-12T22:02:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/?p=7041"},"modified":"2012-09-11T13:12:14","modified_gmt":"2012-09-11T11:12:14","slug":"navigation-von-raumsonden-teil-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2012\/09\/13\/navigation-von-raumsonden-teil-2\/","title":{"rendered":"Navigation von Raumsonden &#8211; Teil 2"},"content":{"rendered":"<p>So, die Idee f&uuml;r den heutigen Blog habe ich von einem Kommentar den es letzte Woche gab, wo sich der\u00a0Autor\u00a0&uuml;ber die\u00a0Genauigkeit\u00a0der Navigation erstaunt &auml;u&szlig;erte. Das hat mich zu einem zweiteilligen Artikel &uuml;ber die Navigation von Raumsonden inspiriert. Der erste Teil kam schon\u00a0<a href=\"http:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/blog\/2012\/09\/12\/navigation-von-raumsonden-teil-1\/\">gestern\u00a0<\/a>raus.<\/p>\n<p>Alleine durch die Vermessung des Funksignals kann man also feststellen, wo sich die Raumsonde befindet. Innerhalb der sechziger Jahre machte die Technik enorme Fortschritte. Lag die Unsicherheit der Raumsondenposition bei einem Mars oder Venusvorbeiflug 1960 noch bei rund &uuml;ber 10.000 km, so war es ein Jahrzehnt sp&auml;ter rund 1000 km. Dadurch sank die Vorbeiflugdistanz auch ab. Bei <a href=\"\/mariner12.shtml\">Mariner 2<\/a> waren es noch 35.000 km und bei <a href=\"\/mariner67.shtml\">Mariner 6+7<\/a> nur noch 3.500 km. Da man nicht riskieren will, dass die Raumsonde auf den Planet aufschl&auml;gt, musste man einen Sicherheitsabstand der mindestens so hoch, wie die Unsicherheit in der Position war, einhalten. Weitere Verbesserungen waren abzusehen, was erst das flapsig als \u001eplanetarisches Billard\u001c bezeichnete Swing-By erm&ouml;glichte.<!--more--><br \/>\n<img decoding=\"async\" class=\"alignleft\" src=\"\/img\/genauigkeit-position.png\" alt=\"Beschreibung\" align=\"left\" \/><br \/>\nDenn dies ist der Schl&uuml;ssel f&uuml;r den Erfolg. Man kann nach dem Start die Position bestimmen und durch einige Messungen von Position und Geschwindigkeit, die genaue Umlaufbahn. Dadurch ist berechenbar, wo die Raumsonde den Planet passiert und man kann ermitteln, wie man den Kurs korrigieren muss, um den Zielpunkt f&uuml;r den Flug zum n&auml;chsten Planet zu treffen. Der erste Einsatz war bei <a href=\"\/mariner10.shtml\">Mariner 10<\/a>. Bei Mariner 10 bewirkte eine Abweichung der Bahn um 3 km vom errechneten Zielpunkt bei der Venus, dass die Sonde 1 m\/s an Geschwindigkeit selbst nachkorrigieren musste. Gleichzeitig bedeutete dies eine Abweichung von 30.000 km bei Merkur. Vor dem Venusvorbeiflug hatte die Sonde noch f&uuml;r eine Geschwindigkeits&auml;nderung &uuml;ber 100 m\/s Treibstoff. Die Sonde verfehlte den idealen Punkt um 20 km. Diese Leistung nach 215 Millionen km Flugstrecke verglich das JPL mit den Missionskosten: W&auml;re diese genauso pr&auml;zise eingehalten worden, so w&auml;re das Budget bis auf 10 Dollar genau eingehalten worden. Heute kann man durch Bahnvermessung und kleinere Korrekturen eine noch h&ouml;here Genauigkeit erreichen. Beim zweiten\u00a0<a href=\"http:\/\/www.bernd-leitenberger.de\/galileo.shtml\">Galileo<\/a>\u00a0Vorbeiflug an der Erde lag die Abweichung bei unter 1 km.<\/p>\n<p>Beide Ma&szlig;nahmen zusammen machen den Erfolg des planetaren Billards aus. Ohne pr&auml;zise Ortskenntnis kann man den Kurs nicht korrigieren und ohne diese M&ouml;glichkeit ist die Abweichung auch bei der heute h&ouml;heren Genauigkeit beim Einschuss in die initiale Flugbahn nicht ausreichend genug. Als Beispiel f&uuml;r das erste sollen die Kurskorrekturen von Curiosity dienen, auch hier ein Auszug aus obigem Buch:<\/p>\n<p>Bei Curiosity bef&ouml;rderte die Atlas die Raumsonde so genau in die geplante Umlaufbahn, dass das erste Kurskorrekturman&ouml;ver verschoben werden konnte. <a href=\"\/msl-curiosity.shtml\">Curiosity<\/a> sollte eine Bahn erreichen, die den Mars um 56.400 km verfehlt, damit die Centaur nicht auf der Marsoberfl&auml;che aufschl&auml;gt. Der reale Kurs f&uuml;hrte das Gespann auf 61.200 km an den Mars heran. Die Centaur wird diesen Kurs auch weiterhin behalten und in dieser Entfernung den Mars passieren. Erst am 12.01.2012 fand die Kurskorrektur statt. Sie gestaltete sich wegen der Rotation der Sonde mit 2 U\/min sehr komplex. So wurden die Triebwerke nur 5 Sekunden lang gez&uuml;ndet, weil sie danach durch die Rotation in die falsche Richtung zeigen. 200 kleine Schubimpulse mit 19 Minuten Gesamtzeit wurden &uuml;ber drei Stunden abgegeben. Dabei wurde zuerst die Raumsonde in ihre Flugrichtung beschleunigt. Danach z&uuml;ndeten die Triebwerke auf der Seite, um die Raumsonde quer zum Flugpfad zu verschieben.<\/p>\n<p>Curiosity wird nun 14 Stunden fr&uuml;her den Mars erreichen und 40.000 km n&auml;her an den Mars herankommen. Dies war das Korrekturman&ouml;ver mit der gr&ouml;&szlig;ten Geschwindigkeits&auml;nderung. Sie betrug 7,5 m\/s.<\/p>\n<p>Am 26.3.2012 fand TCM-2 statt. Hier waren nur noch 60 Impulse in einem Abstand von 10\u00a0s n&ouml;tig. TCM-2 verschob den Flugpfad um weitere 5000 km und verk&uuml;rzte die Ankunftszeit um 20 Minuten. TCM-2 beschleunigte die Sonde um 1 m\/s. Nun erreicht MSL in jedem Falle den Mars, allerdings noch nicht das geplante Landegebiet.<\/p>\n<p>TCM-3 fand am 27.6.2012 statt. Es gab es nur noch 4 Z&uuml;ndungen mit insgesamt 40 s Gesamtdauer. Der Eintrittspunkt wurde um 200 km in Richtung Gal-Krater verschoben und die Ankunft verk&uuml;rzte sich um 70 Sekunden. Die Raumsonde wurde bei diesem Man&ouml;ver nur noch 0,05 m\/s schneller. Die restlichen TCM werden den Kurs nur noch marginal ver&auml;ndern, oder k&ouml;nnen ganz entfallen. Nach TCM-3 wurde erwogen, die Landeellipse um weitere 7 km zu den Bergen hin zu verschieben.<\/p>\n<p>Am 29.7.2012 fand dann TCM-4 statt. Der Landepunkt hatte sich nach Vermessungen der Bahn um etwa 21 km vom Zielpunkt verschoben und man fand die Abweichung zu gro&szlig; und verschob mit diesem kurzen Man&ouml;ver den Zielpunkt um diese 21 km. Dazu mussten die Triebwerke nur 7 s lang gez&uuml;ndet werden, was die Geschwindigkeit nur um 0,01 m\/s ver&auml;nderte. Es war das letzte geplante TCM. Nur wenn eine gravierende Abweichung festgestellt wird, w&uuml;rde man in den letzten 48 s den Kurs nochmals &auml;ndern. Doch dem war nicht so und so wurde am 3.8 das letzte, optionale, TCM abgesagt.<\/p>\n<table>\n<thead>\n<tr>\n<th>Man&ouml;ver<\/th>\n<th>Datum<\/th>\n<th>Geschwindigkeits&auml;nderung<\/th>\n<th>Kurs&auml;nderung<\/th>\n<\/tr>\n<\/thead>\n<tbody>\n<tr>\n<td>TCM-1<\/td>\n<td>12.1.2012<\/td>\n<td>7,5 m\/s<\/td>\n<td>40.000 km<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>TCM-2<\/td>\n<td>26.3.2012<\/td>\n<td>1 m\/s<\/td>\n<td>5.000 km<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>TCM-3<\/td>\n<td>27.6.2012<\/td>\n<td>0,05 m\/s<\/td>\n<td>200 km<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>TCM-4<\/td>\n<td>29.7.2012<\/td>\n<td>0,01 m\/s<\/td>\n<td>21 km<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>Sehr deutlich wird, dass die Kurskorrekturen immer kleiner werden und die entsprechende Kurs&auml;nderung auch. Bei Curiosity war ein Missionsziel eine Punktlandung in einer Ellipse von 20 x 10 km. Schlussendlich landete die Raumsonde auch nur 2,2 km vom Zielpunkt entfernt. Dies war genauer als bei jeder Mission zuvor.<\/p>\n<p>Als zweites Beispiel soll die Mission on <a href=\"\/new-horizons3.shtml\">New Horizons<\/a> dienen. Ohne Korrekturen w&auml;re diese nicht m&ouml;glich. Auch hier gelangte die letzte Stufe, hier ein Star-48B Feststoffantrieb auf dieselbe Bahn wie die Sonde. Diese wurde nach dem Start bei der ersten Kurskorrektur um 18 m\/s beschleunigt, dies bewirkte eine Abweichung von 400.000 km bei Jupiter. Bei Pluto sind dies dann schon 200 Millionen km.<\/p>\n<p>W&auml;hrend New Horizons, Voyager 1+2 und Mariner 10 nur Swing-By Man&ouml;ver durchf&uuml;hrten, sind heute eher komplexere Man&ouml;ver &uuml;blich. Galileo, Cassini, Messenger und Rosetta m&uuml;ssen mehrere Vorbeifl&uuml;ge an Venus, Erde und Merkur durchf&uuml;hren, um ihre Ziele zu erreichen. Das die Planeten genau so stehen, dass dies ohne gr&ouml;&szlig;ere Korrekturen m&ouml;glich ist, ist nur der selten oder nie der Fall. Daher haben sie gro&szlig;e Treibstoffvorr&auml;te an Bord, um Mitkurskorrekturen durchzuf&uuml;hren, das hei&szlig;t die Bahn so zu verschieben, dass man den Zielkorridor erreicht, auch wenn ohne diese Korrekturen man den Planet nur in einigen Millionen km Entfernung passieren w&uuml;rde. Bei Galileo wurden daf&uuml;r 321 kg Treibstoff verbraucht, fast genauso viel, wie ben&ouml;tigt wurde, um in den Orbit einzuschwenken (338 kg).<\/p>\n<p>In der Summe ist der Vergleich mit dem Golfabschlag falsch. Nicht nur, weil anders als bei Golf, alle einwirkenden Kr&auml;fte berechenbar sind, w&auml;hrend Wind, Luftwiderstand und andere Einfl&uuml;sse beim Golfball nicht vollst&auml;ndig simulierbar sind. Vor allem aber w&auml;re die Pr&auml;zision ohne Kurskorrekturen nicht m&ouml;glich. Bei New Horizons sind es 400.000 km Abweichung ohne Korrekturen &uuml;ber eine Strecke von rund 630 Millionen km. &Uuml;bertragen auf eine 300-m-Strecke beim Golf w&uuml;rde man ohne die Korrekturen auch das Loch nicht genau treffen, sondern 20 cm daneben landen. Ich denke, wenn man Golf im Vakuum spielen w&uuml;rde, ein Roboter den Schlag genau dosieren w&uuml;rde, dann w&auml;re dies auch bei Golf m&ouml;glich, denn das ist der Unterschied. Eine Raketenstufe kann heute die Zielgeschwindigkeit auf wenige Meter pro Sekunde erreichen und auch den Zielkurs mit hoher Pr&auml;zision. Doch dies alleine reicht eben nicht aus, reduziert aber den f&uuml;r Kurskorrekturen ben&ouml;tigten Treibstoffvorrat.<\/p>\n<p>Die Navigation ist heute so genau, das bei Vorbeifl&uuml;gen an Kometen und Planetoiden oder kleineren Monden ein anderes Problem die Genauigkeit limitiert: Die Kenntnis der genauen Position. Diese wird dann beim Anflug von der Raumsonde selbst festgestellt indem sie schon Wochen vorher aufnahmen macht, die Aufnahmen und erdgebundene Aufnahmen sofern m&ouml;glich vermessen werden und dann kur vor dem Vorbeiflug noch letzte Kurskorrekturen durchgef&uuml;hrt wurden. Erstmals wurde diese Technik bei der Mission von <a href=\"\/giotto-mission.shtml\">Giotto<\/a> eingesetzt. Hier assistierten die sowjetischen <a href=\"\/vega-sonden.shtml\">VeGa<\/a> Sonden die Halley vorher passierten. Ohne diese Hilfe w&auml;re die Bahn nur auf 100 x 370 km genau bekannt und die Position des Kerns, durch die ihn umgebende Staub und Gaswolke sogar nur auf 1.000 km. Bei einer Passage in maximal 500 km Entfernung ist diese Unsicherheit nat&uuml;rlich nicht akzeptabel. Vor allem f&uuml;r die Kamera musste man wissen wohin man schauen musste. Vega 1+2 passierten den Kometen vier bzw. sieben Tage vor Giotto und machten Aufnahmen des Kerns. Die Auswertung reduzierte den Fehler in der Position auf 150 km nach dem Vorbeiflug von Vega 1 und 80 km nach dem Vorbeiflug von Vega 2. Das war ausreichend genau f&uuml;r die Planung der Mission. Auch hier gab erm&ouml;glichten zus&auml;tzliche Empfangsantennen der NASA eine VLBI Messung. Damit waren die Positionen von Vega 1+2 auf 30-50 km genau bekannt und die Genauigkeit der Positionsbestimmung konnte gesteigert werden. Ohne diese Sch&uuml;tzenhilfe, w&auml;ren nur 200 km Abweichung m&ouml;glich gewesen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>So, die Idee f&uuml;r den heutigen Blog habe ich von einem Kommentar den es letzte Woche gab, wo sich der\u00a0Autor\u00a0&uuml;ber die\u00a0Genauigkeit\u00a0der Navigation erstaunt &auml;u&szlig;erte. Das hat mich zu einem zweiteilligen Artikel &uuml;ber die Navigation von Raumsonden inspiriert. Der erste Teil kam schon\u00a0gestern\u00a0raus. 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